Familiensache

Beat Matter
Bruno Caretta (links) mit Söhnen Mauro und Rafael, Caretta Weidmann (Oktober 2011)

Gemeinsam mit seinen Söhnen Mauro und Rafael steuert Bruno Caretta das Baumanagementunternehmen Caretta-Weidmann, das er vor fast 40 Jahren mit seinem Vater gründete. Ein familiäres Gespräch. (die baustellen Nr. 10/11)

«die baustellen»: Der Baumanager ist der Dirigent. Den Satz liest man häufig in Texten über Ihr Büro. Wie muss die Musik klingen, dass sie dem Dirigenten gefällt?
Bruno Caretta: Perfekt aufeinander abgestimmt. Und entsprechend perfekt geführt. Für jedes Bauprojekt braucht es jemanden, der alles so führt, wie ein Dirigent sein Orchester führt. Um die Planungs- und Bauabläufe sauber zu koordinieren, braucht es eine starke Hand. Das ist ein schwieriger Job. Viele meinen, sie könnten das. Oftmals stellt sich etwas anderes heraus, wenn man genau nachfragt.

Sie erleben zahlreiche Bewerber, die der künftigen Aufgabe nicht gewachsen sind?
Bruno Caretta: Referenzen und Titel sollen ja immer auch Lohnforderungen rechtfertigen. Ein interessantes Phänomen beobachten wir bei ausländischen Bewerbern: Fast jeder von ihnen nennt im Gespräch dieselbe Lohnforderung. Sie erkundigen sich vorab irgendwo, beispielsweise bei einer Vermittlungsagentur, über die vorgeschlagene Lohnhöhe. Wir erschrecken dann jeweils, weil die Forderungen zu hoch sind, viel zu hoch im Vergleich zu unseren bestandenen Mitarbeitern.

Der Projektleiter trägt eine enorme Kostenverantwortung.
Bruno Caretta: Absolut. Aber natürlich nicht nur. Er sorgt insgesamt dafür, dass das komplette Projekt läuft, wie es soll. Dass es nirgends ins Stocken gerät. Wir haben etwa eigens eine Dienststelle, welche die Baukosten berechnet. Dort können die Kosten allerdings nur gerechnet werden, wenn alle Unterlagen vorliegen, die es dazu braucht. Und zwar in einer Qualität, die es ermöglicht, unsere Arbeit zu machen. Das ist oft ein ganz schwieriger Punkt: Die Architekten haben vielfach das Gefühl, die Planunterlagen und die Angaben, welche sie uns unterbreiten, reichen für die Kostenberechnung aus. Häufig stellen sich uns beim Betrachten der Pläne allerdings Fragen über Fragen. Schliesslich können wir keine vagen Kosten kommunizieren. Was bei uns rausgeht, ist verbindlich.

Mauro Caretta: Herausfordernd ist allerdings nicht nur das Aufstellen der Kostenberechnung. Sondern vor allem auch das Verwalten der Kosten während des Projekts. Der Plan, aufgrund dessen die Grundberechnung erfolgt, ist das eine. Die Realität oftmals eine andere. Da ist der Projektleiter enorm gefordert.

Sie schildern den Baumanager als vielseitig geforderten Menschen. Welches sind seine zentralen Schwierigkeiten?
Bruno Caretta: Die Hauptschwierigkeit ist die Abhängigkeit gegenüber dem Architekten sowie allen anderen Planern. Es nützt nichts, wenn da «en Sibesiech» von einem Projektleiter am Werk ist, der umgeben ist von Planern, die nicht voll mitziehen. Dieser Umstand hat uns dazu bewogen, stärker auf das Generalplaner-Modell zu setzen. Wir führen quasi zwei Firmen unter einem Dach: Das Baumanagement und die Generalplanung.

Worin liegen die Vorteile der Generalplanung?
Bruno Caretta: Der Bauherr hat mit uns einen einzigen Vertragspartner über die gesamte Planung hinweg. Wir unsererseits engagieren alle weiteren Planungsbeteiligten als Subplaner.

Mauro Caretta: Der Unterschied zwischen einem Engagement als Baumanager oder als Generalplaner ist vertraglicher Natur. Als Baumanager haben wir einen Einzelvertrag mit dem Bauherrn, so wie alle anderen Beteiligten auch. Als Generalplaner vertreten wir gegenüber dem Bauherrn jedoch das komplette Planungsteam. Es gibt einen Verantwortlichen und – je nach Situation – einen Schuldigen.

