„In der Bildung braucht es Zeit und Schnauf“

Seit dem vergangenen Jahr tritt die Schweizerische Bauschule Aarau AG als private Schule im Bildungsmarkt auf. Warum in der Traditionsschule alles beim Alten bleibt – und trotzdem alles immer wieder neu gedacht wird, erklärt Erina Guzzi, die Vorsitzende der Geschäftsleitung. Text und Fotos: Beat Matter

«die baustellen»: Privatisierung, Pandemie, 125-Jahr-Jubiläum, Umbau: Frau Guzzi, Sie und die Bauschule Aarau haben lebhafte Monate hinter sich. Wie geht es Ihnen?

Erina Guzzi: Ich habe mich sehr gefreut, nach dieser doch forderungsreichen Zeit in den Sommerferien etwas zurücklehnen zu können. Und doch kann ich sagen: Trotz der zahlreichen tiefgreifenden Aktivitäten, zu denen seit dem vergangenen Jahr noch die Hektik im Zusammenhang mit der Pandemie hinzukam, geht es uns sehr gut. Das liegt daran, dass mit Ausnahme der Pandemie alle Entwicklungsschritte von langer Hand sorgfältig geplant waren.

Nachdem die Schweizerische Bauschule Aarau AG bereits im Juni 2019 gegründet worden war, erfolgten die Übergabe vom Kanton Aargau und der operative Start als privates Unternehmen per 1. Mai 2020. Der Schritt fiel also praktisch mit der ersten Pandemie-Welle zusammen. Wie erlebten Sie das?

Als die Pandemie in die Schweiz schwappte und im März erstmals restriktive Massnahmen ergriffen wurden, traf uns das just vor den Abschlussprüfungen. Wir waren aufgrund unseres Rhythmus’ eine der ersten Schulen, die unter diesen Umständen Schlussprüfungen durchführen musste. Die Unsicherheiten waren gross und entsprechend hat es «wirklich gräblet». Wir profitierten in dieser Phase davon, dass wir just noch dem Kanton angegliedert waren und deshalb kommunikative und weitere Aufgaben von den Behörden abgefedert wurden. So gelang es uns, trotz aller Wirren die Abschlussprüfungen vor Ort so durchzuführen, dass sie für unsere Studierenden keinerlei Relativierungen im Schlusszeugnis nach sich zogen. Nach dem Abschluss dauerte es Corona-bedingt bis im Juni, bis wir – bereits ein bisschen Pandemie-erfahrener – ins neue Schuljahr starten konnten.

Wenn wir die Pandemie einmal ausklammern: Was hat sich seit dem operativen Start der Schweizerischen Bauschule Aarau AG (SBA AG) an der Schule und im Schulbetrieb spürbar verändert?

Eigentlich nichts. Und das bewusst. Während des ganzen Privatisierungsprozesses war es unser oberstes Kredo, dass die Studierenden praktisch nichts von dem Schritt merken sollen – mit Ausnahme der unvermeidbaren Tatsache, dass auf der Rechnung für die Semestergebühren neu die Bauschule Aarau AG als Rechnungssteller auftritt. Ich denke, das ist uns gelungen.

Der Privatisierung ging eine mehrjährige Diskussions- und Planungsphase voran. Waren Sie als damalige Direktorin und heutige Vorsitzende der Geschäftsleitung aktiv in diesen Prozess involviert?

Ja, intensiv und eng. Als der Regierungsrat des Kantons Aargau 2016 den Grundsatzentscheid fällte, die Bauschule nicht mehr wie bis anhin weiterführen zu wollen, gab er damit dem zuständigen Departement den Auftrag, unter Einbezug aller Anspruchsgruppen Szenarien für die Zukunft auszuarbeiten. Damit sassen auch wir von der Schule von Anfang an mit am Tisch. Auf diesem Tisch lagen zunächst drei Varianten: 1. Die Weiterführung der Schule unter dem Dach des Kantons, allerdings in kostendeckender Art und Weise. 2. Die Privatisierung der Schule. 3. Deren Schliessung.

Was hat es bei Ihnen ausgelöst, dass die Option der Schliessung diskutiert wurde?

Es war kein wirklicher Schock, weil es keine echte Option darstellte. Das hatte sich schon in den 1990er-Jahren gezeigt, als der Kanton erstmals die Frage der Privatisierung oder der Schliessung aufwarf, es ihm aber primär darum ging, Kosten zu senken. Damals wurde das durch die Auslagerung der Polierschule sowie die Erhöhung der Semestergebühren realisiert. Als die Frage ab 2016 neu aufgeworfen wurde, war allen Beteiligten klar, dass eine Schliessung nicht das Ziel ist – sondern wiederum Geld gespart werden soll. Die Branchenverbände, die heute in der Trägerstiftung der Bauschule Aarau AG einsitzen, hielten umgehend fest, dass es keine akzeptable Variante sei, eine Schule mit 125-jähriger Tradition und einem derart breiten und gefragten Angebot zu schliessen.

