«Das ist der Hammer»

Beat Matter
Olga Bolliger-Kuriger, Leiterin Lernendenwesen bei Implenia (Aufgenommen im Januar 2016)

Olga Bolliger-Kuriger, 59, Leiterin Lernendenwesen bei Implenia, war die erste Maurerin des Kantons Zürich und die erste Polierin der Schweiz mit eidgenössischem Abschluss. Im Oktober hat sie der Verband Baukader Schweiz mit einem Cadre d’Or geehrt. („die baustellen“ Nr.01/2016)

Mein Vater war Polier. Doch als Kind interessierte mich das nicht. Ich wollte lange Sportlehrerin werden. Als es dann in der Sek ernst wurde, wollte ich aber doch lieber draussen arbeiten, als drinnen in einer Turnhalle. Ich schnupperte bei meinem Vater auf einer Baustelle. Da geschah es: Ich infizierte mich mit dem Bauvirus, das mich bis heute nicht mehr loslässt.

Vor 45 Jahren war es schwierig, als Frau eine Maurer-Lehrstelle zu bekommen. Ich war im Kanton Zürich die erste Frau, die das wollte. Mehrere Firmen lehnten mich ab. Sie fürchteten, es gäbe Probleme mit einem Mädchen unter lauter Männern. Schliesslich bekam ich im Betrieb meines Vaters meine Chance.

Die Arbeit war schon hart. Die Männer wollten wohl testen, ob das Mädchen durchhält. Sie hielt durch. Bis zum Schluss, als mich das Schweizer Fernsehen bei meiner Lehrabschlussprüfung filmte.

 

Erste Polierin der Schweiz

Es war nicht schwierig, nach dem Abschluss eine Stelle zu finden. Ein sehr konservativer Chefbauführer fragte mich zwar an einem Vorstellungsgespräch sogar, ob ich für meinen Mann auf Stellensuche sei. Lustigerweise stellte er mich dann aber sofort ein.

Ich war sicher ehrgeizig. Ein Jahr nach Lehrabschluss übernahm ich erste Baustellen. Dann machte ich die Vorarbeiterschule und schloss als erste Frau der Schweiz die Polierprüfung mit eidgenössischem Diplom ab. Darauf bin ich stolz.

Ehemalige Arbeitskollegen sagen mir heute, ich hätte immer klar gesagt, was ich will und was nicht. Deshalb hatte ich wohl nie Probleme in der Männerdomäne.

Mit 28 Jahren bekam ich das erste meiner drei Kinder. Weil mein Mann früh starb, gab ich meine Bautätigkeit auf und wurde Familienfrau. Ich machte verschiedene Weiterbildungen und blieb über die Vorstandstätigkeit im Baukaderverband mit der Berufswelt verbunden. Ich war mir sicher, nach der Kinderphase wieder auf die Baustelle zurück zu kehren. Als es dann aber soweit war, überlegte ich es mir anders. Es tat mir gut, die Verantwortung nach den Erziehungsjahren nicht mehr so stark zu spüren.

 

Alles für die Lernenden

Ich fand einen anderen Weg zurück auf den Bau. 2005 begann ich, ein Konzept für eine bessere Lehrlingsbetreuung in Bauunternehmen zu entwickeln. Mich hat immer gestört, dass man sich in der Branche über die Probleme mit den Lernenden aufregt, aber sich nur wenig um sie kümmert. Gleichzeitig wird laufend mehr von ihnen erwartet. Diesem Missverhältnis wollte ich ein Konzept entgegenstellen, welches die jungen Menschen ins Zentrum rückt, mit all ihren Bedürfnissen und Herausforderungen.

Als Freelancerin habe ich das Konzept dann verschiedenen Bauunternehmungen angeboten und auch umgesetzt.

Dabei war mir immer wichtig, in engem Kontakt zu den Jugendlichen zu stehen. Ich wollte sie darin unterstützen, ein Bewusstsein für ihr Handwerk und ihre Person zu entwickeln. Herausgekommen sind gut ausgebildete und selbstbewusste Lehrabgänger, die man an Kaderaufgaben heranführen kann. Dass ich dafür im Oktober den Cadre d’Or in der Kategorie Bauausbildner/in bekommen habe, hat mich riesig gefreut.

Im November 2014 gab ich meine Selbständigkeit auf und fing bei Implenia als Leiterin Lernendenwesen an. Die Stelle wurde neu geschaffen, damit das Potenzial der Lernenden bei Implenia optimal genutzt werden kann. Die Ausbildung von jungen Fachkräften ist nicht nur eine gesellschaftliche Verantwortung, sondern dient direkt der Erreichung der Unternehmenszielen der Gruppe. Ich habe hier die Möglichkeit, für über 200 Lernende ideale Lehrbedingungen zu schaffen. Ehrlich, das ist der Hammer!

Beat Matter