«Wir machen nicht ‹l’art pour l’art›»

Seit bald 100 Jahren ist die Toggenburger AG eine feste Grösse als Baustoffproduzent, Tiefbauer, Kran- und Transportdienstleister, Vermieter von Hebebühnen sowie Umwelttechniker. Im Interview spricht Mitinhaber und Geschäftsführer Truls Toggenburger über Hürden in der Kreislaufwirtschaft, über seine unternehmerische Haltung und über eine Brücke zur nächsten «Toggi»-Generation. (Text und Fotos: Beat Matter, für „die baustellen“ Nr.06/2025)

In der Unternehmensbroschüre der Toggenburger AG schreiben Sie in Ihrem Vorwort: «Wir arbeiten CO2-neutral». Wie ist das als Baustoffproduzent, Tiefbauunternehmung und Logistikbetrieb möglich?

CO₂-neutral zu arbeiten, schaffen wir heute nicht allein aus eigener Kraft. Wir erreichen es nur über Kompensation. Dafür arbeiten wir mit der Schweizer Stiftung Fair Recycling zusammen. Diese begann ursprünglich mit dem Recycling von Leuchtstoffröhren, verlagerte sich dann aber nach Brasilien, wo sie Recycling von Kühlschränken betreibt und dadurch Emissionen reduziert.  

Wie wägen Sie ab zwischen der Reduktion von Emissionen im eigenen Betrieb und der externen Kompensation?

Für mich ist klar: Unsere Tätigkeit beeinflusst das Klima. Wir stehen in der Verantwortung, diese Auswirkungen zu verringern. Dabei ist jede Tonne CO₂, die wir im eigenen Betrieb einsparen, sinnvoller als jene, die wir extern kompensieren. Wir wissen, dass wir internes Reduktionspotenzial haben. Das packen wir Schritt für Schritt an. Dabei verstehen wir uns nicht als Vorreiter mit technologischen Experimenten. Als familiengeführtes KMU sind wir auf tragfähige und durchdachte Lösungen angewiesen.

Wie entscheiden Sie, wo Sie Ihre Mittel am sinnvollsten investieren?

Das ist die entscheidende Frage! Für uns liegt der grösste Hebel klar in den Betonentwicklung. Wenn es uns gelingt, Betonsorten mit reduziertem CO₂-Fussabdruck zu entwickeln und am Markt zu etablieren, bewirken wir damit weit mehr, als wenn wir dieselben Mittel in Photovoltaik, E-Fahrzeuge oder Maschinen stecken würden. In der Praxis verfolgen wir beide Wege. Denn viele alternative Technologien bringen nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile.

Die ganze Schweizer Baustoffindustrie schreibt sich Nachhaltigkeit gross auf die Fahne. Wie viel davon ist echtes Engagement – und wie viel reines Marketing?

Wenn wir über ökologische Nachhaltigkeit sprechen, stehen in unserer Branche vor allem zwei Themen im Fokus: die Kreislaufwirtschaft und die Reduktion von CO₂-Emissionen. Für andere Betriebe kann ich nicht sprechen. Aber bei Toggenburger nehmen wir unsere Verantwortung in beiden Bereichen aktiv wahr. In der Kreislaufwirtschaft sind wir seit fast 40 Jahren engagiert – unsere ersten Versuche mit dem Recycling von Betonabbruch und weiteren Rückbaumaterialien machten wir in den frühen 1990er-Jahren. Heute sind wir auf diesem Gebiet weit fortgeschritten und erreichen sehr hohe Recyclingquoten. Beim CO2-Absenkpfad sind wir deutlich weniger weit. Aber auch dieser ist fester Bestandteil unserer strategischen Ausrichtung.

Auf welcher Grundlage?

Auf der Überzeugung, dass Beton aus guten Gründen der weltweit am häufigsten eingesetzte Baustoff ist: Seine technischen Eigenschaften sind herausragend. Gleichzeitig hat er einen Haken: Für die Herstellung wird Zement benötigt, dessen Produktion sehr energieintensiv ist. Je nach Sorte hat ein Kubikmeter Beton einen Fussabdruck von im Schnitt rund 200 kg CO₂. Die Ausgangslage ist damit klar. Wenn wir das Netto-Null-Ziel bis 2050 erreichen wollen, müssen wir genau dort ansetzen.

Die Zementproduktion liegt nicht in Ihrer Hand. Welche Möglichkeiten haben Sie dennoch, um sich in die richtige Richtung zu bewegen?

