Fischen am Himmel

Gian-Marco Castelberg

Erst lernte er in der Klubschule Migros Drachen bauen. Dann wurde René Maier im Drachenland China Weltmeister. Seine Meisterwerke sprengen die Grenzen des Drachenbaus: Sie fliegen auch (fast) ohne Wind. (Migros-Magazin, 20.04.2009, Nr.17/2009)

Er schiebt den bodenlangen Vorhang zur Seite und schaut schräg durch das Schlafzimmerfenster übers freie Feld. An einem der ersten echten Frühlingstage im Jahr ist das Drachenfliegen etwas vom Letzten, woran man denkt. Da ist Sonne, aber kein Wind.

René Maier sieht das anders: «Sie bewegt sich immerhin», sagt er, die Schweizer Fahne eines ansässigen Schrebergärtners im Blick. «Sie bewegt sich. Und das reicht völlig.»

Der 46-jährige Gossauer (ZH) ist Weltmeister im Drachenbau und lässt sich vom fehlenden Wind den Spass nicht verderben. «Das, was landläufig als Drachenwetter gilt, ist nichts für mich. Dann schaue ich lieber den anderen zu und plaudere mit ihnen. Ich fliege lieber dann, wenn alle andern es nicht mehr können.» Dem Bau von Drachen, die auch bei Windflaute noch fliegen, widmet der gelernte Maschinenmechaniker Maier, heute als Informatiker tätig, seine ganze Freizeit.

Die Schweiz braucht leichte Drachen

Eine derartige Leidenschaft muss über Jahrzehnte und aus den Wurzeln in der Kindheit gewachsen sein, denkt man ob Maiers Enthusiasmus. Aber dem war nicht so: «Ich bin in Uster unter städtischen Umständen aufgewachsen. Eine Wiese kannte ich kaum. Ich wusste wohl, dass es Drachen gibt, die man fliegen lassen kann. Etwa so, wie es solche gibt, die von alleine fliegen und Feuer speien», scherzt Maier. Als 36-Jähriger machte er mit Frau und Tochter Campingferien an der Nordsee, wo «es mir nach drei Tagen Spazieren am Strand langweilig wurde».

Da waren ihm die vielen Leute aufgefallen, die ihre Lenkdrachen im Küstenwind steigen liessen. «Unten rauschte es, oben pfiff es: wunderbar», beschreibt Maier den Moment der Infizierung. Er kaufte sein erstes Exemplar und verbrachte den Rest der Ferien damit, das Teil unter Kontrolle zu bekommen. Als er den Dreh raus hatte und schliesslich seinen Drachen in der Schweiz wieder steigen lassen wollte, funktionierte er nicht mehr – zu schwer bei zu wenig Wind.

Dann ging es schnell. «Ich kaufte mir einen leichteren Drachen. Mit nur einem wurde mir aber langweilig. Ich kaufte also weitere, bis ich mir überlegte, dass jemand die Drachen ja bauen muss. Wäre ja gelacht, wenn ich als gelernter Mechaniker das nicht auch selbst könnte.»

In einem Drachenbaukurs der Klubschule Migros fertigte Maier daraufhin seinen ersten Drachen. Er liess sich von seiner Tochter, die damals noch Handarbeitsunterricht erhielt, die Nähmaschine erklären. Bei seiner Mutter holte er weitere Nähtipps. «Im Bernina-Laden kennen sie mich unterdessen mit Namen», sagt Maier. Heute sei ihm das Bauen ebenso wichtig wie das Fliegen.

Rund 200 Drachen hat Maier konstruiert. Einige davon bestehen aus bis zu hundert kleinen Einzeldrachen, deren Fertigung mehrere hundert Arbeitsstunden in Beschlag nehmen. Es sind Drachen in allen Grössen und Formen. Alle mit dem Anspruch, im meist sanften Schweizer Wind zu funktionieren. «Je leichter, desto fliegen. Diese Kausalität habe ich schnell erkannt.»

Dass bei Lenkdrachen eine fixe Dreiecksgrundform gegeben ist, bei einleinigen Drachen dagegen der konstruktiven Ideenvielfalt kaum Grenzen gesetzt sind, war eine weitere Erkenntnis. Das Fliegen lassen sei mit den Einleinern eher gemütlich, ein bisschen wie Fischen am Himmel. Und das macht Maier gerne in Gesellschaft. Er ist Mitglied im Drachenclub Wehntal, besucht internationale Drachentreffen und Wettbewerbe.

Triumph am Geburtsort der Drachen

Schliesslich sei die Idee gereift, einmal dort zu fliegen, wo der Drachen seinen Ursprung hat. Maier schloss sich 2005 einer Gruppe an, die am traditionellen Drachenfest im chinesischen Weifang teilnehmen wollte. Das Fest war in dem Jahr als Weltmeisterschaft deklariert. Maier landete auf dem zweiten Platz. Ein Jahr später kehrte er mit einem Superlativ namens Oionos an die WM in die Geburtsstadt der Drachen zurück. Oionos war mehr als sechs Meter lang und bestand aus 1500 Polyesterstoffteilen und 60 Metern Kohlefaserrohr.

Maier baute den Drachen in 380 Stunden, nach Plänen des Telefonerfinders Alexander Graham Bell. «Ich weiss nicht, nach welchen Kriterien die Chinesen bewertet haben. Ich konnte ihnen nicht erklären, was ich mir beim Bau von ‹Oionos› überlegt hatte. Die konnten kein Englisch.» Maier wurde auch wortlos Weltmeister.

Früher oder später werde er wieder hingehen, sagt Maier. «Aber wegen des Abenteuers, nicht des Titels wegen.» Obwohl er gerne zeigt, was er in unzähligen Stunden ausheckt, will Maier in erster Linie seinen eigenen Ansprüchen genügen. «Ich gebs zu, ich bin Perfektionist», sagt er dazu. Plane und realisiere er einen nie zuvor gebauten Drachen, sei er «pingelig, sogar idiotisch ineffi-zient». Aber er habe schon manchen 70-, vielleicht 80-jährigen Mann mit einem Drachen auf der Wiese stehen sehen. «Da ist noch Zeit.»

Beat Matter