«Ein trauriges Ergebnis»

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Sein Institut prognostiziert für den Bau im laufenden Jahr ein Wachstum von 1,5 Prozent. Theoretisch könnte sich die Branche glücklich schätzen. Praktisch sieht es anders aus. Klartext von CS-Chefökonom Martin Neff. (intelligent bauen Nr. 01/2012)

«intelligent bauen»: Sie prognostizieren für 2012 ein BIP-Wachstum von 0.5 Prozent. Was bedeutet das auf einer Wortskala zwischen den Werten sehr guter Wirtschaftsverlauf und sehr schlechter Wirtschaftsverlauf.
Martin Neff: Es ist in Relation zum Umfeld ein sehr gutes Ergebnis. Wir haben in der Schweiz eine sehr reife Volkswirtschaft und befinden uns in einem Zyklus, in dem das eine oder andere europäische Land rezessive Tendenzen aufweisen wird. Von diesem Niveau aus und in diesem Umfeld muss sich die Schweiz fragen, wie viel Wachstum man überhaupt noch realisieren kann.

Auch für die Schweiz steht vereinzelt die Befürchtung einer Rezession im ersten Halbjahr 2012 im Raum.
Ich stelle einen teilweise fahrlässigen Umgang mit dem Begriff der Rezession fest. Nehmen wir an – und die Wahrscheinlichkeit dafür ist relativ hoch –, die Schweizer Volkswirtschaft ist im vierten Quartal 2011 nicht gewachsen, sondern vielleicht um 0,1 Prozent geschrumpft. Sollte sich das im laufenden ersten Quartal 2012 wiederholen, befänden wir uns gemäss Definition aktuell mitten in der Rezession, ohne es wirklich gemerkt zu haben. Sollten im Februar die Zahlen des vierten Quartals 2011 tatsächlich in diese Richtung deuten, wird ein Aufschrei durch die Medien gehen: «Die Schweiz in der Rezession!» Wir haben diese zyklische Delle in unserer Prognose einkalkuliert und kommen zum Fazit, dass die Schweizer Volkswirtschaft im 2012 dennoch moderat wachsen wird. Deshalb ist das Wort Rezession meiner Ansicht nach fehl am Platz, selbst wenn zwei Quartale mit einem minimalen Rücklauf abschliessen würden.

Für den Bau prognostizieren Sie mit 1,5 Prozent ein deutlich höheres Wachstum als für die gesamte Volkswirtschaft. Welche Gründe führen dazu?
Für die Bauwirtschaft ist es insgesamt eine hervorragende Dekade. Verantwortlich dafür sind zwei grosse und ein kleinerer Treiber. Zunächst die Migration. Wir verzeichnen seit mehr als vier Jahren ein Bevölkerungswachstum, wie wir es davor vielleicht in zehn Jahren verzeichneten. Dazu kommt als zweiter Treiber der Boom im Wohneigentum, der von historisch tiefen Zinsen genährt wird. Der dritte, aber etwas kleinere Faktor betrifft die Globalisierung, man könnte es aber auch den Strukturwandel der Schweizer Wirtschaft nennen. Daraus gehen neue und teils komplett andere Raumbedürfnisse hervor, mit einem entsprechenden Bedarf an Investitionen.

Das klingt für den Bau eigentlich ganz wunderbar. Doch die Branche hat ein grobes, hausgemachtes Problem.
So ist es. Wenn ich die Profitabilität der Baufirmen betrachte, ist das ein sehr trauriges Ergebnis für ein Jahrzehnt der quantitativen Prosperität. Die Branche hat ein strukturelles Problem, das faktisch unlösbar zu sein scheint.

Weshalb ist die Branche in diesem Käfig gefangen?
Ende der 1980er-Jahre beschäftigte das Bauhauptgewerbe rund 175’000 Personen. Der Brutto-Cashflow gemessen am Umsatz betrug in dieser Zeit knapp 10 Prozent. Zehn Jahre später beschäftigte das Bauhauptgewerbe noch rund 100’000 Personen. Und der Brutto-Cashflow betrug zwischen 2,5 und 3 Prozent. Die Produktivität konnte innert zehn Jahren mehr als verdoppelt werden. Führt ein Anstieg der Produktivität in anderen Branchen zu einem Anstieg der Marge, verhielt es sich in der Baubranche umgekehrt. Die Marge musste vollständig an die Kunden und Mitarbeiter weiter gegeben werden.

Wie konnte das passieren?
Offenbar konnte man über Jahre hinweg den Markt derart abschotten, dass die Margen hoch blieben. Mit der Entkartellisierung, die man sich Anfang der 1990er-Jahre auf die Fahnen schrieb, hat sich das radikal geändert. Es wurden massiv Stellen abgebaut. Zunächst konnte man das relativ bequem über Gastarbeiter oder Temporäre abfedern. Dann aber ging es ans Eingemachte. Plötzlich verloren auch beispielsweise Poliere ihren Job. Diese Leute sattelten aber nicht etwa in eine andere Branche um, sondern machten sich selbständig, kauften sich auf irgendeiner Gant Maschinen zusammen und zogen knapp kalkulierte Aufträge mit enorm tiefen Offerten an Land.

