Spiel mit Risiko

Beat Matter
Ruben Daluz, Juan Gonzalez und Andi Cajos, Architekten (von links, aufgenommen im Januar 2016)

Das junge Zürcher Büro Daluz Gonzalez & Cajos Architekten kreiert auffällig eigenständige Gebäude und nimmt bei Wettbewerben in Kauf, zu verlieren. Auf ein Wort mit Juan Gonzalez und Andri Cajos. („Quer“ Nr.01/2016)

«Quer»: Wie gewinnt man Wettbewerbe?
Juan Gonzalez: Man gewinnt sie, wenn man es schafft, die Anforderungen und teils verborgenen Wünsche des Auslobers möglichst genau in Architektur darzustellen.

Ist es Glücksache?
Andri Cajos: Bei einem Juryentscheid ist Glück eine Komponente unter vielen anderen. Letztlich zählt der Gesamteindruck.

Gibt es Tricks?
Cajos: Gewisse Jurygepflogenheiten an unterschiedlichen Orten kann man sicher antizipieren. In einem Wettbewerb in der Stadt Zürich muss man zum Beispiel andere Fassaden entwickeln als anderswo. Man muss sich dann entscheiden, ob man auf solche Vorstellungen hin entwirft oder etwas kreiert, womit man sich selbst treu bleibt.

Gonzalez: Es braucht die eine oder andere quere Idee, um einen Wow-Effekt auszulösen. Wir spielen dabei gerne und bewusst mit einem relativ hohen Risiko, sind aber auch schon zu weit gegangen. In der Schweiz ist weniger oft mehr. Man bevorzugt hier klassische Entwürfe mit höchstens einem Hauch des Gewagten. Es liegt an uns, im oft engen Spielraum Möglichkeiten für das Spezielle auszuloten und nicht einfach das geforderte Raumprogramm in eine simple Kiste zu packen.

1101_LangnauAmAlbis_DAGOCA_low
Sihlcube in Langnau am Albis

Ein Beispiel?
Gonzalez: Die expressive Südfassade unseres Wohnhauses Sihlcube in Langnau am Albis zeigt, was ich damit meine. Die Fassade bietet etwas optisch Spezielles, gleichzeitig aber auch einen funktionalen Mehrwert: Hier sind es Aussenräume mit Privatsphäre. Funktionaler Mehrwert eröffnet am ehesten die Möglichkeit für eine experimentellere Gestaltung.

Sie gehen mit gewagten Eingaben auch ein wirtschaftliches Risiko ein.
Gonzalez: Sicher. Wir hatten jedoch das Glück, von Anfang an auch Direktaufträge zu erhalten. Damit – und mit einigen Wettbewerbserfolgen – sind wir in der privilegierten Lage, in unsere Zukunft investieren zu können.

Cajos: Wir versuchen, immer weiter zu denken. Ansätze, die bei einem Wettbewerb nicht zum Ziel führten, nehmen wir vielleicht später in einen anderen Projekt wieder auf. So gesehen ist kein Wettbewerb umsonst, auch wenn wir den Zuschlag nicht erhalten.

Wie lassen sich Leidenschaft und Betriebswirtschaft vereinen?
Cajos: Eine gefährliche Kombination. Das zeigt sich vor allem, wenn wir ein Projekt eingeben, das voraussichtlich eine geringere Siegchance als ein braverer Entwurf hat. Es ist ein Spannungsfeld.

1203_DAGOCA_low
Splittlevelhaus bei Zürich.

Ehrlich: Wie sehr ärgern Niederlagen?
Gonzalez: Ich kann gut mit einer Niederlage umgehen, wenn ich verstehe, weshalb ein anderes Projekt besser war. Anders ist es, wenn ich das Gefühl habe, ein schlechteres Projekt habe gewonnen.

Cajos: Nicht immer sagt ein Sieg oder Nicht- Sieg etwas über die Qualität des Projekts aus. Manchmal spielen nur die Kosten die entscheidende Rolle. Einen Verlust muss man abbuchen und ans nächste Werk gehen.

Ein Büro mit zwei Spaniern und einem Bündner an der Spitze. Was ist Bürosprache?
Cajos: Es ist ein Durcheinander. Alle sprechen Deutsch, viele sprechen Spanisch, nur ich spreche Rumantsch-Ladin.

Gonzalez: Tatsächlich haben bei uns schon mehrere Mitarbeitende Spanisch gelernt.

Wie arbeiten Sie?
Cajos: Von Projekt zu Projekt anders. Das Büro ist keine Maschine, bei der man am Anfang den Startknopf drückt und die am Ende eines standardisierten Prozesses ein Projekt ausspuckt. Wir arbeiten ausgesprochen auftraggeberorientiert. Innerhalb des Teams sind wir sehr flexibel, springen jederzeit füreinander ein. Das ist auch eine Frage des Vertrauens ineinander.

Gonzalez: Vertrauen ist zentral. Im Verlaufe eines Projekts müssen unzählige Entscheidungen getroffen werden. Die wichtigsten treffen wir gemeinsam, bei anderen vertrauen wir uns gegenseitig, dass sie im Sinne des Projekts getroffen werden – auch wenn nicht immer alle mit jeder Entscheidung einverstanden sind.

Entsteht am Schluss ein Kompromiss?
Cajos: Ich würde es nicht nur Kompromiss nennen. Aber selbstverständlich tragen verschiedene Faktoren zum Resultat bei.

Gonzalez: Man geht immer wieder Kompromisse ein im Wissen darum, dass Kompromisse nicht immer die besten Lösungen sind. Aber man darf auch nicht jeden Kompromiss eingehen, sondern muss immer wieder etwas wagen.

