«Jammern ist völlig verfehlt»

Beat Matter

Allzu nervösen Gesellen rät man floskelhaft «abzuwarten und Tee zu trinken». Prof. Dr. Urs Müller, Direktor des Wirtschafts-Forschungsinstituts BAK Basel Economics und privat ein Sammler von Teekannen, rät Ähnliches. Denn so etwas wie Krise oder gar Rezession sei nicht in Sicht. (die baustellen Nr.09/2008)

«die baustellen» In den Prognosen von Mitte Jahr erwarten Sie ein BIP-Wachstum im 2008 von 2 Prozentpunkten. 2009 soll es um 1,3 Prozentpunkte wachsen. Kleinster gemeinsamer Nenner aller Prognoseinstitute: Wachstum. Weshalb ist dennoch überall das Wort Krise zu hören?
Prof. Dr. Urs Müller: Der Ausdruck Krise ist übertrieben. Was wir im Moment beobachten, ist eine Verlangsamung des Wachstums. Wenn man die Situation in ganz Europa betrachtet, stellt man fest, dass es im zweiten Quartal 2008 in vielen Ländern ein leichtes Minus gegeben hat. Für die Schweiz erwarten wir, dass es mehr oder weniger stabil bleibt.

Bedeutet «stabil» stabiles Wachstum?
Nein, Nullwachstum. Das dritte und vierte Quartal 2008 werden wieder ganz leicht im Plus liegen. Das heisst, wir haben in diesem Sinne keine Krise, wir haben auch keine Rezession. Man kann vielleicht sagen, es sei ein Rückgang, verglichen damit, was wir in den letzten Jahren erlebt haben. Aber eine Rezession ist es sicher nicht.

Ist es möglich, dass wir hierzulande eine Art Minderwertigkeitskomplex entwickeln, weil aufstrebende Länder wie China oder Indien regelmässig hohe einstellige oder gar zweistellige Wachstumszahlen vorweisen?
Es ist möglich, dass das bei gewissen Leuten eine Rolle spielt. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass die Wirtschaft von Ländern, die derartige Wachstumsraten ausweisen, auf einem sehr viel tieferen Niveau wächst. Es handelt sich dabei um Länder, die uns gewissermassen nachrennen – es ist ein Nachholeffekt. Übrigens ist ein BIP-Wachstum in der Schweiz von zwei Prozent real langfristig ein gutes Wachstum. Mehr können wir gar nicht wachsen. In den Wirtschaftswissenschaften sprechen wir von so genanntem Potenzialwachstum, welches angibt, was langfristig möglich ist, ohne dass es zu Inflation kommt. Die entsprechende Rate liegt in der Schweiz bei knapp zwei Prozent. Das heisst, wenn wir längerfristig im Schnitt zwei Prozent realen Wachstums verzeichnen können, dann ist das eigentlich optimal.

Umso grösser ist die Übertreibung, wenn man bei einem Wachstum jammert, welches dieses Jahr beim Optimum und im nächsten Jahr 0,7 Prozentpunkte unter dem Optimum liegt.
Absolut einverstanden. Es ist völlig verfehlt, bei einem Wachstum von «bloss noch» eineinhalb Prozent zu jammern.

Wer oder was ist denn schuld daran, dass da und dort gejammert wird?
Man muss vielleicht beachten, wer jammert. Natürlich ist die Finanzbranche im Moment nicht glücklich, wobei auch dort kein flächendeckendes Jammern festzustellen ist. Es gibt Banken, die auch profitieren, wenn andere Banken gewisse Probleme haben. Die Probleme, die sich nun auf Schweizer Banken übertragen haben, übertragen sich ein Stück weit auch auf die Steuern. Vor allem in Kantonen, in welchen grosse Banken ihren Sitz haben. Auch für die dortigen Finanzdirektoren ist die Situation nicht lustig. Ansonsten scheint es mir allerdings nicht, dass man in der Schweiz momentan ein grosses Jammern hört. Man diskutiert jetzt über den Lohnherbst. Und in diesem Zusammenhang gibt es natürlich Stimmen, die warnen und sagen «Achtung, es könnte schwierig werden».

Nehmen wir an, die Löhne müssten diesen Herbst um zwei bis drei Prozent angehoben werden. Denken Sie, das würde die Unternehmen in Schwierigkeiten bringen?
Man muss sicher nach Branchen und einzelnen Firmen unterscheiden. Aber im Schnitt sollte das kein Problem darstellen.

