«Es ist nicht Erziehung. Es ist Management.»

Beat Matter
Alec von Graffenried (November 2012, Nationalrat Grüne und Direktor für nachhaltige Entwicklung bei Losinger Marazzi)

Der grüne Nationalrat Alec von Graffenried hat als Direktor für nachhaltige Entwicklung bei Losinger Marazzi das Unternehmen auf den nachhaltigen Pfad geführt. Eine Überzeugungsaufgabe für einen Überzeugten. (die baustellen Nr. 11/2012)

«die baustellen»: Es gibt eine schöne Grafik der Losinger Marazzi-Direktion. Alle wichtigen Positionen sind aufgeführt. Ihr Name und Ihre Funktion fehlen. Das sagt eigentlich alles über den Einfluss des Direktors für nachhaltige Entwicklung.
Alec von Graffenried: So wäre die Grafik völlig falsch verstanden. Zumal ich soeben meine Position gewechselt habe. Ich war Direktor für nachhaltige Entwicklung – eine Stabsstelle, weshalb sie nicht in der Direktionsgrafik auftaucht. Neu bin ich Direktor Immobilienentwicklung in der Region Mitte.

Als Sie 2007 in die Firma eintraten, taten Sie das mit der Mission, das Nachhaltigkeitsprogramm des französischen Mutterkonzerns in der Schweizer Tochtergesellschaft zu implementieren.
Richtig. Während der heissen Phase hatte ich in meiner Funktion Einsitz in der Geschäftsleitung. Rapportiert habe ich immer direkt an den Verwaltungsratspräsidenten. Insofern konnte von mangelndem Stellenwert keine Rede sein.

Wo steht das Nachhaltigkeitsprogramm derzeit?
Das Programm ist – unabhängig von meinem Positionswechsel – implementiert und in die Pflichtenhefte aller Mitarbeitenden integriert. Das heisst natürlich nicht, dass wir uns jetzt nicht mehr damit zu beschäftigen brauchen. Im Alltag sind alle gefordert. Nehmen wir als Beispiel die Baustellensicherheit: Diese muss Tag für Tag und auf jeder einzelnen Baustelle sichergestellt werden. Dazu ist die aktive Mitwirkung aller Beteiligten notwendig. Eine Einzelmaske kann da nicht viel bewegen.

Nehmen wir das Beispiel auf: Wie stellen Sie die Sicherheit sicher?
Es existiert ein internes Label für die Sicherheit der Baustellen, das nennt sich «Chantier bleu». Alle unsere Baustellen müssen nach diesem Label zertifiziert sein; wenn Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten werden, verliert die Baustelle das Label. Alle Subunternehmer erhalten zudem eine Sicherheitsschulung. Besucher kommen nie ohne Sicherheitsausrüstung auf eine unserer Baustellen. Diese Massnahmen müssen von oberster Stelle für verbindlich erklärt werden. Und in der Umsetzung braucht es dann die Kontrolleure, die das alles penibel umsetzen. Wir haben Sicherheitsbeauftragte, die wöchentlich jede Baustelle besuchen und kontrollieren. Bei Problemen werden diese besprochen und anschliessend eliminiert.

Offenbar betreiben Ihre Leute jeweils ein Warm-up, bevor sie mit der Arbeit beginnen. Wie kam es dazu?
Wir haben festgestellt, dass in der ersten Stunde am Morgen die meisten Unfälle passierten. In Japan haben wir entdeckt, dass die Arbeiter Aufwärmübungen machen, wie man sie vom Sport her kennt. Wir haben das übernommen. Unsere Leute machen jetzt 10 Minuten Aufwärmen und gehen dann ans Werk.

Wie kam das an?
Am Anfang war das natürlich vielen etwas peinlich. Schliesslich kam aber Dynamik in die Sache. Medien griffen das Thema plötzlich auf. Die Aktion galt als cool. So sprang der Funke über. Heute gehört es fix zum Tagesablauf dazu.

Wie sehen die Unfallzahlen aus?
Bei unseren eigenen Arbeitern hatten wir in den letzten zwei Jahren keinen Unfall mehr, der zu einem Arbeitsunterbruch geführt hätte. Wir haben jüngst von der Suva den Bescheid bekommen, dass unsere Prämie nächstes Jahr abermals gesenkt wird, damit bezahlen wir heute fünf Mal weniger Prämie als noch vor 10 Jahren.