So blieben nur noch zwei Optionen übrig: Die Schule verschlanken, damit sie weiter beim Kanton bleiben kann. Oder die Privatisierung.

Es zeigte sich rasch, dass nur die Option der Privatisierung realistisch ist. Denn mit dem starren Korsett von Vorgaben eines Kantons, wie es sich etwa im Lohnmodell niederschlägt, ist es schlichtweg ausgeschlossen, eine Schule kostendeckend zu führen. Zumindest dann, wenn man nicht bereit ist, die Studiengebühren drastisch zu erhöhen.

Wie ging es weiter?

Als feststand, dass es in Richtung Privatisierung geht, wurde vonseiten des Kantons eine breit abgestützte Arbeitsgruppe eingesetzt, die diesen Prozess aufgleisen und begleiten sollte. In der Schulleitung machten wir uns daran, einen Businessplan und eine zukunftsfähige Struktur mit Geschäftsführung, Verwaltungsrat und Trägerstiftung auszuarbeiten. Ich empfand es in dieser Phase als Erleichterung, auf ein konkretes Ziel hinzudenken und hinzuarbeiten. Obwohl der definitive politische Entscheid noch ausstand, wurde der Prozess positiver, spannender und konstruktiver, als die Entwicklungsrichtung feststand.

Welche administrativen Änderungen hat die Privatisierung mit sich gebracht?

Als nunmehr eigenständige Aktiengesellschaft führen wir verschiedene administrative Tätigkeiten aus, die uns früher der Kanton abgenommen hat. Buchhaltung mitsamt Lohnbuchhaltung beispielsweise. Oder auch das Personalwesen. Es war nicht ohne, diese Tätigkeiten in die bestehende Schulleitung zu integrieren und so zu koordinieren, dass alles sauber und nahtlos abgedeckt ist. Glücklicherweise konnten wir auch hier auf externe Unterstützung zählen.

Diese zusätzlichen Tätigkeiten müssen nicht nur geleistet, sondern auch finanziert werden. Stellen sich nun doch Kostenfolgen für die Studierenden und deren Wohnkantone ein?

Nein. Es entsprach einem weiteren Kredo, dass nebst dem Schulalltag auch die Kosten für die Studierenden unverändert bleiben. Gelungen ist uns das im Wesentlichen, indem wir in der Entlöhnung unserer Dozierenden einen Modus-Wechsel vollzogen haben. Das neue Modell ermöglicht uns eine Kosteneffizienz, wie sie unter kantonaler Führung nicht möglich war.

Die privatisierte Schule ist jetzt seit knapp eineinhalb Jahren aktiv. Wie funktioniert die Zusammenarbeit in den neuen Strukturen?

Wir sind unter aussergewöhnlichen Corona-Umständen in die neue Ära gestartet, dennoch kann ich sagen, dass wir innerhalb der Geschäftsleitung sowie auch mit unserem neuen Verwaltungs- und Stiftungsräten durchwegs positiv zusammenarbeiten. Es war spürbar, dass sich alle Beteiligten in ihren neuen Rollen neu kennenlernen und neu finden mussten. In zahlreichen Sitzungen und Gesprächen, die wir im Startjahr als private Schule abhielten, boten sich dafür aber viele Gelegenheiten.

Im Stiftungsrat sind die kantonalen und/oder regionalen Sektionen der relevanten Verbände wie SBV oder auch Holzbau Schweiz vertreten. Gab es vonseiten der Verbände die Erwartung, mit dem Privatisierungsschritt nennenswerte Veränderungen in Schulbetrieb oder Ausbildungsgestaltung vorzunehmen?

Die Privatisierung hat den Anstoss zu zwei Dingen gegeben: Erstens stiessen wir die Gründung eines Trägervereins Bauplaner SIA an. In den Gesprächen über die Aufstellung der privatisierten Schule wurde spürbar, dass die Planer im Vergleich zu den Baumeistern und den Holzbauern zu wenig vertreten waren. Mit der Gründung des Trägervereins Bauplaner ist es – auch auf Wunsch der Baumeister und Holzbauer – gelungen, die einzelnen Planerverbände zusammenzuführen und dadurch aktiver einzubinden.

Und der zweite Anstoss?