Können Sie etwas zur Produktivität in der Baubranche sagen?
Produktivitätsfortschritte sind in Branchen mit viel Handarbeit tiefer als in Branchen mit hoher Kapitalintensität. In der Bauindustrie läuft vieles noch von Hand, weshalb die entsprechenden Fortschritte nicht wahnsinnig gross sind.

Was müsste die Baubranche tun, um ihre Produktivität erheblich zu steigern?
Zwei Komponenten spielen dabei eine grosse Rolle: die Höhe der Kapitalintensität und die Art der Arbeit. In Branchen, in denen man einen hohen Kapitaleinsatz je Mitarbeiter hat, erreicht man automatisch eine hohe Arbeitsproduktivität. Somit muss die Frage lauten, ob man in der Baubranche die Kapitalintensität erhöhen könnte. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass dies tendenziell Arbeitsplätze kosten würde, weil weniger Arbeiter mit mehr Maschinen mehr bauen könnten. Ob dies das Ziel sein soll, ist eher eine gesellschaftspolitische Frage. Der zweite Aspekt ist die Qualifikation des Personals. Wenn man die Baubranche mit der Chemie oder der Bankenbranche vergleicht, dann sind die Leute dort im Schnitt wesentlich besser qualifiziert. Das hängt natürlich auch mit der Art der Arbeit zusammen, die es zu verrichten gilt. Auf dem Bau gibt es viele Arbeiten, die gar keine hohe Qualifikation erfordern. Das hat Auswirkungen auf die Entlöhnung und die Produktivität.

Was die Bauinvestitionen angeht, rechnen Sie in diesem Jahr mit einem leichten Rückgang (–1,2 Prozent). Wie sieht es mittelfristig aus?
Ein bisschen besser. Aber es kommt natürlich darauf an, was Sie unter mittelfristig verstehen.

Über das laufende Jahr hinaus.
Für dieses Jahr prognostizieren wir einen Rückgang. Im 2009 sind wir eher vorsichtig. Wir sehen eher eine Stagnation. Im 2010 sollte es wieder etwas anziehen.

Die Prognosen der verschiedenen Institute unterscheiden sich teilweise massiv. Bezüglich Bauinvestitionen für das laufende Jahr gibt es beispielsweise eine Spannweite von +0,7 Prozent (Créa) bis –3,1 Prozent (CS). Aufgrund welcher Kriterien kann ein Nicht-Profi abschätzen, welcher Prognose er vertrauen soll?
Das ist extrem schwierig. Vermutlich ist es das Beste, wenn er sich sagt, ein Mittelwert sei nicht so schlecht.

Wie kommen solche Abweichungen eigentlich zustande?
In der Schweiz gibt es mit Créa, KOF und BAK drei Prognose-Institute. Wir arbeiten mit ähnlichen Instrumenten, so genannten makroökonomischen Modellen. Die Credit Suisse arbeitet weniger stark modellgestützt, sieht aber direkt, was bei ihren Kunden läuft. Vielleicht lassen sie sich im Moment aber ein wenig zu stark durch die Finanzkrise beeindrucken.

Ein bisschen provokativ gefragt: Inwiefern hat Wirtschaftsprognose etwas mit dem Lesen von Kaffeesatz zu tun?
Gar nichts. Da muss ich selbstverständlich heftig widersprechen. Ich will damit nicht sagen, dass unsere Prognosen immer zu 100 Prozent richtig sind, denn wir wissen, dass sie selten ganz richtig sind. Der Unterschied zum Lesen von Kaffeesatz ist jener, dass wir mit Methoden arbeiten, die, wenn sie korrekt angewendet werden, zu vernünftigen Ergebnissen führen. Schwierig an unserer Arbeit ist das Treffen von Annahmen. Vielleicht ein Beispiel: Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass der Ölpreis auf 145 Dollar pro Barrel ansteigt? Hätte das jemand behauptet, hätte das als theoretisch möglich gegolten, er aber dennoch als Fantast. Dieselbe Schwierigkeit gilt auch für die amerikanische Subprime- Krise. Vor einem Jahr sahen wir die allerersten Zuckungen davon. Hätten wir allerdings damals von einer riesigen Krise gesprochen, dann hätten Sie mich damals ungläubig angeschaut. Die Beispiele zeigen, wir können für Prognosen keine Extremannahmen treffen, weil die Leute uns das nicht glauben würden. Die glaubhaften Annahmen, die wir dagegen treffen, erweisen sich im Nachhinein als mehr oder auch mal weniger richtig. Entsprechendes gilt dann auch für unsere Prognosen. Wichtig ist allerdings, dass im Nachhinein immer klar ist, weshalb wir daneben gelegen sind. Man kann es plausibel erklären. Deshalb ist es bei Prognosen so zentral, dass man nicht bloss eine Zahl darstellt, sondern auch die entsprechende Herleitung und die Interpretation transparent macht. Die Story hinter der Zahl ist eigentlich wichtiger als die Zahl selbst.

