«Ich hatte nie eine Krise»

Beat Matter
Hausi Leutenegger (Aufgenommen im Dezember 2014)

Erfolgreicher Sportler, Filmschauspieler, Unternehmer. Vom Bauschlosser zum Multimillionär hat Hausi Leutenegger eine Tellerwäscherkarriere gemacht, wie man sie in dieser Ausprägung nur selten sieht. Ein Treffen. (die baustellen Nr. 01/2015)

Es ist ein kühler, nasser Morgen Anfang Dezember. Pünktlich auf die Minute fährt eine schwarze Mercedes-Limousine vor. Am Lenkrad sitzt Hausi Leutenegger. Er kommt alleine, fährt selbst. Leutenegger, Mitte Januar 75 Jahre alt geworden, ist in der Schweiz bekannt wie ein bunter Hund. Man kennt sein Gesicht aus dem Fernsehen und aus der Boulevard-Presse, am gleichen Morgen liegt die neuste Ausgabe der «Schweizer Illustrierte» mit Leuteneggers Konterfei auf dem Titel am Kiosk: Zigarre in der Hand, sein Lachen im Gesicht. Darunter die Zeile «Meine Karriere begann im Puff».

Leutenegger ist keiner jener synthetischen Promis, die sich, wie es heute leicht passiert, weitgehend leistungsfrei ins Scheinwerferlicht manövriert haben. Der Mann hat sein Leben lang geschuftet. Als fünftes von acht Kindern wuchs Leutenegger in Bichelsee (TG) auf. Er war eine Sportskanone, holte sich an nationalen Turntagen Kränze, 1972 gar die Goldmedaille im Viererbob an den Olympischen Spielen in Sapporo. Ab Mitte der 1980er Jahre drehte er, der «Burt Reynolds der Alpen», 35 Film- und Fernsehproduktionen, unter anderem an der Seite von Klaus Kinski.

Seine berufliche Karriere begann Leutenegger mit einer Lehre als Bauschlosser. Er ging ins Ausland, krampfte als Vertreter, als Skilehrer, als Monteur. 1965, genau vor 50 Jahren, gründete er in Genf die Hans Leutenegger SA, ein Unternehmen für Montage und Regierarbeiten, über welches er zunächst sich selbst und dann rasch weitere bei ihm angestellte Männer und Frauen an Industrie- und Baubetriebe vermietete. Heute hat das Unternehmen mit Hauptsitz in Genf rund 1000 Mitarbeitende und macht rund 100 Millionen Franken Umsatz. Leutenegger hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, ist aber nach wie vor Inhaber und Verwaltungsrat. Sein Sohn Jean-Claude ist Präsident des Verwaltungsrats und führt das Unternehmen zusammen mit Urs Vögele.

Leutenegger steigt nur im Pullover und mit Schal aus dem Mercedes aus. Er sei ein bisschen krank, nicht ganz im Strumpf. Im Gespräch in einem Restaurant, wo er ums Verrecken bezahlen will, merkt man davon nichts.

«die baustellen»: Sie leben im Kanton Schwyz und auf Gran Canaria. Was treibt Sie in diesen trübnassen Wintertagen in die Schweiz?
Hausi Leutenegger: Ich bin ein einfacher Mensch und fühle mich überall wohl. Ich komme aber immer wieder gerne nach Hause. Ich habe hier verschiedene Verpflichtungen, die ich wahrnehmen muss. Man will mich jeden Tag irgendwo haben.

Es ist Anfang Dezember. Vor wenigen Tagen war ein Abstimmungssonntag. Sind Sie ein politischer Mensch?
Ich verfolge die Politik intensiv. Aber ich äussere mich nicht zu politischen Themen. Ich bin auf der Linie von Blocher, Maurer und Brunner. Das können Sie schreiben. Mehr sage ich nicht.

Die Ecopop-Vorlage, die soeben abgelehnt wurde, hat international bewegt. Mussten Sie auf Gran Canaria über die Vorlage Auskunft geben?
Nein.

Wegen der Vorlage über die Pauschalbesteuerung wurde wieder über reiche Menschen in der Schweiz debattiert und gestritten. Fühlen Sie sich als reicher Mann wohl in der Schweiz?
Ja. Denn die Leute mögen mich. Sie mögen mich, weil ich zu meinem Geld stehe und viel davon gegeben habe. Ich habe in 50 Geschäftsjahren allein dem Sport rund 20 Millionen Franken gegeben.

