Quereinstieg

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Lilitt Bollinger verbindet Handwerk und Architektur in vielfältiger Weise. Zwei Umbauprojekte hat sie mittlerweile abgeschlossen. Das letzte wurde bei Wettbewerben ausgezeichnet. Ein Besuch. („Quer“ Nr.05/2017)

Nach dem Klingeln streckt Lilitt Bollinger weit oben den Kopf zum Fester raus. «Sie müssen zwei lange Treppen hoch!», ruft sie und öffnet per Knopfdruck die schwere Metalltür. Das Haus in einer ruhigen Seitenstrasse im Basler Klybeck hat Daniel Buchner von Buchner Bründler Architekten gebaut, Bollingers Lebenspartner.
Eine enge Treppe führt steil nach oben. Dann noch eine. Schliesslich steht man mitten im offenen, hellen Wohnbereich und spürt ein bisschen Puls im Hals. Bollinger steht in Zoccoli am Herd der offenen Küche und macht Kaffee. «Sie näme au eine, oder?», fragt sie fast rhetorisch.
Bollinger hat im vergangenen Jahr beim Foundation Award, dem Förderpreis für Schweizer Jungarchitekten, den zweiten Platz belegt. Mit 46 Jahren. Es ist eine erste Duftmarke in ihrer zweiten Karriere.
In den 1990er Jahren hat die ursprüngliche Designerin gemeinsam mit Geschäftspartnerin Cristine Strössler das Taschen-Label «Prognose» gegründet und damit über Basel hinaus für Aufsehen gesorgt. Noch heute, sagt Bollinger, werde sie ab und zu auf die Taschen angesprochen. Label und Produktion gibt es jedoch seit bald zehn Jahren nicht mehr.
Damals nahm Bollinger mit dem Start eines Architekturstudiums an der ETH Zürich Anlauf für ihr nächstes Kapitel. Architektur habe sie immer schon interessiert, sagt Bollinger. Bereits als Jugendliche habe ihr die Berufsberaterin geraten, Architektin zu werden, erinnert sie sich. Abgeschreckt durch einen «Spekulations-Architekten» in der Verwandtschaft ging es dann doch in Richtung Gestaltung.
Nach dem Architekturgrundstudium arbeitete Bollinger in mehreren Büros mit. 2013 machte sie sich mit ihrem ersten eigenen Projekt selbständig.
Mit dem Kaffee geht es eine weitere Treppe hoch zu Bollingers Büro. Hier stapeln sich Bücher, Mappen, Papier und Kartonmodelle. Aber auch Textilteile und Fellstücke liegen herum. «Wäre der Raum etwas grösser, dann würde ich einen Webstuhl reinstellen», sagt Bollinger. Man fragt sich:

«Quer»: Welche Berufsbezeichnung verwen…
Architektin! (lacht laut)

So klar?
Jetzt ja. Nach zwei abgeschlossenen Projekten finde ich, kann ich mich so nennen. Mir ist aber nicht wichtig, mich beruflich klar zu deklarieren. Ich war als Produktedesignerin und nebenher als Werk-Lehrerin tätig, und möchte auch weiterhin ganz unterschiedliche Dinge machen. Im Moment aber nimmt Architektur klar am meisten Zeit in Anspruch. Wobei auch hier Verschiedenes zusammen kommt.

Sie gliedern Ihre Website in die Bereiche: «architektur», «produkt» und «handwerk». Was trennt, was verbindet sie?
Eigentlich gehört für mich alles zusammen. Die Bereiche sind jedoch geprägt von unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen. Während man in der Architektur etwa im grossen Massstab Prototypen baut, die dann die nächsten 20, 30 oder 50 Jahre überdauern, feilt und tüftelt man bei Produkten sehr lange, bis man sie aus den Händen gibt. Dafür kann man einigermassen sicher sein, dass es funktioniert. Bei einem Haus weiss man das ja nie so recht.

