«Wir wollen ein GU sein»

Beat Matter

Homegate.ch gehört zu den meistbesuchten Web-Plattformen der Schweiz. Hinter den tausenden von Inserätchen steht ein Unternehmen im Wandel. Und an dessen Spitze steht CEO Heinz M. Schwyter. Ein Sommergespräch. (intelligent bauen Nr. 08/2013)

Ende Juli. Hitzeperiode. Alles läuft etwas langsamer. Das Gespräch mit homegate. ch-CEO Heinz M. Schwyter findet am Sitz in der Adliswiler Industrie statt. Der Standort weckt Vorstellungen von Heldentaten irgendwelcher frühen Internetfreaks in muffigen Garagen. Doch damit ist es jetzt vorbei. Vergangene Woche ist homegate.ch an den Tamedia-Hauptsitz in Zürich umgezogen. Beim Besuch stapelten sich schon die firmeneigenen Umzugskartons.

 

«intelligent bauen»: Spüren Sie das Sommerloch?
Heinz M. Schwyter: Wir spüren es, was die Präsenz der Mitarbeitenden angeht. Aktuell sind viele in den Ferien. Aber wir sehen es auch am Traffic auf der Plattform: Die Leute widmen sich in den Sommerferien offenbar noch schöneren Angelegenheiten als dem Thema Immobilien.

Schlagen sich die klassischen drei Kündigungstermine pro Jahr nach wie vor in Ihren Statistiken nieder?
Ja, wenn auch nicht ausgeprägt. Die drei Kündigungstermine haben schweizweit an Bedeutung verloren. Künden kann man heute jeden Monat, ausser Ende Dezember.

Ich habe vor diesem Gespräch in meinem Umfeld herumgefragt, was homegate.ch macht. Alle sagten dasselbe: Eine Plattform für Wohnungsannoncen. Mehr nicht.
Das überrascht mich nicht. Die Leute, die homegate.ch besuchen, kommen in erster Linie, um zu suchen. Es kommen aber nicht nur solche, die effektiv eine neue Wohnung suchen, sondern auch solche, die gerne in den Annoncen schmökern.

Wie wichtig ist das Inserate-Geschäft für homegate.ch?
Vom Ertrag her leben wir heute zu rund 90 Prozent von den Inserenten. Beim Traffic dominieren klar die Suchenden.

Ab Fr. 162.50 kann ich als Privatperson eine Wohnung bei Ihnen ausschreiben. Gilt der Preis auch für professionelle Immobilienfirmen?
Nein. Der normale Privatkunde inseriert ja nicht regelmässig. Hingegen haben viele Immobilienfirmen permanent einen gewissen Inseratebestand bei uns geschaltet. Bei unserem grössten Kunden sind es laufend über 1000 Inserate. Wir können dem Einzelkunden nicht dieselben Preisvorteile bieten, wie dem Grosskunden.

Nebst den Inseraten bietet homegate.ch mittlerweile eine ganze Zeile von weiteren Dienstleistungen rund um das Thema Wohnen an.
Tatsächlich müssen Sie fast nur noch selber zügeln. Doch bereits die Zügelkisten können Sie bei uns bekommen. Daneben bieten wir ein breites redaktionelles Angebot zu allen Themen rund ums Wohnen. Im Juni sind wir zudem selbst ins Hypothekengeschäft eingestiegen. Wir haben unter unserem Namen eine Online-Hypothek lanciert, die wir in Zusammenarbeit mit der ZKB anbieten.

Was ist neu an der Hypothek?
Wir vermitteln seit zehn Jahren Hypotheken. Neu ist der Weg zur Hypothek. Der komplette Prozess läuft online in einem passwortgeschützten Bereich ab. Am Ende des Prozesses wird Ihnen angezeigt, zu welchen Konditionen die ZKB bereit ist, das von Ihnen definierte Vorhaben zu finanzieren. Sind Sie damit einverstanden, müssen Sie der Bank noch diverse Belege und Dokumente übermitteln – was ebenfalls online möglich ist – und erhalten dann einen physischen Vertrag.

Welche Funktion übernimmt homegate. ch bei dieser Hypothek?
Wir sind der Online-Distributionskanal und verfügen über die notwendige Online-Kompetenz.

Die Finanzierung von Wohneigentum ist eine komplexe Angelegenheit. Wird sie durch den Online-Prozess für jedermann verständlich?
Theoretisch sollte es so sein. Es steht sehr viel Beratungs-Material zur Verfügung. In der Praxis richtet sich die Online-Hypothek heute eher an Ablöser und Verlängerer. Also an Leute, die bereits Erfahrung im Abschluss von Hypotheken gemacht haben.

Und Erstkäufer?
Ihnen empfehle ich, sich auf unserer Plattform umfassend zu informieren und den Prozess der Online-Hypothek zu durchlaufen, ohne zum Abschluss zu kommen. Dann rate ich allerdings sehr zu einer persönlichen Beratung. Es geht schliesslich um viel Geld und um ein Geschäft, das die meisten Leute nur sehr selten abschliessen.

Was versprechen Sie sich von der OnlineHypothek?
Unsere Erwartungen an das Produkt sind sehr hoch. Wir wollen uns auch in diesem Online-Bereich klar als Nummer 1 positionieren. Wir sind zuversichtlich, das mit der ZKB an unserer Seite zu schaffen.

