Filigraner Sprengvortrieb

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Im Gletschergarten Luzern wird derzeit das Gesamterneuerungsprojekt «Fels» ausgeführt. Ein Team der Gasser Felstechnik AG sprengt einen Erlebnispfad in den Fels, der die Gäste Erdgeschichte hautnah erleben lässt. Und geologischen sowie architektonischen Anforderungen gerecht wird. („die baustellen“ Nr. 01/2019)

Ein kalter Januarmorgen in Luzern. Zwei dick eingepackte Touristinnen mit Kameras in den Händen atmen schwer, als sie den hölzernen Aussichtsturm im Gletschergarten Luzern erklimmen. Oben angekommen stossen sie dicke Atemluftwolken aus, bevor ihnen die wunderbare Aussicht über die Sommerau-Wiese und ganz Luzern schier den Atem verschlägt. Davon, was rund 30 Meter unter ihnen im Felsinneren abläuft, ahnen sie nichts. Ein Team der Gasser Felstechnik AG treibt dort mit einem Bohrjumbo dutzende Löcher in exakt definierte Stellen des Sandsteins. Später werden die Löcher mit Zünder und Sprengstoff bestückt. Hier wird gesprengt, während ausser- und oberhalb des Felsen das ganz normale Stadt-, Museums- und Touristenleben weitergeht.

Geschützte Anlage

Der Gletschergarten in Luzerns Innenstadt gehört mit jährlich rund 120’000 Gästen zu den 20 meistbesuchten Museen der Schweiz. Direkt neben dem Löwendenkmal und in unmittelbarer Nähe zu weiteren historischen Touristenattraktionen gelegen, bietet er seinen Besuchern eine spezielle Kombination aus Naturdenkmal, Naturalienkabinett und Heimatmuseum, umrahmt von einer aufwendig gestalteten und gepflegten Gartenanlage, die in dem ehemaligen Steinbruch angelegt wurde. Seit 20 Jahren steht der Gletschergarten unter Denkmalschutz. Die natürlichen Gletschertöpfe, deren Fund vor bald 150 Jahren den Anstoss zum Aufbau des Gletschergartens gab, wurden ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler aufgenommen.

Eröffnet im Mai 1873, erfuhr das Museum in Laufe der Zeit zahlreiche Anpassungen, die dem jeweiligen Zeitgeist entsprachen. Nebst verschiedenartigen Häusern und Hütten kam alsbald das Spiegellabyrinth hinzu, der bis heute Familien und Schulklassen anzieht. Während im 20. Jahrhundert im Gletschergarten noch rege angebaut und ergänzt wurde, blieben ab den 1980er Jahren die baulichen Aktivitäten weitgehend aus. Mit Folgen: Die Besucherzahlen sanken, das Museum setzte Staub an. Um diesen wieder abzuschütteln beschloss die Stiftung Gletschergarten Luzern im Jahr 2010, eine Gesamterneuerung des Museums anzustossen. «Ziel der Erneuerung ist es, das Museum wieder attraktiver zu machen und wieder mehr Gäste anzuziehen», sagt Andreas Burri, Direktor der Stiftung Gletschergarten.

Projekt «Fels»

Gelingen soll die Entstaubung mit dem Projekt «Fels», das die Stiftung mit dem Architekturbüro Miller & Maranta und den Felsingenieuren der Lombardi SA entwickelt hat. 20 Millionen Franken werden in das Projekt investiert, das hauptsächlich an drei Stellen ansetzt: Das Hauptgebäude des Museums – das geschützte Schweizerhaus – wird von zahlreichen Anbauten befreit, die im Verlaufe des 20. Jahrhunderts erstellt wurden. Der Park wird weiterentwickelt und erweitert. So wird etwa die Sommerau-Wiese oben hinter dem Aussichtsturm zugänglich gemacht. Und schliesslich entsteht im Fels ein verwinkelter Erlebnisweg, der rund 40 Meter in den Fels zu einer Kaverne mit Bergsee führt. Von dort aus führt ein 20 Meter hoher Gartenhof über verschiedene Treppen nach oben zur Sommerau. «Mit dem Erlebnisweg wollen wir unseren Gästen die Möglichkeit bieten, Erdgeschichte von nahem zu erleben», sagt Direktor Burri. Um dies zu gewährleisten, werden Gang und Hof nicht beliebig im Fels angeordnet, sondern folgen den geologischen Besonderheiten im Sandstein: Schichtungen, Klüfte, Wellenrippeln oder auch Fossilien, deren Lage mit zahlreichen Vorauserkundungsbohrungen ermittelt wurde. Die Strukturen zeugen von einer Zeit, als sich in «Luzern» ein Sandstrand mit Palmenwald befand. Sie sollen hier möglichst roh und authentisch sichtbar gemacht werden. Die Ausführung der Felsarbeiten obliegt der Gasser Felstechnik AG.

