«Es braucht gute Nerven»

Beat Matter

Thomas Häberlin, 39, Kranmaschinist bei der Flück AG in Zürich, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Unterwegs mit den überbreiten und tonnenschweren Ungetümen zählen Erfahrung, Nerven und Gelassenheit. (die baustellen Nr. 03/2014)

Die mobilen faltbaren Krane faszinieren mich sehr. Mittlerweile ist es fast sieben Jahre her, seit ich mich auf sie eingelassen habe. Kein Tag mit ihnen ist wie der andere. Das kommt mir sehr entgegen. Denn ich mag keine Routine.

In meinem Beruf muss man flexibel sein. Ich weiss nie genau, was auf mich zukommt. Gegen Feierabend bekomme ich von der Disposition das Programm für den nächsten Tag. Wo muss ich wann hin? Wie lautet der Auftrag? Welches Fahrzeug und welches Zubehör brauche ich dafür? Ich mache Material und Lastwagen bereit. Am Morgen geht es zeitig los. Wann Feierabend ist, zeigt sich im Verlaufe des Tages. Es braucht gute Nerven, um mit unseren Maschinen unterwegs zu sein. Im Verkehr, beim Stellen des Krans vor Ort, während den Hebearbeiten: Es kommen zahllose Faktoren zusammen, die nervös machen können: Verärgerte Automobilisten, Anwohner und Passanten, kaum Platz, ungeübte Helfer. Aber man darf sich nicht aus der Reserve locken lassen. Es ist eine Charakterfrage. Wer schnell nervös wird, ist falsch in diesem Job. Man merkt das im Unternehmen deutlich: Es ticken alle ähnlich.

Vom Büro auf die Strasse

Ich habe eine Lehre als Tiefbauzeichner gemacht. Das Fach interessierte mich, der Job war mir aber zu theoretisch. Ich machte nach der Lehre auf eigene Faust den Lastwagenbrief und ging auf die Strasse. Ein paar Monate lang fuhr ich Stückgut, dann wechselte ich das Unternehmen und fuhr mit Altpneus durch ganz Europa, bevor ich während mehreren Jahren in der Region Winterthur mit Altpapier fuhr. Dann sattelte ich wieder um.

Ich konnte in einer Firma, die Präsentationsgestelle produziert, organisatorische Verantwortung übernehmen. Drei Jahre begleitete ich die anspruchsvolle Reorganisation des Unternehmens und bildete mich parallel dazu zum Prozessfachmann weiter. Dann ging mir die Kraft aus. Ich brauchte etwas anderes. Nach einem neuen Intermezzo auf dem Lastwagen kam ich dann in Kontakt mit der Flück AG. Und blieb hängen.

Risiken überall

Unterwegs sind wir in der Regel Einzelkämpfer. Der Weg durch die Stadt und die Agglomeration ist eine Herausforderung. Wir sind mit bis zu 3 Meter breiten Lastwagen unterwegs. Kaum angekommen und eingerichtet, wartet die nächste Verantwortung: Die Arbeit mit schwebenden Lasten. Ich kenne die Helfer und die Umgebung nicht. Ich muss die Augen überall haben, denn überall lauern Risiken. Vielleicht parkiert jemand unverhofft ein Auto zu nahe an meinen Kran. Vielleicht stehen Zuschauer am falschen Ort. Ich bin nie endgültig auf der sicheren Seite. Ich muss immer wieder alles von Grund auf kontrollieren. Die Zeit dafür muss ich mir nehmen, Hektik ist fehl am Platz.

Die Zeitrechnung des Baustellen-Personals sieht hingegen häufig anders aus. Oft läuft die Installation auf der Baustelle mit einigen Hindernissen ab. Deshalb darf ich den Auftrag nie aus den Augen verlieren, das Problem gemeinsam mit dem Kunden zu lösen. Mit den Faltkranen mache ich normalerweise zwei bis drei Baustellen pro Tag. Es kommt vor, dass ich für einen einzigen Kranzug aufstelle. Zum Beispiel, wenn jemand ein Klavier verschieben möchte. Werden irgendwo Elementbauten erstellt, bin ich auch mal zwei bis drei Tage auf einer Baustelle. In raren Ausnahmen eine Woche.

Aber das mag ich nicht. Langzeitbaustellen sind mir sofort wieder zu sehr Routine. Am liebsten mache ich zwei Aufträge pro Tag. Dann bin ich richtig in Fahrt, treffe Leute, baue auf, löse Probleme und ziehe weiter. Ich freue mich immer auf das nächste Abenteuer.

Beat Matter