Wie ein roter Faden

Mirjam Lauber

Mirjam Lauber (68), Bauführerin, Beizerin, Psychosynthese-Trainerin und Coach, sieht im Bau eine Metapher für Entwicklungsprozesse, wie sie in allen Lebenslagen immer wieder auftauchen. („die baustellen“ Nr. 06/2019)

Der Bau bot mir die Gelegenheit, mich auf einer technischen Ebene mit einem Prinzip auseinander zu setzen, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht: Man steht vor Herausforderungen und muss sich breit vernetzen, um gangbare Lösungen zu entwickeln.

Ich wuchs im Zürcher Seefeld der 1950er Jahre auf, wo meine Eltern eine kleine Quartierbeiz führten. Bei meiner Berufswahl war mir wichtig, eine abwechslungsreiche Tätigkeit zu erlernen. Nachdem mir die Handsgi in der Schule stets stinkte, ich aber in der Mathi stärker war als die meisten Buben in der Klasse, kam ich auf die Idee, eine Lehre als Bauzeichnerin zu machen.

Ich lernte in einem kleinen Architekturbüro in Zürich-Höngg. Das Büro machte alles vom Einfamilienhaus bis zu Sakralbauten. In diesen Projekten arbeitete ich im Büro und auf dem Bauplatz mit ganz unterschiedlichen Berufsleuten zusammen, um Lösungen für gemeinsame Herausforderungen zu entwickeln.

Nach meinem Lehrabschluss sammelte ich Berufs- und Lebenserfahrungen in weiteren Büros. Bis Mitte der 1970er Jahre die Wirtschaft in eine Rezession schlitterte. Mein damaliger Arbeitgeber hatte keine Aufträge mehr. Ich musste gehen.

Kreativität überall

Stempeln gehen, das wollte ich nicht. Stattdessen begann ich in einer Beiz am Kreuzplatz in Zürich zu servieren, in der viele Architekten ihren Kaffee tranken. So hoffte ich, zu einem neuen Job zu kommen. Das gelang, aber anders.

Ich knüpfte in dem Restaurant Kontakte zu Werkstatt-Mitarbeitern des nahen Schauspielhauses. Über diese und der Unterstützung meiner Eltern bekam ich die Gelegenheit, eine Theaterbeiz auf die Beine zu stellen, als seinerzeit im Tiefenbrunnen eine Studiobühne eröffnete wurde. Während den Spielzeiten betrieb ich die Beiz, daneben half ich, Bühnenbilder zu bauen und aufzustellen. Es war eine wunderbare Zeit. Ich traf auf Kreativität auf allen Ebenen. Und wiederum auf Herausforderungen, zu deren Bewältigung es ganz unterschiedlicher Menschen bedurfte. Ich blieb bis Mitte der 1980er Jahre beim Theater in Zürich, bevor mich der Ruf von Freunden für ein paar Jahre nach Berlin lockte.

Die 1980er Jahre hielten schwierige Erlebnisse für mich bereit. Mein Vater starb an den Folgen eines Raubüberfalls. Aids nahm mir viele Freunde. Solche Verluste führten mich dazu, mich intensiv mit psychologischen, therapeutischen und beraterischen Lehren und Methoden aus verschiedenen Kulturen auseinander zu setzen. Ich absolvierte ein Studium in Psychosynthese. Seit mittlerweile 30 Jahren betreibe ich meine eigene Praxis, in der ich heute Psychosynthese, Sandspiel, Organisations-Coaching, Astrologie, Prozessorientierte Zentrierung und Lomi Lomi Massage anbiete. Dabei geht es, worum es immer geht: Probleme erkennen und gemeinsam Lösungen entwickeln.

Zufälle überall

Mein Leben lebt von Zufällen. Ich lasse das zu, denn ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Obwohl ich dabei viele Wege ging, kam ich immer wieder in Kontakt mit dem Bau. So arbeitete ich nach der Rückkehr aus Berlin wieder teilzeit als Bauführer-Assistentin in einem Architekturbüro. Später plante und realisierte ich für einen befreundeten Coiffeur einen aufwendigen Salonumbau in einem geschützten Altbau. Dabei spürte ich nochmals, was mich an der Tätigkeit stets fasziniert hatte: Grosse Herausforderungen, die nur in Verbindung mit zahlreichen Fachleuten zu meistern sind.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, ich hätte in meinem Leben ganz unterschiedliche Dinge gemacht. Aber nein, im Kern aber ging es immer um dieselben Themen.

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