«Es gibt in China eine hohe spekulative Nachfrage»

Beat Matter

Schweizer Planungs- und Prozesswissen in China: Diego Salmeron, CEO und Verwaltungsrat des ETH-Spin-offs LEP Consultants AG, berät im Land der Mitte Behörden und private Investoren in Entwicklungs- und Projektierungsfragen. (intelligent bauen Nr. 06/2014)

«intelligent bauen»: Welche Reisen haben Sie dieses Jahr schon gemacht?
Diego Salmeron: Hauptsächlich China. Es ist unser Schwerpunktland, noch vor der Schweiz. Ich war dieses Jahr drei, vier Mal dort, im Südwesten, im Süden, im Südosten. Mit einer Wirtschaftsdelegation des Kantons Zürich war ich im zentralchinesischen Chongqing, der neuen Partnerstadt des Kantons.

Ihre Firma ist einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Wer sind Sie?
Wir sind eine noch junge Firma, gegründet im Jahr 2007 als Spin-off der ETH Zürich. Ein Teil unseres Teams war früher am ETHInstitut für Raum- und Landschaftsentwicklung tätig, im Fachbereich Landschaftsund Umweltplanung LEP. Daher auch unser Name.

Wie kam es zum Spin-off?
Ich war als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH tätig. 1996 kamen wir über Projekte der Entwicklungszusammenarbeit, die wir für das Deza bearbeiten durften, erstmals in Kontakt mit China. Es ging um Ausbildungs- und Forschungsprogramme sowie um Regional- und Umweltplanung. Just als sich meine Zeit an der ETH dem Ende näherte und mein Professor, Dr. Willy A. Schmid, seinen Ruhestand anzutreten gedachte, ergaben sich aus China erste Direktaufträge von lokalen Planungsbehörden. Die wollten wir gerne annehmen sowie laufende Arbeiten weiterführen. Ein Spin-off war die geeignete Form dafür. Heute wirkt unsere ETH-Abstammung als Türöffner und als Qualitäts-Label.

Sie sprechen Mandarin?
Ein wenig. Es reicht für Alltagsgespräche. Für technische Unterhaltungen bin ich jedoch auf Übersetzer angewiesen.

Was bieten Sie an? Wir sind ein Büro für Raum- und Umweltplanung. Wir bieten Beratungs- und Projektierungsleistungen an. In China sind wir etwa hälftig für Behörden und Private tätig. Wir beraten beispielsweise Stadtverwaltungen darin, wie die künftige Stadtentwicklung auf Stufe Masterplanung aussehen soll. Dabei unterstützen wir sowohl im technischen als auch im prozessualen Bereich. Für private Immobilieninvestoren arbeiten wir etwa bei grossen Gebietsentwicklungen. Auch hier beraten und projektieren wir – allerdings in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. Da wir keine chinesische Niederlassung haben, verfügen wir nicht über eine Planungslizenz und dürfen deshalb keine Pläne einreichen.

Überschneiden sich die Gebiete, in denen Sie bei öffentlichen Masterplanungen und privaten Entwicklungen involviert sind?
Zum Teil. Städtische Masterpläne umfassen in China Gebiete von mehreren hundert bis tausend Quadratkilometern. Die administrativen Einheiten sind sehr gross. Hinzu kommt, dass die Stadtentwicklung in China oft in enger Zusammenarbeit mit privaten Investoren geschieht.

Wie kommen Sie zu Aufträgen?
Wir haben mittlerweile ein Netzwerk aufgebaut. Ein Teil der Anfragen kommt über lokale Partner, mit denen wir zusammenarbeiten. Ein anderer Teil kommt über Empfehlungen. Wir hatten in unseren ETH-Jahren eine enge Zusammenarbeit mit dem Bauministerium in Peking. Vertreter des Ministeriums sind weitherum in regionalen Planungsgremien vertreten. Über ihre Empfehlungen sind wir auch schon zu Aufträgen gekommen. Hinzu kommen Folgeaufträge aus ehemaligen Projekten. Selten nehmen wir an Wettbewerben und Ausschreibungen teil.

