Der Fukushima-Effekt ist weg

SaS

Gemäss dem Univox Umweltmonitor 2012 fällt die Schweizer Bevölkerung in ihre alten Gewohnheiten zurück. (Schweiz am Sonntag, 24.02.2013)

Zum zweiten Mal jährt sich in gut zwei Wochen die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Das Ereignis war ein Schock, der dazu führte, dass Bundesrat und Parlament noch im Katastrophenjahr den Atomausstieg beschlossen. Durch den Fukushima-Effekt schien es möglich, die Schweiz energie- und umweltpolitisch recht zügig umzubauen.

Doch bereits bei den nationalen Wahlen im Oktober 2011 vermochten die ökologisch orientierten Parteien den Effekt nicht mehr positiv zu nutzen. Heute liegt der nationalrätlichen Kommission Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek) ein Vorschlag vor, der zur Verlängerung der Laufzeit von Schweizer Atomkraftwerken um bis zu zehn Jahre führen könnte. Statt 2034, wie avisiert, würde der Ausstieg erst im Jahr 2044 vollzogen. Das ist kein Vorschlag der Atom-Lobby, sondern der sogenannten Ausstiegs allianz aus Grünen, SP, CVP, GLP und BDP. Er gilt deshalb als aussichtsreich.

Der Fukushima-Effekt lässt auch in der Bevölkerung nach. Zu diesem Schluss kommt eine neue, repräsentative Studie des Markt- und Sozialforschungsinstituts gfs-zürich. «Die Atomkraftwerkhavarie in Fukushima (…) hat die Einstellung der Schweizer Bevölkerung stark beeinflusst. Eineinhalb Jahre danach ist deren Wirkung jedoch auf umweltbezogene Einstellungen und Verhaltensweisen meist wieder verschwunden», heisst es im Univox Umweltmonitor 2012, der dem «Sonntag» exklusiv vorliegt. Befragt wurden 1008 Personen in der deutschen und französischen Schweiz. Die Studie wurde im Auftrag der Aduno Gruppe erstellt, der WWF hat Inputs für zu erfragende Be reiche geliefert.

Die Studie zeigt: Die Schweizer Bevölkerung glaubt im Vergleich zum Katastrophenjahr 2011 wieder eher daran, dass die technische Entwicklung die Umweltprobleme lösen kann. Zwar geben noch immer 59% der Befragten eine technik- und industrieskeptische Einstellung an, aber im Vorjahr waren es noch 67% gewesen. Nur noch 47% der Bevölkerung glauben demgegenüber im Jahr 2012, grundsätzliche gesellschaftliche Änderungen seien wichtiger für die Lösung von Umweltproblemen als neue Techniken und Erfindungen. Fuku shima sorgte im Vorjahr dafür, dass erstmals mehr als die Hälfte (56%) der Befragten gesellschaftliche Veränderungen als entscheidenden Faktor nannten.

Allerdings bleibt die Ablehnung der Atomkraft weiterhin deutlich. 65% der Befragten halten die Risiken der Kernenergie für nicht mehr tragbar (2011: 69%, 2010: 53%). Und nur 20 Prozent bezeichnen die Risiken heute als tragbar. Beim Verhalten wiederum zeigt sich eine Rückkehr zu alten Gewohnheiten. Die Bevölkerung verhält sich nicht stromsparender als vor Fukushima und Ausstiegsdebatte: Der Anteil der Befragten, die häufig Stromsparlampen benutzen, ist derselbe wie vor zwei Jahren (75%). Sogar rückläufig ist der Anteil der Bevölkerung, der bei Nichtgebrauch Geräte vollständig abschaltet: 69% im 2012, 77% vor zwei Jahren. Die Zahlen zum effektiven Stromverbrauch im vergangenen Jahr liegen noch nicht vor. 2011 hatte erstmals nach 15 Jahren kein neuer Verbrauchsrekord resultiert – dank warmer und trockener Witterung.

Wie man sich einschätzt und wie man sich effektiv verhält, das ist zweierlei: Trotz wieder erstarkter Tech nik-Gläubigkeit fühlen sich die Befragten im Vergleich zum Vorjahr deutlich umweltbewusster. 58% attestieren sich ein überdurchschnittliches Umweltbewusstsein (2011: 43%, 2010: 58%). Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Einschätzung des eigenen Umweltverhaltens sowie des Verständnisses von Umweltzusammenhängen. Im Katastrophen-Jahr 2011 griffen kurzfristig Zweifel und Misstrauen um sich.

Kurzum: Heute herrscht wieder Vor-Fukushima-Stimmung. «Zu Unrecht», sagt WWF-Geschäftsleitungsmitglied Fredi Lüthin. Es gebe keinen Grund zu glauben, dank technischem Fortschritt könne auf Verhaltensänderungen zum Schutz der Umwelt verzichtet werden. Die Geschichte zeige: Umwelt-Katastrophen verschwänden schnell wieder aus den Köpfen der Menschen, sagt Lüthin. «Das ist bedauerlich, aber leider nicht zu ändern.»

Die kurze Wirkungsdauer des Fuku shima-Effekts zeigt sich auch in der Priorität der individuellen Handlungsmöglichkeiten: Während 2011 energiesparendes Umweltverhalten klar im Vordergrund stand, gewannen 2012 gemäss Umfrage wieder andere Tätigkeiten an Zuspruch – Favorit war eine Schweizer Parade-Disziplin: das Recycling. 93% der Befragten sprachen sich dafür aus.

Doch auch hier: Die Umweltereig nisse der letzten Jahre machen sich nicht durch erhöhten Effort bemerkbar. Schweizerinnen und Schweizer recyceln 2012 weniger als im Jahr 2008: Beim Glas waren es noch 92% der Befragten, verglichen mit astronomisch hohen 98% vier Jahre davor.

Rückgänge zeigen sich auch beim Recycling von Karton, PET – und Batterien schmeisst man immer häufiger weg: Nur noch 87% geben sie im Laden zurück, das sind weniger als Mitte der Neunzigerjahre. Die Anteile sind zwar verglichen mit anderen Ländern nach wie vor hoch, doch ist «2012 wieder grösseres Verbesserungspotenzial vorhanden als 2008», heisst es in der Studie.

Wie der Umweltmonitor 2012 erstmals zeigt, gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen umweltgerechtem Verhalten und persönlicher Zufriedenheit. Signifikant ist der Unterschied bei Fragen nach Recycling und Heiz verhalten: 77% der Recycling-Freudigen geben an, mit ihrem Leben sehr zufrieden oder zufrieden zu sein. Bei den Recycling-Muffeln waren es nur 66%. Wer bereit ist, weniger zu heizen, gibt in 78% der Fälle an, sehr zufrieden oder zufrieden zu sein. Das taten nur 72% der Vielheizer.

Dass der Zusammenhang nicht aus der Luft gegriffen ist, bestätigt Volkswirtschafts-Professor und Glücksforscher Mathias Binswanger: «Tendenziell machen Menschen, die sich umweltgerecht verhalten, ihr Glück weniger von materiellem Wohlstand abhängig. Diverse Untersuchungen zeigen, dass solche Menschen glücklicher sind.»

Ausgesprochen glücklich mit dem Befund ist Fredi Lüthin vom WWF: «Es entspricht einer verbreiteten Meinung, dass umweltgerechtes Verhalten mit schmerzhaftem Verzicht einhergeht. Offensichtlich ist das nicht der Fall», stellt Lüthin fest.

Beat Matter