Der Chef vor Ort

Beat Matter

Marcel Kasseroler, 50, Maler, führt seit 23 Jahren sein eigenes Malergeschäft. Als Chef eines Kleinunternehmens ist er auf jeder Baustelle präsent. Ein direkter, ehrlicher Umgang ist für ihn zentral. (die baustellen Nr. 09/2011)

1988 habe ich mein eigenes Malergeschäft eröffnet und biete seither das komplette Angebot an Malerarbeiten im Innen- und Aussenbereich an. Renovationsarbeiten an und in Einfamilienhäusern und Wohnungen, Büros oder Ladenlokalen, Neubauten nicht. Die ersten 15 Jahre arbeitete ich alleine. Seit acht Jahren habe ich einen Angestellten. Das war für mich damals ein grosser Schritt. Ich fragte mich, ob die Arbeit für zwei reicht. Vor allem im Winter. Es hat bisher immer geklappt. Wir sind ein gutes Zweierteam. Weiter wachsen will ich nicht. Ich mag die Überschaubarkeit. Bevor ich mich selbständig gemacht habe, arbeitete ich in einem grossen Malergeschäft im Raum Zürich. Doch irgendwann wollte ich meinen eigenen Arbeitsstil anwenden und meine eigene Vorstellung von Zusammenarbeit verwirklichen. Dauernd angetrieben zu werden, obwohl man stets saubere und schnelle Arbeit ablieferte – und dabei dennoch nicht zufriedenstellend honoriert wurde, das war ich leid. Also machte ich mich selbständig und übernahm selbst die Regie. Was andere anbieten, kann ich auch, dachte ich, sogar noch besser. Es lief von Anfang an sehr gut.

Direkter Draht zum Chef

Ich bin auf jeder Baustelle präsent. Die Kunden können mit dem Chef planen, Absprachen treffen und Ideen diskutieren. Am Schluss wissen sie: Was beschlossen wurde, wird genau so umgesetzt. Und sollten während der Arbeit neue Wünsche entstehen, so können auch diese direkt mit dem Chef besprochen werden. Das macht die Zusammenarbeit einfach, klar und frei von Missverständnissen. Und nicht zuletzt ist es ja auch eine Frage des Vertrauens. Die Kunden geben mir schliesslich ihre Wohnungsschlüssel und lassen uns in ihre Privatsphäre eintreten. Wir sind im ganzen Kanton Zürich tätig. Mittlerweile haben wir am linken Seeufer eine grosse Stammkundschaft. Nicht selten rufen Kunden an, denen ich vor Jahren etwas gestrichen habe und bei denen nun wieder «öpis nah» ist. Grösstenteils werden wir mündlich weiterempfohlen. Das halte ich für ein schönes Qualitätsmerkmal. Es ist schon vorgekommen, dass Kunden ihr Ferienhaus im Tessin von mir streichen lassen wollten. Das mache ich, weil es gute Kunden sind. Vor sechs Jahren ist mein Sohn zur Welt gekommen. Weniger arbeiten tue ich deswegen wohl nicht. So ist es halt, wenn man selbständig ist. Wenn es dringend ist und das Handy klingelt, ist man zur Stelle. Es fällt mir nicht leicht, mich in der Freizeit klar von der Arbeit abzugrenzen.

Wissen weitergeben

Ich habe mir eigentlich immer vorgenommen, mit 55 Jahren an die Berufsschule zu gehen, um den Jungen mein Wissen weiterzugeben. Leider klappt das nicht mehr, weil heute von den Berufsschullehrern die Matura verlangt wird. Nun könnte ich mir gut vorstellen, meine Erfahrungen auf anderem Wege weiterzugeben, an einen Lehrling. Er hätte es gut bei uns und könnte vieles lernen. Aber er müsste Einsatz geben und wirklich arbeiten wollen. Ich glaube, ich bin ein guter Chef. Gute Leistung anerkenne und honoriere ich genauso direkt, wie ich es auch sagen kann, wenn mir etwas nicht passt. Das war bei mir damals in der Lehre genauso. Aber ich wusste stets, woran ich war. Und so muss das doch sein.

Beat Matter