Generalplaner, GU, TU – welches Modell wird sich künftig am stärksten entwickeln?
Mauro Caretta: Der Generalplaner. Es gibt mittlerweile grosse Projekte, bei denen selbst Generalunternehmen in einem Team nur als Generalplaner auftreten und nicht als Totalunternehmer. Das scheint mir ein deutliches Zeichen.

Der Vorteil im GU- und TU-Modell ist eine markante Reduktion der Ansprechpersonen. Weshalb soll ein Bauherr von dieser Vereinfachung nicht profitieren?
Bruno Caretta: Das stimmt, wenn alles haargenau so umgesetzt wird, wie es zu Beginn festgelegt wurde und wenn alle Planungsgrundlagen in einer Qualität vorliegen, dass optimal mit ihnen gearbeitet werden kann. Treten im Verlaufe des Projekts Änderungen auf – und es treten sehr häufig Änderungen auf –, wird es schwierig. Unter dem Strich gibt es Projekte, die sich für eine GU- oder TU-Abwicklung eignen. Und es gibt solche, die sich klar nicht eignen.

Ist der Bau ein Beziehungsgeschäft?
Bruno Caretta: Früher war das eher der Fall, heute weniger. Ganz sicher nicht mehr im öffentlichen Bereich. Den Zuschlag erhält, wer die günstigste Offerte einreicht. Aber auch im privaten Bereich ist niemand bereit, einen Franken mehr als nötig zu vergeben. Nichtsdestotrotz bleibt das Beziehungsnetz wichtig. Denn um jemandem einen Auftrag zu erteilen, muss ich zunächst einmal von dessen Existenz wissen.

«In der Zusammensetzung der Planerteams ist es meist nicht ratsam, die günstigste Variante zu wählen.» Der Satz stammt von Ihnen. Ist das nicht günstigste Planungsteam Garant für das günstigste Gesamtangebot?
Bruno Caretta: Tendenziell ist das so. Wenn ein Team aus erfahrenen, guten Leuten besteht und von Anbeginn eines Projektes Kostenoptimierung betreibt, resultieren dabei weit grössere Einsparungen, als sie sich mit dem Drücken von Handwerkerpreisen erzielen lassen.

Ist das als Kritik am Verhalten gegenüber Handwerkern zu verstehen?
Bruno Caretta: Man sollte die Unternehmer vermehrt als Partner im Gesamtprojekt betrachten, anstatt als Gegner, denen man den Preis drückt. Nicht ein paar gewonnene Prozente sollten Inhalt der Gespräche mit den Unternehmern sein, sondern die Frage, wie man das gemeinsame Ziel im vorgegebenen Kostenrahmen erreicht. Die Handwerker sind Experten auf ihrem Gebiet. Es kann sich als wertvoll herausstellen, ihre Inputs und Ideen anzuhören und ernst zu nehmen. Doch es sind längst nicht mehr nur die Handwerker, deren Preise gedrückt werden. Das findet auf allen Ebenen statt, so auch bei uns Planern und Baumanagern.

Wie gehen Sie mit dem absurden Preiskampf um?
Mauro Caretta: Wir sind mittlerweile soweit, dass wir das Spiel nicht mehr um jeden Preis mitmachen. Es gibt für uns Grenzen, unter denen wir nicht mehr bereit sind, zu arbeiten.

Der Preiskampf tobt seit Jahrzehnten. Dennoch: Es gibt in diesem Spiel einen Nullpunkt. Dann nämlich, wenn man für seine Arbeit nichts mehr verdient.
Bruno Caretta: Genau deshalb muss irgendwann etwas passieren. Wer gute Leute in seinem Unternehmen haben und halten will, muss gute Löhne zahlen. Doch auch der Druck auf die Löhne wird stärker, je länger dieser Preiskampf tobt. Irgendwie ist das Gesamtsystem aus dem Gleichgewicht geraten.

Sie konnten bereits mit beeindruckend namhaften Architekten zusammen arbeiten, von denen es am Schluss heisst, sie hätten dieses oder jenes «gebaut». Es wird also nicht der Dirigent gefeiert, wie bei klassischen Konzerten üblich. Ärgert Sie das?
Bruno Caretta: Nein, das ärgert mich nicht. Was eher ärgert sind grosse Baureportagen, in denen alle Involvierten aufgelistet werden – bloss wir nicht.

