Ich lese noch die Zeitung fertig

zvg

Gestern Mittwoch, um 21.02 Uhr, ging Hansi Voigts Newsportal Watson.ch online. 24 Stunden später habe ich das Portal noch nicht besucht.

WIR SIND LIVE„, der Tweet zum Launch von Watson.ch traf mich im falschen Moment – oder genau im richtigen: Ich fläzte mit der NZZ auf dem Sofa und hatte das Blatt eben kurz abgelegt, um bei Twitter reinzuschauen. Da sah ich den Initial-Tweet mit viel Getöse vorbei ziehen und dachte mir: Ich lese noch die Zeitung fertig, dann schaue ich es mir an. Ich habe es noch nicht getan.

Ich habe mir zum Jahreswechsel ein bisschen mediale Entschleunigung vorgenommen. Keine Abschottung, natürlich nicht. Aber auch nicht immer alles Reizvolle sofort anschauen, anhören, lesen und ausprobieren wollen. In den vergangenen Monaten hatte ich mich ab und zu geärgert, wie leicht ich mich von all den Angeboten im Netz ablenken lasse, wenn ich im Büro sitze.

Mein Entschleunigungsprogramm besteht zum Beispiel aus gedruckten Tageszeitungen. Hatte ich in den vergangenen Monaten fast nur noch am Computer, auf dem Tablet oder dem Telefon gelesen, raschelt jetzt wieder Zeitungspapier beim Seitenwechsel. Die Idee dahinter: Wenn ich mich zu bestimmten Zeiten bewusst, konzentriert, fundiert und breit gefächert und offline informiere, sinkt womöglich mein Drang, zwischendurch immer wieder überall nachzuschauen, was sich gerade so ereignet.

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass die Idee für mich funktioniert. Frühmorgens liegt nicht mehr das Tablet neben der Kaffeetasse, sondern die Zeitung. Am Mittag wieder. Und am Abend je nachdem auch (neben dem Bier). Ich lasse mich konzentriert auf die Lektüre ein. Es gibt keine Links mitten in den Texten, die mich von dem weglocken, was ich eigentlich lesen wollte, keine Videos, kein Trallala. Im Gegensatz zum Internet kann ich eine Zeitung fertig lesen. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Das habe ich so nicht, wenn ich eine Zeitung am Bildschirm durchklicke.

Das Gefühl, durch die konzentrierte, ruhige Lektüre grundsätzlich gut informiert zu sein, lässt mich relaxter am Computer arbeiten. Gibt es zwischendurch Relevantes oder einfach Lesenswertes, liefert mir das meine Twitter-Timeline. Verpasse ich etwas, steht es am nächsten Tag in einer Zeitung – oder war dann vielleicht gar nicht so wichtig.

Deshalb war und ist es auch nicht pressant, mich eingehend mit Watson.ch zu beschäftigen. Glaubt man dem Initianten und dessen Jüngern – und ich wünsche ihnen von Herzen alles Gute – ist die Plattform „the next big thing“. Man wird sie also auch morgen noch anschauen können.

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