Sesseltanz am Küchentisch

René Ruis

Familie Schlattinger rückt regelmässig dicht zusammen. Mit ihren acht Kindern leben Walter und Daniela in einer Vierzimmerwohnung im Thurgau. Das wilde Leben im Grossverbund ist eng, aber herzlich. (Migros-Magazin, 04.01.2010, Nr.01/2010)

«Essen!», ruft Mutter Daniela Schlattinger (44) aus der Küche. Die Kinder strömen herbei und starten die tägliche Debatte über die Sitzplätze. «Ich will nicht in der Ecke sitzen», prustet die 13-jährige Johanna los. Zwischen Raphael (16) und Josef (15) entbrennt ein Streit, wer neben dem Hochsitz für Klein Simon sitzen muss oder darf. Die 10-jährige Mirjam will neben dem Papa sitzen. Und Magdalena (7) und Eva-Maria (5) müssen sich mit ihren Tellern ins Wohnzimmer setzen, weil heute der «Mann von der Zeitung» zu Besuch ist. Sie finden das «megalässig». Nur Josua (11) ist es gleichgültig, wo er sitzt, solange er nur sitzen kann.

Vater Werner Schlattinger (42) organisiert das Schöpfen. Auf dem Herd blubbert die zweite Fuhre Teigwaren. Denn die Schlattingers aus Dozwil TG sind zu zehnt, und für acht Heranwachsende reicht ein Topf niemals.

Die Zahl Acht ergab sich einfach

«Es gibt keinen speziellen Grund, weshalb wir genau acht Kinder haben», sagt Werner Schlattinger. Er ist Atelierchef einer Silberschmiede in Zürich, arbeitet auch samstags und ist der «Ernährer». Schlattingers sind katholisch, doch dies sei nicht der Grund für die grosse Kinderschar. Sie seien sich schlicht einig gewesen, viele Kinder haben zu wollen. Die Zahl Acht habe sich einfach ergeben.

«Wer investiert, der erhält etwas zurück»

Anstelle einer Familienplanung reicht Werner Schlattinger eine recht simple Investitionsplanung. «Sei es Familie, Arbeit, Sport oder Musik – wer etwas investiert, erhält etwas zurück. Wer mehr investiert, erhält mehr zurück», umschreibt er seine Philosophie, die mit Geld nichts zu tun hat. Dieses habe immer irgendwie gereicht. Er sei weder ein Rechner noch ein Sparer. Was reinkomme, sei zum Brauchen da. «Das Schöne, das einem so viele Kinder geben, ist sowieso unbezahlbar.»

Doch trotz all dem Schönen gibt es auch Momente, in welchen der Energievorrat aufgebraucht ist. «In einer Grossfamilie ist man eigentlich mit dem normalen Alltag ausgelastet», sagt Schlattinger. Sobald etwas Ausserordentliches hinzu komme, seien schnell einmal die Grenzen erreicht. Zusätzliches gibt es oft: ein Problem in der Schule vielleicht. Oder ein krankes Kind.

Derzeit sorgt in der Familie ein spezielles Projekt für Aufwand und Hoffnung zugleich: 200 Meter von der derzeitigen Wohnung entfernt ist ein Stück Land für die Schlattingers reserviert. Dort soll ein Haus mit mehr Platz entstehen, so die Bank will. Die Kinder wollen, einstimmig. Häufig werde sie gefragt, ob alle Kinder vom gleichen Vater seien, sagt Daniela Schlattinger. Sie sind es. Nicht die Familie ist ein Patchwork, dafür aber die enge Vierzimmerwohnung. Der knappe Platz ist in kleinste Einheiten unterteilt. Johannas Musikecke im Wohnzimmer ist mit Schränken und Holzkisten abgetrennt, damit der kleine Simon nicht an die teure Harfe kann.

Der Computer, der ebenfalls im Wohnzimmer steht, wird auch zum Fernsehen benützt. Zu diesem Zweck wird das Sofa unter dem Bildschirm von der Wand weg- und nach Gebrauch wieder zurückgeschoben. An der Wand hängt eine Dartscheibe, von der Decke baumelt eine Hängematte. Das Schlafzimmer der «Kleineren» ist ein Massenschlag. Zwei Kajütenbetten stehen an der Wand, ein Einzelbett unter dem Fenster, und mitten im Raum liegen zwei Matratzen übereinander. «Darauf schlafe ich wie diese Prinzessin aus dem Märchen», erklärt Mirjam stolz.

Johanna ist als Zimmerälteste der Boss. Doch vor allem die kleinen Schwestern tanzen ihr gehörig auf der Nase herum. Als Magdalena etwas von einem Bekannten berichten will, fliegt ein Kissen durch den Raum. «Zicken», sagt Josua und zieht sich die Bettdecke über den Kopf. Gerne würde er drüben schlafen, im Zimmer, das die ältesten zwei Söhne für sich haben. Eine kleinere Familie kann und will sich aber keines der Kinder vorstellen. «Das wäre doch weniger lustig», sagt Evi dazu. Etwas weniger lustig findet Raphael, der Erstgeborene, mittlerweile den Mangel an Privatsphäre. Er beginnt sich für das Thema Ausziehen zu interessieren. «Bauen wir das neue Haus, bleibe ich aber noch länger», sagt er.

