«Wir wollen keine Zweitklass-Ingenieure ausbilden»

Beat Matter
René Graf, Direktor Departement Architektur, Holz und Bau AHB der Berner Fachhochschule BFH (Aufgenommen im August 2014)

Vor gut einem Jahr hat René Graf den Direktorenposten des Departements Architektur, Holz und Bau AHB der Berner Fachhochschule BFH übernommen. Ein erster Rückblick, viel Ausblick und ein wenig Einblick. (die baustellen Nr. 08/2014)

«die baustellen»: Lehrer leben mit dem steten Vorwurf, gar viel Ferien zu haben. Sind Sie damit auch konfrontiert?
René Graf: Der Mythos hält sich hartnäckig. Dabei kann von übermässig viel Ferien keine Rede sein. Als 1997 die Fachhochschulen aus den alten Techs hervorgingen, wurden sie mit Zusatzaufgaben betraut: Forschung, Dienstleistungen und Weiterbildung. Alleine aus diesen Stichwörtern wird klar, dass sich nicht der ganze Betrieb an einer Fachhochschule am Semester- Rhythmus orientiert. Und auch im klassischen Lehrbetrieb gibt es für die Dozierenden, den Mittelbau und die Administration zahlreiche Tätigkeiten, die über die Semester hinaus weiterlaufen.

Nimmt man Ihnen die Erklärung ab?
Da wir mittlerweile SAP einführen durften, könnte ich das nötigenfalls auch beweisen und das Pensum stundengenau belegen. Es ist sehr herausfordernd und zeitintensiv, die Bedürfnisse, welche aus unseren unterschiedlichen Aufträgen hervorgehen, mit beschränkten Ressourcen unter einen Hut zu bringen. Inklusive Weiterbildung sind im Departement immerhin 800 Studierende aktiv. Hinzu kommt der Forschungsapparat mit rund 120 Forschenden.

Wie wichtig ist die Forschung für Ihr Departement?
Die Forschung ist grundsätzlich zentral, um die Lehre auf dem aktuellen Stand des Wissens zu halten. Und sie ist wichtig, um den Draht zur Wirtschaft sicherzustellen. Im Bereich Holz ist die Forschung sehr ausgeprägt, weil wir schweizweit die einzige Organisation sind, die den Bereich abdeckt – und das seit über 60 Jahren, als unser Kompetenzzentrum auf Initiative der Branche aufgebaut wurde. Im Bereich Architektur ist eine Herausforderung, dass es unterschiedliche Auffassungen von Forschung gibt. Wir arbeiten da an der Konkretisierung von verschiedenen Elementen. Wir sehen die Architekten als Innovationstreiber für den Bau – und als solche müssen sie in die Forschung eingebunden werden.

Sie haben Ihren Posten vor Jahresfrist angetreten. Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach zwei Semestern aus?
Die Organisation funktioniert grundsätzlich. Der Lehrbetrieb steht auf guten Beinen. Es laufen gute Projekte, um den Unterricht auch in den nächsten Jahren auf höchstem Niveau zu halten. Gleichzeitig gibt es Herausforderungen personeller und struktureller Art. Diese kommen jedoch nicht überraschend, schliesslich bin ich seit knapp 12 Jahren in der Organisation tätig. Ich habe mir ein Jahr Zeit gegeben, um den Umfang und die Prioritäten notwendiger Aktivitäten zu bestimmen. Das schliesse ich jetzt ab. Um eine solide und nachhaltige Wirkung innerhalb der Organisation sicherzustellen, gebe ich mir weitere vier Jahre. Ich bin auf Kurs.

Sie sprechen von Aktivitäten: Als 2012 mit Herbert Binggeli ein neuer Rektor an die Spitze der BFH kam, hiess es, für die BFH stehe jetzt eine Phase der Konsolidierung an. Ein Widerspruch?
Nein. Konsolidierung heisst nicht zurücklehnen. Und die BFH ist nicht homogen, sondern höchst heterogen. Innerhalb der AHB sind nicht alle Bereiche auf dem gleichen Stand. Es gibt Bereiche, die wir entwickeln müssen. Zum Beispiel den Bachelor-Studiengang Architektur. Wir wollen in dem Bereich wieder die erste Ausbildungsstätte der Schweiz werden. Konsolidierung ist da noch kein Thema. Anders im Bereich Holz, wo wir hervorragend aufgestellt sind und über eine der weltweit bestpositionierten Forschungsabteilungen verfügen. Nach einem starken Wachstum über zehn Jahre hinweg ist hier Konsolidierung sinnvoll.