Eines Ihrer aktuellen Projekte liegt im UNESCO-Weltnaturerbe Wuyishan.
Wuyishan ist ein bisschen wie das Entlebuch: wunderbare Flüsse, Seen, Berge. Selbstverständlich wird es touristisch genutzt. Jedoch ist die touristische Kapazität der nächstgelegenen Stadt ausgelastet, es ist kein Bauland mehr vorhanden. Deshalb soll 20 Kilometer weiter südlich ein neues Touristenzentrum entstehen, mit Flughafen, Hotels und Hochleistungsbahn. Von der lokalen Regierung haben wir den Auftrag erhalten, den Masterplan für das Zentrum für rund 50’000 Personen zu entwickeln.

Kapitalistische Entwicklung im kommunistischen Weltkulturgebiet.
Das Projekt ist interessant, auch weil darin das Zusammenspiel von Behörden und privaten Investoren sichtbar wird. Bei einer Zwischenpräsentation verstand die Direktorin des Amts für Tourismus partout nicht, weshalb wir in der Masterplanung die schönsten Gebiete entlang des grössten Flusses als Freihaltezonen definierten. Wir begründeten, doch sie wollte nicht verstehen. Später stellte sich heraus, dass ein privater Investor bereits bei ihr vorgesprochen hat, mit einem fixfertigen Projekt für ein grosses Resort an bester Flusslage.

Was dann?
Dann muss ein Kompromiss her. Die ersten Grossinvestoren haben eine Ankerfunktion. Man darf sie nicht ganz vergraulen, denn sie können Sogwirkung für weitere Investoren entwickeln. Aktuell prüfen wir verschiedene Investorenprojekte.

China hat einen schlechten Ruf, was Ökologie und nachhaltige Entwicklung angeht. Wie beurteilen Sie das?
In den letzten Jahren hat sich vieles positiv verändert. Doch der Ruf kommt nicht von ungefähr. Industrialisierung und Urbanisierung verlaufen unglaublich schnell. Die Umweltschäden, die das verursacht, sind massiv und haben mittlerweile ein derartiges Ausmass angenommen, dass die Sanierungskosten enorm angestiegen sind. Entsprechend fliesst sehr viel Geld in die Rehabilitation von Landschaften. Aber kein Zweifel: Der Wirtschaftliche Fortschritt steht weiterhin im Vordergrund.

Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen dem, was im Sinne der Nachhaltigkeit nötig wäre – und dem, was in China möglich ist?
Wir legen grossen Wert darauf, immer ganz klar zu kommunizieren, was wir vorschlagen und weshalb wir es vorschlagen. Wir sind mit Herzblut bei der Sache und liefern massgeschneiderte Lösungen ab. Trotzdem müssen wir manchmal einsehen, dass das, was für uns sinnvoll ist, in einem lokal vorherrschenden Wertesystem keinen Sinn ergibt. Ich musste lernen, damit umzugehen.

In China werden Retorten-Städte erstellt, die mehr oder weniger unbewohnt bleiben. Das sprengt doch jegliches Verständnis.
Wir haben eine Teilentwicklung in der berühmten Stadt Ordos in der Inneren Mongolei betreut. Eine spannende Erfahrung. Aber hinsichtlich Nachhaltigkeit natürlich fragwürdig. Vor zehn Jahren ging dort der Gas- und Kohleboom los, die Regierung hatte viel Geld und begann, im grossen Stil in Immobilien zu investieren. Innert acht Jahren wurde eine neue Stadt für 300’000 Menschen erstellt. Nur rund 10 Prozent des Wohnraums ist bewohnt, allerdings ist 100 Prozent davon verkauft. Es gibt eine sehr hohe spekulative Nachfrage. Aus dem mittlerweile sehr grossen chinesischen Mittelstand investieren viele kaufkräftige Leute ihr Geld lieber in Immobilien als in andere Anlagen. Wo das hinführt, hat man in anderen Ländern gesehen.

