Haus to go

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Das Start-up-Unternehmen Kasita präsentiert eine gleichnamige Wohnlösung, die so mobil sein soll wie ihre Bewohner. Dem anregenden Projekt kommt nur ein Detail in die Quere: die Realität. („Quer“ Nr.01/2016)

Wie in der Innenstadt bezahlbaren Wohnraum finden? Wie stressfrei umziehen? Wie städtische Restbrachen nutzen?

Der amerikanische Umweltwissenschaftler Jeff G. Wilson hat sich solche Fragen gestellt und präsentiert jetzt eine mögliche Antwort. Sein Ansatz kommt im Diminutiv daher: «Kasita» heisst das so modulare wie mobile Wohnkonzept, das Wilson mit seinem Start-up in Austin (USA) entwickelt und in prototypischen Teilen realisiert hat. «Casita» heissen in Spanien kleine Häuschen oder Hüttchen.

Klein, aber smart
«Kasita» besteht aus zwei Hauptbauteilen: Die mobile Wohneinheit («Kasita-Unit») und das stationäre Gerüst («Kasita-Rack»), in dem die Units verstaut und angeschlossen werden. Die Wohneinheit kommt wie ein aufgeblasener Schiffscontainer daher. Mit 20 Quadratmetern Grundfläche und 3 Metern Höhe ist sie rund 30 Prozent grösser als ein solcher.

Das Loggia-ähnliche und dimmbar verglaste Frontende kragt leicht aus. Seitlich ist das Element verschalt. Der Zugang zur Wohnung sowie die Anschlussventile für Strom, Wasser und Abwasser sind rückseitig organisiert. Die Einheit ist klein, aber gut ausgestattet: Eine Küche mit Herd, Ofen und Geschirrspüler ist ebenso vorhanden wie der eigene Waschturm, ein Bad mit Stehdusche und das vollwertige, aber versenkbare 1,4 Meter breite Bett.

Kasita-Kopf Wilson kennt sich mit den Herausforderungen und Ärgernissen des Wohnens auf kleinstem Raum aus. Für das experimentelle «Dumpster Project» wohnte er während eines Jahres in einem Container mit gerade einmal 3 Quadratmetern Fläche, den er nach und nach zu einer rudimentären, aber nachhaltigen Wohnzelle ausbaute. Wilson, mit keckem Blick hinter einer dicken schwarzen Brille, hat dabei essentielle Erfahrungen gesammelt, um «Kasita» voranzutreiben.

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Loggia-ähnliches Frontende der Kasita-Unit mit dimmbarem Glas.

Die Kasita-Unit will nicht nur klein und mobil, sondern auch ein Smart Home sein: Über eine Sprachsteuerung wird das Glas am Frontende der Wohnzelle gedimmt, die Soundanlage oder beispielsweise auch das Licht gesteuert. Den Strom bezieht die Zelle in einem ersten Schritt über das Gerüst. Später könnten die Units mit Solarzellen und Tesla-Akkumulatoren ausgestattet werden. Das stationäre Gerüst ist eine rohe Stahlkonstruktion, in die nach Vorstellung von Kasita sechs bis neun Wohneinheiten eingeschoben werden können. Das Gerüst ermöglicht den Zugang zu den Einheiten und versorgt sie mit Strom und Wasser.

Faktor Mobilität
Die Ideen, an die sich Kasita anlehnt, sind nicht neu. Wer sich mit dem Suchbegriff «Tiny Houses» auf Google-Bildersuche begibt, entdeckt abertausende von mehr oder weniger kreativen Ansätzen für das Wohnen auf kleinem Raum. In Dübendorf realisiert die Empa mit NEST einen «Backbone», auf dem mobile Forschungsunits platziert werden können. In Tokio hat Architekt Kisho Kurokawa bereits in den 1960er-Jahren ein ganzes Hochhaus mit potenziell austausch- und erweiterbaren «Kapseln» entworfen. Sein Nakagin Capsule Tower wurde 1972 fertiggestellt. Seither wurde jedoch nie eine Kapsel ausgetauscht.

Demgegenüber ist Mobilität bei Kasita zentral. Ein Zielpublikum aus «urban millennials, professionals and singles» soll die gewohnten vier Wände einfach mitnehmen, wenn es wieder einmal von einer Stadt in die nächste oder von einem Land ins andere hüpft. Ein Lastwagen soll die Units transportieren, den die Bewohner simpel per Smartphone bestellen. Soweit die Vision. In der Realität beginnt das System frühestens dann zu funktionieren, wenn mehrere Kasita- Gerüste gebaut sind. Noch gibt es kein einziges. Gemäss Angaben von Kasita will man diesen Sommer das erste Gerüst in Austins Innenstadt erstellen. Ab 2017 soll das Netz auf weitere Städte ausgedehnt werden. In den avisierten Metropolen will Kasita jeweils innerstädtische Grundstücke für ihre Gerüste finden, die ungenutzt sind und aus unterschiedlichen Gründen nicht anderweitig entwickelt werden können. Wilson schätzt den Grundstückbedarf für ein Gerüst auf weniger als 100 Quadratmeter. «Damit sind wir in der Lage, auch kleine und schmale Grundstücke zu nutzen», sagte Wilson gegenüber dem US-Magazin Fast Company. Auf solchen ungenutzten Lücken soll Wohnen zu Preisen weit unter dem Marktdurchschnitt angeboten werden können.

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Utopie vs. Realität
Die Kasita-Welt ist mobil, hat glatte Oberflächen, kommt cool daher und regt mit der Absicht, innerstädtische Lücken in Substanz und Angebot zu stopfen, die Fantasie an. Denkt man den Ansatz jedoch bis in die Realität weiter, stellen sich Fragen. Etwa diese: Wie soll ein Kasita-Umzug vonstattengehen, ohne dass er Low-Budget- Millennials ruiniert? Die Unit muss per Kran aus dem Gerüst gehoben, per Lastwagen, Schiff oder Flugzeug transportiert und am Zielort wieder mit einem Kran ins neue Gerüst gehievt werden. Den zwergenhaften 20-Quadratmeter- Haushalt auf diese Weise zu zügeln, dürfte mehrere bis viele tausend Franken kosten. Oder diese: Wie soll cooles Wohnen in gefragten Innenstädten preisgünstig bleiben, ohne dass jegliche Marktmechanismen ausgeschaltet werden? Ein attraktives Angebot, wie Kasita es vordenkt, erzeugt Nachfrage. Und diese erhöht in der realen Welt den Preis. Auch jenen von ganz kleinen Units.

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