Man hat Ihnen unter anderem dafür mehrere Preise verliehen.
Ja, ich habe den Sportfördererpreis erhalten sowie zahlreiche weitere Auszeichnungen. Ich wurde sogar einmal zum bestangezogenen Schweizer gekürt. Nur den Oscar hat man mir nie gegeben. (lacht)

Was machen Sie mit solchen Trophäen?
Ich war ja früher eidgenössischer Kranzturner, deshalb habe ich einen Kranzkasten. Darin versorge ich bis heute alle Preise. Zwei Mal im Jahr gehe ich mit Freunden an den Kranzkasten. Wir trinken etwas und ich prahle zwei Stunden lang mit meinen Erfolgen.

Sie machen auch keinen Hehl aus Ihrem Reichtum, nennen sich selbst einen Selfmade-Millionär...
Halt! Das sage nicht ich. Die Presse schreibt das einfach. Es ist so: Meine Neider warten seit 50 Jahren auf meinen Absturz. Während Wirtschaftkrisen meldeten sie sich stets und erkundigten sich, wie es mir gehe. Ich sagte dann jeweils, es gehe mir schlecht. Ich könne all das Geld nicht mehr zählen, müsse es deshalb verteilen. Dann war ruhe. Ich hatte in 50 Geschäftsjahren nie eine Krise.

Sie haben Ihr Vermögen mit eigenen Händen und aus eigener Initiative erschaffen. Kann das jeder?
An Vorträgen sage ich jeweils: Jeder Mensch hat ein Talent. Findet er heraus, welches Talent er hat, dann wird er reich. Es gibt so viele gescheite Leute, die es trotzdem zu nichts gebracht haben, weil sie das falsche machten.

Sie haben Ihre Karriere mit einer einfachen Bauschlosser-Lehre begonnen. Wie haben Sie gemerkt, dass sie etwas anderes tun müssen?
Mein Gewerbeschullehrer sagte früh zu mir, ich werde nur ein mittelmässiger Bauschlosser. Das sei nicht mein Leben, ich müsse zum Zirkus, zum Film oder ich werde Mafiaboss. Nach meiner Lehre schickte mich die Sulzer nach Genf, um französisch zu lernen. Dort wurde mir klar: Ich will weg. Ich will etwas Eigenes machen. Ich ging dann ins Ausland und probierte verschiedene Dinge aus: Ich war Vertreter, war als Skilehrer in Österreich und weit herum als Monteur unterwegs. Ich habe zahlreiche Metiers ausprobiert, bevor ich meine Berufung fand.

Ihre Erfolgsidee war es dann, festangestellte Fachkräfte an Drittfirmen zu vermieten. Wie kamen Sie darauf?
Ich habe dieses System in Holland kennen gelernt. Ich war dort als Monteur für die Firma Bühler tätig. Mit einer Gruppe von acht Holländern montierte ich Maschinen. Dabei haben jeweils alle am Mittag und am Feierabend brav ausgestempelt. Einer tat das nicht. Ich fragte ihn nach dem Grund, worauf er mir erklärte, er arbeite zwar seit 15 Jahren in dem Betrieb, sei allerdings Angestellter der nahen Konservenfabrik. Die befreundeten Chefs hatten, als die Arbeit hier knapp und dort reichlich vorhanden war, Arbeiter verschoben.

Wie ging es weiter?
Der Gedanke an das System liess mich nicht mehr los. Als ich nach Einsätzen in Jamaika zurück in die Schweiz kam, wollte ich es anwenden und vermietete mich selbst als Spezialist für Umbauten. Beim ersten Job lief wenig. Danach kam ich zu Suchard, um eine Maschine umzubauen. Dort schlug ich ein wie eine Bombe. Im Wochentakt kam der Chef zu mir und sagte, er brauche nochmals zwei Männer wie mich. Plötzlich waren dann 20 Leute von mir tätig. Ein zweites Unternehmen fragte mich an. Dann waren auch dort 20 Männer platziert. Wir standen im Ruf, gut und schnell zu arbeiten. Die Chefs erzählten das herum und lösten damit eine Lawine aus.