Ist die Nachhaltigkeit strategisch im Unternehmen verankert?
Ja. Mittlerweile arbeiten wir mit einer zweiten Version des Nachhaltigkeitsprogramms, die genau diesen Schritt vollzieht. Bislang gab es die Unternehmensstrategie und parallel dazu eine Nachhaltigkeitsstrategie. Nun haben wir beschlossen, die Nachhaltigkeitsstrategie zur eigentlichen Unternehmensstrategie zu machen.

Das Nachhaltigkeitsprogramm kam vom französischen Mutterkonzern her. Was war die Motivation dafür?
Das Programm ist Ausdruck einer gewissen Bewegung in Frankreich. Während bei uns seit den 1970er-Jahren eine kontinuierliche Entwicklung des ökologischen Bewusstseins zu verzeichnen ist, passierte in Frankreich lange Zeit gar nichts. Nach dem Jahr 2000 erfasste das Umweltbewusstsein das ganze Land dann umso heftiger. Nachhaltigkeit wurde wichtig – auch Präsident Sarkozy förderte diese Bewegung. Damit konnte sich auch die Wirtschaft dem Thema nicht mehr verweigern. In dieser Stimmung hat der Konzern in Frankreich ein umfassendes Nachhaltigkeitsprogramm entwickelt. Dieses Bekenntnis des Konzerns zur Nachhaltigkeit hat mir die Arbeit natürlich sehr erleichtert.

Wie war die Stimmung im Schweizer Unternehmen, als das Programm von Frankreich her eintraf?
Die Sache kam zuerst sehr «top down» daher. In solchen Situationen ist es wichtig, die Basis einzubeziehen, um die Leute mitzunehmen. Gerade die Jungen – die solche Themen ja schon an der FH oder der ETH mitbekommen – haben bei uns sehr offen und interessiert reagiert. Selbstverständlich gab es aber auch verhaltene Reaktionen und offene Ablehnung.

Erziehungsarbeit?
Ich nenne es nicht Erziehung. Es ist Management. Man gibt Ziele vor und klärt, wie diese zu erreichen sind. Wie in der Erziehung erreicht man aber auch hier am meisten, wenn man als Vorbild wirkt. Wenn ich den Wagenpark unseres Managements betrachte, gäbe es da noch Spielraum. Es wäre ein tolles Signal, würde plötzlich jemand vom Topmanagement mit einem Hybrid vorfahren. Das wird wohl noch dauern. Autos sind bei uns nach wie vor Kult.

Eine Folge der Männerwirtschaft?
Ich glaube, bei uns haben sogar die Frauen sehr gerne Autos (lacht).

Das Nachhaltigkeitsprogramm kam vom Konzern her. Sie hatten es umzusetzen. Wie stark steht die Schweizer Tochtergesellschaft unter der Fuchtel des Konzerns?
Wir sind eine 100-Prozent-Tochtergesellschaft. Die Verbindung ist entsprechend.

Wird das Unternehmen straff vom Konzern geführt und überprüft?
Bei der Nachhaltigkeit haben wir klare Vorgaben. Bei der Wirtschaftlichkeit auch. Im Übrigen sind wir aber eine AG nach schweizerischem Recht, mit allem, was dazu gehört. Im Tagesgeschäft der Immobilienentwicklung sind wir lokal verankert und richten uns nach den schweizerischen Gepflogenheiten.

Wie stark ist die nachhaltige Orientierung bei den Investoren ausgeprägt?
In den fünf Jahren, in denen ich nun bei Losinger Marazzi arbeite, hat sich diese Diskussion stark gewandelt. Vor fünf Jahren diskutierte man noch darüber, ob sich Minergie-Bauten rechnen. Man hat Berechnungen angestellt, ob die Energieeinsparungen die Mehrinvestitionen aufwiegen. Diese Rechnung geht auch heute nicht auf. Heute haben die Investoren erkannt, dass Minergiebauten und im Allgemeinen nachhaltige Projekte sich im Preis besser entwickeln als andere Gebäude, deshalb verlangen die Investoren heute überwiegend zertifizierte Projekte.

Es gibt eine ganze Reihe von Nachhaltigkeits- Labels im erweiterten Bau- und Immobilienbereich. Gehen Sie davon aus, dass eine Bereinigung im Label- Dschungel stattfinden wird?
Von aussen betrachtet ist es wirklich ein Salat. Die Tendenzen sind allerdings glasklar. Im Bereich der Energieeffizienz werden wir im Jahr 2015 bei Neubauten irgendwo bei Minergie P und im Jahr 2020 beim Nullenergiehaus angelangt sein. Die Entwicklungskurven weisen deutlich darauf hin.