Sie sagen, die Hauptsache sei, dass Ihre Prognosen in sich stimmig sind. Das heisst demnach, Sie rechnen keine Marge für Unvorhersehbares mit ein?
Nein. Das ist schwierig. Bei einem Hausbau deklarieren sie im Vornherein einen Voranschlag, sagen, das Haus koste eine Million und rechnen für Unvorhergesehenes zehn Prozent oben drauf. Andererseits käme es keinem Planer in den Sinn, für Unvorhergesehenes zehn Prozent abzuziehen. Bei uns wissen wir eben nicht, ob die Marge nach unten oder nach oben eingerechnet werden sollte. Wenn wir annehmen, dass sich der Ölpreis im nächsten Jahr im Schnitt bei 120 Dollar bewegt, ist es trotzdem möglich, dass er bedeutend höher oder tiefer liegt. Was wir allenfalls tun könnten, wäre festzuhalten, unsere BIPPrognose für nächstes Jahr sei 1,3 und wir haben auf diese Angabe eine Marge von plus/minus X. Aber dann würden die Leute sagen, wir wüssten selbst nicht so genau, was wir prognostizieren sollen. So etwas macht kein Prognose-Institut.

Ein Beispiel für etwas Komplexes und Unvorhersehbares ist 9/11. Wie schnell ist man in der Lage, eine Prognose nach einem solchen Ereignis anzupassen?
Rein technisch betrachtet braucht man dafür einen Tag. Wir können unsere Modelle jederzeit konsultieren und unsere Annahmen ändern. Viel schwieriger ist die Frage, was ein solches Ereignis tatsächlich verändert. Die alleinige Tatsache, dass uns ein solches Ereignis erschüttert, ist dem Modell prinzipiell egal. Wir müssen uns dann beispielsweise fragen, ob die Konsumenten nach einem solchen Ereignis ihre Konsumpläne ändern. Verschieben sie ihre Ferien oder streichen sie sie gar? Kaufen sie deswegen kein Auto? Oder bauen sie deswegen kein Haus? Über die entsprechenden Antworten müssen wir herausfinden, welche Annahmen in unserem Modell geändert werden müssen. Wenn beispielsweise der Golf-Krieg ausbricht, kann ich mir die Situation besser vorstellen. Es handelt sich dabei um ein Öl-Land. Der Krieg könnte zu einer Ölverknappung führen, was den Ölpreis erhöhen könnte. Das ist eine konkrete Annahme, welche ich ins Modell einfügen kann. Man muss sich stets Gedanken darüber machen, inwiefern sich der Schock eines Ereignisses auf wirtschaftlich messbare Grössen auswirkt. Solche Katastrophen finden primär auf einer nichtökonomischen Ebene statt. Um sie für Prognosen zu berücksichtigen, müssen sie zuerst in die ökonomische Welt transferiert werden.

Sie deuten an, 9/11 habe wenige wirklich messbare wirtschaftliche Veränderungen nach sich gezogen. Im Nachklang des Ereignisses fand immerhin ein Swissair- Grounding statt.
Das gab es, ja – und es gibt auch Leute, die sagen, da gäbe es eine Kausalität. Um das abschliessend zu beurteilen, bin ich allerdings zu wenig mit dem Fall vertraut.

Eine Gemeinsamkeit mit dem Lesen von Kaffeesatz haben Sie verneint. Aber wie steht es um die Verantwortlichkeit? Ist diejenige von Konjunkturforschern prinzipiell mit der von Meteorologen vergleichbar? Wenns stimmt, ists wunderbar – wenn nicht, wars die Schuld des unvorhersehbaren Windes.
Das ist ein Thema, das in Europa nicht wirklich diskutiert wird. Es ist allen klar, dass wir keine Hellseher sind. Wir betonen stets, dass wir modellgestützt arbeiten und legen die Annahmen, welche wir getroffen haben, offen. Wären wir in Amerika, dann müssten wir vermutlich jeder Prognose einen einseitigen Disclaimer vorschalten, welcher klarstellt, dass wir nicht für die Richtigkeit der Prognose haftbar sind.