Wie behält man trotz ökonomischem Druck die Lust, etwas zu wagen?
Gonzalez: Das funktioniert nur, indem man es bei gewissen Projekten bewusst in Kauf nimmt, den Zuschlag nicht zu erhalten. Bei Direktaufträgen haben wir demgegenüber die Möglichkeit, mit der Kundschaft zusammen einen Entwicklungsprozess zu durchlaufen. Das schätzen wir sehr.

Kommen Kunden mit Skizzen zu Ihnen?
Gonzalez: Ja, das gibt es.

Und dann?
Gonzalez: Dann kommt es vor, dass das Resultat, in das die Kunden am Schluss einziehen, ganz anders aussieht.

Cajos: Ich schätze es, wenn Kunden versuchen, ihre Vorstellungen und Bedürfnisse zu formulieren und zu skizzieren. Es hilft uns, ihre individuellen Anforderungen zu interpretieren.

Sie bauen bald ein Wohnprojekt mit zwei Gebäuden im Glattpark. Das ist keine massgeschneiderte Lösung, sondern Massen-Wohnen.
Cajos: Wir meinen schon, dass unser Projekt für diesen Ort, für diesen institutionellen Bauherrn, für die beschriebene Zielgruppe und letztlich auch für die heutige Zeit die richtige Lösung ist.

1401_Glattpark_DAGOCA_low
TWOgether im Glattpark bei Zürich.

Das Projekt erinnert wegen den Erkern an Ihren Sihlcube. Hat der Bauherr etwas Ähnliches gewünscht?
Cajos: Nein, gar nicht. Der Transfer ist während des Studienwettbewerbs in unseren Köpfen passiert.

Bevorzugen Sie private oder institutionelle Bauherren?
Gonzalez: Das kann ich so nicht sagen. Es sind unterschiedliche Ausgangslagen. Bei privaten Bauherren ist man direkter mit der emotionalen Ebene des Kunden konfrontiert. Das ist positiv, aber schwieriger, wenn es zu Reibereien kommt.
Cajos: Ich halte es für wertvoll für unsere Bürokultur, dass wir mit unterschiedlichen Bauherren zusammenarbeiten können.

Wann wird Ihre Luxusvilla «casa.mi» in Herrliberg gebaut?
Gonzalez: Im Projekt läuft derzeit die Submissionsplanung. Wir hoffen, dass das Gebäude jetzt tatsächlich gebaut wird. Ganz sicher ist es noch nicht.

herrliberg_02d_large_image
Die Luxusvilla casa.mi.

Cajos: Manchmal ist ein Bau auch eine Leidensgeschichte. Ich war schon in Projekte involviert, die zehn, zwölf Jahre andauerten.

Gonzalez: Es würde weh tun, würde es nicht gebaut. Es ist ein toller Ort, für den wir unsere erste Villa entworfen haben. Es wäre super für uns.

Ist viel Geld Voraussetzung für gute Architektur?
Cajos: Es braucht Geld, um bauen zu können. Darüber hinaus ist Geld aber nicht entscheidend für gute Architektur.

Gonzalez: Die meisten privaten Bauherren haben ein Raumprogramm und ein Budget. Wenn offensichtlich ist, dass die beiden Komponenten nicht übereinstimmen, machen wir die Kunden darauf aufmerksam. Stimmen sie jedoch überein, halte ich es für machbar, gute Architektur zu realisieren.

Macht nach der Entwicklung einer Luxusvilla die Arbeit an einem spröden Mehrfamilienhaus noch Freude?
Gonzalez: Zeigen Sie uns, welches Mehrfamilienhaus von uns Sie als spröde empfinden.

Cajos: Natürlich gibt es krasse Unterschiede. Es ist völlig klar, dass man anders zu Werke gehen kann, wenn mehr Mittel vorhanden sind. Aber das äussert sich nicht zwangsläufig positiv.

Gonzalez: Man könnte ebenso fragen, ob nach grossen Projekten kleine noch Freude bereiten. Ja, das tun sie.

Welchen Einfluss hat der technologische Fortschritt auf Ihre Arbeit?
Gonzalez: In meinem Studium waren das Entwerfen mit CAD oder später auch mit 3D bereits grosse Themen. Nichtsdestotrotz bauen wir zu jedem Projekt mindestens ein physisches Modell, mit dem wir intensiv arbeiten.

1404_DAGOCA_low
Dreigeschossiges Haus mit Seekiefer-Fassade in Basel.

Weshalb?
Gonzalez: Ein Modell hilft uns, unser eigenes Gebäude besser zu verstehen und weiter zu entwickeln. Und es hilft, unsere Ideen für die Kundschaft greifbar zu machen. Das ist gerade bei komplexen Projekten wichtig. Entwirft man nur eine rechteckige Schachtel, ist ein Modell indes weniger nötig.

Cajos: Kunden gehen mit 2D-Plänen ganz unterschiedlich um. Nicht jeder hat eine gute Vorstellungsgabe. Da helfen physische, aber auch digitale Modelle, um ein gemeinsames Verständnis zu schaffen.

Technologie hilft Laien, sich stärker in den Entwicklungsprozess einzumischen. Kein Problem damit?
Cajos: Überhaupt nicht. Wenn man als Büro nicht offen ist gegenüber Einwänden, Anregungen oder auch Fragen der Bauherrschaft, hat man ohnehin keine Chance. Die Zeiten sind vorbei, in denen man als Architekt sagen konnte: So ist es jetzt einfach.

Gonzalez: Wir entwickeln bewusst und treffen dabei bewusste Entscheidungen. Deshalb können wir sie gegenüber der Kundschaft jederzeit begründen. Können wir unsere Argumente nicht jederzeit offen auf den Tisch legen, ist nicht der Prozess zu transparent, sondern unser Projekt nicht gut genug.

Beat Matter