Sie gehen also davon aus, dass die Situation übersichtlicher wird?
Was die Energielabels angeht, wird es sicher zu einer Bereinigung kommen. Allerdings hat es auch etwas Eindimensionales, wenn man nur auf den Energieverbrauch fokussiert. Das kann zu seltsamen Fällen führen: Etwa zu einem Einfamilienhaus, welches als Plusenergiehaus ausgeführt ist, aber in dessen Garage drei grosse Autos stehen, weil ansonsten das Mobilitätsbedürfnis nicht mehr gestillt werden kann. Da ist eine ganzheitlichere Betrachtungsweise gefragt.

Hin zu Areal-Zertifizierungen?
Zum Beispiel. Oder auch hin zu Zertifizierungen von Einzelobjekten, die über den Energieverbrauch hinaus auch den Standort, die Mobilität und soziale Faktoren mit berücksichtigen. Da werden sich neue Labels und Zertifikate bilden.

Der Schweizer verzichtet nicht so gerne. Er ist vielleicht bereit, bei gleichem Komfort, stärker in die Nachhaltigkeit zu investieren. Aber er ist nicht bereit, im Sinne der Nachhaltigkeit auf den einen oder anderen Komfort zu verzichten. Wie geht man damit um?
Die Bemühungen, Energie einzusparen – wie sie jetzt auch in der Energiestrategie formuliert sind – entsprechen doch eigentlich klar dem Schweizer Charakter. Der sparsame Umgang mit Ressourcen ist ein zutiefst schweizerischer Wert.

Der sparsame Umgang mit Geld.
Auch. Aber auch das allgemeine «Spärele» gehört doch zum Schweizer dazu. Meine Generation wurde von ihren Eltern, der Kriegsgeneration, dazu angehalten, sparsam mit Vorhandenem umzugehen.

Ich habe das Gefühl, jüngere Leute sind heute sensibler, was das Einsparen von Energie angeht.
Was die Energie angeht, haben Sie vielleicht recht. Wenn ich mir die Überschuldung der Jugend anschaue, wäre ich mit dem Label Sparsamkeit eher zurückhaltend. Höchstens das auszugeben, was reinkommt – dieses Prinzip ist bei den älteren Leuten stärker verankert.

Lehnt es Ihr Unternehmen grundsätzlich ab, nicht nachhaltige Objekte zu realisieren?
Wir lehnen solche Projekte weniger aus grundsätzlichen Überlegungen ab, sondern ganz einfach, weil die Risiken in der Regel zu hoch sind. Wir entwickeln Projekte auf relativ lange Frist hinaus. Und da müssen wir uns darauf verlassen, dass wir die Objekte dereinst auch noch zu einem guten Preis verkaufen können. Da müssen sie zwangsläufig nachhaltig denken. Nachhaltig bauen heisst vielfach, die Risiken richtig einzuschätzen. Hätte man das schon vor 20 bis 30 Jahren konsequent gemacht, so hätten wir heute beispielsweise ein kleineres Energieproblem.

Wir beurteilen Sie allgemein die derzeitige Bauphase?
Wir befinden uns seit Langem in einer ausgesprochenen Boomphase. Wir verzeichnen einen Bevölkerungszuwachs von jährlich rund 70’000 Personen. Diese Menschen schlafen nicht auf der Strasse. Für sie werden Wohnungen gebaut. Dazu kommt eine Zunahme der Wohnfläche pro Kopf. Die Baubranche macht heute das alles möglich. Dafür werden enorme Kapazitäten bereitgestellt. Das könnte dann zum Problem werden, wenn sich etwa der da und dort gehegte Wunsch bewahrheiten sollte, das Bevölkerungswachstum zu bremsen und sich gleichzeitig die Konjunktur abschwächt.

Sie gehen von sinkenden Zahlen aus?
Ich gehe davon aus, dass sich die jetzt für die Baubranche sehr optimale Situation irgendwann verändern wird. Wer dann die Kurve nicht erwischt, hat ein Problem.

Was macht Ihr Unternehmen, um dieses Problem nicht zu bekommen?
Wir haben die Risiken im Blick. Wir streben nicht blind Wachstum an. Die Qualität kommt bei uns vor der Quantität. Wollten wir Volumen bolzen, hätten wir mit Sicherheit Gelegenheiten dazu.

