«Minergie ist nicht grün. Minergie ist gescheit»

zvg

In den 14 Jahren seit Bestehen des Vereins Minergie wurden rund 25’000 Zertifikate ausgestellt. Alle unter Geschäftsführer Franz Beyeler. Ein angeregter Schwatz mit einem Tausendsassa. (intelligent bauen Nr. 11/2012)

«intelligent bauen»: Wie erklären Sie, dass Minergie heute Platzhirsch im Schweizer Bau-Label-Dschungel ist?
Franz Beyeler: Das liegt zur Hauptsache an der Einfachheit des Systems. Die drei Standards Minergie, P und A, zusammen mit dem Zusatz Eco sind leicht verständlich und decken gleichzeitig sehr viele wichtige Anforderungen ab. Daneben ist es uns von Anfang an gelungen, eine Markenstrategie zu verfolgen. Das ist in dieser Konsequenz unter den Baustandards einmalig.

Das Stichwort Nachhaltigkeit nicht mehr aus der Bauwelt wegzudenken. Ist das Verdienst von Minergie?
Wir können uns da sicher eine Feder an den Hut stecken. Selbst wenn längst nicht alle neuen Gebäude nach unserem Standard zertifiziert werden, haben wir dazu beigetragen, dass insgesamt besser gebaut wird. Dass die Kantone unser Modell früh verstanden und die Vorgaben für Gebäude verschärft haben, hat dabei auch eine wichtige Rolle gespielt.

Ein weiterer Erfolgsfaktor von Minergie sind Sie als Person. Sie haben einen ökonomischen Hintergrund und sprechen auch das Portemonnaie an.
Das trägt zum Erfolg bei. Ich habe von Anfang aufgepasst, dass Minergie nicht in die grüne Ecke gestellt wird. Minergie ist nicht grün. Minergie ist gescheit. Wir sind politisch neutral und sind überzeugt davon, dass die Wirtschaft ein zentraler Partner ist. Unsere Mission ist es nicht, eine politische Ideologie zu verbreiten.

Minergie-Gebäude können teurer verkauft und vermietet werden als konventionelle Gebäude. Ist die Minergie-Zertifizierung quasi ein Support-Tool für Immobilienspekulanten?
Ein nach Minergie zertifiziertes Gebäude erzielt nicht mit warmer Luft höhere Preise. Es ist ein effektiver Mehrwert vorhanden, der mit Recht vermarktet werden kann. Insofern ist eine Minergie-Zertifizierung sicher kein Spekulations-Werkzeug. Immer wieder kommt es allerdings vor, dass das Label aus Spekulationsgründen missbraucht wird. Wie? Indem man etwa auf Baustellen damit wirbt, Minergie-Häuser zu realisieren – obwohl man es gar nicht tut. So sollen potenzielle Mieter oder Käufer angelockt werden.

Das wäre leicht abzustellen, indem keine Vorzertifikate mehr ausgestellt würden.
Stimmt. Die Vorzertifikate sind jedoch ein wichtiges Werkzeug für einen Bauherrn, um mit dem Mehrwert, den er ja effektiv realisiert, Promotion zu betreiben.

Sollte ich als Mieter oder Käufer einer neuen Immobilie sicherheitshalber bei Minergie nachfragen? Sie können das über unsere Website gleich selbst kontrollieren. Sie tippen die Adresse in eine Suchmaske ein und haben sofort Kontrolle darüber, ob das Gebäude, für welches Sie sich interessieren, auf der Liste aufgeführt ist.

Die Marke Minergie gehört dem Verein. Alle Kantone sind Mitglied. Diese Kantone verpflichten sich nun nach und nach, eigene Bauten nach Minergie-Standard auszuführen. Das klingt nach der Lizenz zum Gelddrucken.
Das ist es natürlich nicht. Man muss sich doch fragen, weshalb zum Beispiel der Kanton Zürich vorschreibt, dass die eigenen Schul- und Verwaltungsgebäude nach Minergie P oder gar P-Eco gebaut werden müssen. Die Antwort: Weil der Kanton mit gutem- Beispiel vorangehen muss. Ein weiterer Faktor ist, dass es im Interesse der Kantone und der Steuerzahler liegt, den kantonalen Gebäudepark möglichst effizient zu halten. 50 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs geht auf die Rechnung des Gebäudeparks. Da ist Potenzial vorhanden.

Bei Neubauten ist der Minergie-Standard mittlerweile gefühlte Normalität.
Das täuscht. Im Kanton Zürich haben wir bei den reinen Wohnbauten ungefähr einen Marktanteil von rund 50 Prozent. Schweizweit liegt der Anteil ungefähr bei 25 Prozent. Bei den Sanierungen liegt er viel tiefer. Es wird sowieso zu wenig saniert. Stimmt. Das ist aber kein Minergie-Problem, sondern ein Grundproblem. Man baut neue Küchen ein, streicht etwas Farbe an die Wände und spricht dann von einer Sanierung. Sanierungen, die diesen Namen verdienen – zumal nach Minergie, mit der Lüftung – sind allerdings aufwändig und teuer. Und nicht überall ist es möglich, nach einer solchen Sanierung die nötigen Mietzinse zu erzielen.

Sanierungen können nur nach Minergie zertifiziert werden, wenn das komplette Minergie-Programm mitsamt Lüftung durchexerziert wird. Ist das längerfristig haltbar?
Wir stellen uns die Frage auch, kommen aber zum Fazit, dass es richtig ist, darauf zu insistieren. Sehr viele Häuser, die energetisch saniert werden – bei denen allerdings auf die Lüftung verzichtet wird –, haben danach Feuchtigkeitsprobleme. Die Lüftung ist wichtig.