Wenn man mit Architekten spricht, hört man bisweilen, dass Fachhochschulabsolventen einen sehr guten Ruf haben, zum Teil gar gegenüber ETH-Abgängern bevorzugt werden. Welche Signale erhalten Sie?
Grundsätzlich sind die Signale positiv. Die Präferenz hängt natürlich vom Abnehmerbüro und dessen Erwartungen ab. Erwartet ein Büro, dass ein Absolvent sofort an praxisorientierten Problemstellungen mitarbeiten kann, ist ein Abgänger von uns, der davor vielleicht noch eine Hochbauzeichner- Lehre absolviert hat, vermutlich nahe an den Bedürfnissen des Büros dran.

Und Absolventen, die keine Berufslehre gemacht haben?
Da sehen wir noch Optimierungsbedarf. Wir arbeiten daran, dass im Vorfeld des Studiums die gefragte praktische Berufserfahrung gewährleistet ist – und wir arbeiten an Teilzeitmodellen, die es Studierenden ermöglichen sollen, parallel zum Studium praktische Erfahrung aufzubauen.

Die Hochschule Luzern profiliert sich mitunter im Fassadenbereich. Ihre AHB legt den Fokus auf den Holzbau. Wird in solchen Bereichen stillschweigend auf Wettbewerb verzichtet?
Überhaupt nicht. Es gibt kein Gentlemen’s Agreement. Man kennt sich zwar untereinander. Und man kommuniziert offen. Letztlich aber zeigt sich im Wettbewerb, welche Schule sich in einem Themengebiet etablieren kann. Der Schweizer Markt ist beschränkt, ebenso das kompetente Personal in den einzelnen Disziplinen. Dass sich gewisse Zentralisierungen ergeben, liegt deshalb auf der Hand. Ich bin aber klar dafür, dass dies ohne Absprachen und ohne Vorgaben geschieht.

Holz wird seit einigen Jahren wieder breiter diskutiert. Befürchten Sie verstärkte Konkurrenz?
Die erhöhte Aufmerksamkeit dient dem Holz. Es gibt zahlreiche Organisationen, die ein Auge auf dem Bereich haben. Wir konzentrieren uns darauf, weiterhin gute Arbeit zu leisten und ein breites, gutes Angebot bieten zu können. Ich zweifle nicht daran, dass wir unser Kompetenzzentrum aufrechterhalten können.

Der Wettbewerb mit anderen Fachhochschulen ist das eine. Der Wettbewerb um die Verteilung von beispielsweise Bildungsgeldern das andere. Bern hat Spardruck.
Die Finanzierung einer Hochschule erfolgt über unterschiedliche Kanäle. Hauptkanal ist der Kanton als Träger der Schule. Wir haben von der Berner Bildungsdirektion positive Signale erhalten, dass in der Bildung nicht gespart werden soll. Insbesondere haben wir auch das positive Signal erhalten, dass sich der Kanton das Kompetenzzentrum Holz in Biel leisten will. Neben dem Kantonsbeitrag kommen aber auch Beiträge von Studierenden aus anderen Kantonen sowie ein Bundesbeitrag. Und schliesslich haben wir die Drittmittel für Weiterbildung, Dienstleistung und Forschung als weiteres Standbein. Aber auch hier stehen wir im Wettbewerb mit anderen Organisationen.

Erhalten Sie Forschungsaufträge von ausländischen Firmen?
Auch, ja. Wir haben beispielsweise eine gute Zusammenarbeit mit einem namhaften schwedischen Unternehmen, das nicht Ikea heisst. Ein deutsches Unternehmen kam einmal ganz bewusst zu uns, weil wir weiter entfernt sind von der nationalen Konkurrenz als ein deutsches Forschungsinstitut. Zur internationalen Anknüpfung kommt neben den Forschungsaufträgen noch der Austausch von Forschungspersonal und Studierenden hinzu.

Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar herrscht in dem Bereich Unklarheit. Wie gehen Sie damit um?
Die Unsicherheit ist für uns problematisch. Wir müssen viel Zeit aufwenden, um unseren Partnern auf Hochschulebene, aber auch aus der Wirtschaft die Situation zu erklären und die Zuversicht zu vermitteln, dass es eine Lösung geben wird. Auf Forschungsebene sind wir in keinen EU-Projekten führend involviert, die jetzt auf der Kippe stünden. In unseren Projekten stellt die Schweiz die Finanzierung sicher. Dasselbe gilt für den Studentenaustausch, wo wir die Stolpersteine zwischenzeitlich deutlich gespürt haben. Hier sind wir durch die Übergangslösung des Bundes vorerst auf der sicheren Seite. Richtig problematisch würde es, wenn Kontingente für das Forschungspersonal eingeführt würden. Ich teile die Position von EPFL-Präsident Patrick Aebischer, dass Personal im Forschungs- und Bildungsbereich auf keinen Fall kontingentiert werden darf. Unsere starke Position würde dadurch infrage gestellt.