Zur ihrem ersten eigenen Auftrag kam Bollinger 2013 über eine direkt Anfrage aus dem Bekanntenkreis. Ein Paar, schon länger auf der Suche nach einem Haus am See, fand ein bezahlbares halbes Holzhaus in Ebligen (Oberried) am Brienzersee mit Jahrgang 1890. Das Haus war in den 1980er Jahren unsachgemäss vom Vorbesitzer renoviert und ausgeschlachtet worden. Aus Budgetgründen beauftragten die neuen Hausbesitzer Bollinger mit einen Umbau nur dieser Wohnung, während der Rest des Hausteils vorderhand unangetastet blieb. Die vorhandene Substanz in der Wohnung war schlecht. Zur Seeseite hin gab es zwei baufällige Zimmerchen, gegen die Hangseite befanden sich eine winzige Küche und ein Badezimmer, in die kaum Licht eindrang.
Nach dem Umbau in Ebligen noch die Ausgangslage zu erkennen, führt die Fantasie an ihre Grenzen. Doch es gibt Erinnerungshilfen. In einer überraschenden Fusion haben Lilitt Bollinger und ihr Planungspartner Meik Rehrmann (alma maki gmbh) hangseitig Küche und Badezimmer zu einem grösseren Raum mit grossem Fenster zusammengeführt. Dennoch bleibt der Raum durch den Einsatz von rauem Sichtbeton und dunklem Holz betont dunkel – eine Anlehnung an die frühere Situation. Das Gegenteil seeseitig: Hier wurden die ursprünglich zwei Zimmer zusammengelegt, mittig abgestützt durch eine Holzkonstruktion, die zur Raumstrukturierung und als Regal zugleich dient. Die rohen Holzwände sowie Decke und Boden sind hier blendend weiss gestrichen. In zwei grossen quadratische Aussparungen inszenierte Bollinger alte vorgefundene Wandschichten – Bilder aus der 130 jährigen Geschichte des Hauses.

Was haben Sie gesehen, als Sie das Haus in Ebligen zum ersten Mal sahen?
Von aussen ein schönes Haus. Innen eine furchtbare Situation. Die Fassade des Hauses ist geschützt. Was innen geschah, hat niemanden gekümmert. Die kleine Wohnung fühlte sich bei der ersten Besichtigung an wie ein Keller.

Sehen Sie in so einer Situation sofort 1000 Möglichkeiten?
Überhaupt nicht. Ich brauche im Gegenteil viel Zeit, in der ich mich intensiv mit vorhandenen Situationen und Strukturen beschäftige, damit schliesslich neue Ansätze daraus hervorgehen. Die lange Beschäftigung empfinde ich aber nicht als mühsam, sondern als reizvolle Schwierigkeit, bei der ich plötzlich auf Ansätze stosse, wie man vorhandene Nachteile oder Mängel in Vorteile umwandeln kann.

In Ebligen die Küche?
Zum Beispiel, ja. Die kellerartige, sehr niedrige und hangaufwärts orientierte Küche war ein klares Problem. Nach langer Auseinandersetzung fragte ich mich irgendwann: Warum dieses dunkle Loch nicht dunkel neu interpretieren? Aber so, dass das Dunkle bewusst gestaltet ist und deshalb plötzlich interessant wird? Daraus ist die Idee für die realisierte Kombination von Küche und Bad hervorgegangen. Ein intimer Ort. Eine intime Höhle fast.

Die Besitzer des Hauses hatten keine klaren Vorstellungen, ausser dass sie die kleine Wohnung als Ferienwohnung nutzen wollten. Wie gehen Sie vor?
Basierend auf den mehr oder eben weniger klaren Vorstellungen der Bauherrschaft erstelle ich eine Studie, in der ich aufzeige, was ich mit einem Objekt machen würde. Und weshalb. In dieser Studie investiere ich sehr viel Zeit. Ich entwickle, verwerfe, feile an ihr, bis sie für mich richtig und stimmig ist. Gelingt mir das, kann mir die Bauherrschaft anhand der Studie recht gut sagen, ob und was ihr gefällt – und was eben nicht. In Ebligen entspricht der Umbau fast 1:1 diesem Konzept.