Muss man es einfach tolerieren, wenn gewisse Anbieter im Baugewerbe überaus kurzsichtig agieren und dadurch den Markt schädigen?
Worunter wir stark leiden, ist der Umgang mit Schwarzarbeit. Das Thema wird heute breit diskutiert. Über eine Solidarhaftung will man die Generalunternehmer an die kürzere Leine nehmen – wir sind der Meinung, dass wir die Regeln bereits heute respektieren. Wir betreiben enormen Aufwand, um Schwarzarbeit zu verhindern. Wir halten die Vorgaben aus den flankierenden Massnahmen vertraglich fest. Wir kontrollieren jeden Arbeiter, der auf unsere Baustellen kommt und statten ihn mit einem Zutrittsbadge aus. Wir haben das Problem im Griff. Das bestätigt uns auch die Unia.

Durch die Solidarhaftung sollen GU nun für die Verfehlungen anderer haften.
Heute sind die Gesetze vorhanden, und es ist klar: Schwarzarbeit ist verboten, die flankierenden Massnahmen sind einzuhalten. Punkt. Vom Grundsatz, dass jeder selber für seine Handlung die Verantwortung trägt, sollte man ohne Not nicht abweichen.

Und gibt es keine Not?
Klar gibt es Probleme. Wir akzeptieren daher die neuen Regeln, da wir sehen, dass man dem Problem sonst nicht beikommen kann. Für unsere Baustellen gehen wir davon aus, dass wir die geforderte Sorgfalt bereits heute walten lassen.

Wie schaffen Sie als Grüner den Spagat zum eher bürgerlich geprägten Baugewerbe?
Während meines ganzen beruflichen Lebens habe ich mich mit Bauen und dem Baurecht befasst. Gebaut wird sowieso. Ich will einen Beitrag dazu leisten, dass gut gebaut wird. Der Energieumbau und der Umbau der Wirtschaft in eine nachhaltige Wirtschaft bedingen enorme bauliche Anstrengungen. Bauen und Sanieren: das sind heute auch grüne Aufgaben.

Wie beurteilen Sie den Stand des nachhaltigen Bauens in der Schweiz?
Grundsätzlich läuft hier viel. Wenn man aber über die Grenze ins Vorarlbergische blickt, bekomme ich den Eindruck, dass dort eher mehr läuft. Die Schweiz ist ein Hochtechnologie-Standort und ein Standort, wo Qualität eine grosse Rolle spielt: Da wäre es doch seltsam, wenn wir in der Bauqualität Anspruchslosigkeit walten liessen.

Und bei der Nachhaltigkeit?
Wir müssen schauen, dass wir den Vorsprung, den wir vielleicht einmal hatten, nicht preisgeben. Wir haben früh sehr viel in den Bereich investiert. Es ist wichtig, dass wir uns da nicht überholen lassen. Es gibt Befürchtungen, die in diese Richtung gehen.

In dieser Stimmung lässt sich leicht übertreiben.
Ich finde nicht, dass man übertreibt.

Atomausstieg und Reduktion von fossilen Brennstoffen, Stabilisierung des Stromverbrauchs: Bringen wir alles unter einen Hut?

Ja, weil wir müssen. Und wir es können.

In jüngster Zeit hat es die Diskussion gegeben über überlastete Parlamentarier. Wie handhaben Sie das?
Ich arbeite heute mehr für das Unternehmen als für das Parlament. Das schweizerische System sieht das so vor. Es ist natürlich so, dass man politisch viel mehr arbeiten könnte. Die Skala ist nach oben offen. Und es gibt ja auch die Vertreter, die sehr viel und vielleicht auch zu viel machen. Als Milizler ist für mich heute weniger das Pensum belastend, als der grösser werdende Druck, mich noch stärker in der Politik zu engagieren.

Wie gross ist der Anteil Ihrer Parlamentstätigkeit?
Ich bin nur in einer Kommission vertreten. Dadurch ist mein Pensum im Vergleich zu anderen bescheiden. Insgesamt arbeite ich als Parlamentarier intensiv während den Sessionen. Daneben eher an Abenden und am Wochenende. So habe ich es mit meinem Arbeitgeber auch abgemacht.

Wie beziffern Sie das Pensum?
Gemessen an meinen Gesamtaktivitäten sind es geschätzte 30 Prozent, die ich in die Parlamentsarbeit investiere. Die Gesamtaktivität geht allerdings etwas über 100 Prozent hinaus.

Beat Matter