Die Spirale dreht sich unaufhörlich weiter. Heute hat man landauf, landab volle Auftragsbücher, doch in der Bauausführung wird kaum mehr Geld verdient.
Auf dem Bau hört man häufig den Spruch: «Händer gnueg Büez?» Er ist symptomatisch für die Grundphilosophie der Bauunternehmer. Sie leben im irrigen Glauben, solange auf den Baustellen Bewegung herrsche, würde Geld verdient. Dass allerdings nicht nur Löhne und Material bezahlt, sondern beispielsweise auch Rücklagen getätigt werden müssen, bedenkt nicht jeder. Als Techniker sind die Bauunternehmer hervorragend, als Betriebswirte haben viele von ihnen noch immer hohen Lernbedarf.

Glauben Sie, dass zahlreiche Bauunternehmungen für einen Preis arbeiten, der nach sauberen, betriebswirtschaftlichen Kriterien nicht ausreicht?
Mit Sicherheit. Ich schätze, dass nur ein Viertel der Branche knapp für einen vertretbaren Deckungsbeitrag arbeitet. Betriebswirtschaftlich würde man sagen, sie befinden sich gerade noch auf der Stufe des kurzfristigen Betriebsminimums. Konkret: Sie können vielleicht drei Viertel ihrer Kosten decken, wenn überhaupt. Solche Unternehmen müssen darauf spekulieren, dass sie vielleicht in einem halben Jahr wieder günstig einen Kran leasen können oder anderweitiges Material günstig erstehen können. Klappt das jedoch nicht, bekommen sie Probleme und können vielleicht sogar die Löhne nicht mehr bezahlen. Erst dann kommt es aber in der Regel zum Konkurs. Und schon bald danach zur Firmenneugründung.

Sie beschreiben eine ausgeprägte Schwäche in der Betriebswirtschaft. In der Branche hat aber durchaus eine Professionalisierung stattgefunden.
Das ist richtig. Es gibt Leute in der Branche, die sauber rechnen und kalkulieren können. Leute mit diesen Kompetenzen trifft man mehrheitlich in GUs und TUs an. Leider sind sie in der Ausführung eher rar. Dort arbeiten viele noch – auch buchhalterisch – wie vor 20 Jahren. Der Effekt ist deutlich sichtbar: Die GUs und TUs verdienen nicht schlecht. Die Bauausführung dagegen schafft – wenn überhaupt – knapp schwarze Zahlen.

Das wird so bleiben, solange sich jederzeit ein Anbieter finden lässt, der einen noch tieferen Preis offeriert. Würde man das abstellen, tendierte man jedoch wieder zu jenem Zustand, der vor 25 Jahren vorherrschte.
Ja, leider. Absolut elementar ist einfach die Erkenntnis: Es ist eine ganz schlechte Strategie, den Wettbewerb in der Schweiz über den Preis zu führen.

Zumindest für den Unternehmer.
Nicht nur. Ein Auftrag, der stärker über die Qualität geführt würde, könnte letztlich auch für den Auftraggeber besser sein. Ich befürchte, im Moment läuft Gegenteiliges: Die extreme Auslastung bei ganz schlechten Preisen und Margen schlägt bereits tendenziell negativ auf die Qualität durch. Aber es kann doch nicht im Sinne des Bauherrn sein, für einen möglichst tiefen Preis in Kauf zu nehmen, dass ihm in fünf Jahren das Dach auf den Kopf fällt. Ich vermute, der eine oder andere Stockwerkeigentümer wird da noch Überraschungen erleben, leider.

Wie könnte ein Paradigmenwechsel vollzogen werden?
Die Wende kann nur über die weitere Professionalisierung der Branche erfolgen. Ich sehe durchaus vereinzelte positive Zeichen. Nach wie vor mangelt es aber deutlich an der «Wertschätzung» für den ausführenden Teil. Im Detailhandel hat man irgendwann festgestellt, dass es zu Qualitätsproblemen führt, wenn man bei einfachen, ausführenden Angestellten weiter drückt. Dieser Gedankengang muss auch in der Baubranche vollzogen werden.

Interessant ist doch, dass die Probleme in der Branche weitgehend bekannt sind.
Das ist immerhin eine Basis. Doch eine Patentlösung gibt es nicht. Die Strukturbereinigung, von der man teilweise sogar innerhalb der Branche träumt, ist erst dann möglich, wenn man sich vom reinen Preisdenken löst. Das reine Preisdenken ist das Damoklesschwert, unter dem die Branche seit Jahren leidet.

Beat Matter