«Die Wasserkraft ist in der Schweiz fast vollständig ausgebaut»

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«Sein» Institut ist die erste Adresse für Wasserfragen in der Schweiz: Bernhard Wehrli ist ETH-Professor für Aquatische Chemie und Direktionsmitglied der Eawag. Ein Gespräch über Wasser, Wasserkraft, Hochwasser und Wassermangel. (die baustellen Nr. 09/2014)

Baden oder duschen Sie?
Bernhard Wehrli: Ich dusche. Weil ich gerne stehe. Und weil es schneller geht.

Und Wasser spart.
Wir sind in der Schweiz in der luxuriösen Lage, nicht Wasser sparen zu müssen. Sinnvoller ist die Energieeinsparung. Es braucht Energie, um das Wasser hin und her zu pumpen.

In der Schweiz ist der Wasserverbrauch pro Kopf und Tag in den letzten 30 Jahren deutlich von rund 500 auf rund 300 Liter gesunken. Sollen wir ihn weiter senken?
Jein. Zum Beispiel in Zürich ist der Wasserverbrauch hauptsächlich deshalb massiv gesunken, weil wasserintensive Industrien verschwunden sind. Banken brauchen ja fast nur eine Kaffeemaschine. Zürich betreibt jedoch eine Schwemmkanalisation. Damit sie funktioniert, braucht es ein Minimum an Wasserdurchfluss. Deshalb sollten wir das Sparen nicht bis zum Exzess betreiben.

Im Mai stimmten die Schaffhauser über eine Änderung des Wasserwirtschaftsgesetzes ab, die möglicherweise ein neues Wasserkraftwerk am Rheinfall ermöglicht hätte. Wie hätten Sie gestimmt?
Ich hätte es vermutlich abgelehnt. Die Wasserkraft ist in der Schweiz fast vollständig ausgebaut. Natürlich gibt es hinsichtlich des Atomausstiegs Bedarf nach zusätzlicher Produktion. Aber auch die optimistischsten Varianten des Bundesamts für Energie zeigen, dass aus der Wasserkraft nur noch wenige zusätzliche Prozente gewonnen werden können. In der Solarenergie sehen wir deutlich mehr Ausbaupotenzial als in der Wasserkraft.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Wasserkraft auf Gedeih und Verderb ausgebaut wird, ohne dass es viel bringt?
Die Gefahr ist vorhanden, gegenwärtig aber klein. Die Strompreise in Europa sind aktuell so tief, dass sich Investitionen in neue Kraftwerke nicht lohnen. Sollten die Strompreise aber wieder steigen, könnte der Ruf erklingen: «Jetzt bauen wir!». Wir müssen aufpassen, im Zuge schwankender Strompreise nicht in eine Hüst und Hott-Politik zu verfallen. Der Strommarkt ist ein spezieller Markt, der nicht ganz ohne Regulierung auskommt. Über die Art dieser Regulierung müssen wir uns Gedanken machen.

Strompreis hin oder her: Will man die Speicherfähigkeit erhöhen, müssen Pumpspeicherkraftwerke finanziert und gebaut werden.
Ja. Es gibt in der Schweiz mehrere Projekte, die derzeit aus Gründen der Wirtschaftlichkeit auf Eis liegen. Klar ist: Die Energieszenarien des Bundes und auch der ETH Zürich gehen davon aus, dass die Fotovoltaik künftig ein wichtiger Partner wird. Fotovoltaik unterliegt jedoch Tag-Nacht- sowie Sommer-Winter-Schwankungen. Um Tag- Nacht- oder auch Wochenschwankungen abzufedern, können Pumpspeicherkraftwerke eine wichtige Rolle spielen. Hingegen braucht es mehr als ein paar Speicherkraftwerke, um die Winterlücke zu überbrücken.

Die Schweiz ist ein ausgeprägtes Wasserland. Wie würden Sie unseren Umgang mit Wasser beschreiben?
Wir dürfen stolz darauf sein, wie wir in der Schweiz mit dem Wasser umgehen. Wir haben enorm viel investiert, damit wir sauberes Wasser erhalten und sauberes Wasser wieder an die Flüsse und Seen zurückgeben. Und es geht weiter. Wir sind weltweit das erste Land, das Mikroverunreinigungen aus dem Abwasser entfernen will. Dafür werden in einem neuen Programm 100 Kläranlagen aufgerüstet.

Ein Fact-Sheet der Eawag aus dem Jahr 2011 zeigt: Rund 22 Prozent der Schweizer Flusslaufkilometer befinden sich in ökologisch schlechtem Zustand.
Das ist die andere Seite. Man muss unterscheiden zwischen dem Aufwand für die Wasserqualität und dem Umgang mit den Wassermengen. Die Abflussmengen wurden vor allem im alpinen Bereich völlig reduziert. Das Wasser wird in Stauseen gespeichert und über eine Druckleitung ins Tal geführt, während es den Bächen fehlt. Bereits 1975 hat sich jedoch die Stimmbevölkerung für Restwassermengen ausgesprochen. Allerdings läuft der Vollzug sehr langsam und dauert bis heute an. Nebst der Wassermenge sind aber auch Aspekte wie die Fischgängigkeit und ein reduzierter Schwallbetrieb ökologisch wichtig. Hierfür wurden mittlerweile auch Gelder gesprochen.

