«New York hat das Wasser wieder entdeckt»

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Kaja Kühl unterrichtet an der New Yorker Columbia University Städtebau für Erstsemester. Mit ihrem Büro youarethecity hilft sie Bürgervereinigungen, sich in die Stadtentwicklung einzubringen. Und nebenher führt sie Architekten durch New York. („Quer“ Nr.06/2017)

«Quer»: Welches ist Ihr liebster Ort in New York?
Kaja Kühl: Schwer zu sagen. Im bin gerne am Wasser. Deshalb vielleicht Governors Island zwischen Brooklyn und Manhattan. Dass die Stadt am Wasser liegt, ist in New York erst in den letzten 10 Jahren wieder stärker zum Vorschein gekommen ist. Erst in dieser Zeit wurde das Wasser an verschiedenen Orten besser zugänglich gemacht und sind in der Folge mehrere Parks am Wasser entstanden.

Weshalb diese Neuentdeckung des Wassers?
Wie in vielen Grossstädten der Welt war das Wasser auch in New York lange Zeit der Ort, wo Waren transportiert wurden. Entsprechend wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts am New Yorker Wasser vor allem Piers gebaut, Transportinfrastrukturen sowie Logistik- und Industrieunternehmen. Später entstanden an ihrer Stelle die Highways, die sich am Wasser fast rund um Manhattan ziehen. Erst durch das enorme Wachstum und die Ausdehnung der Stadt in den letzten 20 Jahren wurde auch auf einst abgeschnittenen Grundstücken in der Nähe des Wasser Wohnraum erstellt. Mit den Wohnungen kamen auch Parks. Und damit ein ganz neuer Zugang zum beinahe vergessenen Wasser.

Wie hat sich in den letzten 10 Jahren die architektonische Qualität New Yorks entwickelt?
Als ich nach New York kam, hatte ich stets den Eindruck, die architektonische Qualität New Yorks bestehe hauptsächlich aus dem Historischen, nicht unbedingt aus dem Zeitgenössischen. Heute habe ich nach wie vor den Eindruck, dass es die gesamte Atmosphäre der Stadt ist, die New York einzigartig macht – nicht einzelne Highlights.

In den letzten Jahren haben zahlreiche sehr namhafte Architekten in New York gebaut.
Richtig. Aber die berühmten Architekten haben mehrheitlich private Wohnhäuser gebaut. Vor wenigen Tagen bin ich beispielsweise an Zaha Hadids erstem New Yorker Wohngebäude vorbeigelaufen, das jetzt fast fertiggestellt ist. Das sieht zweifellos spektakulär aus. Aber es bleibt ein privates Wohnhaus. Und also solches hat es eine andere Wirkung und andere Aufgaben für die Stadt, als ein öffentlich zugängliches Gebäude.

Sie sind unter anderem für die Agentur aplusnyc.net tätig, die Architektur- und Kunst-Führungen in New York City plant und durchführt. Wie ist die Nachfrage?
Gross. Aufgrund unseres Hintergrunds führen wir viele deutschsprachige Führungen durch für Architektenkammern, Verbände etc. Es sind also Fachführungen, die wir anbieten. Wir sind Architekten, die Architekten in New York herum führen.

Was wollen Architekten in New York in der Regel sehen?
Die Fachleute sind in der Regel stark an Innenansichten interessiert. Sie erwarten von der Führung, dass sie ihnen das zeigt, was sie sich nicht auch selbst anschauen können, wenn sie alleine durch die Stadt gehen. Das spezifische Interesse variiert je nach Gruppenzusammenstellung stark. Fachleute, die selbst bauen, interessieren sich oftmals für Themen wie beispielsweise Brandschutz, Materialien oder energetische Aspekte. Derweil interessieren sich Stadtplaner eher für Prozesse und übergeordnete Themen zur Quartierentwicklung, zu bezahlbarem Wohnraum oder auch dem Umgang mit den so genannten privately owned public spaces.

Geben Sie einen Tipp: Wo in New York bleibt auch dem erfahrenen und weitgereisten Architekten die Spucke weg?
Hierfür würde ich in Stadtteile führen, die ausserhalb unserer normalen Touren liegen. An Orte, wo man das Leben ganz normaler New Yorker ein wenig kennenlernen kann. Beispielsweise in die South Bronx, wo ich mit meinen Studierenden an der Columbia University oft arbeite – und ihnen eine ganz andere Geschichte von New York erzählen kann.

Welche?
Eine Geschichte von viel Zerstörung durch falsches Urban Renewal, eine Geschichte von Armut, von Gesundheitsproblemen aufgrund von zu viel Verkehr, von so genannten Food Deserts, Nachbarschaften also, in denen weit und breit kein Supermarkt und Restaurant vorhanden ist, ausser vielleicht McDonalds. Dieses New York gibt es eben auch.

Sie haben bis vor 10 Jahren im New Yorker Stadtplanungsamt gearbeitet. Würden Sie sagen, New York entwickelt sich strukturiert? Oder wuchert hier eher ein unkontrollierbares Monstrum?
Weder noch. Es gibt das so genannte «Zoning», eine Verbindung von Bebauungs- und Flächennutzungsplan, das jede Parzelle sauber deklariert. Ist der «Zoning»-Prozess für eine Parzelle oder ein Viertel abgeschlossen, überlässt man die Entwicklung gewissermassen einem geordneten Chaos. Unter Einhaltung der «Zoning»-Vorgaben darf schliesslich jeder auf seinem Grundstück so bauen, wie er will. Die entsprechende Plan-Sammlung ist ein lebendes Dokument, das letztes Jahr 100 Jahre alt geworden ist. 1916 umfasste es 16 Seiten, heute sind es über 1000. Die Beschreibungen, wo wie gebaut werden darf, werden immer detaillierter und umfangreicher.

