„Im Bau ist eine Sensibilisierung zu spüren“

Thomas Merz, Präsident arv Baustoffrecycling Schweiz

arv Baustoffrecycling Schweiz vertritt seit 30 Jahren die Interessen der Bauabfallrecyclingbranche und verfolgt die Mission, die Kreislaufwirtschaft in der Schweiz zu etablieren. Ein Gespräch mit arv-Präsident Thomas Merz über Erfolge und weiteren Handlungsbedarf. („die baustellen“ Nr.04/2020)

„die baustellen“: Wann haben Sie zuletzt etwas in den Abfall geschmissen, von dem Ihnen kurz darauf klar war, dass es hätte rezykliert werden können?

Thomas Merz: Persönlich sündige ich manchmal bei der fachgerechten Entsorgung von Papierakten. Diese fliegen gelegentlich in den grauen Sack anstatt in den Papiershredder oder ins Altpapier. Das Wiederverwerten liegt mir persönlich aber sehr am Herzen. Es ist wertvoll für die Umwelt und schont Ressourcen, die ansonsten energieaufwändig gewonnen werden müssten. Deshalb trennen wir im Haushalt alles, was es sinnvollerweise zu trennen gibt.

In einem Interview, das Sie vor anderthalb Jahren unserer Zeitschrift „der bauingenieur“ gaben, sagten Sie: Das übergeordnete Ziel von arv Baustoffrecycling ist es, „die Kreislaufwirtschaft als Fundament der Schweiz zu etablieren“. Wo steht die Schweiz auf diesem Weg?

Die Schweiz ist ein Rezyklier-Land. Wir stehen im internationalen Vergleich weit vorne. Was die Baustoffe angeht, gibt es aber noch viel zu tun. Der Begriff „Recycling“ ist nach wie vor mit negativen Eigenschaften besetzt, er wird noch immer mit „Abfall“ assoziiert. Als Folge davon wird die Qualität eines Recyclingbetons von Bauherren oder deren Vertretern nach wie vor oft als minderwertig betrachtet. Um die entsprechende Vorbildfunktion der öffentlichen Bauherrschaften gesetzlich zu verankern, halfen wir bei einer Motion im eidgenössischen Parlament mit. Bundes- und Nationalrat haben die Motion angenommen. Der Ständerat wird das Anliegen in der nächsten Session behandeln.

Wie sieht die Recycling-Situation im Baubereich in Zahlen aus?

Von den rund 15 Millionen Tonnen mineralische Abfälle werden heute rund 75 Prozent wiederverwertet. Das tönt jedoch besser, als es ist: Effektiv wird nämlich nur rund die Hälfte des Materials als hochwertiger Rohstoff für Beton oder Asphalt rezykliert. Der Rest landet zumeist als Füllmaterial oder ungebunden im Strassenkoffer, wird also als qualitativ minderes Produkt verwendet. Mit rund 10 Prozent liegt die Wiederverwertungs-Quote beim Aushub- und Ausbruchmaterial noch tiefer. Dabei gäbe es auch hier Potenzial. Der arv arbeitet derzeit an einem innovativen Projekt, um die stoffliche Wiederverwertung von silt- und tonhaltigen Materialien zu fördern, insbesondere bei der dringend notwendigen Erneuerung von Dämmen. Grundsätzlich soll in der Praxis vermehrt Aushubmaterial als Baumaterial wiedereingesetzt werden. Hierfür unterstützt der arv Forschungsarbeiten der ETH Zürich. Durch sie soll die Variabilität bei den Eigenschaften dieser Materialien besser kontrollierbar werden.

Im letzten Jahr haben Klima- und Ressourcenthemen sehr grosse Schlagzeilen gemacht. Haben Sie auch im Bereich des Baus und der Baustoffe eine zusätzliche Sensibilisierung gespürt?

Kreislaufwirtschaft bedeutet nicht nur, Material zu rezyklieren, sondern auch schonend mit den Ressourcen umzugehen. Es gibt viele innovative Unternehmen, die mittels neuer Technologien daran arbeiten, Baustoffe auf den Markt zu bringen, die energieeffizient und ressourcenschonend produziert werden und die Anforderungen an das Material für ihren Einsatz erfüllen. Seitens Bauweise werden Dämmmaterialien endlich verschraubt oder anderweitig zusammengefügt, ohne geklebt zu werden. Die CO2-Emissionen bei der Produktion von Klinker konnten massiv gesenkt werden. Auch die Forschung bleibt stetig am Ball. Der Bau mit silt- und tonhaltigen Materialien etabliert sich weiter. Im Bau ist also eine gesteigerte Sensibilisierung zu spüren. Trotzdem sind die Planer, Entwickler und Gestalter weiterhin gefordert, sich neues Wissen anzueignen um rückbaufähige und wiederverwertbare Gebäude, Gebäudeteile und Konstruktionen zu erstellen.

