«Unsere Forschung richtet sich an die Praxis»

Beat Matter

Seit gut drei Jahren ist Bryan Adey als Professor für Infrastrukturmanagement an der ETH Zürich. Sein Metier boomt und wird in den kommenden Jahren noch wichtiger werden. Ein Gespräch über Infrastruktur, Modelle und das Bauchgefühl. (die baustellen Nr. 06/2013)

«die baustellen»: Sie sind Professor für Infrastrukturmanagement. Sind Sie eher Wissenschaftler oder Manager?
Bryan Adey: Ich bin Wissenschaftler. Wir betreiben Forschung und Lehre. Und wir bieten Beratung an, die Infrastrukturmanager unterstützen soll.

Infrastrukturmanagement. Das klingt wichtig. Doch was ist es genau?
Infrastrukturmanagement beschäftigt sich mit Entscheidungsprozessen im Zusammenhang mit Infrastruktur-Massnahmen. Uns interessiert also, wie was entschieden wird und wie dieser Entscheidungsprozess unterstützt werden kann. In den letzten Jahren sind das Interesse und auch der Anspruch gestiegen, Entscheidungen im Infrastrukturbereich zu begründen und zu legitimieren. Der Bereich wird zudem forciert durch die Verfügbarkeit von unendlich vielen Daten und leistungsfähigen Computern.

Was ist für Sie Infrastruktur?
Ich verstehe darunter die festen physischen Anlagen, die ermöglichen, dass eine Gesellschaft so funktioniert, wie sie funktioniert: Strassen- und Schienennetze, Wasserversorgungs- und Energienetze, Gebäude.

Gebäude?
Ja, aber nur der bauliche Aspekt. Mit dem Betrieb von Gebäuden beschäftigen wir uns nicht. Wir könnten also etwas dazu sagen, ob zum Beispiel das Universitätsgebäude, in welchem wir jetzt sitzen, erweitert oder saniert werden sollte.

Ihre Professur ist noch jung, sie wurde am 1. Januar 2010 geschaffen. Wie ist es dazu gekommen?
Davor gab es das Institut für Baubetrieb und Bauplanung mit je einem Professor für beide Bereiche. Mit der Pensionierung des Professors für Bauplanung fiel die Entscheidung, eher in Richtung Infrastrukturmanagement zu gehen. Die neue Professur wurde eingeführt und das Institut entsprechend umbenannt. Als ich Anfang 2010 hier anfing, baute ich alles von Grund auf neu auf.

Sie haben also umgebaut, nicht neu aufgebaut?
Nein. Mein Vorgänger hat seinen Betrieb vor seiner Pensionierung komplett runtergefahren. Als ich hier anfing, fing ich von Null an.

Als Professor müssen Sie das Institut auch nach aussen vertreten, zum Beispiel, um an Forschungsaufträge aus der Wirtschaft zu kommen. Wie ging das zu Beginn?
Zunächst war ich ausgelastet mit dem Aufbau der Vorlesungen. Gleichzeitig haben wir Leute eingestellt und unsere Forschungsteams aufgebaut. Je mehr sich nun die Lehre stabilisiert und einspielt, desto eher bleibt Kapazität, um sich für externe Aufträge einzusetzen. Gerade eben erhielten wir den Zuschlag für ein grosses Forschungsprojekt der EU. Daneben ist es glücklicherweise so, dass unser Gebiet so relevant geworden ist, dass wir häufig direkt angefragt werden – aus der Privatwirtschaft oder der öffentlichen Hand.

Sind Sie persönlich in Forschungsprojekte involviert?
Aus einer leitenden Position heraus, ja. Operativ bin ich nicht eingebunden. Beim jüngsten EU-Projekt gehe ich allerdings mit den Forschern durch alle Details. Weil wir noch ein junges und kleines Institut sind, halte ich es für wichtig, persönlich zu wissen, wo was läuft.

Für wen forschen Sie?
Unsere Forschung richtet sich prinzipiell an die Betreiber von Infrastrukturen. Ein grosser Teil unserer Forschung betreiben wir bislang aus Eigenmitteln. Wir machen aber auch Forschung für Kunden aus der Privatindustrie sowie der öffentlichen Hand.

