Flos Rückkehr

Beat Matter
Florian Hauser (Aufgenommen im Oktober 2015)

Mitten in der Weiterbildung zum Bauführer hat Florian Hauser einen schweren Töffunfall. Als Tetraplegiker kehrt er jetzt im Rollstuhl in die Baupraxis zurück. Porträt eines starken Willens. („die baustellen“ Nr. 11/2015)

Im Hauptgebäude der Schweizerischen Bauschule Aarau ist es still. Der Unterricht lauft. Im Untergeschoss rollt Florian Hauser vom Lift zur Mensa. Der Elektromotor seines Stuhls surrt.

Hauser, 26 Jahre alt, aus Zürich, ist gelernter Maurer und bildet sich an der Bauschule Aarau zum Bauführer weiter. Seit einem Töffunfall im Sommer 2014 ist er vom fünften Halswirbel an abwärts gelähmt.

An der Fassstrasse wählt er einen Cafe creme. Beim Zahlen fragt er die Mitarbeiterin an der Kasse nach einem Röhrli. Sie geht nach hinten und kommt mit Gebäck zurück. Sie hat ihn falsch verstanden. Er muss nochmals sagen: «Ein Röhrli bitte.» Hauser – die Kollegen rufen ihn Flo – ärgert das nicht. Er lacht. Hauser hat ein fröhliches Gesicht. Mit Schalk in den Augen. Satze spricht er fast druckreif.

Gelähmt

Es war gegen Abend am 21. Juni 2014, ein herrlicher Samstag. Flo traf sich mit zwei Kollegen, um mit den Motorrädern auf ihre Heimstrecke zu gehen. Eine kleine kurvige Runde in der Gegend, um kurz Spass zu haben, wenn wenig Zeit war. In einer Linkskurve in einem Waldstuck beschleunigte Flo zu früh. Das Hinterrad drehte durch, der Töff legte sich ab, Flo schlitterte über die Strasse. Kopfvoran prallte er in den ersten Baum am Strassenrand. Er wusste sofort: «Ich bin gelahmt.»

Zappelphilipp

Flo war stets ein Zappelphilipp. «Völlig hyperaktiv», sagt er. Er wuchs mit dem zwei Jahre jüngeren Bruder in Altstetten am Rande der Stadt Zürich auf. Die Eltern hatten dort ein Haus gekauft und bauten es über ein Jahrzehnt hinweg sukzessive um. Vieles machten die Eltern selbst, für grobe Arbeiten kamen Profis mit schwerem Gerat ins Haus. Für die Jungs ein grosses Abenteuer.

Flo war ein mässiger Schuler. Er wurde auf Legasthenie und Dyskalkulie (Rechenschwache) abgeklärt. Auch über ADHS wurde gesprochen. Medikamente bekam er keine. Dampf liess er im Sport ab, von früh an ritt er viel, hatte sein eigenes Pferd, suchte immer die Grenzen.

Die Oberstufe besucht Florian in einer Privatschule mit Kleinklassen. Es passte ihm dort, bald ging bei ihm «der Knopf auf». Vor Abschluss entschied er sich für eine Maurerlehre. «Ich wollte körperlich tätig sein. Gleichzeitig bietet der Job gute Perspektiven, um sich später weiterzuentwickeln», sagt Flo. Auch die Erinnerungen an ein Daheim auf dem Bauspielplatz wirkten mit. Die Lehre machte er bei der Esslinger AG, die jeweils für die gröberen Arbeiten im Haus war.

In der Lehre blühte Flo voll auf. Er war gut im Job, Klassenbester in der Schule, fit wie nie. Nach der Lehre ging er als Militärpolizei- Grenadier in die RS.

Wieder zurück in der Bude übernahm er rasch Vorarbeiterfunktionen und führte eigene Gruppen. Die Vorarbeiterkurse absolvierte er im Nachgang. Daraufhin wechselte er zu Anliker in Thalwil, um «Grossbaustellen- Luft zu schnuppern», sagt er. Auch dort bewährte er sich. Im Grossprojekt City West in Zürich verantwortete er ein ganzes Gebäude. Er bolzte Überstunden, führte bis zu 30 Leute. Die Polierschule übersprang er und meldete er sich für die dreijährige Bauführerschule in Aarau an. Er kündigte, zog mit seiner Freundin in eine günstigere Wohnung und drückte ab Frühling 2013 die Schulbank. Im Frühling 2014 startete er – wieder bei Anliker – in das obligatorische Praktikum. Wenige Wochen später brach er sich das Genick.

Panikattacken

Auf dem Unfallplatz schickten die Notärzte Flo sofort in den Tiefschlaf. Drei Tage später tauchte er im Universitätsspital Zürich langsam wieder auf. Die Medikamente wirkten nach. «Das hatte den Vorteil, dass ich auch nur ganz langsam realisierte, was tatsachlich los war», erinnert er sich.

Florian Hauser3Die Diagnose: Genickbruch auf Höhe des Halswirbels C5. Der Wirbel wurde durch einen Metallstift ersetzt und mit den Wirbeln C4 und C6 verschraubt. Flo konnte den Kopf und einige Finger bewegen sowie die Arme leicht beugen. Er spürte den Rücken sowie eine kleine Stelle auf dem Bauch. Das war für einen mit seiner Diagnose viel. Aber abgesehen davon: Nichts.

Unklar war, ob die Lähmung in diesem Ausmass komplett bleiben oder ob Teile davon wieder weggehen würden. «Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich fest daran, zumindest meine Hände wieder voll gebrauchen und die komplette Selbständigkeit wieder erlangen zu können», erzählt Flo.