Als KMU im Kies- und Betongeschäft sind wir einerseits darauf angewiesen, dass die Zementindustrie ihren CO₂-Fussabdruck deutlich senkt, sei es durch alternative Bindemittel, CO₂-Abscheidung oder andere Technologien. Andererseits liegt es an uns als Betonhersteller, Sorten mit möglichst geringem Zementanteil zu entwickeln und erfolgreich am Markt zu platzieren. Der nationale Anhang ND zur Norm SN EN 206 hat hierfür neue Möglichkeiten gegeben. Wir haben sie genutzt und unsere «InCycle»-Produktfamilie um den Beton «InCycle ND» erweitert, der mit reduziertem Zementanteil auskommt und trotzdem sehr gute baupraktische Eigenschaften aufweist. Ein anderes Schrittchen war die CO2-Anreicherung von Granulat oder Mischwasser.

Die entsprechenden Speicheranlagen werden mittlerweile von verschiedenen Betonproduzenten eingesetzt. Allerdings lassen sich damit nur rund 10 bis 12 kg CO₂ pro Tonne binden.

Ja, deshalb spreche ich von einem Schrittchen. Die CO₂-Anreicherung geht in die richtige Richtung, bringt uns aber nicht sprunghaft ins Ziel. Wir haben uns dennoch entschieden, in die Anreicherung einzusteigen. Wir reichern aber nicht das Granulat, sondern das Betonrestwasser an. Damit können wir pro verarbeitetes Volumen am meisten CO₂ binden. Das ist aktuell die wirksamste Variante für uns.

Sie sind zudem Kooperationspartner des Klark-Klimabetons.

Richtig. Diese Partnerschaft freut mich besonders, weil ich darin grosses Potenzial sehe. Im Klark-Beton setzen wir Pflanzenkohle ein, die unser Partner Inkoh in Maienfeld aus Restholz lokaler Forstwirtschaft herstellt. Damit können wir pro Kubikmeter Beton bis zu 250 kg CO₂eq dauerhaft binden. Das heisst, es besteht die Möglichkeit, einen CO2-neutralen Beton herzustellen, der seine Emissionen nicht irgendwo im fernen Ausland kompensiert, sondern der sie physisch im Produkt drin bindet. Sollte es der Zementindustrie gelingen, CO₂-freien Zement zu entwickeln, könnte aus diesem Ansatz sogar eine echte CO₂-Senke entstehen.

Sie haben die herausragenden Eigenschaften von Beton betont. Grundsatzfrage: Kann man diese erhalten und gleichzeitig den CO₂-Fussabdruck auf null oder sogar ins Negative senken?

Eine berechtigte Frage. Im Klark-Klimabeton unterstützt die Pflanzenkohle nicht die Fähigkeiten des Betons als Konstruktionsprodukt, sondern sie ist schlicht Mittel zur CO₂-Bindung. Damit trägt sie dazu bei, dass Beton als Baustoff erhalten bleibt. Das ist zentral, denn unser gesellschaftlicher Bedarf an Wohnraum, Infrastruktur und Energie lässt sich vorderhand nicht ohne Beton decken. Wenn es gelingt, Beton CO₂-neutral oder gar als CO₂-Senke zu produzieren, leisten wir als mittelständisches Familienunternehmen – und als Branche insgesamt – einen bedeutenden Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Auf der Angebotsseite tut sich viel in Sachen Recycling und CO₂-Reduktion. Doch die Nachfrage scheint weiterhin zu stocken.

Das ist leider richtig. Unsere «InCycle»-Betonsorten, bei denen wir gezielt den Zementanteil und die Kreislauffähigkeit optimieren, machen bislang nur einen kleinen einstelligen Prozentsatz unseres Gesamtabsatzes aus. Derweil verarbeiten wir den grössten Teil der anfallenden RC-Komponenten in Normbeton. Die entsprechende Norm erlaubt bis zu 24,9 Prozent Beton-Granulat und bis 9,9 Prozent Mischabbruch-Granulat. Täte sie das nicht, hätten wir ein Riesenproblem. Stellen Sie sich vor, wir müssten wegen geringer Nachfrage Betongranulat auf Deponien bringen. Das wäre eine Katastrophe!

Was tun, um die Nachfrage anzukurbeln?