Gehen Sie davon aus, dass das Bildungsund Forschungswesen einen Sonderstatus erhält?
Es liegt nicht in meinem Einflussbereich, über die Umsetzung der Initiative zu befinden. Mein Anliegen ist es, deutlich davor zu warnen, die Mobilität in den Bereichen Forschung und Bildung einzuschränken.

Stimmt die Vermutung, dass schwergewichtig Architekten einen Austausch machen?
Das Interesse bei den Architekten ist grösser als im Bauingenieurwesen, bei ihnen findet ein reger Austausch statt. Im Bauingenieurwesen werden internationale Kooperationen und Wochenkurse organisiert, die durchaus auf Interesse stossen. Speziell ist es im Holzbau. Die Studierenden können zwischen dem 5. und 6. Semester ein freiwilliges einjähriges Praktikum absolvieren. Über 90 Prozent der Studierenden nutzen die Gelegenheit. Rund drei Viertel davon machen ein Praktikum im Ausland. Auch das trägt bei zu unserem hervorragenden internationalen Netzwerk im Holz.

Man bekommt den Eindruck, die Bauingenieure spielten nur die dritte Geige.
Ich möchte nicht die Studienrichtungen gegeneinander aufwiegen. Was die Studierendenzahlen angeht, kommt das Bauingenieurwesen nach dem Holzbau und der Architektur an dritter Stelle. Das ist allerdings keine qualitative Rangliste. Die einzelnen Studiengänge sprechen einfach unterschiedliche Studierende mit unterschiedlichen Erwartungen an.

Tatsache ist: Es bräuchte mehr neue Bauingenieure als Architekten.
Das ist richtig.

Wie wollen Sie der Nachfrage gerecht werden?
Sagen Sie mir, wo ich die potenziellen Bauingenieur-Studierenden finde. Wir stehen bei den Bauingenieuren mit rund 30 Studierenden vor einem guten neuen Schuljahr. Aber man muss klar sehen: Hauptzulieferer sind die Bauberufe, die Lehrabgänger mit Berufsmatura hervorbringen. Betrachtet man die Zahlen, ist der Mangel bereits auf dieser Stufe offensichtlich. Die Lücke können wir kaum von oben her schliessen. Die Attraktivität von handwerklichen Berufen – und also auch von Bauberufen – ist offenbar bei Jugendlichen eher klein. Diese Attraktivität bei den Jugendlichen und in der Gesellschaft insgesamt wieder zu erhöhen, ist vermutlich ein Generationenprojekt.

An der ETH Zürich hat man schon gehört, die Talsohle sei erreicht, was die Zahlen in der Ingenieur-Ausbildung angeht. Wie beurteilen Sie das?
Es ist zu früh, um von einer Entspannung zu sprechen. Wir haben zahlreiche Massnahmen eingeleitet und stehen jetzt aller Voraussicht nach vor einem guten neuen Studienjahr.

Welche Massnahmen?
Es sind zwei Hauptmassnahmen: Erstens gehen wir viel näher zu den Büros. Wir sitzen regelmässig mit den Ingenieurbüros zusammen und diskutieren, was verlangt und erwartet wird. Zweitens erhöhen wir die Qualität. In Mangelsituationen gibt es die Tendenz, das Niveau zu senken. Auch bei uns. Aber das wollen wir nicht mehr. Wir wollen keine Zweitklass-Ingenieure ausbilden. Deshalb müssen wir gröber «aussieben».

Ab 2018 soll der neue Campus Biel gebaut werden, an welchem ab 2021 die Departemente Technik und Informatik sowie Ihr AHB zentralisiert werden. Kurz vor diesem Gespräch hat der Berner Grossrat den Planungskredit für den Neubau bewilligt. Der Regierungsrat segnete ihn bereits im Frühling ab. Was gibt das für Sie heute zu tun?
Die BFH hat eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Grundstücke und Gebäude. Deshalb sind wir aufgefordert worden, unsere «Bestellung» zu formulieren. Wir haben rund zwei Jahre sehr intensiv daran gearbeitet und konnten eine sehr detaillierte Bestellung abgeben. Knapp 100 Mitarbeitende waren an dem Prozess beteiligt und konnten Aussagen anbringen zu Funktionsweisen, zur Ausstattung, zu den Betriebsabläufen – die jetzt in die Wettbewerbsvorbereitungen einfliessen. Den Schwung dieser Arbeit wollen wir jetzt weiterziehen. Die BFH hat einen Strategieprozess eingeleitet, der noch bis ungefähr Mitte des nächsten Jahres laufen wird. Es geht darum, eine Zukunftsperspektive zu definieren. Wie funktioniert die BFH? Wie soll die AHB am neuen Campus in Biel funktionieren? Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns derzeit.