Er hielt sich wacker. Während sein Umfeld teilweise überfordert war mit der Situation am Krankenbett, war er es, der für eine gewisse Ruhe sorgte. Nachts jedoch litt er unter Panikattacken. «Ich schreckte aus dem Schlaf auf, konnte mich aber nicht bewegen. Ich lag wie gefesselt in meinem eigenen Körper», schildert er.

Nach neun Tagen auf der Intensivstation der Uniklinik wurde Flo ins Paraplegikerzentrum in Nottwil verlegt. Dort blieb er neun Monate. In Nottwil legten sich auch die Wogen im Familien- und Freundeskreis wieder. «Ihre enorme Unterstützung ermöglicht mir heute, mein Leben zu bewältigen», sagt er.

Rückkehr

Nach wenigen Monaten in der Reha begann Flo, Möglichkeiten für das künftige Berufsleben abzuklären. Er hätte sich komplett neu orientieren können. Eine simple Liste mit Vor- und Nachteilen führte ihn jedoch zum Entscheid, in seinem bisherigen Job anzuknüpfen. «Jeder andere Weg hatte viel mehr Energie und Zeit gekostet, um auf vergleichbares Wissen und Erfahrung zu kommen», erklärt er. Gleichzeitig festigte sich Flos Prognose. Es gab keine Anzeichen für die Rückgewinnung von Bewegungsfähigkeiten. Die Lähmung bleibt.

Dennoch spurte auch Denis Fischer, Mitglied der Schulleitung und Leiter Bauführung Hoch-/Tiefbau an der Schweizerischen Bauschule Aarau, Flos unbändigen Willen zurückzukehren, als er erstmals mit ihm sprach. «Bereits da ging es nicht darum, ob er bei uns weiterstudieren kann, sondern wann», sagt Fischer. An seiner Schule hat man Erfahrung mit Bauleuten, die nach Unfällen ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben können und sich deshalb in einen anderen Bereich weiterbilden. Das Schulareal ist komplett rollstuhlgängig. Und die Berufschancen für behinderte Bauleute hält Fischer für intakt. Auf Stufe Bauführer sei es beispielsweise keine Seltenheit, dass man sich auf bestimmte Tätigkeiten spezialisiere. Das sei auch für Florian Hauser möglich, sagt er.

Nach neun Monaten Reha und zwei Wochen Ferien kehrte Flo im April 2015 – nun im berufsbegleitenden Modus – wieder an die Bauschule zurück. Arbeiten erledigt er hauptsachlich auf einem Tablet. Daheim hilft ihm eine Spracherkennungssoftware.

Vor wenigen Wochen war er mit seiner Bauführer-Klasse auf Projektreise in Lissabon – und bei allen Besichtigungen dabei. Denis Fischer spricht von einem unglaublichen Engagement der Klassenkollegen, Flos Betreuerin und natürlich von Flo selbst.

Praxis

Die Chance für die berufliche Integration bietet sich Flo bei der Specogna Bau AG. Dabei half Vitamin B. Flo ist eng befreundet mit dem Sohn von Ralf Specogna, CEO der Bauunternehmung. An jenem schicksalhaften 14. Juni 2014 fuhr der junge Specogna auf dem Motorrad hinter Flo her und sah, wie dieser am Baumstamm aufschlug.

Florian Hauser2Aufgrund dieser freundschaftlichen Verbindung entstanden in Nottwil Gespräche über eine Anstellung im Familienbetrieb. Ralf Specogna erinnert sich an seine Besuche in Nottwil. «Florian hatte schon zu jenem Zeitpunkt den starken Willen, wieder in seinem Beruf tätig zu werden. Das imponierte mir», sagt er. Es sei ihm deshalb rasch klar gewesen, dass er Flo eine Chance geben wolle. Gleichzeitig betont Specogna, dass es ihm dabei nicht um Wohltätigkeit gehe. «Ich bin vielmehr überzeugt davon, dass Florian die Power hat, einen Bereich zu finden, in dem er inhaltlich und wirtschaftlich gewinnbringend für uns tätig sein kann», sagt er. Dafür wurde in den Büros in Kloten einiges umgebaut: Zugänge, Rampen, elektrische Türöffner, ein spezieller Arbeitsplatz. Die Suva übernahm den Löwenanteil der Kosten. Der Capo liess die Anpassungen ausführen, lange bevor der Bescheid über die Kostenbeteiligung vorlag.

Vorderhand arbeitet Flo sechs Stunden wöchentlich. Die Situation ist noch nicht eingespielt. «Aber ich will arbeiten», sagt er entschieden. «Nicht einfach, um beschäftigt zu sein, sondern weil ich wieder rentabel mitwirken will.» Die Zeit bis zum Abschluss der Bauschule im Frühling 2017 sehen Flo und Specogna als Aufbauphase.

Kein Bereuen

Das ideale schulische und berufliche Setting könnte darüber hinweg tauschen, dass Flo noch am Anfang seiner Rückkehr steht. An jenem Baumstamm zerbrach mehr als ein Genick. Die langjährige Beziehung etwa. Oder die trügerische Selbstverständlichkeit, ein selbstbestimmtes und aktives Leben zu fuhren. Jetzt muss der Zappelphilipp das Ruhigere schätzen lernen. Er macht Fortschritte. «Mittlerweile kann ich die Natur auch geniessen, ohne mich rastlos zu fühlen», sagt er. Doch dann kommt auch Wehmut auf: «Nochmals laufen können, nochmals reiten können, nochmals richtig den Körper spüren», das wären Flos kleine grossen Wünsche.

Trotzdem: Er sei froh, all die Grenzen ausgelotet zu haben, sagt Flo bestimmt. In Nottwil habe er Leute gesehen, die beim Staubsaugen verunfallten und gelähmt waren. «Nein, ich bereue es nicht.»

Beat Matter