Ich leite die Untergruppe RC-Beton der Zürcher Austausch- und Innovationsplattform «Kies für Generationen». Dort sind wir der Frage nachgegangen, weshalb RC-Beton nicht in dem Mass abgesetzt wird, wie es der Gesellschaftstrend erwarten liesse. Schliesslich haben im Herbst 2022 knapp 89 Prozent der Zürcher Stimmberechtigten Ja gesagt zur Kreislauf-Initiative. Gemessen daran bestehen im Baustoffkreislauf noch viele Hürden.

Welche Hürden?

Es gibt mehrere: Zum einen stehen Planer nach gewonnenen Ausschreibungen oft unter grossem Zeitdruck und greifen deshalb auf bewährte Lösungen zurück. Auf Bekanntes aus der Schublade also. Zum anderen waren die Parameter für RC-Beton lange Zeit in gängiger Planungssoftware gar nicht enthalten. Diese Lücke ist inzwischen geschlossen, aber sie hat die Entwicklung verzögert. Auch die Ausbildung an Hoch- und Fachhochschulen ist uneinheitlich: Einige Institute fördern das Thema gezielt, andere behandeln es kaum. Dabei ist gerade in diesem Bereich die Wahrnehmung entscheidend, sowohl in der Fachwelt als auch in der breiten Öffentlichkeit.

Der Bau ist stark fragmentiert. Von der Planung bis zur Schlüsselübergabe sind viele Akteure beteiligt. Wer fördert den Einsatz von RC-Baustoffen, und wer bremst?

Da gibt es die ganze Bandbreite. Jeder Projektbeteiligte trifft Entscheidungen aus seiner Perspektive und in seinem Interesse – das führt in der Summe nicht immer in Richtung Nachhaltigkeit. Wir erleben, dass RC-Beton aus Projekten gestrichen wird, weil Ingenieure Bedenken anmelden oder Baumeister ihn nicht verarbeiten wollen. Und wir erleben im Gegenteil, dass Bauherrschaften trotz Widerständen an RC-Beton festhalten und sich gezielt Partner ins Boot holen, die mitziehen wollen. In diesen Fällen zeigt sich, wie wichtig Überzeugung und Haltung sind. Besonders die öffentliche Hand hat hier eine Vorbildfunktion. In unserem Einzugsgebiet nimmt sie diese erfreulicherweise oft aktiv wahr.

Welche Rolle spielt der Preis bei der Akzeptanz von RC-Baustoffen?

Der Preis ist immer ein zentraler Faktor. Viele Bauherrschaften und Ausführende würden wohl eher zu rezyklierten oder CO₂-angereicherten Baustoffen greifen, wenn diese gleich teuer wären wie konventionelles Primärmaterial. Aber das ist wirtschaftlich nicht machbar, weil die Herstellung dieser Produkte zusätzlichen Aufwand erfordert. Diesen Mehraufwand wollen oder können viele Kunden nicht zahlen. Deshalb stellt sich die grundsätzliche Frage: Wohin wollen wir uns als Gesellschaft entwickeln? Für gewisse Bereiche im Baustoffkreislauf und bei der CO₂-Reduktion könnten klare, regulatorische Vorgaben notwendig sein, um dauerhaft nachhaltige Lösungen zu ermöglichen.

Muss die Betonindustrie aufpassen, dass sie Bauherren mit Nachhaltigkeitsanspruch nicht an andere Materialien verliert?

Das geschieht bereits. Holz gilt bei vielen Investoren als ökologischer, moderner, einfach attraktiver als Beton. Die Holzbranche hat in den letzten 20 Jahren stark und erfolgreich an ihrem Image gearbeitet. Trotzdem müssen wir realistisch bleiben: Die heute verbaute Betonvolumen lässt sich nicht durch Holz ersetzen. Und selbst wenn: Wohin mit all dem Rückbaumaterial, wenn wir das Rohstofflager Stadt zurückbauen und durch Holz ersetzen? Auch dieser Aspekt gehört zu einer ehrlichen Diskussion.

Sie führen das Unternehmen seit über 20 Jahren. Wie geht es ihm?

Es geht ihm gut. Wir sind solide aufgestellt und entwickeln uns in allen Geschäftsbereichen stetig weiter. Es dürfte das Merkmal meiner Zeit im Familienunternehmen sein, dass sich das Unternehmen nicht – wie unter meinem Vater – in die Breite entwickelt hat. Sondern dass die Entwicklung schwergewichtig innerhalb der bewährten fünf Geschäftsfelder stattfindet. Natürlich gab es auch herausfordernde Phasen, in denen wir uns anpassen mussten. Doch gerade diese Zeiten haben wesentlich zur Stabilisierung und Festigung des Unternehmens beigetragen.

