Farewell Zaha Hadid

pd

Sie ist nicht mehr. Ende März ist Zaha Hadid, die erste Pritzker-Preisträgerin und die erste weibliche Trägerin der RIBA Royal Gold Medal, überraschend gestorben. Farewell an ein Multitalent. („Quer“ Nr.02/2016)

«Zaha Hadid Architekten gewinnt Wettbewerb um Erweiterungsbau in Russlands Silicon Valley.» «Zaha Hadid Architekten ausgewählt für das Pavilion-Gardens-Projekt in Bournemouth.» «Zaha Hadid Architekten frischt mit einem benachbarten Bau den Prager Masaryk-Bahnhof auf.» Meldungen aus den letzten gut zwei Monaten. Sie tickerten im täglichen Strom der Nachrichten über den News-Desk, folgten unmittelbar auf eine vorhergehende Meldung, wurden unmittelbar gefolgt von der nächsten. Dennoch stachen sie heraus und liessen jeweils ganz kurz innehalten. Denn Zaha Hadid ist nicht mehr da.

«It is with great sadness that Zaha Hadid Architects have confirmed that Dame Zaha Hadid died suddenly in Miami in early hours this morning.» In den frühen Morgenstunden des 31. März 2016 verstarb Hadid in Miami im Alter von 65 Jahren überraschend. Sie hatte einen Herzinfarkt erlitten. Wenige Tage davor sei sie wegen einer Bronchitis behandelt worden, bestätigte ihr Büro in derselben Mitteilung.

Mit Zaha Hadid ist an jenem Donnerstagmorgen eine Frau gestorben, die wie keine andere in den letzten drei Jahrzehnten – und vermutlich nie zuvor – die Architektur und ihr nahverwandte Bereiche geprägt hat. Als solche wurde sie verehrt und gehasst: als Frau, als Architektin, Vordenkerin, als Zudienerin diktatorischer Regimes.

Gefördert

Die Familie, in die Zaha Mohammad Hadid 1950 in Bagdad hineingeboren wurde, pflegte einen westlich liberalen Lebensstil. Der Vater, ein reicher Industrieller und mehrmaliger Finanzminister, war ein Anhänger sozialdemokratischer Ideen und Mitgründer mehrerer liberal-demokratischer Parteien im Irak. Mit den Eltern und ihren beiden älteren Brüdern bereiste Hadid schon im Kindsalter die halbe Welt. Dabei zeigte sich ein frühes Interesse an Kultur, Kunst und Architektur. Mit elf Jahren soll sie gewusst haben, welchen Beruf sie erlernen will.

Nach der Schulzeit in einem katholischen Nonnenkloster in Bagdad und später in einem Schweizer Internat studierte Hadid Mathematik an einer Universität in Beirut und schliesslich – zwischen 1972 und 1977 – Architektur in London. Nach einem brillanten Abschluss arbeitete sie kurz im Büro ihres Dozenten und frühen Förderers, Rem Koolhaas, und nahm ihre erste von später zahlreichen universitären Lehrtätigkeiten auf. 1980 eröffnete sie in London ihr eigenes Büro, «Zaha Hadid Architects».

Hadids Talente in Architektur und Design blieben nicht unentdeckt. Doch als Frau im Männer-Metier und als Araberin im Westen hatte sie hart zu kämpfen. Mit so radikalen wie brillanten Entwürfen handelte sie sich den Ruf einer Theoretikerin, einer Papierarchitektin ein. Ihre Entwürfe galten als visionär. Sie zu bauen getraute sich jedoch niemand. So erging es 1983 dem Entwurf «The Peak» für ein Freizeitzentrum an Hanglage über Hongkong, Hadids erstem Wettbewerbssieg. So erging es viel später, 2007, ihrem Stadtcasino für Basel, vor dem das Stimmvolk zurückschreckte. Und so ging es zahlreichen Entwürfen dazwischen.

Geliebt

1993 war es ein Schweizer, der sich ein Herz fasste. Rolf Fehlbaum, damals operativer Geschäftsführer des Möbelunternehmens Vitra AG, gab Hadid mit dem Feuerwehrhaus des Vitra-Werks in Weil am Rhein die Gelegenheit, ihren ersten Entwurf umzusetzen. Zur Zusammenarbeit war es zufällig gekommen. «Wir wollten einen Stuhl entwickeln, aber das war zu kompliziert, also haben wir ein Gebäude gebaut», sagte Fehlbaum gegenüber der «NZZ am Sonntag».

