«Ich will die Chance nutzen»

Beat Matter
Eseyas Gebreamlak, Flüchtlingslehrling (Aufgenommen im Mai 2015)

Eseyas Gebreamlak (32) ist vor vier Jahren zu Fuss aus Eritrea geflohen und schliesslich mit dem Schiff über das Mittelmeer nach Europa gelangt. Im Luzerner Projekt «Perspektive Bau» erarbeitet er sich eine Zukunft. (die baustellen Nr.05/2015)

Ich bin Schreiner. Ich habe schon immer gerne mit den Händen gearbeitet.
Bis 2009 lebte ich in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea. Ich hätte Militärdienst leisten sollen. Bevor ich eingezogen wurde, floh ich. Alleine. Meine Familie blieb zurück.

In einer Fünfergruppe marschierten wir zu Fuss bis in den Sudan. Vom Sudan aus ging es nach einigen Wochen mit dem Auto weiter bis nach Libyen. Dort kam ich schliesslich auf ein Schiff, auf dem 270 Personen eingepfercht wurden. Ich war auf dem Oberdeck. Als Dach diente uns eine Plastikplane. Die Überfahrt nach Italien dauerte drei Tage. Nachts war es kalt.

In Italien liess ich mich nicht registrieren, gab keine Fingerabdrücke ab. Ein Eritreer, der nach Italien zurückgeschafft worden war, hatte mir dazu geraten. Ich machte mich sofort auf den Weg in Richtung Norden. Zu Fuss schlug ich mich bis Rom durch, von dort aus ging es im Zug weiter. 2011 landete ich in Basel. Dort stellte ich ein Asylgesuch. Es wurde bewilligt. Meine Reise in die Schweiz dauerte fast zwei Jahre. Heute wohne ich in Luzern.

Arbeit fällt ihm leicht

Ich fand in der Schweiz keinen regulären Job. Letztes Jahr machte mich deshalb das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH auf das Programm «Perspektive Bau» aufmerksam. Es gibt mir die Chance, vielleicht eine Schweizer Maurerlehre zu machen. Nach mehreren Eignungstests wurde ich in das Projekt aufgenommen.

Ein halbe Jahr waren wir in Sursee in der Schule. Dann machte ich bei der Aregger AG ein fünfwöchiges Praktikum. Seit März sind wir wieder in den Maurerlehrhallen in Sursee. Draussen zu arbeiten, fällt mir leichter, als hier in Sursee in der Schule zu sitzen. Ich bin lieber in Bewegung. Zum Glück machen wir in der Schule auch praktische Übungen.

Im Praktikum habe ich bei allen Bauarbeiten mitgeholfen. Besonders gefallen hat es mir, zu schalen und zu betonieren. Mit den Kollegen und den Vorgesetzten auf der Baustelle habe ich mich gut verstanden.

Ich bin in der Schweiz insgesamt gut aufgenommen worden. Man hört ja oft, dass die Leute hier schlecht auf Flüchtlinge reagieren sollen. Das habe ich selbst nie erlebt. Mir fiel es leicht, mich anzugewöhnen. Auch daran, pünktlich zu sein. Mühe macht mir nur die Sprache. Mittlerweile verstehe ich zwar recht gut Deutsch. Aber Deutsch sprechen … das ist schwierig. Ich bin motiviert. Ich will die Chance, die ich hier bekomme, nutzen.

Sollte sich die Situation in Eritrea verbessern, möchte ich gerne wieder zurück.

 


 

 

«Perspektive Bau»
Das Programm im Kanton Luzern verfolgt das Ziel, Flüchtlinge über einen Ausbildungslehrgang auf eine Lehre als Maurer oder auf eine Attestausbildung Baupraktiker vorzubereiten. Der Pilotlehrgang startete im August 2014 mit 13 Teilnehmenden und läuft bis Juli 2015. Er umfasst 226 Ausbildungstage, zu denen auch ein fünfwöchiges Praktikum in Bauunternehmungen zählt. Der Kanton Luzern finanziert das Programm über den Lotteriefonds. Für die Ausbildung zuständig sind der Baumeisterverband Luzern, die Maurerlehrhallen Sursee MLS und ENAIP Schweiz. Patrik Birrer, Geschäftsführer der MLS, spricht nach zwei Dritteln des Lehrgangs von einem Erfolg, betont allerdings, dass die Teilnehmenden enge Betreuung brauchen. Birrer ist zuversichtlich, dass für alle Teilnehmenden eine Anschlusslösung gefunden wird, und hält fest: «Wir stellen keine Abschlusszeugnisse aus, mit denen wir die Teilnehmenden als günstige Arbeitskräfte in die Wirtschaft entlassen.» Im Sommer starten in Sursee neue Teilnehmende in das Programm.

 

Beat Matter