Mit welchem Mitteln und Werkzeugen versuchen der arv, diese Entwicklung weiter zu fördern?

Einerseits in unseren Fachtagungen, wo verschiedene Akteure aufeinandertreffen, um sich zu den Themen austauschen. Andererseits sind die Kontakte zur Politik ein sehr wichtiges Instrument, um das Thema ins Rampenlicht zu rücken. Und nicht zuletzt ist die Zusammenarbeit mit den Bundes- und Kantonsbehörden sowie mit Partnerverbänden wichtig, damit das Thema einen wichtigen Platz erhält, beispielsweise in der Aus- und Weiterbildung im Bauwesen, im Umwelt- oder auch im Entsorgungswesen. Auch der Forschung sind wir wieder nähergekommen, um Weiterentwicklungen zu fördern und bekannter zu machen. Der arv hat in den letzten Jahren zusätzliche Mitarbeitende angestellt und markant in die Kommunikation investiert – auch darin liegt ein Schlüssel zum Erfolg.

arv Baustoffrecycling Schweiz existiert seit 30 Jahren. Wie beurteilen Sie den Leistungsausweis?

Der Verband hat sehr viel zum Umdenken in der Baubranche beigetragen. Mit dem arv-Güteattest für mineralisches Recyclingmaterial war der arv zu einem frühen Zeitpunkt sehr innovativ. Auch im Bereich der Altlasten hat der Verband gemeinsam mit den Behörden entscheidend dazu beigetragen, schweizweite Standards zu erarbeiten und zu etablieren, wozu unser neutrales Inspektorat einen unerlässlichen Beitrag leistet. Die Entwicklung und Einführung von ARVIS 4.0 sowie dessen Auszeichnung der ethischen und integrativen Dimensionen an der Swiss Ethic Award 2019 zeigte schliesslich eine neue Ära des arv Baustoffrecycling Schweiz auf. Seit der strategischen Neuausrichtung des Verbandes vor drei Jahren und unter Führung des Geschäftsführers Laurent Audergon setzt der arv verstärkt auf Allianzen, Partnerschaften und integrative Entwicklungsprojekte. Nun ernten wir die Früchte und können mit Elan weitere komplexe Herausforderungen anpacken.

arv-Geschäftsführer Laurent Audergon äusserte sich vor ein paar Jahren in einem Dialogportal des Bundes dahingehend, dass die Entwicklung (im Baustoffrecycling) in den letzten 20 Jahren minim gewesen sei, obschon die Voraussetzungen technisch und normativ schon lange gegeben seien. Teilen Sie diese Einschätzung?

Natürlich. Anlässlich unseres Herbstanlasses 2019 liessen wir die Entwicklungen der vergangenen 25 Jahre Revue passieren und analysierten sie vertieft in vier Dimensionen:

  1. Die technischen und technologischen Innovationen und Entwicklungen sind unbestritten gross gewesen.
  2. Seitens der Forschung wurde viel entwickelt, aber tatsächlich nur wenig umgesetzt. Viel Wissen ist noch nicht in die Praxis vorgedrungen. Entsprechend muss an der zielorientierten Kommunikation gearbeitet werden.
  3. Die Entwicklung der Gesetze und die Ablösung der alten TVA (Technische Verordnungen über Abfälle) durch die VVEA (Verordnung über die Vermeidung und die Entsorgung von Abfällen) ist ein Projekt, das mehr als 12 Jahre dauerte und nach wie vor ohne klare Erläuterungen dasteht. Die so genannte Vollzugshilfe soll – eventuell – bis 2022 erarbeitet werden.
  4. In den letzten 25 Jahren sind beim Einsatz von rezyklierten Baustoffen tatsächlich spürbare positive Entwicklungen festzustellen. Gleichzeitig zeigt sich seitens der öffentlichen Hand ein Trend, wieder vermehrt auf primäre Rohstoffe zu setzen. Trotz erfolgreicher Umsetzung von über 1650 Objekten in der Schweiz, die mit Recyclingbeton mit hohen sekundären Anteilen gebaut wurden, zeigen die Akteure der Branche eine gewisse Skepsis wegen fehlendem Know-how oder Urängsten aus Misserfolgen früher Pilotprojekte. Auch im Strassenbau arbeiten wir deshalb an der Erhöhung der Anteile an Recyclingasphalt in Trag- und Binderschichten, indem wir die Best Practices sammeln und daraus Guidelines erarbeiten lassen.