Speziell am Projekt war, dass Sie offenbar gewisse Ausführungsarbeiten selbst machten. Warum?
Grundsätzlich, weil mich das Handwerk sehr interessiert. Im konkreten Fall hat es sich aus der Konstellation heraus ergeben. Ich wollte mir für mein erstes Umbauprojekt einen erfahrenen Planungspartner an die Seite holen. Hierfür fragte ich Architekt Meik Rehrmann an, einen gelernten Schreiner, der kurz zuvor für Freunde ein Haus komplett selbst umbaute und sich mit seiner Partnerin auch gerade als Architekt selbständig gemacht hatte. Er willigte unter der Bedingung ein, dass er nicht nur mitbauen, sondern auch mitplanen kann. Ich akzeptierte unter der Bedingung, dass ich mitbauen kann, wenn er mitplant. So haben wir gemeinsam die Schreinerarbeiten übernommen.

Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Für uns beide war es eine Premiere, im professionellen Kontext so zu arbeiten. Und es hat sich für uns gezeigt, dass das nur bei sehr kleinen Projekten funktionieren kann. Man kann sich nicht zweiteilen. Und in der Zeit, in der man selbst baut, kann man nicht gross weiterplanen, weder am laufenden Projekt, noch an parallelen oder nächsten Projekten. Aber es war eine gute Erfahrung. Denn wenn man in diesem Massstab an sehr kleinen Bauten mit lokalen Handwerkern zusammenarbeitet, wird bauen sehr persönlich und direkt.

Sie haben nach dem Ebligen-Projekt in einem Beitrag geschrieben: «Denn letztlich entstehen die Ergebnisse, die uns interessieren, nur selten auf dem Weg standardisierter Bauprozesse.» Welche Ergebnisse?
Das ist schwierig zu erklären: Ich will genau in dem Moment, in dem ich etwas mache, genau das machen können, was an diesen Ort passt. Es geht um das Aufnehmen und Zulassen von intuitiven Erkenntnissen, die sich aus der Arbeit am Ort heraus ergeben. Das funktioniert nicht, wenn ich vordefinierten Planungs- und Bauprozessen folge. Dafür brauche ich schon einen gewissen leeren Planungsraum.

Auch beim zweiten Umbauprojekt, das Bollinger im Sommer 2016 fertigstellte, handelte es sich um ein altes Holzhaus mit Seesicht, diesmal in Obstalden (GL) über dem Walensee. Der ehemalige Stall wurde in den 1980er Jahre in ein Ferienhaus mit vielen Zimmerchen umgebaut. Nun sollte es zum festen Wohnhaus für eine vierköpfige Familie werden.
Während das Kellergeschoss weitgehend unangetastet blieb, baute Bollinger  im Obergeschoss zwei kleine Zimmer ein und kreierte das Erdgeschoss als offenen Raum mit einer hangseitigen Öffnung bis unters Dach, der nicht ganz mittig von einem runden Kern strukturiert wird. Im Kern ist das Badezimmer, eine Sitzecke sowie die Treppe ins Obergeschoss angelegt. Hangabwärts öffnete Bollinger die Wände des Holzständerbaus und setzte geschosshohe Fenster ein, vor denen alte Balken an früher und ein inszenierter Radiator an das knappe Budget erinnern. Materialseitig dominieren denn auch im ganzen Haus Seekiefer und grün gebeizte Fichte.

Wie sind Sie zum Obstalden-Auftrag gekommen?
Durch einen witzigen Zufall. Wir lernten die Leute, die dieses alte Haus von ihrer Grossmutter kaufen konnten, in den Ferien in Chile kennen. Es waren Schweizer Auswanderer, die wieder heimkehren wollten. Wir freundeten uns an und blieben in Kontakt. Nach Übernahme hatten die neuen Hausbesitzer zunächst nur vor, das Badezimmer zu renovieren. Schliesslich merkten sie, dass noch mehr zu tun ist. Als ich ihnen bei einer zufälligen Gelegenheit zeigte, woran ich zuvor in Ebligen gearbeitet hatte, reagierten sie völlig verblüfft. Sie hatten sich nie vorgestellt, dass man in dieser Art umbauen kann.