Sie haben seit der Übernahme der Geschäftsführung nach der Jahrtausendwende mehr oder weniger stetig in einer Bau-Hochkonjunktur operiert. Würde Sie ein solcher Befund ärgern?

Nein, überhaupt nicht. Es ist eine Tatsache, mit der wir uns im Verwaltungsrat verschiedentlich auseinandergesetzt haben. Natürlich gab es einschneidende Ereignisse wie die Finanz- und Wirtschaftskrise, die Aufhebung des Euro-Mindestkurses oder die Pandemie. Aber trotz solcher Herausforderungen blieb die Baunachfrage mit Ausschlägen auf hohem bis sehr hohem Niveau. Gerade deshalb haben wir uns immer wieder die Frage gestellt: Sind wir vorbereitet, falls die Baukonjunktur tatsächlich einmal einbricht?

Zu welchen Antworten sind Sie gelangt?

Wir haben das Szenario eines Konjunktureinbruchs durchdacht und entsprechende Überlegungen angestellt. Doch solange die Baukonjunktur stabil blieb, blieb es bei Planspielen – gewissermassen ein Papiertiger. Wir nehmen die strategische Arbeit im Verwaltungsrat sehr ernst. Gleichzeitig lebt man als mittelgrosses Familienunternehmen im Bau stark im Alltag: Wir nehmen, was kommt und machen, was wir können.

Besteht die Gefahr, dass man Risiken ignoriert?

Ein Stück weit, ja. Viele Branchenkenner, welche die schweren Einbrüche der 1970er und 1990er Jahre in leitender Funktion miterlebt haben, sind heute nicht mehr aktiv – oder gar nicht mehr unter uns. Wir können uns heute vielleicht gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, wenn die Baukonjunktur massiv einbricht. Denn in den letzten 20 Jahren sind wir von solchen Krisen glücklicherweise verschont geblieben. Dennoch: Die Intensität im Markt ist heute gross, je nach Sparte vielleicht sogar grösser, als sie es in früheren Krisenzeiten war. Zu glauben, wir hätten in den letzten 20 Jahren gemütlich wirtschaften können, ginge weit an der Realität vorbei.

Gegenwärtig ist die Stimmung geprägt von internationalen Wirren, die sich direkt oder indirekt auf die Bautätigkeit auswirken könnten. Wie gehen Sie damit um?

Unsere Geschäftsfelder sind klar auf den Binnenmarkt ausgerichtet. Trotzdem beobachten wir, welche indirekten Folgen globale Entwicklungen auf die Bauwirtschaft in der Schweiz haben könnten. Stand heute gehe ich nicht davon aus, dass etwa Trumps politische Ambitionen, der Ukraine-Krieg oder die Lage im Nahen Osten die Nachfrage hierzulande spürbar dämpfen. Abseits davon stellen sich aber weitere Fragen: Könnte die angespannte Weltlage etwa dazu führen, dass auf internationaler Ebene ein Paradigmenwechsel beim Klimaschutz vollzogen wird?

Sie meinen, dass man im internationalen Kontext Klimaziele aufgibt oder aufschiebt, weil sich die Prioritäten verschieben?

Genau. Das ist nicht, was ich erwarte und erhoffe. Aber als Folge ist es auch nicht auszuschliessen.

Würden Sie bei einer solchen Entwicklung den CO2-Senkpfad im Unternehmen aufgeben?

Sicher nicht so leichtfertig wie Donald Trump! (lacht) In der Firma Toggenburger handeln wir nicht ideologisch, sondern unternehmerisch. Wir sind überzeugt, dass unsere «InCycle»-Betonsorten gute, kreislauf- und CO2-optimierte Baustoffe sind, für die sich auf mittlere Frist ein potenzialreicher Markt entwickelt. Sollte sich jedoch abzeichnen, dass dieser Markt nicht entsteht, dann müssten wir reagieren. Denn wir machen bei Toggenburger nicht «l’art pour l’art». Als familiengeführtes KMU springen wir nicht auf jeden Trend auf, aber wir machen gesellschaftliche Entwicklungen mit.

Mit 57 Jahren stehen Sie nicht am Ende Ihrer Laufbahn, aber doch in einer Phase, in der man Bilanz zu ziehen beginnt. Welches Ziel verfolgen Sie als Chef? Wie wollen Sie den Betrieb hinterlassen?