Wie gross ist die Konkurrenz für diese Art der Forschung?
Im englischsprachigen Raum, in den USA, in Kanada oder auch in England hat man vor ungefähr 10 Jahren angefangen, einzelne Forschungsbereiche im Infrastrukturbereich zum Thema Infrastrukturmanagement zusammenzuführen. Im deutschsprachigen Raum sind wir bisher allein.

Suchen Sie intensiv nach Auftraggebern aus der Privatwirtschaft?
Nein. Wie bereits erwähnt, werden wir oft direkt angefragt. Wenn wir jedoch eine gute Idee haben und nicht genug Geld vorhanden ist, um die Idee zu verfolgen, dann versuchen wir, einen externen Geldgeber zu finden.

Sind Sie erfolgreich darin?
Ich würde sagen ja. Wir haben uns zum Beispiel dreimal bei der EU mit Projekten beworben. Zweimal hat es geklappt. Eine gute Quote.

Keine Kunst, sagten Sie doch, die Konkurrenz sei noch klein.
Moment: Der Begriff und die Disziplin des Infrastrukturmanagements mögen neu sein. Die einzelnen Teilgebiete, die es umfasst, werden jedoch schon lange erforscht. Somit sind für diese Teilgebiete auch zahlreiche Forschungsexperten vorhanden, die sich um solche Projekte bemühen.

Wirkt bei internationalen Bemühungen das Label ETH Zürich?
Ganz sicher. Der Effekt ist schwierig zu quantifizieren. Mein Gefühl sagt mir jedoch, dass das Renommee der ETH bei solchen Bemühungen sehr hilfreich ist.

Zurück zur Ausbildung: Wen wollen Sie an Ihrem Institut ausbilden?
Die Infrastrukturmanager von morgen. Zukünftige Angestellte der SBB oder von Ämtern auf allen Ebenen, die sich mit Infrastruktur beschäftigen.

Sie bilden also hauptsächlich künftige Staatsangestellte aus?
Idealerweise, weil auf dieser Ebene die Infrastrukturentscheidungen mit der grössten Tragweite gefällt werden. Es werden aber auch Absolventen in private Beratungsbüros gehen.

Wird die Ausbildung rege nachgefragt?
Bei der Erstausbildung steigt das Interesse langsam an. Aktuell haben wir rund 20 Studierende pro Jahr im Master-Programm. Deutlich mehr Anfragen erhalten wir von Berufstätigen, die gerne eine Weiterbildung in Infrastrukturmanagement machen möchten. Wir sind relativ weit fortgeschritten damit, ein entsprechendes Angebot zu kreieren. Es ist aber noch nicht durch.

Sie sind an einer Schweizer Hochschule als Professor für Infrastrukturmanagement engagiert. Ist Ihr primärer Forschungsgegenstand die Schweizer Infrastruktur und die Schweizer Entscheidungsfindungen dazu?
Nein. Es geht um grundsätzliche Fragen und Entscheidungsprozesse im Zusammenhang mit Infrastruktur. Die Modelle, die wir entwickeln, sollen überall funktionieren, nicht nur in der Schweiz.

Der Standard der Infrastrukturen ist von Land zu Land unterschiedlich. Man würde vermuten, dass sich da ebenso unterschiedliche Fragen stellen.
Das stimmt. Aber: Unterschiedliche Gegebenheiten und Fragen sind letztlich nur unterschiedliche Input-Parameter, mit denen unsere Modelle gefüttert werden können. Der Prozess der Datenverarbeitung durch unser Modell ist derselbe, egal mit welchen Parametern das Modell arbeiten muss.

Wie beurteilen Sie den Zustand der Infrastruktur in der Schweiz?
Im Vergleich mit allen anderen Ländern der Welt schneidet die Schweizer Infrastruktur sehr gut ab. Und fast noch wichtiger: Die Schweiz befasst sich zum richtigen Zeitpunkt mit der Frage, wie sich die Infrastruktur in Zukunft entwickeln soll. Das ist zentral. Andere Ländern verpassen das. Die USA sind das klassische Beispiel dafür.

