«Ich wollte sesshafter werden»

Beat Matter

Philipp Kessler (31) ist Schiffsführer bei der Walo Bertschinger AG. Der gelernte Matrose bedient die Wasserbaufahrzeuge vorwiegend im Raum Basel. Das neuste Fahrzeug hat er selbst von Magdeburg in die Schweiz überführt. („die baustellen“ Nr.05/2016)

Ich führe seit rund einem Jahr die Schiffe der Wasserbauabteilung der Walo Bertschinger AG. Wir sind zwei Schiffsführer, so können wir die Arbeiten aufteilen und uns ablösen. Ist auf dem Wasser wenig los, dann helfe ich auch auf Landbaustellen aus.

Unsere Schiffs-Flotte umfasst neun unterschiedliche Einheiten sowie verschiedene Wasserbaugerätschaften ohne eigenen Antrieb. Just diesen Frühling hat die Flotte Verstärkung erhalten von einem neuen 20 Meter langen und 600 PS starken Schubschiff. Im April haben wir es auf den Namen «Walo Boris» getauft. Das Schubschiff brauchen wir, um beispielsweise Pontons oder Klappschuten auf dem Wasser zu bewegen. Daneben können wir es auch als Transportschiff verwenden, um beispielsweise unsere Taucher an die gewünschte Stelle zu fahren.

Wenn man auf dem Wasser arbeitet, ist kein Tag wie der andere. Auch vermeintliche Routine-Arbeiten sind je nach Wind- oder Strömungsverhältnissen, je nach Art und Zugänglichkeit der Baustelle oder auch je nachdem, wie viel Verkehr auf dem Fluss ist, völlig unterschiedlich. Brenzlige Situationen mit anderen Schiffen oder mit Schwimmern gibt es trotz aller Koordination mit der Revierzentrale und trotz Signalisierungen immer wieder. Man muss den Kopf bei der Sache haben.

«Walo Boris», unser neues Schiff, wurde in einer Werft bei Magdeburg ganz nach unseren Anforderungen und Wünschen gebaut. Vor wenigen Wochen konnte ich das Schiff gemeinsam mit einem Überführungslotsen über 1000 Kilometer Flussstrecke nach Basel holen. So etwas macht man sicher nicht hundert Mal im Leben.

Komplette Rhein-Karriere

Es war immer mein Bubentraum, Kapitän zu werden. Und ich habe es getan. Mit 16 Jahren begann ich als Schiffsjunge meine dreijährige Berufslehre als Matrose auf Rheinkreuzfahrtschiffen. Die Ausbildung war sehr vielseitig und umfasste von der Schiffstechnik über Navigation und Geografie bis hin zu rechtlichen Aspekten zahllose spannende Bereiche.

Die Berufswahl führte dazu, dass ich bereits mit 16 Jahren von daheim weg ging. Zu Beginn meiner Lehre war ich jeweils 13 Wochen am Stück unterwegs, dann zwei Wochen daheim. Die Berufsschule besuchte ich jeweils zu Jahresbeginn in Duisburg, in Blöcken à drei Monaten. Ich war viel unterwegs und habe viel erlebt. Vermutlich wurde ich so etwas früher selbständig, als andere 16-Jährige.

12 Jahre lang war ich mit den Rheinkreuzfahrtschiffen unterwegs – und habe in dieser Zeit die ganze Karriereleiter durchgemacht vom Schiffsjungen bis zum grossen Rheinpatent am Schluss. Das internationale Zertifikat erlaubt mir, Schiffe jeder Grösse auf dem Rhein und auf zahlreichen anderen Gewässern sowie bis zu drei Seemeilen aufs Meer hinaus zu führen.

Ideale Kombination

Nach all den Jahren auf dem Fluss spürte ich nun aber das Bedürfnis, etwas sesshafter zu werden. So ein Leben an einem festen Ort kannte ich ja gar nicht. Also beschloss ich, mir ein anderes Berufsfeld zu suchen, in das ich meine Schiffserfahrungen einbringen kann. Es ergab sich eine Gelegenheit im Wasserbau – und vor rund einem Jahr kam ich schliesslich zu Walo. Die Bauwelt ist natürlich etwas ganz anderes, als mit Gästen an Board auf dem Rhein unterwegs zu sein. Das Führen der Schiffe jedoch ist im Grundsatz dasselbe. Deshalb ist die Kombination der bekannten Tätigkeit in einem ganz neuen Umfeld für mich ideal.

Dadurch bekomme ich nun die Gelegenheit, ein paar Dinge nachzuholen, die in meinen Jahren unterwegs oft zu kurz kamen: spontan Konzerte besuchen, mehr Zeit für Freunde zu haben, daheim sein, das sesshafte Leben geniessen. Das gefällt mir.

 

Beat Matter