Das klingt ganz einfach. War es das?
Ich kam zu einer Zeit, in der es offenbar einen wie mich brauchte. Und ich habe genau das gemacht, was ich konnte. Als ich das Unternehmen aufzubauen begann, lag das Geld auf der Strasse. Man musste es nur einsammeln. Heute möchte ich hingegen keine Firma mehr gründen müssen. Die Mentalität hat sich verändert. Damals galt ein Handschlag etwas. Heute muss ja alles schriftlich festgehalten werden.

Wie haben Sie die Krise in den 1970er-Jahren schadlos überstanden?
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits viele Aufträge aus dem Ausland. Durch die breite geografische Aufstellung konnte ich den Einbruch in einzelnen Ländern auffangen, ohne eine finanzielle Krise zu erleiden.

Sie sagten einmal, die Karriere sei nicht leicht gewesen, aber schön.
Obwohl ich rasch erfolgreich war, war es natürlich kein einfacher Weg. Ich habe die Firma ohne Bankkredite und ohne Schulden gross gemacht. Ich habe dabei zahlreiche Freundschaften geschlossen und das ganze Land beackert. Ich wusste, wo man den besten Cervelat-Salat isst, die beste Fasnacht feiert und wo die schönsten Frauen an der Bar stehen. Das war schön und gut, aber auch anstrengend. Daneben gab es echte Tragödien. Ich habe Monteure verloren, die tödlich verunglückten. Das waren schwere Phasen, denn ich hatte ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für meine Leute. Ich habe schweren Zeiten überstanden, indem ich stets versuchte, nach vorne zu schauen. Ich sagte mir, meine Firma braucht einen glücklichen Boss.

Neben Ihrer unternehmerischen Tätigkeit haben Sie 1972 Olympiagold im Viererbob geholt und in den 1980er Jahren Ihre Filmkarriere gestartet. Wie haben Sie das unter einen Hut gebracht?
Wenn ich heute darüber nachdenke, weiss ich es selbst nicht mehr. Ich hatte einfach einen unheimlichen Trieb in mir. Als das mit den Filmen begann, war mein Unternehmen hervorragend aufgestellt und keine Krise in Sicht, so dass meine Führungsleute mich problemlos vertreten konnten.

Sie kamen nach Hollywood, wurden weltberühmt. Wie schafften Sie es, dass das Unternehmen daheim nie an Priorität verlor?
Wie gesagt: Dem Unternehmen ging es gut. Es gab keine Probleme, die Konjunktur war gut. So ging alles aneinander vorbei.

Aus dem operativen Geschäft haben Sie sich vor ein paar Jahren zurückgezogen. Sie sind aber nach wie vor Inhaber und Verwaltungsrat des Unternehmens. Was tun Sie heute noch für die Firma?
Ich sitze beispielsweise hier und gebe Ihnen ein Interview. Die Medienauftritte mache ich für die Firma, nicht für mich persönlich.

Fiel es Ihnen schwer, sich aus dem operativen Geschäft zurück zu ziehen?
Wenn man ein Unternehmen gegründet und gross gemacht hat, dann gibt man nie ganz ab. Das Unternehmen gehört nach wie vor mir. Ich mische mich zwar nicht mehr ins operative Geschäft ein. Aber ich bin jederzeit über die wichtigsten Dinge informiert und schaue mir jede Woche die detaillierten Zahlen an. Nach wie vor lege ich Wert darauf, dass das Unternehmen keine Schulden hat und nie die Konten überzieht.

Ihr Sohn Jean-Claude ist VRP des Unternehmens. Teilt er Ihre Philosophie?
Er ist ein feiner, sehr gescheiter Mensch. Aber er lebt in einer anderen Welt, ist schon in einer anderen Welt geboren worden. Er lebt lockerer, als ich es konnte. Was er mittelfristig mit dem Unternehmen macht, wird nicht an mir liegen. Vorderhand allerdings steht ihm mit Urs Vögele ein Vertrauter von mir als Generaldirektor zur Seite. Vögele hat mir per Handschlag versprochen, die Firma zehn Jahre lang zu führen. Das gilt noch. Die Führungscrew weiss, dass ich ihr einen Rolls Royce übergeben habe, aus dem sie keinen VW machen darf.