Bei allem Lob für die Schweizer Infrastruktur: Man weiss zum Beispiel, dass die Kanalisation eine reine Zeitbombe ist.
Bei der Kanalisation ist die Problemstellung speziell. Voraussetzung für Infrastrukturmanagement ist zu wissen, was man zu managen hat. Bei der Kanalisation hinkt man da hinterher. Vielerorts geht es heute noch darum, zu entdecken, wo überall Kanalisation liegt und in welchem Zustand sie ist.

Wie ist es bei der restlichen Schweizer Infrastruktur, ist da der Ist-Zustand weitgehend bekannt?
Ja. Die zuständigen Stellen wissen ziemlich genau Bescheid über den Zustand ihrer Infrastrukturen. Der Kanalisationsbereich bildet da am ehesten die Ausnahme.

Werden wir früher oder später EchtzeitÜberwachung des Infrastrukturzustands haben?
Davon sind wir weit entfernt. Und ob das sinnvoll ist, hängt stark vom Infrastrukturtyp ab. Ich würde zum Beispiel nie empfehlen, eine Real-Time-Überwachung des Strassenzustands zu installieren. Dieser verändert sich so langsam, dass es sinnlos ist, jede Sekunde Bescheid darüber zu wissen.

In der Schweiz wird Infrastruktur von sehr hoher Qualität erstellt. Bisweilen hat man gar das Gefühl, sie werde vergoldet. Stimmt das?
Darauf gibt es keine klare Antwort. Die entscheidende Frage ist, was für eine Qualität der Infrastruktur erwünscht ist. Wenn eine sehr hohe Qualität erwünscht ist und das Geld zur Verfügung steht, um sie zu erstellen, dann lässt sich eine grosse Investition gut begründen.

In den nächsten Jahren wird viel Infrastruktur erstellt und oder erneuert werden müssen. Glauben Sie, in der Schweiz ist die Bereitschaft dazu vorhanden?
Ja, wenn man den Leuten gut erklären kann, weshalb eine Investition richtig und nötig ist. In der Schweiz weiss man, dass die Infrastruktur enorm wichtig ist für unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft.

Arbeiten Sie am Institut mit der Wirtschaft, konkret mit Ingenieur- und Bauunternehmen zusammen?
Auf Forschungsebene nicht. In der Ausbildung gibt es jedoch einige Vorlesungen zu Projektmanagement. Da gibt es Zusammenarbeiten mit der Praxis. Es gibt reale Projekte, welche die Studierenden begleiten können – zum Beispiel die Planung von Erhaltungsabschnitten im Strassennetz. Von der Zusammenarbeit profitieren die Studierenden stark.

Der Transfer von Wissen aus der Hochschule in die Praxis gilt als schwierig.
Wir haben diese Schwierigkeiten nicht, weil unsere Forschung sich immer an die Praktiker richtet. Es gibt zwar einzelne Projekte, bei denen ich heute noch keine konkrete Anwendung in der Praxis sehe. Das kann in zehn Jahren aber vollkommen anders aussehen.

Sie sprechen die Zukunft an. Welche Entwicklungen sehen Sie?
Ich gehe davon aus, dass in unserem Forschungsgebiet in Zukunft rasant mehr Leute tätig werden. Die Herausforderung wird also grösser für uns, vorne dabei zu bleiben. Inhaltlich beobachtet man Zyklen von grossen Veränderungen innerhalb einzelner Gebiete. Vor 15 bis 20 Jahren gab es eine grosse Bewegung im Projektmanagement. Es kamen internationale Normen auf. Zahlreiche Schulen boten neue Lehrgänge an. Diese Entwicklung erwarte ich nun im Bereich Infrastrukturmanagement.

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist enorm gross. Man hat das Gefühl, Entscheidungsträger sind heute immer mehr darauf bedacht, die Risiken in ihren Entscheidungen, wo immer es nur geht, zu minimieren.
Wichtig ist, dass Entscheidungsträger sich nicht nur auf eine Auswirkung einer Entscheidung konzentrieren. Ein Beispiel dazu: Unfälle auf Strassen. Unfälle sind eine Auswirkung, welche der Betrieb von Strassen zwangsläufig mit sich bringt. Es wäre falsch, die Unfallzahlen minimieren zu wollen, ohne daneben weitere Auswirkungen zu berücksichtigen. Täte man das, läge die Entscheidung auf der Hand: Man müsste die Strassen schliessen. Weil das niemand will, muss man die Gesamtheit der Auswirkungen betrachten. Wenn man die Anzahl Unfälle verkleinern will – was ein legitimes Anliegen ist –, muss man sich fragen, wie sich allfällige Massnahmen auf andere Aspekte auswirken – und ob man bereit ist, diese Auswirkungen zu akzeptieren.