Für Firmenkunden bieten Sie eine ganze Toolbox an: Die reicht von Visualisierungen über Fotos und Videos bis hin zur Realisierung von kompletten Websites zur Vermarktung von Immobilien. Welches Ziel steckt dahinter?
Um es mit einem Begriff aus der Bauwelt zu beschreiben: Wir wollen ein GU sein für Immobilienfirmen, wenn es um die Vermarktung geht. Es geht darum, gemeinsam mit dem Kunden ein komplettes Massnahmenpaket zu schnüren und dieses dann koordiniert umzusetzen. Die GU-Funktion, die wir in diesem Prozess übernehmen, kommt bei den Immobilienfirmen sehr gut an.

Wenn man die Toolbox öffnet, springt einem zum Beispiel folgende Position an: «Flugaufnahmen mit Modellhelikopter». Das kostet 900 Franken. Wird so etwas nachgefragt?
Bisher vermutlich noch nicht. Aber es gibt durchaus Objekte, die man aus erhöhter Position viel wirkungsvoller fotografieren oder filmen kann, als vom Boden aus. Aber abgesehen davon: Wir möchten mit unseren Kunden innerhalb ihrer Budgetvorstellung Massnahmenpakete schnüren, mit denen sie ihre Ziele erreichen. Und innerhalb eines solchen Massnahmenpakets kann eine Dienstleistung plötzlich sinnvoll sein, die für sich alleine betrachtet vielleicht exotisch anmutet.

Sie haben erwähnt, dass homegate.ch heute zu rund 90 Prozent von den Inserateerträgen lebt. Wie soll sich diese Zahl mit all den neuen Angeboten verändern?
Die neuen Dienstleistungen müssen sich innerhalb der nächsten paar Jahre in Richtung 25 Prozent entwickeln. Als wir vor zwei Jahren unsere neue Strategie entwickelten, haben wir festgestellt, dass die führenden Player im Ausland deutlich höhere Erträge mit ihren Nebengeschäften erwirtschaften. Wir sind der Meinung, das können wir auch. Aber es gibt noch zu tun.

Das Unternehmen gehört zu 90 Prozent der Tamedia AG, die bekannt ist für ihre Rendite-Orientierung. Wie gross ist der Druck vonseiten des Konzerns?
Nicht sehr gross, weil wir bislang immer geliefert haben, was wir versprochen haben. Was wir spüren, ist eine stärkere Integration in den Konzern. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir unseren Standort per August von Adliswil an den Tamedia-Hauptsitz in Zürich verlegen. Dadurch geht natürlich eine gewisse Autonomie verloren. Gleichzeitig sehe ich auch klar die Vorteile einer solchen Konzentration.

Trotzdem: Ihre Leine wird kürzer.
Sicher. Ich kann das als Teil der Entwicklung akzeptieren oder deswegen schlaflose Nächte haben. Es ist einfach: Wir müssen immer besser werden. Wer erfolgreich ist, hat mehr Freiheiten.

Welches Potenzial haben diese Social Media für Sie? Wir sind überzeugt, dass wir auf den relevanten Social Media-Kanälen präsent sein müssen. Wir haben eigens dafür eine Mitarbeiterin angestellt. Sie betreut unsere Social Media-Präsenz sowie das Immotalk-Forum, welches wir im Frühling lanciert haben. Daneben bietet unsere Expertin auch Social Media-Kurse für Immobilienfirmen an.

Homegate.ch trägt das Internet in der DNS. Nicht so recht dazu passt homegateTV, das über regionale TV-Sender verbreitet wird.
Wir haben homegateTV vor fünf Jahren natürlich als Internet-Sendung lanciert. Erst später kam die Ausstrahlung über die regionalen Sender hinzu. Man sollte im heutigen Internet-Zeitalter nicht den Fehler machen, das Fernsehen zu unterschätzen. Es ist nach wie vor ein hervorragendes Branding-Medium.

Sie sind quasi seit Anfang an bei homegate.ch dabei. Wie hat sich das Unternehmen verändert?
Wir sind quasi als Projekt gestartet, es herrschte der typische Projekt-Groove. Seither haben sich die Möglichkeiten radikal verändert. Internet ist heute schneller und vor allem mobil. Die technischen Möglichkeiten haben sich enorm verändert. Gleichzeitig hat das Unternehmen zentrale Werte bewahren können, wie zum Beispiel Vertrauen und Professionalität. Ich bin froh, dass sich diese Werte nicht verändert haben.

In einem Porträt wurden Sie dieses Jahr als einer beschrieben, der seiner Zeit voraus ist. Also sagen Sie: Wie wird sich homegate.ch in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiter entwickeln?
Ich will, dass wir mit dem Unternehmen weiterhin gutes Geld verdienen, indem wir gute Dienstleistungen verkaufen. Ob die Kunden Geld zahlen für Inserate, sonstige Dienstleistungen oder meine blauen Augen, ist für mich sekundär. Wichtig ist, dass die Kunden von homegate.ch etwas bekommen, wofür Sie zu zahlen bereit sind. Das ist eine grosse Herausforderung angesichts der verbreiteten Gratis-Mentalität im Internet.

In dem Porträt fragen Sie sich, wie gut Sie aufgestellt sind, wenn zum Beispiel Google morgen ein riesiges Immobilien-Suchportal lancieren würde. Wie lautet die Antwort?
Google könnte die Such-Dienstleistung problemlos lösen. Umso wichtiger ist es, dass wir Mehrwert bieten können mit unseren neuen Dienstleistungen und diese laufend weiter entwickeln. Es ist so einfach wie anspruchsvoll: Wir müssten einfach besser sein als Google.

Beat Matter