Mit der Privatisierung tat sich die Gelegenheit auf, die Polierschule nach über 20 Jahren wieder in die Bauschule Aarau einzugliedern. Physisch war sie nie weg. Aber nun ist auch organisatorisch wieder zusammengekommen, was optimal zusammenpasst. Es war ein Anliegen des Baumeisterverbands Aargau, mit der Privatisierung auch die Wiedereingliederung der Polierschule anzustreben. Nebst diesen beiden Entwicklungsschritten gibt es Stand heute keine Neuigkeiten oder Änderungen. Natürlich laufen aber die Gespräche, wo und in welcher Art wir die neuen Entwicklungsmöglichkeiten als private Schule weiter nutzen könnten.

Genau das war ein oft hervorgehobenes Argument für die Privatisierung: Dass man sich als private Schule im Markt freier bewegen und das Angebot flexibler anpassen könne. Warum ist das wichtig für die Schule?

Man darf diese Flexibilität nicht falsch verstehen: Im Bildungsbereich funktioniert es nicht, heute eine Idee zu haben und sich morgen an die Umsetzung zu machen. In der Bildung braucht es Zeit und Schnauf, um Neues seriös anzugehen und umzusetzen, weil immer ein relativ grosser Kreis von Anspruchsgruppen betroffen ist. Organisatorische Änderungen, Justierungen bei den Lerninhalten oder auch die Integration neuer Unterrichtsteile können wir künftig aber sicher einfacher vornehmen.

Wenn wir von Anpassungen bei den Lerninhalten sprechen. Kommen Anregungen dazu in der Regel vonseiten der Trägerverbände? Oder stärker von den Unternehmungen im Markt?

Anregungen dazu kommen stark von Privaten. Einerseits von Zulieferern, die ihre Lösungen gerne im Unterricht präsent sähen. Andererseits führen wir auch so genannte Rückmeldegespräche mit Unternehmungen, bei denen unsere Studierenden Praktika absolviert haben. Es ist immer hochinteressant, in diesen direkten Gesprächen zu erfahren, wie die Kompetenzen und Praxiseignungen unserer Studierenden in den Unternehmungen eingeschätzt werden. Parallel dazu geben uns auch die Studierenden selbst Auskunft dazu, welche Lerninhalte sie in den Praktika direkt anwenden konnten und wo sie allenfalls Lücken bemerkt haben. Diesen Rückmeldungen sind sehr wertvoll für uns, weil sie uns dabei helfen, einen regelmässigen Praxisabgleich unserer Lerninhalte vorzunehmen. Als zusätzlicher Faktor kommen unsere Dozierenden hinzu, die nebst ihrer Unterrichtstätigkeit selbst in der Branche tätig sind und somit den Praxisabgleich mit eigenen Augen machen können.

Sprechen wir über die Qualität der Ausbildung bzw. über die Qualität des Baukader-Nachwuchses. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Stimmen, die beklagten, die Qualität des Kadernachwuchses sinke als Folge des Mangels an Polieren und insbesondere an Bauführern. Wie beurteilen Sie das?

Ich kenne diesen Befund, aber ich teile ihn nicht. Ich bezweifle, dass die Qualität der Baukader, die wir ausbilden, insgesamt abnimmt. Die Bedingungen wurden nicht gelockert. In unserem Fall müssen Interessierte, die weder die Berufsmaturität besitzen noch die Polierschule abgeschlossen haben einen Vorbereitungskurs und eine Prüfung ablegen, um zur Bauführer-Ausbildung zugelassen zu werden. Und auch in den Lehrgängen selbst sehe ich keine Anhaltspunkte dafür, dass die Qualität sinken würde. Im Gegenteil: Sie werden bei uns auf laufend steigende Anforderungen und Erwartungen in der Praxis vorbereitet.

Die Klage ist also unbegründet?

Aus meiner Perspektive ja. Was man festhalten muss: Wenn die Studierenden bei uns in die Bauführer-Ausbildung starten, haben sie tendenziell Mängel in Deutsch und Mathematik. Nicht alle: Wer erst vor ein paar Jahren die Berufsmatura oder die Polierschule abgeschlossen hat, dürfte in diesen Bereichen noch recht fit sein. Bei anderen, deren letzte Schulzeit schon ein paar Jahre her ist, hapert es. Aber: Das war früher auch schon so. Damals wie heute müssen wir diese Mängel zu Beginn der Lehrgänge möglichst effizient beheben, sodass die Studierenden eine solide Basis für den neuen Stoff haben. Wer drei Jahre später die Ausbildung bei uns erfolgreich abschliesst, ist aber geeignet und optimal vorbereitet, um die Aufgaben als Bauführer oder Bauführerin in der Praxis zu übernehmen.

An anderen Bauschulen ist der Abschluss der Polierausbildung Voraussetzung für die Aufnahme in die Bauführer-Ausbildung. In Aarau ist das nicht der Fall. Zeit, um das zu überdenken?