Architektonischer Untertagebau

Curzio Tonella steht in orange-blauem Overall und mit Helm neben dem historischen Schweizerhaus. Tonella ist Leiter Untertag bei der Gasser Felstechnik AG. Beim Stollen- und Schachtbau im Gletschergarten Luzern ist er als Projektleiter zuständig dafür, dass im Fels alles nach Plan läuft. Und das tut es. «Wir haben die Arbeit hier im September 2018 aufgenommen. Seither sind keinerlei Unvorhersehbarkeiten aufgetreten. Wir sind sehr gut unterwegs», sagt Tonella. In einer ersten Phase haben seine Leute im vergangenen Herbst oben beim Aussichtsturm den Aushub (1350m3) mitsamt Sicherungsarbeiten für den späteren Ausstieg aus dem Gartenhof gemacht. In einer zweiten Phase begannen sie, nördlich des Schweizerhauses auf Bodenniveau einen 30 Meter langen technischen Erschliessungsstollen in den Fels zu sprengen. Von diesem Zugang aus treiben Sie jetzt in einer dritten Phase im Sprengvortrieb den Ausbruch des eigentlichen Felsengangs Stück für Stück voran. Noch lässt sich das Resultat erst mit Phantasie erahnen. «Rund 10 Prozent des Gangs haben wir bisher ausgebrochen», sagt Tonella beim Besuch Mitte Januar.

Der Sprengvortrieb wird im Gletschergartenfels derzeit in zwei Richtungen vorangetrieben. Täglich erfolgen zwei Sprengungen, die allerdings zeitlich so nahe gestaffelt sind, dass die erforderlichen Sicherheitsmassnahmen auf dem Gelände nur einmal ergriffen und wieder aufgehoben werden müssen: Der Erschliessungsstollen wird dann mit einer schweren Sprengmatte verschlossen, die Zufahrt zum Bauplatz sowie der Zugang vom oberen Teil des Gletschergartens werden abgesperrt und bewacht, die anwesenden Museumsgäste werden mit 30 Minuten Vorlauf informiert, um panische Reaktionen zu vermeiden. Die entsprechende Zusammenarbeit mit dem Museum sei vorbildlich, lobt Tonella. Die Gäste wie auch die Anwohner seien grösstenteils eher fasziniert als verärgert ob der Sprengerei. Im Gletschergarten versucht man die Baustelle denn auch gar nicht zu verstecken. Im Gegenteil. Es werden aktiv Baustellenführungen angeboten. «Die Felsarbeiten sind gewissermassen die aktuelle Sonderausstellung», erklärt Burri.

Auf einer Länge von rund 40 Metern wird der verwinkelte Felsgang ausgesprengt, bis er in eine hohe Kaverne übergeht, von wo aus schliesslich Treppen (sowie ein Lift) 20 Meter nach oben ans Tageslicht führen. Vom künftigen Aufgang ist heute erst ein schmaler Pilotstollen sichtbar. Diesen haben die Gasser-Leute mit hängenden Ladungen von unten nach oben ausgesprengt. «Eine Spezialität des Hauses», sagt Tonella nicht ohne Stolz. Bis Mitte 2019 werden Tonellas Leute hier rund 4’800 Kubikmeter Fels ausgebrochen und die resultierenden Formationen mit rund 500 Ankern gesichert haben. Mit Problemen rechnet Tonella im Sandstein nicht.

Die Herausforderungen des Projekts liegen denn auch nicht primär in der Bezwingung des Felses. Sondern vielmehr darin, den Ausbruch zwar effizient aber zugleich so schonend voranzutreiben. Die erwünschten geologischen Spuren sollen freigelegt, aber nicht zerstört werden. Gleichzeitig muss der Stollens auch die ästhetischen Anforderungen von Architekten und Bauherrschaft erfüllen. Dass sich der Spagat nicht mit Bohrjumbo und Sprengstoff allein bewerkstelligen lässt, liegt auf der Hand. Das Vorgehen ist entsprechend mehrstufig. «Bis Mitte Jahr machen wir hier mit schwerem Gerät den Grobausbruch», sagt Tonella. Daraufhin folge der Feinausbruch, bei dem man sich mit schonenderen Massnahmen der gewünschten Endstruktur annähere. Und schliesslich werde sich ein Steinmetz bei allen Oberflächen und Kanten um den letzten Schliff kümmern, so Tonella.

Dass hier der Fels in roher und doch ästhetisch ansprechender Weise sicht- und berührbar bleibe, sei für ihn als Untertagebauer ungewohnt und einzigartig, sagt Projektleiter Tonella. In Kombination mit den hohen Anforderungen, die mit Sprengarbeiten im innerstädtischen Bereich einhergehen, sei das Gletschergarten-Projekt eine herausragende Erfahrung.

Nach dem Mittag jenes kalten Januartages werden alle Sicherheitsmassnahmen getroffen und lösen die Gasser-Leute die vorbereiteten Sprengungen aus. Knall. Erschütterung. Und wieder ist das Projekt «Fels» im Gletschergarten Luzern ein Stück weiter fortgeschritten. 2021 soll es abgeschlossen sein.

Beat Matter