Excellence in diversity

Beat Matter

Ines Kaspar, 28, Projekt-/Bauleiterin, hat beispielsweise in Tschechien erlebt, wohin es führt, wenn in Sachen Bau wenig geregelt ist. Hierzulande mag sie den Schnee. Aber nur in den Bergen. (die baustellen Nr. 02/2009)

Nein, ehrlich. Es ärgert mich überhaupt nicht, wenn ich gefragt werde, ob es schwierig sei, sich als Frau in dieser Branche zu bewegen. Und selbstverständlich höre ich diese Frage nicht eben selten. Aber – das erstaunt dann die Fragenden manchmal – es ist gar kein Problem. Ich fühle mich völlig akzeptiert und hatte auch nie das Gefühl, mich in besonderem Masse beweisen zu müssen, bloss weil ich eine Frau bin. Meine Heimat ist Österreich. Dort besuchte ich die Schule und machte Matura. Ich wusste lange nicht, was ich beruflich genau machen wollte. Irgendetwas auf dem Bau. So viel war klar. Schon als Kind spielte ich lieber mit Autos und Bauklötzen als mit Puppen. Eine Zeit lang malte ich gerne. Durch diesen kreativen, künstlerischen Aspekt stand schliesslich die Architektur zur Debatte. Ich merkte allerdings, dass ich trotz allem zu sehr technisch orientiert bin, als dass ich die Aufgabe des Architekten, die Kunst und die Technik zusammenzuführen, hätte übernehmen können.

Prag und Oxford
Ich entschied mich schliesslich dagegen und besuchte das Kolleg für Revitalisierung und Stadterneuerung in Krems. Neben und nach dieser Ausbildung arbeitete ich einige Jahre lang in den Sommermonaten bei einem grossen Baukonzern in Klagenfurt. Von demselben Unternehmen erhielt ich im Jahr 2004 die Gelegenheit, ein halbjähriges Berufspraktikum in Prag zu absolvieren. Ich kann nicht wirklich sagen, ob sich der Bau in Österreich von jenem in der Schweiz unterscheidet, weil ich in Österreich nie in meiner jetzigen Position tätig war. Ganz sicher kann ich allerdings sagen, dass der Bau in Tschechien ganz anders ist. Detaillierte Projektvorbereitung oder auch eine saubere Arbeitsplanung sind dort kaum bekannte Begriffe. Die Pläne erhält man meist erst dann, wenn sie schon nicht mehr mit der Realität übereinstimmen. Der letzte, definitive Plan entsteht sozusagen nach dem Bau. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – war mein Prag-Aufenthalt überaus spannend und lehrreich. Dieses Praktikum gehörte bereits zu meiner Ausbildung an der Fachhochschule für Bauplanung und Baumanagement in Graz. Ein weiteres Semester lang beschäftigte ich mich dann mit «Construction Management And Ground Engineering » an der Oxford Brookes University in England. Daneben, dass ich die englische Sprache in diesem halben Jahr fundiert lernte, hat es mir hauptsächlich tolle persönliche Kontakte beschert. Die Uni hat sich dem Motto «Excellence in diversity » verpflichtet. Auch mir ist es wichtig, möglichst viel von verschiedenen beruflichen Gebieten zu lernen. Man kann nie alles wissen, also muss man den Experten eines Fachs zuhören. Aus diesem Bedürfnis heraus, wieder etwas Neues kennen zu lernen, suchte ich in der Schweiz nach Arbeit. Bei mir hat das auf Anhieb, mit der ersten Bewerbung, geklappt.

Nicht karrierefixiert
Ich bin nach vielerlei Dingen süchtig. Eigentlich nach allem, was ich so mache. Derzeit liegt mein Fokus auf der Arbeit. Das hat nichts mit knallhartem Karrieredenken zu tun. Es macht mir einfach grossen Spass. Ein Hobby, so wie man das landläufig definiert, habe ich daneben nicht. Familie, Freunde treffen, Reisen, das ist mir das Wichtigste neben der Arbeit. Und ja, in freien Wintertagen ist der Schnee meine bevorzugte Unterlage. Aber der soll bitte in den Bergen bleiben. Für meine Projekte hier unten gibt es schliesslich nichts Unpässlicheres.

Beat Matter