An verschiedenen Orten in der Schweiz wurden oder werden Flussläufe und Auen renaturiert. Müssen hier Fehler früherer Generationen ausgebügelt werden?
Ja. Historisch gesehen war die Schweiz ein Land, das immer wieder vom Wasser verwüstet wurde. Im voralpinen Bereich gab es regelmässig Hochwasser. Um die Folgen einzudämmen, wurden herausragende Ingenieurleistungen vollbracht: Begradigungen, Kanalisierungen, Hochwasserverbauungen. Jedoch sind die Lösungen von damals die Probleme von heute. Man hat zu stark eingegriffen, so dass wichtige Gewässerfunktionen nicht mehr gewährleistet sind. Deshalb hat man beschlossen, wieder einen Schritt in Richtung Renaturierung zu gehen.

Von der Flut zum Mangel: In mehreren Projekten, beispielsweise im nationalen Forschungsprojekt «Nachhaltige Wassernutzung » (NFP61) wurde und wird die Gefahr für Wasserknappheit im Zuge des Klimawandels erforscht. Worauf müssen wir uns vorbereiten?
Grundsätzlich geht der Schweiz das Wasser nicht aus. Nach den Ergebnissen des Forschungsprojekts wäre es betreffend lokaler Wasserknappheit das «worst-case» -Szenario, wenn sich aufeinanderfolgend zwei Hitzesommer wie jener von 2003 ereignen würde. Dann würde es knapp mit dem Grundwasser und es müssten Prioritäten beim Wasserbezug gesetzt werden, indem beispielsweise die Bewässerung untersagt würde.

Und das Trinkwasser?
Beim Trinkwasser sind hinsichtlich lokaler Knappheit die Strukturen zu überdenken. Die Trinkwasserversorgung ist in der Schweiz sehr kleinräumig organisiert. Jede Gemeinde hat ihre eigene. Das System könnte durch Vernetzung abgesichert werden. Würden sich lokale Verbundsysteme vernetzen, könnte man sich bei Knappheit gegenseitig aushelfen.

Das erfordert Investitionen. Ist das realistisch?
Das wird sich weisen. Tatsache ist: Das Grundwasser steht unter Druck. Siedlungen breiten sich aus. Grundwasserschutzgebiete müssen deswegen verschoben werden. Hinzu kommen laufend mehr Erdsonden, durch welche die Grundwasserschicht perforiert wird und das Risiko von Verunreinigungen steigt. Es ergibt sich eine Konkurrenzsituation zwischen der Wärmenutzung und der Trinkwassernutzung. Darüber müssen wir uns Gedanken machen.

Es gibt den Begriff des «Peak Water». Er besagt grundsätzlich dasselbe wie der bekannteren Begriff «Peak Oil», nämlich dass der Mensch heute mehr von dem Rohstoff nutzt, als auf natürlichem Weg wieder «entstehen» kann. Sie haben sich gegen diese These ausgesprochen. Weshalb ist sie falsch?
Weil weiterhin permanent Wasser von den Ozeanen aufs Festland transportiert wird. Weil es über dem Land weiterhin regnen wird. Und sich dadurch weiterhin neues Grundwasser bilden wird. Aus dieser Überlegung heraus kann man das Grundwasser als unerschöpfliche Ressource betrachten. Die «Peak Water»-Leute haben recht beim fossilen Grundwasser. Bohrt man – wie beispielsweise in einem Projekt in Libyen – vor Jahrtausenden eingeschlossenes, fossiles Grundwasser an, regeneriert sich dieser Vorrat nicht mehr. Global ist der Anteil an fossilem Grundwasser jedoch so verschwindend klein, dass ich der Meinung bin, es sei falsch, diese Diskussion zu führen. Es ist Schaumschlägerei.

Regionale Wasserknappheit ist jedoch bittere Realität.
Absolut. In Ägypten beispielsweise leben rund 80 Millionen Einwohner vom Nil. Es regnet fast nie. Wird in Äthiopien oder dem Sudan Nil-Wasser gestaut oder für die Bewässerung entnommen, fehlt es in Ägypten. In Syrien, im Nahen Osten insgesamt, haben wir ähnliche Situationen. Und entsprechende Konflikte.

Ist es abwegig zu glauben, dass Wasser früher oder später gehandelt und verfrachtet wird wie Öl?
Indirekt geschieht das bereits. Über den Handel mit Agrargütern.

Auf die Frage, ob der Welt das Wasser ausgeht, haben Sie einmal geantwortet: «Solange uns nicht die Ideen ausgehen, können wir diese Frage getrost mit ‹nein› beantworten.»
Im Trinkwasserbereich ist es machbar, fast alle Menschen der Welt mit der nötigen Menge zu versorgen. Die dafür benötigte Wassermenge ist verhältnismässig klein. Hingegen werden wir Probleme bekommen mit der Bewässerungslandwirtschaft. Die Weltbevölkerung nimmt rasant zu. Die Nahrungsmittelproduktion muss weiter erhöht werden. Hier sind Ideen gefragt.

Wird sich der «Kampf» ums Wasser in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verschärfen?
Ja. Wenn ich eine Prognose machen müsste, würde ich sagen: In 20 Jahren spricht man mehr von Wasserproblemen als von Klimaproblemen. Denn die Wasserprobleme werden sehr viele Menschen sehr direkt betreffen.

Beat Matter