Die messerscharf geschnittene Feuerwache war der Nachweis, dass Hadid-Pläne realisierbar sind. Ab Geburtsstunde galt sie als Ikone der zeitgenössischen Architektur. Und sie war der Auftakt zu einem unglaublichen Reigen an teils unfassbaren Projekten, die im Verlaufe von Hadids Karriere kontinuierlich fliessender, organischer wurden: Kurz nach der Jahrtausendwende die Tramhalte stelle in Strassburg, 2003 die Bergisel-Schanze in Innsbruck sowie das Rosenthal-Zentrum für zeitgenössische Kunst in Cincinnati, 2009 das MAXXI, das nationale Museum der Künste des 21.Jahrhunderts in Rom, 2012 mit dem olympischen Schwimmstadion in London der langersehnte Wurf in ihrer Lebensstadt London. Oder 2013 das Haydar-Aliyev-Zentrum in Baku, dass aussieht, als wäre es als Flüssigkeit auf dem Bauplatz ausgeschüttet worden.

Gut zehn Jahre nach ihrem gebauten Erstling wurde Hadid 2004 als erster Frau der Pritzker- Preis verliehen, 2016, kurz vor ihrem Tod, als erster Frau die Royal Gold Medal des Royal Institute of British Architects (RIBA). In ihrem Londoner Büro, das Hadid über 35 Jahre – und über weite Strecken mit ihrem Weggefährten Patrick Schumacher – aufgebaut und vorangetrieben hatte, beschäftigten sich zu diesem Zeitpunkt rund 400 Mitarbeitende aus 55 Ländern mit etwa 1000 Projekten in mehr als 40 Ländern. Die Zahlen belegen Hadids unermüdliche Schaffenskraft jedoch nur zu einem Teil. Denn nebst Gebäuden entwickelte sie Möbel, Schuhe, Yachten, Leuchten, Weinflaschen, einen Auto-Prototypen oder auch Bühnenbilder und Messe-Pavillons. Nebst alle dem hatte sie als globaler A-Promi, zu dem sie sich in den Nullerjahren mauserte, ein beträchtliches Pensum an öffentlichen Auftritten zu bewältigen.

Gehasst

Ebenfalls Anfang der 1990er-Jahre und ebenfalls spätestens mit der Realisierung der Feuerwache in Weil am Rhein nahm ein anderer Reigen seinen Anfang: jener der harschen bis sexistischen Kritik. Kritik etwa, wonach sich Hadid-Architektur in keiner Weise um Funktionalität kümmere oder um Einpassung in die gebaute und natürliche Umgebung. In der Feuerwache, so heisst es, sollen sich Feuerwehrleute verrannt haben, als es pressierte.

Die Kritik, wonach Hadid mit Bauten für zweifelhafte Regimes in Asien und in den Golfstaaten half, Bühnen für Autokraten zu errichten. Oder ebenso so stumpfsinnige wie oft wiederholte Kritik, eine Diva zu sein. Darauf jeweils ihre berechtigte Rückfrage: «Würden Sie mich auch Diva nennen, wenn ich ein Kerl wäre?»

Als Frau, die 30 Jahre durch das Stahlbad einer Männer-Branche ging, wusste sie plumpen Sexismus schnörkellos zu kontern. Demgegenüber blieb sie in der Beurteilung ihrer Autokratenbauten oder der Bedingungen auf den entsprechenden Baustellen irritierend unsouverän und teils widersprüchlich. Vor zwei Jahren ging sie juristisch gegen eine New Yorker Zeitschrift vor, die über Missstände auf ihrer Stadion-Baustelle in Katar berichtet hatte. Knapp zwei Jahre später marschierte sie bei laufendem Mikrofon aus einem BBC-Interview, als dasselbe Thema zur Sprache kam.

Über Katar sagte Hadid einmal, ihr fehle die Macht, etwas an den Zuständen zu ändern. Bei anderer Gelegenheit und in anderem Zusammenhang gab sie zu Protokoll, sie trage den Traum in sich, dass Architektur das Leben der Menschen verbessern könne. Vielleicht hat Hadid die Möglichkeiten unterschätzt, die sich ihr als weltbekannte Gestalt des öffentlichen Lebens in solchen Angelegenheiten geboten hätten.

Mit Zaha Hadid ist ein schwer greifbarer, genialer Geist abgetreten, ein Inspirationsquell für eine ganze Generation von Architekten und Künstlern. Und ein Vorbild für Frauen, gerade auch für solche aus dem arabischen Raum. Vielleicht ist das mehr Wert als ein verweigerter Autokratenbau.

Beat Matter