Wie wichtig ist das Stichwort «bezahlbarer Wohnraum» in der Stadtentwicklung New Yorks?
Es ist ein Riesenthema und ein wachsendes Problem. In der Stadt gilt die Faustformel, wonach man nicht mehr als 30 Prozent des Einkommens für Wohnen ausgeben sollte. Das jedoch trifft in New York nur auf die Hälfte der Bewohner zu. Ein grosser und weiter steigender Teil der anderen Hälfte gibt mehr als 50 Prozent des Einkommens für Wohnen aus.

Der Bürgermeister will deshalb aktiv werden.
Genau. Bill de Blasio will 200’000 bezahlbare Wohnungen schaffen, darunter 80’000 Neubauwohnungen. Derzeit werden mehrere Viertel daraufhin analysiert, ob man eine höhere Dichte erreichen kann.

Und dann? Passiert wirklich etwas?
Ja, in der Stadt herrscht ein totaler Bauboom. Und mehrheitlich wird Wohnraum gebaut. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, dann bin ich neuerdings von fünf Wohnhochhäusern umzingelt. So geht es vielen anderen auch. Das Problem ist, dass der Anteil bezahlbarerer Wohnungen für die avisierten Zielgruppen viel zu klein ist, gemessen am ganzen Bauboom. Er reicht nicht, um das Problem zu lösen.

2008 haben Sie sich selbständig gemacht und youarethecity gegründet. Sie bezeichnen es als Büro für Forschung, Design und Planung, das an die kollektive Gestaltung von Städten und städtischem Raum glaubt. Was tun Sie da?
Seit ich nicht mehr bei der Stadt arbeite, sind meine Klienten hauptsächlich gemeinnützige Bürgervereine. Der Name «youarethecity» kommt aus meinem Verständnis heraus, dass jeder, der in der Stadt lebt, ein gewisses Mitspracherecht, aber auch eine gewisse Mitverantwortung hat, um seine Stadt zu gestalten. Mit meinem Büro trage ich in vielfältiger Art einen Teil dazu bei, dass Leute in New York das wahrnehmen können.

Wie gross ist denn die Bereitschaft der New Yorker, ihren Anteil zu leisten?
Die Eigeninitiative muss man in New York nicht suchen. Es gibt hier wahnsinnig viele Gruppierungen, die dabei mitmachen, die Stadt weiter zu entwickeln. Das kommt auch daher, dass die öffentliche Hand in New York, im Gegensatz zu europäischen Städten, nicht allzu viel bietet. Während man sich in Europa stärker darauf verlässt, als Steuerzahler ein Anrecht auf einen Park, hübschen öffentlichen Raum und funktionierende Infrastrukturen zu haben, hat die Absenz vieler Leistungen in New York zu viel Eigeninitiative geführt.

Gibt es aus Ihren Erfahrungen in New York Erkenntnisse, die auf andere Städte übertragbar sind?
Ich glaube, es ist allgemeingültig, dass in Städten der Wunsch und das Engagement vorhanden sind, die Stadtentwicklung auch von unten mitzuprägen. Ebenso allgemeingültig ist aber vermutlich, dass die Kommunikation zwischen den Menschen, die sich engagieren wollen und jenen, die schliesslich an den Schalthebeln sitzen, oft nicht ideal ist. In New York kann ich hier mit meinem Hintergrund einen guten Beitrag leisten.

Sie haben sich in einer Forschungsarbeit mit «Spaces of Migration» beschäftigt. Was interessiert am Migrations-Thema?
New York ist ein toller Ort, um Migration und deren Einfluss auf Städte real zu erleben. Man kann hier von einem Viertel ins nächste laufen und reist effektiv von Polen nach Indien. Der Anteil der «Foreign Born» liegt in New York bei gegen 40 Prozent. Zählt man deren Kinder dazu, steigt er weit über 50 Prozent. Diese Vielfalt und dieses recht gut funktionierende Nebeneinanderherleben in der Stadt fasziniert mich und ist eine der grössten Stärken New Yorks.

Wo liegt der Reiz für die Architektin?
Städte sind grundsätzlich Orte, wo Migranten, auch Flüchtlinge, ankommen, leben, und vielfältige Wirkung entfalten. Während politisch ja oft darüber gesprochen wird, wie viel Migration es sein darf, wird das Thema aus stadtplanerischer und architektonischer Sicht nur selten tiefgreifend besprochen. Dabei liegen in der lokalen Politik, in der Stadtplanung und in der Architektur viele Potenziale, um lokale Situationen zu verbessern und Konflikte zu vermeiden.

Sie geben an der Columbia-University Architektur-Studierenden aus aller Welt Einführungen in den New Yorker Städtebau. Wie reagieren sie darauf?
Die Studierenden, die für ein postgraduiertes Studium herkommen, treffen oftmals nur Tage vor Semesterbeginn in der Stadt ein. Sie leben dann noch in der Vorstellung, New York bestehe einzig aus Midtown-Manhattan und Hochhäusern. Wir schicken sie dann gerne in die Bronx, nach Staten Island oder Brooklyn, um sie auf den Boden der Realität zu holen.

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