Zusammengefasst nochmals: Ja, es ist viel passiert in den letzten 25 Jahren. Aber ebenfalls ja, wir sollten definitiv viel weiter sein.

Woran liegt es, dass der Baustoff-Kreislaufwirtschaft zwar enormes Potenzial attestiert wird, dass deren Nutzung aber nach wie weit hinter diesem Potenzial herhinkt?

Wie gesagt bin ich überzeugt davon, dass die negative begriffliche Wertung unsere Arbeit erheblich erschwert. Als weiteres Argument gegen Recyclingbaustoffe wird oftmals der Preis angeführt. Entgegen der verbreiteten Vorstellungen muss dieser nicht tiefer sein als der Preis von Primärmaterial, denn die Recyclingbaustoffe müssen dieselben Produktevorgaben und Normen erfüllen. Insgesamt kann man sagen: Die Produzentenverantwortung ist seit 20 Jahren gut etabliert. Auf der Nachfrageseite arbeiten wir an der Etablierung der Vorbildfunktion der öffentlichen Bauherrschaften. Die Botschaft dabei lautet, dass in der Schweiz Recyclingbaustoffe eingesetzt werden sollen, wo immer es technisch möglich und sinnvoll ist. Unsere Städte sind ein enormes Rohstofflager mit rund 1300 Millionen Tonnen Beton, wie eine Studie der Empa herleitet. Und jedes Jahr kommen 40 Millionen Tonnen hinzu. Angesichts dessen sollten Primärmaterialien nur noch bei unausweichlichem Bedarf in Betracht gezogen werden.

Bei welchen Bauplayern spüren Sie am ehesten Offenheit gegenüber RC-Materialien. Wer sperrt sich?

Baustoffproduzenten und Baumeister waren vor 30 Jahren so weit, dass sie das Problem der Deponieknappheit voraussehen konnten. Acht namhafte Unternehmer beschlossen, Bauabfälle fachgerecht zu vermeiden, indem die zugehörigen Kreisläufe geschlossen wurden. So wurde unser Verband arv Baustoffrecycling Schweiz damals gegründet. 30 Jahre später ist die Produkteverantwortung gut verankert. An der Vorwärtsintegration wurde gearbeitet, sodass Ingenieure und Architekten ihre Bauherren bereits in der strategischen Planung bezüglich Recyclingmaterialien sensibilisieren können. Die Partnerschaften mit EcoBau, der USIC, dem SBV und INFRA haben ebenfalls Früchte getragen. Auch mit CRB pflegen wir eine sehr gute Zusammenarbeit, um die Normenpositionskataloge zu vervollständigen.

Viele Bauherren und auch Politiker haben den Weg für den Einsatz von Recyclingbaustoffe frei gemacht. Die 1650 Hochbauten mit mindestens 50 Prozent Recyclingbeton sind ein Beleg dafür. Das grösste Misstrauen stellen wir heute auf Stufe der Gemeinden fest. Dies oftmals aufgrund mangelnden Wissens. Deshalb arbeiten wir weiter an einem schweizerischen Standard für Recyclingbaustoffe, damit sich die Gemeinden daran orientieren können.

Die Diskrepanz zwischen Produktion und Nachfrage ist gross: Tatsächlich werden heute rund 90 Prozent des anfallenden Bauschutts rezykliert. Doch nur ein sehr kleiner teil der benötigten Baustoffe wird durch rezykliertes Material abgedeckt. Woran liegt das?

Der ungebremste Verbrauch von Primärmaterialien gehörte über Jahrzehnte zur Routine für alle Bauplayer. Damit in einer solchen Situation Innovationen und Weiterentwicklungen ihren Weg finden, braucht es Zeit sowie einen gewissen Druck, um notwendige Transformationen zu beschleunigen. Mit der VVEA und der Bauprodukteverordnung ist der gesetzliche Druck nun erhöht worden. Und wie gesagt, sind wir mitengagiert, um die Vorbildfunktion der öffentlichen Bauherren gesetzlich zu verankern. Darin sehen wir einen zentralen Fortschritt. Vor rund zwei Jahren konnten wir mit der Usic eine Partnerschaft eingehen, um gemeinsam an der Operationalisierung einer schweizweiten Recyclingstrategie zu arbeiten. In wenigen Monaten werden wir mit weiteren Partnern im Auftrag der Kantone eine schweizweite Plattform zur Förderung der Schweizer Kreislaufwirtschaft betreiben.