Nein und ja. Nein, weil es nie Thema war bei uns, dass dies zu Problemen geführt hätte. Ja, weil die Umstellung zum SBV Masterplan 2030 bevorsteht. Dieser sieht vor, dass die Ausbildung zum Bauführer beispielsweise an der Bauschule Aarau neu Vorbereitung ist für die Höhere Fachprüfung (HFP), die inskünftig auf eidgenössischer Ebene durchgeführt wird. Das System wird also jenem der Polierausbildung angeglichen. Mit diesem Schritt werden wir selbstverständlich von neuem analysieren, was es braucht, um die eidgenössische Prüfung erfolgreich zu bestehen.

Die Bauschule Aarau hat im vergangenen Sommer einen Rekord-Zulauf an neuen Studierenden verzeichnet…

…und dieses Jahr sind nochmals mehr neue Studierende in ihre Ausbildung gestartet. Bei den Bauführern Hoch-/Tiefbau sowie im Lehrgang Bauplanung/Architektur/Innenarchitektur gab es einen leichten Zuwachs, bei den Bauführern Holzbau nochmals eine wesentliche Steigerung. Über alle Studiengänge hinweg sind wir dieses Jahr mit 160 neuen Studierenden ins erste Semester gestartet. Letztes Jahr waren es 140, davor im Schnitt jeweils rund 130.

Wie ist dieser Zulauf zu erklären?

Diese Frage wird mir oft gestellt, natürlich auch hinsichtlich Corona. Ich sehe die Pandemie aber nicht als Auslöser für den Zulauf, denn sie hat den Bau nach ein paar Wochen Unsicherheit nicht mehr spürbar behindert. Die Auftragslage dürfte in den meisten Unternehmungen ordentlich sein. Ich sehe den Zulauf deshalb vielmehr als Ergebnis unserer qualitativ hochstehenden Ausbildung sowie der guten Atmosphäre an unserer Schule.

Haben Sie Kapazität für noch mehr Studierende?

Die verfügbaren Räume und die beschränkten Raumgrössen sind der limitierende Faktor. In zweiter Linie wären es die verfügbaren Dozierenden, um zusätzliche Klassen zu unterrichten. Den aktuellen Zulauf konnten wir in die vorhandenen Räume und Klassenzüge aufteilen. Aber wir können nicht x-beliebig zusätzliche Klassen führen.

Auch an der Bauschule Aarau hat man gezwungenermassen Erfahrungen mit Fernunterricht gemacht. Könnten kombinierte Modelle von Präsenz- und Fernunterricht die Kapazitätsfrage entschärfen?

Das sehe ich nicht. Erstens müssten, um zusätzliche Klassen hybrid zu unterrichten, auch zusätzliche Dozenten anstellen. Zudem hat sich im Pandemie-bedingten Fernunterricht deutlich gezeigt, dass unsere Art des Unterrichtens nicht so leicht ins virtuelle Klassenzimmer transportiert werden kann. Unsere Dozierenden halten keine Vorlesungen, sondern gestalten einen aktiven, lebhaften Unterricht mit verschiedensten Facetten. Es ist deshalb kein Thema für uns, den hybriden Unterricht dauerhaft zu etablieren. Dennoch wollen wir die kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten, die im Fernunterricht gefragt sind, weiterhin fördern.

Sie leiten die Bauschule Aarau seit 15 Jahren. Hätten Sie bei Ihrem Antritt damals gedacht, dass es ein so langes Engagement wird?

Nein, wirklich nicht. Zumal man als Neuling ja hätte das Gefühl haben können, die Arbeit an einer Schule, die Jahr für Jahr wieder von vorne beginnt, sei allzu repetitiv und rasch langweilig. Aber das ist sie definitiv nicht. Ich kann mich an kein Jahr erinnern, das nicht von grösseren oder kleineren Umstellungen oder neuen Projekten geprägt gewesen wäre, mit denen sich immer wieder Dinge verändert haben. Darin zeigt sich auch die Art, wie wir hier an der Bauschule Aarau arbeiten. Wir sind ein Team, die nicht einfach Copy/Paste macht, sondern die immer wieder alles frisch betrachtet, hinterfragt und weiterentwickelt.

Und wenn Sie in die Zukunft blicken?

(lacht) Als ich mich als 38-Jährige für diese Stelle bewarb, musste ich vor einem Findungsgremium die klassische Bewerbungsfrage beantworten, wo ich mich in zehn Jahren sehe. Ich antwortete damals, dass ich mir problemlos vorstellen könne, in fünf Jahren noch auf der Position tätig zu sein. Aber in zehn Jahren? Ich meine: Wer kann schon mit gutem Gewissen eine solche Prognose machen? Was ich weiss: Ich bin jetzt seit 15 Jahren hier und es fühlt sich an, als hätte ich gerade erst begonnen.

Beat Matter