Die Lüftung ist seit jeher umstritten.
Sie ist offenbar unsere Achillesferse. Ich habe das unterschätzt. Ich hätte nicht geglaubt, dass nicht nur Mieter und Eigentü- mer, sondern auch Fachleute die Vorteile dieser Lüftung nicht einsehen wollen. Das beschäftigt mich immer wieder. Und ich erkläre das auch immer wieder. Ich trinke deshalb am Morgen jeweils ein Glas Ovo. Damit kann ich es zwar nicht besser. Aber länger.

Bei Häusern ist es ja wie beispielsweise bei den Autos auch: Wenn heute jemand seinen Occasion-Wagen «mit Katalysator» anpreist, entlockt einem das ein müdes Lächeln. Ähnliches setzt ein, wenn jemand sein Gebäude mit «Minergie-Standard» anpreist. Spüren Sie den Effekt?
Zum Teil. Natürlich gibt es die Leute, die das normale Minergie-Label mittlerweile nicht mehr für spektakulär halten. Deshalb ist es wichtig, immer wieder mit etwas Neuem auf den Markt zu kommen.

Mittlerweile existiert mit Minergie A sogar ein Standard für Null- und Plusenergiehäuser.
Wir sind weltweit die einzige Organisation, die einen klaren Standard für Plusenergiehäuser definiert hat. Damit sind wir einen guten Schritt weiter als die EU.

Die EU will bis ins Jahr 2020 bei Neubauten das «nearly zero», also fast das Nullenergiehaus für verbindlich erklären.
Dazu ein Erlebnis: Ich war letzthin in Athen. Als ich mit den Leuten über den «nearly zero»-Standard gesprochen habe, lachten sie laut. Die haben im Moment ein paar andere Probleme zu lösen, bevor sie sich mit Fast-Nullenergiehäusern beschäftigen.

Welche Vorgabe wird die Schweiz einführen?
Die Schweiz wird schneller als die EU Fast-Nullenergiehäuser einführen. Wir arbeiten hier mit den Kantonen zusammen. Sie können jetzt mit dem A-Standard üben. Gleichzeitig muss man wissen, dass es nicht überall möglich ist, Nullenergiehäuser zu bauen. Im Schatten eines anderen Hauses; oder etwa auch bei einem grossen Haus mit kleiner Dachfläche. Solche Fälle müssen ganz anders angegangen werden.

Der Minergie A-Standard wurde im Frühling des vergangenen Jahres lanciert. Wie war die Resonanz?
Wir konnten bis dato 133 Gebäude nach dem Standard zertifizieren. Das halte ich für eine sehr gute Akzeptanz.

Die Lancierung eines neuen Standards ist ein sehr aufwändiges Verfahren aus Workshops, grossen Vernehmlassungsrunden usw. Wer entscheidet in letzter Konsequenz, ob und welcher neue Standard lanciert wird?
Eine damit befasste Strategiegruppe entscheidet, welche Empfehlungen dem Vorstand abgegeben werden sollen. Der Vorstand ist dann fast die letzte Instanz. Die letzte Instanz ist die Generalversammlung, bei welcher alle Mitglieder mit Stimmrecht über die Lancierung befinden können. Es sind nicht ein paar technische Spinner, die neue Phantasie-Standards definieren. Nein, es ist eine demokratische Organisation, die in sinnvollen Schritten weitergeht.

Neben Minergie gibt es auch noch andere Labels. Der Leed-Standard zum Beispiel. Es gibt Stimmen, die sagen, man werde sich künftig an internationalen Standards orientieren müssen. Was sagen Sie dazu?
Ich halte es für sinnvoller, einen Standard zu etablieren, der angepasst an schweizerische Verhältnisse in den Bereichen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft effektiv für nachhaltige Bauten sorgt. Leed kann das nicht.

Der Energieverbrauch pro Flächeneinheit ist ein wichtiger Minergie-Wert. Gleichzeitig ist der steigende Flächenbedarf pro Person ein drängendes Problem heutiger Siedlungspolitik. Wird Minergie früher oder später auch Vorgaben zu diesem Thema machen?
Das ist ein guter und enorm wichtiger Punkt. Wegen dem steigenden Flächenbedürfnis werden die technischen Fortschritte sukzessive wieder weggefressen. Allerdings kann Minergie da nichts unternehmen. Das ist eine Aufgabe der Politik. Allerdings eine, die wohl nicht mit starren Beschränkungen anzugehen ist.

Sie sind beim Verein Minergie ein Mann der ersten Stunde. Seit der Vereinsgründung im Jahr 1998 sind sie als Geschäftsführer engagiert. Weshalb haben Sie von Beginn weg an die Idee Minergie geglaubt?
Ich habe daran geglaubt, dass Minergie – wenn man die Idee gescheit verkauft, sie gescheit kommuniziert und ein gescheites Netzwerk aufbaut – erfolgreich sein sollte. Die Idee Minergie hat in mir Positives ausgelöst.

Ihr Fazit nach 14 Jahren?
Was die Menge der Zertifizierungen angeht, bin ich sehr zufrieden. Was die Qualität angeht, bin ich noch nicht zufrieden. Es gibt meiner Meinung nach noch zu viele Menschen – bisweilen Fachleute –, die am Nutzen des guten Bauens nach unseren Überzeugungen zweifeln. Wir haben noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Beat Matter