Um die Kreislaufwirtschaft wirklich zu leben, müsste schon bei der Produktion von Material und Bauwerken über dessen Recycling nachgedacht werden. Spüren Sie in der Bauindustrie ein Umdenken in diese Richtung?

Das stimmt voll und ganz. Und ja, dieses Umdenken findet statt. Etwa im Bereich von Isolationsmaterial sehen wir erfolgreiche Beispiele. Das NEST der Empa trägt stark zur Beschleunigung des Technologietransfers bis in die Praxis bei. Die Planer sind dafür sensibilisiert und haben offene Ohren für Innovationen. Und auch von der Bauindustrie spüren wir den Willen, umzudenken, und erleben bereits erste tolle Beispiele. Es gibt viele Akteure, die vom vertaubten Image der Baubranche wegkommen wollen.

Bietet arv Kurse oder Beratungsangebote an, interessierte Bauplayer thematisch abzuholen und weiterzubringen?

Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Seminare und Workshops organisiert, um ein gemeinsames Verständnis unter den Bauplayern zu schaffen. Diese waren erfolgreich, trotzdem sehen wir noch einen verstärkten Bedarf nach Kurs-Angeboten. Geschäftsführer Laurent Audergon hat vor anderthalb Jahren ein interaktives Schulungsmodul ‘Baustoffkreislaufwirtschaft’ mit Legobausteinen konzipiert, welches Architekturstudenten sowie Planern und Bauführern regelmässig angeboten wird. Mit einem Animationsfilm und der Bündelung des Wissens auf der neuen Website re-cycling.ch sind wir ebenfalls präsent.

arv ist kein Verband der lauten Töne. Aufgesplittet in zahlreiche Fachkommissionen arbeitet er eher hinter den Kulissen auf seine Ziele hin. Wie beurteilen Sie die Gestaltungskraft, die arv dabei entwickeln kann?

Entscheidend ist für mich nicht die Lautstärke, sondern die Wirkung. Und da leisten die Akteure des arv hervorragende Arbeit. Unsere Fachkommissionen sowie auch unsere VVEA-Experten arbeiten vernetzt untereinander, wodurch wir bestehende Kanäle nutzen und Synergien ausschöpfen können. Dabei arbeiten wir sehr zielorientiert und taktisch-strategisch, um unsere Ressourcen schonend einzusetzen und die beste Wirkung zu erzielen. Zusätzlich haben wir in den letzten drei Jahren unsere Geschäftsstelle verstärkt, das Inspektorat professionalisiert und die externe Kommunikation verbessert. Wir haben beispielsweise zahlreiche Videoclips über die Baustoffrecyclingbranche zur Anschauung und Bildung produziert. Innerhalb der letzten zwei Jahre konnten wir mit dreizehn Fachverbänden eine OdA (Organisation der Arbeitswelt ‘Abfall- und Rohstoffwirtschaft’) aufbauen und Ende 2020 werden wir eine Branchenvereinbarung mit allen Kantonen unterzeichnet haben, um schweizweit harmonisierte Kriterien für die Aus- und Weiterbildung aller Aufbereitungsanlagebetreiber sicherzustellen. In den Medien sind wir präsent und seit kurzem auch politisch aktiv. Wir wollen in naher Zukunft auch die Öffentlichkeit für die Mission «Kreislaufwirtschaft als Fundament der Schweiz» gewinnen. Wir erhöhen damit den Druck, um Baustoffkreisläufe systematisch zu schliessen und Deponieräume sowie natürliche Ressourcen zu schonen. Insgesamt würde ich sagen: Der arv Baustoffrecycling Schweiz ist als 30-jähriger Verband in der vollen Blüte.

Zum Schluss nochmals zurück zum Anfang: Wann wird arv das Ziel erreicht haben, „die Kreislaufwirtschaft als Fundament der Schweiz zu etablieren“?

«Der Weg ist das Ziel», denn wir werden immer wieder neue Wege beschreiten müssen, um innerhalb sich verändernder Rahmenbedingungen die Kreislaufwirtschaft weiter zu etablieren. Es wird also nicht den Tag geben, an dem wir sagen können, wir hätten all unsere Ziele erreicht. Es ist eine Daueraufgabe, die nötigen Prozesse und Rahmenbedingungen zu etablieren und die Menschen immer wieder auf den sorgsamen Umgang mit den Ressourcen hinzuweisen. Nur so denken und handeln wir für Generationen und halten unseren Planeten am Leben.

Beat Matter