Mauro Caretta: Das Phänomen lässt sich erklären: Am Schluss ist es die Architektur, die sichtbar ist. Keiner sieht einem Bau das Baumanagement an. Weshalb soll man also darüber sprechen?

Sie betätigen sich in ganz unterschiedlichen Projekten. Vom Genossenschafts- Wohnbauprojekt bis zum High-End-Bau auf dem Novartis Campus. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für oder gegen ein Projekt?
Bruno Caretta: Wir haben von Anfang an die Strategie verfolgt, uns in einem breiten Feld zu betätigen: möglichst viele und verschiedene Bauherren und Architekten sowie möglichst viele und verschiedene Projekte. Damit sind wir als Unternehmen breit abgestützt. Nicht nur nebenbei suchen wir aber Projekte, die uns und unsere Mitarbeitenden herausfordern und ihnen Spass machen. Unsere Leute hätten keine Freude daran, wenn Sie die ewiggleichen Gebäude immer wieder realisieren müssten.

Mauro Caretta: Es hängt immer auch etwas davon ab, was die Architekten machen, mit denen wir eng und regelmässig zusammenarbeiten. Wenn einer von ihnen einen Bahnhof macht, können wir ihn vielleicht gemeinsam machen. Wenn jemand ein Einfamilienhäuschen plant, sind wir möglicherweise dort dabei.

Bleibt das Baumanagement als solches gleich, egal, welches Projekt man managt?
Bruno Caretta: Die Prozesse sind immer dieselben, ja. Und im Grundsatz sind wir für die Einhaltung genau dieser Prozesse verantwortlich. Trotzdem ist es immer wieder anders, weil andere Rahmenbedingungen herrschen, andere Menschen involviert sind und andere Problemstellungen auftreten. Grundsätzlich ist jedes Bauvorhaben ein Prototyp.

Der Architekt steht am Anfang eines Projekts. Inwiefern nehmen Sie als Baumanager Einfluss auf seine Arbeit?
Bruno Caretta: Auf die Gesamtarchitektur nehmen wir bewusst keinen Einfluss. Wir gehen aber dann auf den Architekten zu, wenn etwa ein Detail vorliegt, von welchem wir überzeugt sind, man dürfe oder könne es so nicht machen. Treten aufgrund eines solchen Details Folgeprobleme auf, sind wir es, die dafür die Verantwortung tragen müssen. Deshalb schreiten wir ein. Idealerweise unterstützen wir die Architekten bereits in der Vorprojektphase bei der Kostenoptimierung.

Mauro Caretta: Genau aus diesem Grund sind wir derzeit damit beschäftigt, einen Quality Circle aufzubauen. Eine Stelle, wo die Qualität der Pläne und der Ausführung kontrolliert wird. Ziel ist es, ebensolche Detailfehler zu beheben, bevor sie sich negativ auf das Projekt auswirken. Wir wünschen uns, dass die Architekten uns möglichst in der Vorprojektphase oder sogar bereits in der Wettbewerbsphase beiziehen.

Wie reagieren Architekten, wenn Sie sie mit solchen Fehlleistungen konfrontieren?
Bruno Caretta: Es ist unser Glück und vielleicht auch unsere Qualität, dass wir es immer geschafft haben, solche Dinge in einer Art zu besprechen, die bei den Architekten Anklang findet. Auch bei den renommiertesten Architekten. So kann ein Miteinander entstehen, das das Projekt in die richtige Richtung lenkt.
Mauro Caretta: In einem Projekt geht es vielfach um ein Geben und Nehmen. Nicht nur, aber auch gegenüber den Architekten. Es geht uns nie darum, einen Entwurf mit einer Detailkritik schlecht zu machen. Es geht um Optimierungen, die im Sinne des Gesamtprojekts und deshalb in aller Regel auch im Sinne des Architekten und schliesslich auch des Bauherrn sind.

Sie sind im Verlaufe eines Projekts mit ganz verschiedenen Bau-Disziplinen konfrontiert. Wie schaffen Sie es, in all den Teilbereichen den Durchblick zu haben?
Mauro Caretta: Die Hauptsache ist, dass unsere Teamleiter den Durchblick haben. Wir als Chefs sind dann eher dazu da, unsere ganze Mannschaft in unserem Sinne zu schulen und zu dirigieren.

Bruno Caretta: Es gibt doch diesen Spruch: «Der Spezialist weiss viel über Weniges. Der Manager hingegen weiss wenig über Vieles.» Daraus entspringt natürlich eine wahnsinnige Abhängigkeit der Manager von ihren Teams.

