Nur für Schwindelfreie

Ruben Wyttenbach

Petra Müller ist Vize-Weltmeisterin im Eisklettern. Dass sie in ihrem ganzen Leben erst einen einzigen Eisfall durchstiegen hat, ist kein Widerspruch: Wettkämpfe finden sozusagen auf dem Trockenen statt, da Natureis meist zu tiefe Ansprüche stellt. (Migros-Magazin Nr.09/2009)

Der Schrei war laut, und dennoch ist kein Echo zu hören. Die schneebestäubten Bäume am Hang über dem Rheintal, von dem aus man ein bisschen Schweiz, Liechtenstein und Österreich überblickt, haben den Laut geschluckt.

Petra Müller baumelt an einer überhängenden Felswand, zu hören ist nur ihr keuchender Atem. Nun zieht die 34-Jährige das linke Bein hoch, hakt damit ihren linken Arm ein und lässt mit der rechten Hand einfach los. Das Ganze sieht aus wie im Hollywood-Streifen «Cliffhanger» mit Sylvester Stallone: nur an einem Arm am Fels hängen, im Sonnenuntergang schaukeln und dazu cool lächeln.

Nach einem Lächeln ist Petra Müller aber gerade nicht zumute: «Es pumpt extrem!», schreit sie runter zu Jack, ihrem Ehemann, der sie vom Boden aus sichert. Man versteht «Krampf» und «Wade», dann muss Jack wieder Seil geben. «In einem realen Wettkampf wäre durch die psychische Belastung alles noch schwerer», wird die Kletterin später sagen.

Gewaltiger Kraftakt am überhängenden Fels

Sie muss es wissen: Petra Müller ist die erfolgreichste Schweizer Eiskletterin der vergangenen Jahre. Vor vier Jahren holte sie sich den Weltmeistertitel, zwei Jahre später Bronze. Vor einem Monat beendete die zweifache Mutter aus Gams SG nach dem Gewinn des Vize-Weltmeistertitels und des Schweizer-Meisterschafts-Titels ihre Wettkampfkarriere.

Der äusserst dynamisch vorgeführte Kraftakt der zierlichen Frau versetzt den Zuschauer ins Staunen. Daneben wird der Laie den Gedanken nicht los, dass Eispickel und Steigeisen zwar prächtig zum Eisklettern passen, dieser völlig eisfreie Fels da aber so gar nicht. Müllers Erklärung leuchtet jedoch ein: «Auf einem Gletscher würde man zwar überhängende Passagen finden. Aber Gletschereis ist zu hart, um einen Pickel anzusetzen. Und im Übrigen wächst Eis ja nur senkrecht. Das wäre also viel zu einfach.»

Beim Wettkampf komme hinzu, dass die Verhältnisse für den ersten und den letzten Starter nicht mehr vergleichbar wären, wenn 40, 50 Kletterer ihre Pickel und Steigeisen auf derselben Route in das Eis geschlagen hätten.

So ist man dazu übergegangen, die Herausforderungen für die Eiskletterelite künstlich zu gestalten. Petra Müllers letzter Wettkampf, die Weltmeisterschaft in Saas-Fee Ende Januar, fand in einem zehnstöckigen Parkhaus statt. Der Parcours bestand aus einer Vielzahl von Elementen verschiedener Materialien, mitunter Eis. «Aber die Eispassagen stellten nicht die eigentliche Schwierigkeit dar», so Müller. Um gleiche Voraussetzungen zu schaffen und zu verhindern, dass Pickel eingeschlagen werden müssen, war die Kletterstrecke mit kleinen Löchern versehen. Somit waren die Ansetzpunkte für die Pickel und so die Schwierigkeit der notwendigen Kletterzüge definiert.

«Diese Form des Wettkampfs hat auf mein Training insofern Auswirkungen, als ich nicht auf Eis angewiesen bin», erklärt die Cliffhangerin. Und tatsächlich: Jack, ebenfalls ein Weltklasse-Eiskletterer, hat den Trainingsfels über dem Rheintal in mühseliger Arbeit mit denjenigen klitzekleinen Bohrlöchern versehen, die jeweils bei den Wettkämpfen vorzufinden sind.

Vom Pferd auf Eis umgesattelt

Petra Müller hat sich das Klettern sozusagen per Eheschliessung ins Leben geholt. Bis dahin war sie in ihrer Freizeit vor allem auf einem Pferderücken anzutreffen gewesen. Im Winter 2000/2001 besuchte die damals 25-Jährige ihren Mann zum ersten Mal bei einem Wettkampf im Eisklettern – um tags darauf auf dem Gletscher im österreichischen Piztal mit Eispickeln in der Hand ein bisschen «ume zstägere». Schliesslich meldete die Clique Petra Müller für das Weltcup-Eisklettern in Saas-Fee an, das einige Wochen später angesetzt war. Die Novizin beendete es auf dem sechsten Schlussrang und war damit mit dem Eisklettervirus infiziert.

Für Petra Müller ist indes klar, dass ihr nach dem Ende ihrer erfolgreichen Karriere der Kick des Wettkampfs fehlen wird. Die gewonnene Zeit will sie allerdings ihrer Familie und nicht einem neuen Wettkampfgebiet widmen. Daneben will sie sich vermehrt dem alpinen Klettern zuwenden. «Und vielleicht beschäftige ich mich intensiver mit dem Erklettern von Eisfällen. Das habe ich nämlich erst ein Mal gemacht». Sagt eine der besten Eiskletterinnen der Welt.

Beat Matter