Das Bett wird fast ständig mit einem Kind geteilt

Mutter Daniela Schlattinger steht seelenruhig inmitten der Kinder, die halsbrecherisch von einem Bett aufs andere springen. Längst hat sie Nerven entwickelt, die mehr ertragen als den alltäg- lichen Wahnsinn. «Ich habe auch nichts dagegen, wenn die Kinder ‹Gschpänli› mitbringen, sogar zum Übernachten», sagt sie. In der Regel bieten aber eher deren Eltern an, dass die Schlattinger-Kinder zu ihnen zu Besuch kommen. «Eine mitelterliche Solidarität», nennt es Daniela Schlattinger. Die gelernte Krankenschwester ist Vollzeitmutter. In der Zeit, die daneben eigentlich nicht bleibt, macht sie den «Abwart» im Mehrfamilienhaus und sitzt in der örtlichen Schulpflege. Ihr eigenes Schlafzimmer ist zur Hälfte das Heimatelier ihres Mannes. Ihr Bett teilen sich die Eltern seit Jahren und «eigentlich immer» mit dem einen oder anderen Kind.

«Ich wollte das immer», sagt Daniela Schlattinger. Erstaunlicherweise ist ihr die Zeit nach der zweiten Geburt als die anstrengendste in Erinnerung. «Mit dem zweiten Kind kam mein ganzer Rhythmus durcheinander.» Danach sei es mit jedem Kind nur noch schöner geworden.

Ein neuntes Kind oder doch lieber Enkelkinder?

Gleichzeitig wurden Pausen seltener. «Ich geniesse es deshalb, mit Velo und Kinderanhänger zum Einkaufen zu fahren. Diese Zeit auf dem Velo ist meine Freizeit, da kann ich den Kopf lüften», sagt Daniela Schlattinger. Nach dem Einschlafen der Kinder fehlt es oft an Energie. «Wenn sie abends auf das Sofa sitzt, dauert es keine Minute, bis sie einschläft», sagt ihr Mann Werner.

Dennoch: «Sollte es mit dem Haus klappen, würde ich mir noch ein neuntes Kind wünschen», sagt er. Sofort schickt ihm seine Frau einen halb irritierten und halb belustigten Blick zu. «Mit dieser Aussage neckt er häufig die Kinder», wiegelt sie ab. Doch was täte die Rastlose bloss, wenn die Kinder eines nach dem anderen auszögen? «Dann habe ich Zeit für die Grosskinder», lacht sie.


 

Gibt es einen Babyboom?

Der Eindruck täuscht nicht: Es werden mehr Kinder geboren in der Schweiz als in früheren Jahren. Im Jahr 2008 kamen 76 700 Kinder zur Welt. Das waren 2,9 Prozent mehr als im Jahr davor. Im Jahr 2009 dürfte die Geburtenzahl weiter angestiegen sein, allerdings fehlen noch die Daten des letzten Quartals. Für das Jahr 2008 errechnete das Bundesamt für Statistik (BFS) eine Geburtenziffer von 1,48. Das bedeutet: Unter den Bedingungen, die im Jahr 2008 vorherrschten, würde eine Frau in der Schweiz im Verlaufe ihres Lebens durchschnittlich knapp eineinhalb Kinder zur Welt bringen. Noch im Jahr 2001 betrug diese Geburtenziffer 1,38. Das entspricht einer Zunahme von 6,8 Prozent. Das Bundesamt für Statistik spricht allerdings nicht von einem neuen Babyboom, sondern von einer «Stabilisierung mit Werten um 1,4». Es erinnert daran, dass die Zahl der Geburten im Jahr 2008 insgesamt um

22,7 Prozent unter dem Stand von 1970 liegt. Noch im Jahr 1967 lag die Geburtenziffer bei 2,7 Kindern pro Frau. Das entspricht beinahe dem doppelten Wert von heute.

Der vermeintliche «Babyboom» der letzten Jahre führt aber nicht zu grösseren Familien. Im Gegenteil: Die Schweizer Haushaltungen werden immer kleiner. Gemäss Bundesamt für Statistik lebten im Jahr 1970 in 15,7 Prozent der Schweizer Privathaushalte fünf oder mehr Per-sonen. 2008 waren es nur noch 5,7 Pro- zent. Demgegenüber hat sich der Anteil der Einpersonenhaushalte von 19,6 im Jahr 1970 auf 37,1 Prozent im Jahr 2008 beinahe verdoppelt. Nur Haushaltungen mit einer oder zwei Personen haben in den vergangenen 40 Jahren ihren Anteil erhöht. Denn auch Drei- und Vierpersonenhaushalte sind anteilsmässig rückläufig, wenn auch langsam.

Deutlich sichtbar wird das zunehmend exotische Dasein von Grossfamilien weiter durch die statistische Aufschlüsselung der Geburtenfolge: Im Jahr 2008 waren nur 3,4 Prozent aller ehelich geborenen Säuglinge ein viertes oder späteres Kind. 2190 solcher Gebur- ten wurden 2008 registriert 30 Prozent weniger als noch zehn Jahre davor.

Kinderreiche Familien sind eher von Armut bedroht als Kleinfamilien. Gemäss Bundesamt für Statistik müssen 9 Prozent aller Schweizer Haushalte mit weniger als dem Existenzminimum auskommen. Sie gelten somit als arm. Die Hälfte davon sind «Working Poor»-Haushalte. Das bedeutet, dass trotz einer Vollzeitbeschäftigung das Existenzminimum nicht erreicht wird. Am häufigsten sind Einelternhaushaltungen von Armut betroffen (26,7 Prozent), unmittelbar gefolgt von Paarhaushaltungen mit drei oder mehr Kindern (24,3 Prozent). Jede vierte Grossfamilie ist demnach von Armut betroffen. Am ausgeprägtesten ist in der Kategorie der grossen Familien zudem der «Working Poor»-Anteil: Mit 17,9 Prozent liegt er viermal höher als der Landesdurchschnitt.

Beat Matter