Was fasziniert Sie prinzipiell an Prognosen?
Eine Prognose ist eine Aussage über die Zukunft. Wir können heute darüber diskutieren, wie sich die Situation morgen präsentiert, und wir werden morgen wissen, wie gut unsere Prognose ausgefallen ist. Dazu kommt, dass es keine Arbeit ist, bei der man immer wieder dieselben Dinge macht, obwohl es formal immer dasselbe ist. Die Ausgangslage ist allerdings immer unterschiedlich und deshalb ist auch immer die Zukunft unterschiedlich, die wir prognostizieren.

Gemeinsam mit Ihren drei Geschäftsleitungskollegen halten Sie die Mehrheit der BAK-Aktien. Ist es für Sie als CEO selbstverständlich, in das eigene Unternehmen zu investieren?
Ja.

Finden Sie, es sollte für jeden CEO selbstverständlich sein?
Ja. Wenn ich überzeugt bin von einer Sache, dann bin ich doch auch bereit, in sie zu investieren. Ich investiere sowieso in verschiedener Hinsicht. Bei mir ist es so, dass ein Teil meines Vermögens investiert ist. Aber ich investiere auch extrem viel von meiner Zeit, von meiner Energie und meinen Emotionen. Wenn ich von einer Arbeit überzeugt bin, bin ich bereit, mich auf der ganzen Palette von Investitionen einzubringen. Ansonsten lasse ich es lieber bleiben.

Wie viel Gewinn haben Sie mit Ihrem BAK-Anteil schon erwirtschaftet?
Wir sind ein nicht kotiertes KMU. Mit 30 Mitarbeitern sogar ein «K» unter den KMU’s. Deshalb hat die Aktie faktisch keinen Marktpreis, weshalb ich glücklicherweise nicht täglich in der Zeitung nachlesen muss, wie der Kurs schwankt. Das ist auch viel angenehmer so.

Aber Sie wissen Ihr Geld lieber bei BAK investiert als bei einer Grossbank?
Im Moment sicher, ja.

In einer Medienmitteilung von Anfang Mai war zu lesen, dass ein Hauptziel der BAK Geschäftsleitung die Unabhängigkeit sei. Ist diese eine zentrale Voraussetzung für Ihre Arbeit?
Wir machen nicht bloss Prognosen, sondern bieten auch weitergehende Beratung, insbesondere für Gebietskörperschaften, an. Dafür ist es sehr wichtig, dass die Kunden wissen, dass wir nicht von einer Firma oder einem Investor abhängen. Sie müssen wissen, dass wir Informationen, die ihnen als Entscheidungsgrundlage dienen, nicht in einer Weise beeinflussen, die unser Geldgeber im Hintergrund interessant finden könnte.

Zum Erhalt dieser Unabhängigkeit soll der Umsatz durch Effizienzsteigerung, kontinuierlicher Innovation und Marketing gesteigert werden. Was ist bei einem Wirtschafts-Forschungsinstitut unter kontinuierlicher Innovation zu verstehen?
Wir haben beispielsweise eine eigene Datenbank. In dieser Datenbank haben wir mittlerweile mehr als eine Million so genannter Zeitreihen. Zeitreihen, wie es beispielsweise das BIP der Schweiz von 1980 bis heute ist. Innovativ ist es nun, wenn man überlegt, wie man mit dieser Datenbank umgehen soll. Wie kann man solche Daten effizient erfassen, aufbereiten, abspeichern? Oder wie kann ein Kunde auf solche Daten zugreifen? Im gesamten EDV-Bereich sind grosse Innovationen möglich und wir versprechen uns davon einige Verbesserungen für die Kunden sowie auch für uns selbst.

Gibt es eigentlich Momente, in denen Sie genug haben von Zahlen und von der Wirtschaft?
Bis jetzt nicht. Wirtschaft interessiert mich einfach. Wirtschaftliche Aspekte interessieren mich sogar, wenn ich in die Ferien reise. Ich glaube, ich könnte nicht hier sitzen, wenn es anders wäre.

Würden Sie über sich selbst sagen, Sie seien ein Zahlenmensch?
Nein, eigentlich nicht. Ich mochte Mathematik zwar immer gut leiden, weshalb ich bei Zahlen nie Berührungsängste verspürte. Aber Zahlen sind für mich immer nur ein Hilfsmittel, um etwas zum Ausdruck zu bringen. In meiner Zunft insbesondere, um etwas zu messen und um eine Aussage zu machen. Interessant wird die Zahl allerdings erst mit der entsprechenden Geschichte, die dazu gehört. Deshalb würde ich mich eigentlich nicht als Zahlenmensch bezeichnen.

Sondern als Geschichtenerzähler?
Eigentlich ja. Bloss klingt Geschichtenerzähler weniger seriös als Wirtschaftsanalyst.

Beat Matter