Wie waren bei diesem Projekt die Vorstellungen der Bauherrschaft?
Es gab rudimentäre Vorgaben: Etwa die Anzahl der Zimmer. Auch der Wunsch nach einem zusätzlichen Gästezimmer war zu Beginn sehr klar. Irgendwann strich es die Bauherrschaft selbst wieder von der Liste.

Wie kam es dazu?
Früh in der Planung zeigte sich: Man kann im Obergeschoss ein zusätzliches Gästezimmer einbauen. Es wäre aber besser, man würde nicht. Irgendwann begann die Bauherrschaft das selbst zu spüren – und strich das Zimmer. Zu Bauen ist auch für die Bauherrschaft ein intensiver und gefühlt oftmals unendlich langer Prozess. Im Verlaufe dieses Prozesses beschäftigt sie sich intensiv mit dem Thema Wohnen und gelangt oftmals zu anderen Vorstellungen, als sie es zu Beginn des Prozesses selbst geglaubt hätte.

Auffällig am Obstalden-Projekt ist der runde multifunktionale Kern. Wie sind Sie auf diese Lösung gestossen?
Das kann ich so nicht erklären, weil ich nicht so entwerfe. Intuition ist für mich ein wichtiger Faktor. Ich nehme auf, was vorhanden ist, lasse es wirken und beginne damit zu arbeiten. Es gibt keinen streng logischen Prozess, wie ich zu einer Lösung gelange.

Aber können Sie danach sagen, weshalb eine Lösung richtig ist?
Sehr gut sogar. Gestaltung ist für mich ebenso Ausdrucksform mit Regeln und Gesetzen, wie es etwa auch die Sprache ist. Damit ein Entwurf gut wird, muss er, wie ein guter Satz, gewisse Regeln erfüllen und eine innere Logik entwickeln. Wenn ich aufmerksam bin, spüre ich in diesem Prozess, wie sich Veränderungen auswirken und wann eine stimmige, «richtige» Form gefunden ist. Die fühlt sich dann so klar an, dass ich sie auch sprachlich benennen kann.

Fällt es Ihnen schwer, Abstriche von Ihren Vorstellungen zu machen?
Ehrlich gesagt: Ja. Gleichzeitig weiss ich, dass es nie nur eine richtige Lösung gibt. Lässt sich etwas nicht umsetzen, muss man eine andere Lösung entwickeln. Die kann auch besser sein. Ein begrenztes Budget, wie es bei beiden meiner Umbauten vorgegeben war, hat insofern auch Vorteile. Es zwingt, immer wieder nach anderen Lösungen zu suchen.

Derzeit läuft Bollingers drittes Projekt. Wieder ein Umbau, und doch ganz anders. In Nuglar (SO), baut sie gemeinsam mit einem Holzbauer eine grosse alte Lagerhalle bis auf das Sockelgeschoss zurück, um darauf sechs neue Wohneinheiten aufzubauen. Es ist erst in der Planungsphase.

Worin liegt für Sie der Reiz an Umbauten?
Ich finde sie spannend, weil sie mich mit Vorhandenem konfrontieren, das meistens nicht ideal ist für den gewünschten Zweck. In der Auseinandersetzung damit liegt eine Art zusätzliche Ebene, die für mich den Umbau derzeit reizvoller macht, als den Neubau.

Wollen Sie beim Umbau bleiben?
Das will ich nicht festlegen. Viel wichtiger ist mir, so weiterarbeiten zu können, wie bisher. Ich will mir unbedingt die Freiheit erhalten, ein Projekt nach dem anderen bearbeiten zu können, um mir für jede Aufgabe die Zeit zu nehmen, die sie braucht.

Ihre beiden bisherigen Umbauten sind gut angekommen. Sie wurden dafür mit dem 2. Rang des letztjährigen Foundation Awards sowie einer Anerkennung des «Respekt und Perspektive» Bauen im Bestand Preises 2016 ausgezeichnet. Ist Ihnen das wichtig?
Es ist mir wichtig, weil es mir von einer neutralen Seite her die Bestätigung gibt, gute Arbeit zu leisten. Und es ist mir wichtig, weil ich zu Beginn das seltsame Gefühl hatte, mich beweisen zu müssen, als Partnerin eines bekannten Architekten.

Beat Matter