Auf dem See

Beat Matter

Jörg Würsch, 45, Schiffsführer der MLS Beckenried, transportiert auf dem Vierwaldstättersee Sand und Kies. Dass er Schiffsführer und nicht Kapitän ist, kommt ihm gerade gelegen. (die baustellen Nr. 05/2009)

Es ist ein bisschen anders als beim Autofahren. Man kann nicht ein Jahr lang gefahren sein und dann das Gefühl haben, man habe alles im Griff. Bei beidem geht es um Routine. Aber beim Schifffahren dauert es länger, bis man sie hat. Tatsächlich war es mein Bubentraum, auf dem Wasser zu arbeiten. Die Vorstellung hat mich einfach fasziniert. Gegen Ende der Schule begann meine Mutter die Fühler auszustrecken, wo man eine entsprechende Arbeit erlernen könnte. Sie fragte bei der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees nach. Allerdings hiess es dort, sie stellen nur Leute mit einer abgeschlossenen Lehre ein. Schliesslich wurden wir am Basler Rheinhafen fündig, wo ich in den folgenden drei Jahren die Lehre als Matrose absolvierte. Von Rotterdam, manchmal auch Antwerpen oder Amsterdam, führten wir eigentlich alle erdenklichen Güter in die Schweiz. Auf dem Hinweg hatten wir häufig Kies geladen, weil es in Holland wenig davon gibt. Nach der Lehre arbeitete ich ein weiteres Jahr bei derselben Firma, dann wechselte ich an Land, wo ich lernte, mit den grossen Hafenkranen in Basel umzugehen. Schliesslich zog es mich allerdings wieder zurück aufs Wasser. Ich erkundigte mich, welche Möglichkeiten ich in meiner Herkunftsregion, der Innerschweiz, habe. So kam es, dass ich heute seit 22 Jahren auf dem Vierwaldstättersee Sand und Kies transportiere. Und noch immer ist es mein Traumberuf.

Freundlich winken
Mein Schiff, die MLS Beckenried, ist knapp 62 Meter lang und neun Meter breit. Leer bringt sie 300 Tonnen auf die Waage. Zu fassen mag sie 740 Tonnen Kies und Sand. Wenn wir mit 16 bis 18 Kilometern pro Stunde unterwegs sind, haben wir einen Bremsweg von 180 Metern. Man muss sich dessen bewusst sein und vorausschauend handeln. Gerade an schönen Sommertagen ist teilweise alles derart voll mit kleineren Bötchen, dass wir uns regelrecht einen Weg durch sie durch suchen müssen. In der Regel geht aber alles gut. Auch mit den Kursschiffen, die uns gegenüber den Vortritt haben. Hauptsächlich am Anfang kam es aber schon vor, dass ich deren Geschwindigkeiten falsch einschätzte. Da kam es auch mal vor, dass ein Kapitän eines Kursschiffes die Faust in die Höhe streckte. Reklamationen im Büro hat es bei mir allerdings noch nicht gegeben. Ich stand dann jeweils einfach brav raus, und winkte dem Kapitän freundlich und versöhnend zu. Übrigens bin ich froh, nicht wie die Kapitäne in Uniform arbeiten zu müssen. Und eigentlich ist es mir sowieso lieber, Ware zu transportieren anstatt Menschen.

Auch bei Sturmwarnung
Viele sagen, es sei doch eine gemütliche Arbeit, so ein bisschen mit dem Schiff herum zu fahren. Sicher ist es weniger anstrengend als teilweise auf dem Bau. Aber ganz ohne ist auch unsere Arbeit nicht. Wenn immer möglich, machen wir Wartungs- und Reparaturarbeiten selbst. Beim Beladen durch den Kran sortieren wir das Holz aus. Hart ist es in der Winterkälte. Besonders für die Gelenke. Und wir fahren ja eigentlich bei jedem Wetter. Sogar bei Sturmwarnung, solange nichts aussergewöhnlich Heftiges passiert. Volle Aufmerksamkeit ist bei Nebel geboten. Zum Glück haben wir auf der Beckenried einen Autopiloten. Er hält das Schiff auf Kurs, so können wir uns besser auf den Radarschirm konzentrieren. Seit mehr als 20 Jahren mache ich nun diesen Job. Erhebungen lassen abschätzen, dass das Kies im See sicher noch bis zu meiner Pensionierung ausreicht. Ich hoffe, das stimmt.

Beat Matter