Glauben Sie, Sie können einen Beitrag leisten zu einer besseren Entwicklung in China?
Im prozessualen Bereich sicher. Wir arbeiten intensiv mit geografischen Informationssystemen (GIS). Wir machen geografische Analysen und erstellen Landeignungskarten, die wir den Behörden als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung stellen. Wir hatten hier zum Teil eine Pionierrolle inne. Mittlereile ist das Arbeiten mit GIS etabliert.

Wie schätzen Sie denn das Potenzial in China ein?
Die Zentralregierung will bis ins Jahr 2030 den Urbanisierungsgrad von heute rund 50 auf 70 Prozent steigern. Es gibt mehr als 200 Millionen Menschen, die zusätzlich in Städten leben sollen. Das ist mit sehr viel Aufwand und sehr viel Bedarf an Expertenwissen verbunden.

Sie sind schwergewichtig in China tätig. Daneben auch in der Schweiz. Ihnen fehlt die solide Heimatbasis.
Tatsächlich ist China für uns heute noch ein Klumpenrisiko. Wir hatten daneben vereinzelte kleinere Projekte in Ländern Südamerikas, in Vietnam oder auch Thailand. Doch darauf fokussieren wir uns nicht. Wir wollen uns nicht verzetteln. In der Schweiz würden wir uns gerne stärker entwickeln.

Wenn Sie Seminare geben, zeigen Sie jeweils «Best Planning Practices» anhand von Schweizer Gemeinden auf. Wird in der Schweiz optimal geplant?
Nein. Raumplanung ist nie optimal, dafür wirken zu viele Interessen auf sie ein. Aber wir klagen in der Schweiz auf hohem Niveau. Man hört immer wieder, die Raumplanung habe in der Schweiz versagt. Da bin ich anderer Meinung. Es wurden Fehler gemacht, klar. Aber um von einem Versagen zu sprechen, habe ich in anderen Ländern einfach zu viele deutlich schlechtere Situationen gesehen.

Können Chinesen verstehen, dass bei uns ein einzelner Nachbar legal ein ganzes Grossprojekt blockieren kann?
China hat in den 1990er-Jahren sein Raumplanungssystem komplett reformiert. Durch die Zusammenarbeiten mit der ETH hatte ich zu jener Zeit mehrmals Gelegenheit, in China über das Raumkonzept in der Schweiz zu sprechen. Das wurde immer mit Wohlwollen aufgenommen. Wenn ich von direktdemokratischen Mechanismen sprach, amüsierten sich die chinesischen Beamten fast etwas. Im Gegenzug beneiden Schweizer Beamte zum Teil ihre chinesischen Kollegen, weil die ihre Projekte so einfach umsetzen können.

Wie soll sich Ihr Geschäft entwickeln?
Ich möchte gerne etwas wachsen. Heute sind wir drei Personen. Wir wollen kein Grossunternehmen werden. Aber zwischen 10 und 20 Angestellte, das wäre schön.

Gibt es Länder, in denen Sie aufgrund der politischen Situation grundsätzlich keine Geschäfte machen würden?
Wir hatten schon Anfragen aus Bagdad und Kabul, jeweils zu heiklen Zeiten. Deshalb haben wir abgelehnt.

Würden Sie für Nordkorea planen?
Unter Umständen. Würde ein staatliches Unternehmen eine Luxussiedlung für hohe Parteifunktionäre erstellen, dann nicht. Gäbe es ein Projekt im Rahmen einer internationalen Entwicklungszusammenarbeit, dann möglicherweise schon.

Wann geht es das nächste Mal nach China?
In ein paar Wochen.

Beat Matter