Das Thema Unfälle hat häufig eine emotionale Komponente. Es geht um Dramen und teils um Menschenleben. Ist es richtig, das mathematisch kalkulierbar zu machen?
Aus meiner Sicht ja. Man hat ja zwei Optionen: Man kann aus einem Bauchgefühl heraus entscheiden und im Nachhinein mit Zahlen und Daten belegen, weshalb die Entscheidung richtig oder falsch war. Oder man kann die Zahlen und Daten schon vorher nutzen und damit die Entscheidungen fundieren. Für mich ist klar, welche Option sinnvoller ist.

In der Schweiz steht die Diskussion zur Sanierung des Gotthard-Tunnels an. Aufgrund ihrer Modelle liesse sich wohl die optimale und rationale Variante finden. Entschieden wird jedoch mutmasslich im Zuge einer Volksabstimmung. Fällt Ihnen als Wissenschaftler das schwer zu akzeptieren?
Nein, das ist für mich vollkommen okay. Wir sagen ja nicht, dass unsere Modelle letztlich die Entscheidung herbeiführen sollen. Wir wollen mit unseren Modellen die Entscheidungsträger in ihrer Entscheidungsfindung unterstützen. Entscheiden müssen sie selbst. Im Fall des Gotthards wird sicher eine saubere Analyse gemacht und werden Vor- und Nachteile aller Varianten abgewogen. Wie letztlich entschieden wird, hängt aber nicht nur von theoretischen Modellen ab.

Sind Sie in die Entscheidungsfindung am Gotthard involviert?
Nein.

Wären Sie es gerne?
Nein.

Weshalb nicht?
Der Gotthard ist für die Schweiz aus unterschiedlichen Gründen sehr wichtig. Für unsere Forschung oder unsere Lehre ist er es nicht.

Früher hat man aufgrund von Erfahrungen Entscheidungen getroffen. Heute ist die durch Datenanalyse fundierte Entscheidung wichtig. Was wird man in 50 Jahren über unsere heutige Art, Entscheidungen zu treffen, sagen?
Dass wir gute Fortschritte machten. Wir werden immer mehr Daten haben und die Daten immer stärker dazu verwenden, um Entscheidungen zu stützen. Ich gehe davon aus, dass in Zukunft Entscheidungen vermehrt anhand von Netzmodellen gefällt werden. Es gibt dann vielleicht ein komplettes Netzmodell der Schweizer Strassen. Man wird einen Erhaltungsabschnitt definieren können und das Programm wird alle Auswirkungen berechnen.

Ich glaube, den Menschen ist das Bauchgefühl wichtig. Glauben Sie, das nimmt ab?
In vielen Bereichen wird das Bauchgefühl immer wichtig bleiben. Bei hochkomplexen Entscheidungen grosser Tragweite glaube ich allerdings, sind die Menschen ganz froh um Unterstützung.

Sie sind Kanadier und sind 1997 für Ihre Promotion in die Schweiz gekommen. Weshalb sind Sie geblieben?
Weil das Land eine tolle Infrastruktur bietet (lacht). Es ist ein schönes Land, das eine gute Lebensqualität bietet. Weshalb sollte man da wieder weggehen wollen?

Sie sind relativ neu in Ihrer Professur. Auf wie lange Sicht planen Sie zu bleiben?
Ich schätze bis zu meiner Pensionierung. Ich kann mir derzeit keinen Grund vorstellen, weshalb ich das Institut früher verlassen sollte.

Sie sind jetzt 40 Jahre alt und wissen, Sie werden noch 25 Jahre lang in diesem Büro sitzen. Ist das nicht beängstigend?
Nein. Die Stelle bleibt vielleicht 25 Jahre lang dieselbe. Inhaltlich wird es jedoch immer wieder Veränderungen geben. Ich kann hier all das machen, was mich interessiert. Das beängstigt mich doch nicht.

Beat Matter