Würden sie einen Verkauf des Unternehmens akzeptieren?
Ich würde mir wünschen, dass die Firma noch weitere 50 Jahre existieren kann. Über 1000 Mitarbeitende vertrauen auf den Fortbestand. Und solange das Unternehmen läuft, wie es das heute tut, sehe ich keine Not, um zu verkaufen. Was wollte man auch mit dem ganzen Geld anfangen. Man kann es nur verlieren.

Bekamen Sie in all den Jahren viele Angebote?
Natürlich. Die Angebote kamen aus allen Himmelsrichtungen.

Sie haben einen Verkauf nie in Erwägung gezogen?
Nein. Die Interessenten wollten jeweils den Namen der Firma, also meinen Namen. Es kam für mich nie infrage, jemandem meinen Namen anzuvertrauen und so zu riskieren, dass jemand damit Schindluderei betreibt.

Dieses Jahr steht nun das 50 Jahr-Jubiläum an. Wie feiern Sie das?
Das wird keine grosse Sache. Eine grosse Feier wird es nicht geben. Das 25 Jahr-Jubiläum feierten wir sehr gross. Das waren riesige Veranstaltungen mit jeweils zwei Mal 500 Gästen am Vierwaldstättersee und am Genfersee. Diesmal halten wir es klein. Wissen Sie, die Leute feiern heute nicht mehr so ausgelassen. Die Topmanager beispielsweise sind so im Stress, dass sie in ihrer wenigen Freizeit lieber daheim hocken. Die Geschäftswelt hat sich verändert.

Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?
Es zeigt mir, dass ich älter geworden bin. Ich mag nicht mehr alles mitmachen. Ich war jetzt 50 Jahre lang permanent um Leute herum. Musste immer Big Smiling machen. Musste immer allen Grüezi sagen. Jetzt mache ich nur noch, was ich will.

Soeben ist die «Schweizer Illustrierte» erschienen. Mit Ihnen auf dem Cover. Das ist Ihnen wichtig?
Nein. Aber es ist sicher so: Wer auf dem Cover ist, der ist jemand. Der Ringier-Verlag war mir immer gut gesinnt. Ich habe viele Freunde dort, deshalb mache ich dabei mit. Und abgesehen davon: Verstecken muss ich mich vor niemandem. Ich war stets gut zu den Menschen. Deshalb mögen sie mich, gerade auch die Jungen. Denen gefällt, dass ich etwas geleistet habe und es aus einfachen Verhältnissen zu etwas gebracht habe.

Weshalb ist es Ihnen wichtig, eine grosszügige Person zu sein?
Wenn man es zu Reichtum gebracht hat, gehört es für mich dazu, dass man geben kann. Das hat auch mit einem Glauben zu tun. Ich glaube an etwas. Ich glaube, dass es etwas gibt, das mir dabei geholfen hat, meinen Weg zu gehen. Und ich glaube, dass einen guten Schlaf findet, wer ein gutes Leben geführt hat.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein. Ich bin bereit. Ich habe alles erledigt. Ich habe ein aufregendes Leben gelebt. Meine Familie, meine Kinder, mein ganzes Umfeld, die sind gut versorgt. Trotzdem würde ich gerne noch ein paar Jahre leben.

Eines Ihrer Mottos lautet: «Schau nie zurück». Wie macht man das mit 75 Jahren?
Mit 75 Jahren kann man erst recht nur noch vorwärts schauen und jedes Jahr geniessen, das man noch in guter Gesundheit erleben kann. Und man sollte sich nicht allzu viele Gedanken über den Abgang machen. Dafür ist es noch früh genug, wenn einem der Doktor sagt, man sei todkrank.

Machen Sie eine Ausnahme: Wenn Sie auf 75 Jahre Leben und 50 Jahre Unternehmertum zurückblicken, welchen Entscheid würden Sie aus heutiger Warte anders fällen?
Wenn ich nochmals frisch anfangen könnte, würde ich meinen Gewerbeschullehrer beim Wort nehmen, sofort das Köfferlein packen, wie es Schwarzenegger tat, und ab nach Hollywood.

 

Beim Verlassen des Restaurants erkennt Leutenegger am Tisch hinten in der Ecke Bekannte. Er steuert auf den Tisch zu. Lautes Hallo, Hände schütteln, lachen. Leutenegger heisst die Bekannten, eine Flasche Wein zu bestellen, er werde bezahlen. Er begleitet uns noch aus dem Restaurant, sagt, so laufe das immer, und geht wieder rein.

Beat Matter