Ich möchte die Toggenburger AG als nachhaltiges Unternehmen weitergeben. Dies in der klassischen Betrachtungsweise als Firma, die ökonomisch, ökologisch und sozial tragfähig ist. Mir ist wichtig, dass unsere Mitarbeitenden ein Umfeld haben, in dem sie sich entwickeln und wohlfühlen können. Ich will, dass unsere Produkte und Dienstleistungen ökologischen Ansprüchen gerecht werden – im Rahmen dessen, was politisch und gesellschaftlich gefordert ist. Und ich legen den Finger darauf, dass wir sie wirtschaftlich produzieren und ausführen können. In unseren Strategiepapieren steht nicht, wie viele Millionen Umsatz pro Bereich und Quartal erreicht werden müssen. Darin steht vielmehr, was es braucht, um die angestrebte Nachhaltigkeit zu erreichen und zu festigen.

Nach dem Studium waren Sie in den 1990er-Jahren für das IKRK in Kroatien und Osttimor im Einsatz. Hätten Sie sich damals vorstellen können, den heimischen Familienbetrieb zu übernehmen und ihn über 20 Jahre lang zu führen?

Nein, ganz und gar nicht. Damals sah ich meine Zukunft nicht im Familienunternehmen. Ich hatte andere Pläne und Träume – deshalb auch mein Entscheid die Tätigkeit beim IKRK Die spannendere Frage ist also: Was hat mich später doch ins Unternehmen geführt?

Was war es?

In meinen Wanderjahren wurde mir klar, wie wichtig es mir ist, gemeinsam mit anderen etwas zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Dieses Miteinander auf Augenhöhe habe ich in meinen damaligen Funktionen weder beim IKRK noch später bei Boston Consulting erlebt. Irgendwann erkannte ich, dass der Familienbetrieb genau diesen Gestaltungsraum bieten könnte. Diese Hoffnung hat mich zurückgeführt. Heute kann ich sagen: Sie wurde erfüllt.

Gab es Momente, in denen Sie Ihre Entscheidung für das Familienunternehmen bereut haben?

Nein. Aber rückblickend kann ich sicher sagen: Mir war damals nicht voll bewusst, wie weitreichend dieser Entscheid ist. Wer in ein gewachsenes Familienunternehmen einsteigt, übernimmt nicht nur eine Funktion. Man wird Teil eines Gefüges, das man weiterentwickeln und irgendwie mit der eigenen Persönlichkeit in Einklang bringen muss. Das ist herausfordernd, zumal es keinen einfachen Ausweg gibt. Ein Rückzug wäre zwar immer möglich, aber in einem Familienbetrieb wäre das ein Bruch mit der Tradition. Einen solchen vollzieht man nicht leichtfertig.

Das klingt nicht gerade nach einem Werbespot für Ihre Nachfolge.

(lacht) Vielleicht nicht. Aber im Fortbestehen von Familienunternehmen gibt es nicht nur Weiss oder Schwarz, also nicht nur die volle operative Hingabe oder den Verkauf. Es gibt auch Modelle dazwischen. Ein Beispiel dafür zeigt die Familie Hofmann bei Roche: Die Inhaberfamilie bleibt präsent, ohne selbst operative Verantwortung zu tragen. Solche Lösungen können auch für uns denkbar sein.

Sie haben zwei Söhne im Teenageralter. Wie bereiten Sie eine mögliche 4. Toggenburger-Generation vor, ohne Druck auszuüben?

Für mich steht die emotionale Bindung zu meinen Söhnen an erster Stelle. Auf dieser Basis gebe ich ihnen möglichst viel Freiraum. Sie sollen ihren eigenen Weg gehen und idealerweise immer wieder gern nach Hause zurückkommen. Ob sie später im Unternehmen eine Rolle spielen möchten, wird sich zeigen. Parallel dazu arbeite ich mit dem Verwaltungsrat daran, Strukturen zu schaffen, die mir erlauben, weiterhin aktiv zu bleiben – aber nicht zwingend als Geschäftsführer. Unser Ziel ist es, gewissermassen eine Brücke zu bauen, die einer 4. Generation den Weg offenhält, die ihr aber nicht vorgibt, welche Rolle sie einnehmen müsste.

Beat Matter

Beat Matter

Ich schreibe. Und ich fotografiere. Beides fliessend. Für Medien, Unternehmen, Stiftungen, Verbände, Vereine und Private.

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