Mein Grossraumbüro

Ich bin früher wach als der Grossteil meiner Twitter-Timeline. Ich trinke den ersten Kaffee, scrolle mich kurz durch die Nacht. Letzte Sätze von Nachtschwärmern, erste Nachrichten. Ich surfe von einem News-Portal zum nächsten. Wenn mir dabei ein guter Text, ein himmeltrauriger Titel oder eine medienethische Verwerflichkeit auffällt, lasse ich den ersten Tweet in die morgendliche Dunkelheit fliegen.

Ich bin freischaffender Journalist. Ich bin regelmässig unterwegs, um mit Menschen zu sprechen. Daneben verbringe ich viel Zeit alleine in meinem Büro. Ich habe damit keine Mühe, schätze es aber trotzdem, seit knapp zwei Jahren auch einen Platz in einem Grossraumbüro zu haben. Es heisst Twitter.

Der Vorteil dieses Büros: Ich bestimme, wer darin einen Platz bekommt. Derzeit sind das knapp 400 Personen und Nicht-Personen. Der Geräuschpegel ist entsprechend. Wie es ist, eine Twitter-Timeline aus 1000 und mehr Twitteren zu haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Ich tue das, was den Journalisten hie und da auf Twitter vorgeworfen wird: Ich folge in erster Linie Journalisten (Grossraumredaktion). Ich konsumiere gerne journalistischen Output, auf den sie fast pausenlos hinweisen, ich interessiere mich für die Branche mitsamt dem Klatsch, den sie fast pausenlos betreiben und ich mag es, mich durch Twitter als Teil dieses Kuchens zu fühlen. Zudem hat mir meine Twitter-Vernetzung schon mehr als eine interessante Anfrage eingebracht. Der Vorteil der Twitter-Medienszene: Abo-Kündigungen sind immer und per sofort möglich.

Wo auf Twitter die Journalisten sind, sind die Politiker nicht weit. Und umgekehrt. Hier versucht man sich etwas Sympathie zu er-faven, dort etwas Aufmerksamkeit zu er-retweeten. Handkehrum werden unliebsame oder auch gar «fantasievolle» Kommentaroren aber auch frontal angegriffen. Es ist durchaus interessant, den Tanz der beiden Gruppen auf der Plattform zu beobachten. Manchmal wird eng getanzt. Der Vorteil der Twitter-Demokratie: Abwahl ist immer möglich.

Nebst Journalisten und Politikern (und vielleicht Social Media-Experten) sollen sich auf Twitter auch «normale» Menschen mitteilen. Ich kenne keine. Und es gibt auch keine Liste.

Schwieriger als ein Abo zu kündigen, einen Politiker abzuwählen oder einen normalen Menschen zu finden ist es bisweilen, das Grossraumbüro zwischendurch zu verlassen. Ich fürchte, es wird auch heute wieder eher spät.

Beat Matter