Inwiefern spielt die BFH eine Rolle beim Vorhaben Biels, Teil des Forschungs- Clusters Swiss Innovation Park SIP zu werden?
Wir sind involviert. Es gibt einen entsprechenden Antrag des Kantons in Zusammenarbeit mit einer involvierten Firma namens Innocampus AG. Der BFH-Rektor, Herbert Binggeli, ist als Verwaltungsrat in der Firma aktiv und entsprechend direkt involviert.

Welchen Stellenwert hat der künftige Campus für den SIP?
Er ist sehr wichtig. Ein solcher Netzwerkstandort macht keinen Sinn, wenn kein Campus vorhanden ist, mit dem eine Wechselwirkung stattfinden kann. Deshalb läuft alles Hand in Hand. Die Stadt Biel arbeitet eng mit dem Kanton, mit der Wirtschaft, der Forschung und dem Bildungswesen zusammen, damit Biel ein Standort des SIP werden kann. Und wir sind guter Hoffnung, dass Biel den Zuschlag erhält.

Im Fall des Campus Biel würde es sich geradezu aufdrängen, dass sich Ihre Studierenden an dem praktischen Projekt beteiligen. Ist das möglich?
Indirekt. Unsere Architektur-Studierenden beschäftigen sich seit einigen Semestern immer wieder mit dem Thema und mit Aspekten rund um das Thema Campus. Zuletzt haben sie zehn Standorte in der Stadt Biel als Untersuchungs- und Entwicklungsobjekte bearbeitet. Im Jahr davor haben sie sich mit dem studentischen Wohnen befasst. Das Grossvorhaben liefert uns wertvolle Übungsplattformen, um uns mit Problemen mit Praxisbezug zu beschäftigen. Dass die Studierenden direkt beim Entwurf und der Planung des 240-Millionen-Franken- Campus involviert sind, steht aus guten Gründen nicht zur Debatte.

Gerade bei Fachhochschulen beobachtet man da und dort einen wirren Wust von immer neuen und wahnsinnig kreativen Studiengängen und Weiterbildungen. Wie behalten Sie den Fokus?
Ich halte Kreativität und Innovation in der Entwicklung von neuen Studiengängen für etwas Positives. Es ist zentral, dass sich eine Hochschule Gedanken darüber macht, ob ihr aktuelles Angebot dem entspricht, was gefragt ist. Und falls nein, welche Anpassungen oder neue Studiengänge sinnvoll wären. Das A und O in diesen Überlegungen ist für mich die Nähe zur Wirtschaft. Durch den Austausch mit der Wirtschaft stellen wir sicher, dass unsere Studiengänge nicht nur in den nächsten fünf Jahren, sondern längerfristig gefragt sind. Sollte sich in diesem Dialog zeigen, dass ein neues Profil sinnvoll wäre, schliesse ich Anpassungen sicher nicht aus.

Sehen Sie im Baubereich Anpassungsbedarf?
Eher beschränkt.

Weil es an «klassischen» Fachleuten mangelt?
Ja. Trotzdem hat Kreativität im Departement ihren Platz. Ich denke insbesondere an die Forschung und die Weiterbildung.

Sie selbst sind Ingenieur. Unterrichten Sie?
Ja, aber nur in einem sehr kleinen Pensum. Ich bin Werkstoff-Ingenieur. Mir ist es wichtig, meine Werkstoffkenntnisse aufrechtzuerhalten und als Dozent in Kontakt mit unserer Hauptaufgabe, der Lehre, zu bleiben. Deshalb unterrichte ich gemeinsam mit dem Studiengangleiter Bachelor Architektur Baustoffkunde bei den Architekten. Wir machen das recht erfolgreich und haben Spass dabei.

Forschen Sie noch?
Nein. Die Zeit reicht nicht, um nebenher glaubwürdig Forschungsprojekte zu begleiten. In Kontakt mit der Forschung bin ich aber geblieben, indem ich die Leitung der Forschung über die gesamte BFH übernehmen durfte. So bin ich weiterhin mit Fragen und Herausforderungen des Forschungsbetriebs konfrontiert.

Beat Matter