Kann man zusammenfassend sagen, dass die Tätigkeit desjenigen, der in einem Bauprojekt die Fäden zieht, unter dem Eindruck von Zeit- und Kostendruck immer komplexer wird?
Bruno Caretta: Das ist sicher so.

Mauro Caretta: Das Bauen insgesamt und damit auch die Ansprüche an uns sind mit Sicherheit viel komplexer geworden. Es muss immer mehr geleistet werden, derweil die Honorare unter Dauerdruck stehen. Aber dieser Entwicklung können Sie sich nicht entziehen.

Für immer weniger Geld muss immer mehr gearbeitet werden. Herr Caretta: Welche Zukunftsaussicht haben Sie für Ihre Söhne, wenn das so weiter geht?
Bruno Caretta: Es gibt nichts anderes, als sich dem zu stellen. Wir haben das Glück, an grossen Projekten mitarbeiten zu können, bei denen sich naturgemäss eine etwas bessere Wertschöpfung realisieren lässt. Das bedingt aber auch, dass wir unsere Leistungserstellungsprozesse optimal erbringen. Zudem stellen wir uns vor, noch ein klein wenig zu wachsen, damit wir die Möglichkeit haben, mittels Auftragsmenge die tiefen Honorare zumindest zum Teil zu kompensieren. Um unsere Teilleistungen vor allem für die Kostenberechnungen und die Arbeitsausschreibungen kompetenter und effizienter erledigen zu können, sind wir auf gute und vollständige Ausführungspläne und -angaben der Architekten angewiesen. Wir überlegen uns, wie wir schneller zu diesen geforderten Ausführungsunterlagen kommen. Das ist heute in fast jedem Projekt ein Kampf. Bei einzelnen namhaften ausländischen Architekten, mit denen wir in Basel bauen, läuft es beispielsweise so ab, dass ein Schweizer Büro die Ausführungsplanung macht. Das bewährt sich gut.

Seit vier Jahren läuft bei Ihnen ein langsamer, schrittweiser Übernahme- bzw. Übergabeprozess zwischen Vater und zwei Söhnen ab. Wäre es je eine Option gewesen, die Nachfolge nicht innerfamiliär zu lösen?
Bruno Caretta: Nicht, dass die innerfamiliäre Nachfolge infrage gestanden wäre, aber wir hatten vor einigen Jahren die Idee, auch unsere Teamleiter an der Firma zu beteiligen, um sie zusätzlich zu motivieren und natürlich auch, um sie halten zu können. Zwei von sechs Teamleitern hätten das gewollt. Die anderen nicht. Aufgrund unserer Überlegung «alle oder keiner» haben wir beschlossen, die Aktien in der Familie zu halten.

Der «Alte» hat noch nicht abgegeben, die «Jungen» noch nicht ganz übernommen. Schafft das intern Verwirrung, wenn es um Zuständigkeiten geht?
Rafael Caretta (soeben «mit gutem Bauchgefühl » von einer wichtigen Präsentation zurückgekehrt): Nein. Das ist eigentlich kein Problem. Unser Vater wird hier in keiner Weise infrage gestellt. Er ist voll da.

Mauro Caretta: Er wird sicher noch bis 75 arbeiten. Wie sein Vater.

Bruno Caretta: Wenn die Gesundheit mitspielt, weshalb nicht?

Mauro Caretta: Es ist möglich, dass unser Vater irgendwann nicht mehr Hauptaktionär sein wird. Involviert wird er trotzdem bleiben.

Bruno Caretta: Tatsache ist die: Wir drei brauchen uns irgendwie gegenseitig. Wir führen heisse Diskussionen, von denen ich glaube, sie sind wertvoll. Wir haben ein tolles Verhältnis, sowohl privat als auch beruflich.

Aus Fehlern wird man klug, besagt ein Spruch. Wie viele Fehler dürfen Ihre Söhne in dem Unternehmen machen, das noch immer zur Hauptsache Ihnen gehört?
Bruno Caretta: Keine! (lacht). Keine Fehler zu machen, ist natürlich nicht möglich. Das Motto muss lauten, die Fehlerquote zu minimieren, so gut es nur geht. Ein Fehler zu machen, ist okay. Zwei, drei, vier Mal denselben Fehler zu machen, geht einfach nicht. Das macht alles kaputt, was davor mühsam aufgebaut wurde.

Beat Matter