Ich pendle mich schlau

Gebildete pendeln länger als weniger Gebildete. Nun denn.

Letzten Freitag gab es hartes Brot für Heimwerker: In den Zeitungen wurde die Studie «Pendlermobilität in der Schweiz 2012» des Bundesamts für Statistik (BfS) referiert. Sie gibt Auskunft über das Pendlerverhalten der Schweizer Bevölkerung. Die Sache ist offenbar simpel: «Wer im Job aufsteigt, der pendelt länger», titelte 20 Minuten. Gebildete pendelten länger als weniger Gebildete, bauchpinselte das Pendlerblatt seine pendelnden Leser.

Es dauerte nicht lange, bis auf Twitter über die Kausalität (oder eben bloss die Korrelation) von Pendlerweg und Lohn oder Status oder Arbeitswille oder IQ gewerweisst wurde.

Ich bin freischaffender Journalist. Ich habe ein sehr gut ausgestattetes Büro. Bei mir zu Hause. Mein Pendelweg beträgt ungefähr 20 Meter.

Wohlan: Leicht angeknackst interessierte mich, wie viel Arbeitsweg ich täglich zurücklegen müsste, um der Karrierefaulheit der Ortsgebundenen zu entfliehen und anhand des diskutierten statistischen Zusammenhangs immerhin als durchschnittlich verdienender/gescheiter Pendler durchzugehen.

Ziemlich viel Weg, musste vermuten, wer den entsprechenden Beitrag in der NZZ las. Der Weg sei der «Preis für das Haus im Grünen», titelte das Weltblatt. Und der Preis für ein Haus im Schweizer Grünen ist bekanntlich hoch. Es gilt, ein Opfer darzubringen: «Das Häuschen im Grünen, die Arbeit in der Stadt – diese Konstellation fordert ihren Tribut». Der Opferstock nimmt nur eine Währung. Zeit. Und immer mehr davon: «Die Beschäftigten in der Schweiz legen immer längere Wege zurück, um zwischen Wohn- und Arbeitsort zu pendeln», schreibt die NZZ. 60 Minuten brauchte der durchschnittliche Pendler 2012 täglich für seinen Arbeitsweg, 14 Minuten mehr als noch im Jahr 2000.

Wow, denkt sich der an kurze Wege gewöhnte Schweizer reflexartig. 60 Minuten? Das ist ja eine ganze Stunde!

Was nach Zeit für eine beachtliche Strecke klingt, reicht jedoch bloss für einen Hüpfer. 28, 6 Kilometer Arbeitsweg legte der durchschnittliche Pendler im Jahr 2012 täglich zurück. Die Stunde täglich reicht nicht für Zürich-Bern, sondern bloss in die nächste, vielleicht die übernächste Gemeinde. Die Distanz zwischen Gebildeten und weniger Gebildeten ist klein.

Ich lebe und arbeite in Regensdorf, einer nordwestlichen Nachbargemeinde der Stadt Zürich. Zwei Bus- und eine S-Bahn-Linie verbinden das Dorf mit der benachbarten Stadt. Würde ich für die NZZ arbeiten – was ich leider nicht tue – hätte ich einen recht bequemen Arbeitsweg: 10 Minuten zum Bahnhof Regensdorf, dann in 21 Minuten mit der S-Bahn zum Bahnhof Zürich-Stadelhofen. Und schiesslich knapp 5 Gehminuten bis an die Falkenstrasse.

Das wären 36 Minuten pro Weg oder 72 Minuten pro Tag. Mein Arbeitsweg zur NZZ in der Nachbargemeinde würde aus mir Nicht-Pendler bereits einen Pendler mit überdurchschnittlich langem Arbeitsweg machen. Dass ich als Mitarbeiter der NZZ überdurchschnittlich gescheit wäre, liegt da auf der Hand.

 

PS: CS-Chef Brady Dougan pendelt an den Wochenenden zwischen Zürich und New York. Macht gegen 14’000 Kilometer Pendelweg an einem Wochenende. Der durchschnittliche Schweizer Pendler braucht dafür fast 500 Tage. Dougan ist eben auch da überdurchschnittlich.

Beat Matter