«Für Ökonomen ist Preisdruck nichts Schlimmes»

Beat Matter

Jan-Egbert Sturm ist Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Vierteljährlich hat er anlässlich der Präsentation der Konjunkturprognosen seinen grossen Auftritt. Anfang Oktober war es wieder soweit. Ein entspanntes Gespräch über eine hektische Zeit. (die baustellen Nr. 10/2012)

«die baustellen»: Sie haben zwei Kinder im Primarschulalter. Wie erklären Sie ihnen, was Sie beruflich machen?
Jan-Egbert Sturm: Am einfachsten ist es, wenn ich ihnen sage, dass ich an der Universität Erwachsene unterrichte. Sie sind selbst in der Schule, sie können sich also die Situation vorstellen. Aber klar: Meine Tätigkeit Kindern im Detail zu erklären, ist schwierig.

Wie sieht denn Ihre Tätigkeit effektiv aus?
Ich bewege mich in drei Aufgabengebieten: Lehre, Institut und Forschung. Ich versuche, Studierenden zu erklären, wie die Volkswirtschaft funktioniert. Ich leite und repräsentiere das Institut. Und ich widme mich der wissenschaftlichen Kernkompetenz, der Forschung. Natürlich sind die Bereiche mehr oder weniger verknüpft.

Anfang Oktober wurde die KOF-Herbstprognose veröffentlicht. Die Medienaufmerksamkeit ist jeweils gross. Ist das Highlight oder Pflicht?
Für das Institut ist das schon ein sehr wichtiges Event, insbesondere, weil die Herbstprognose unsere umfangreichste ist. Ein grosser Teil des Instituts ist in die Produktion dieser Prognose involviert. Man kann deshalb durchaus von einem Highlight sprechen.

Sind Sie nervös, bevor Sie vor beispielsweise der SF-Kamera die Prognose erläutern?
Man gewöhnt sich daran. Wenn man als junger Dozent zum ersten Mal eine Vorlesung hält, ist man sehr aufgeregt. Doch mit der Erfahrung kommt die Gelassenheit. Das ist auch bei Medienauftritten so. Eine gewisse Restnervosität bleibt allerdings.

Was beim Konsum von Prognosen oft vergessen geht: Nicht nur die Zukunft ist ungewiss. Auch die Überlieferung der Vergangenheit kann sich durch neue Daten verändern. Wie gehen Sie damit um?
Das ist ein zentraler Aspekt. Im Sommer haben die offiziellen Zahlen eine grosse Revision der Vergangenheit durchgemacht. Die Zahlen über das Winterhalbjahr 2011/ 2012, die uns im Frühling vorlagen, waren sehr gut. Wir erhöhten also die Prognose im Sommer. Inzwischen liegen uns über dasselbe Winterhalbjahr 2011/2012 Zahlen vor, die weniger gut sind. Auch das bildet sich nun in der Herbstprognose ab.

Im Vorfeld von Prognosen gibt es jeweils Erwartungshaltungen. Spüren Sie die?
Vor den Quartalsprognosen kursieren jeweils nur grobe Vermutungen. Anders ist es bei unserem monatlichen KOF Konjunkturbarometer. Da machen Analysten sehr genaue Vorhersagen auf unsere Werte und sind dann entsprechend enttäuscht oder zufrieden.

Welche Reaktionen beobachten Sie in der Realwirtschaft?
Reaktionen gibt es vor allem, wenn wir Prognosen revidieren. Nun könnten wir weniger Prognosen machen – und müssten entsprechend seltener revidieren. Ob die Stabilität, die man dadurch produzieren würde, nur eine vorgeschaukelte Stabilität wäre, müsste diskutiert werden. Für mich ist allerdings klar: Der Umstand, dass manche Abnehmer lieber geringe Revisionen sehen würden, darf unsere Prognose nicht beeinflussen. Externe Erwartungen dürfen unsere Prognose nicht beeinflussen, und sie machen es auch nicht.

Die letzten Jahre boten immer wieder wirtschaftliche Überraschungen – es war ein stetes Auf und Ab. Die Konstante ist: Die Schweiz steht im Vergleich zu fast allen anderen Ländern hervorragend da. Wird das so bleiben?
Tatsächlich hat sich die Schweiz in dieser turbulenten Zeit besser gehalten, als wir Prognostiker das gedacht hätten. Ich glaube nicht, dass die Schweiz in ein schwarzes Loch fallen wird. Ausschliessen kann man natürlich nichts. In der Annahme, dass es nicht zu weiteren Schock-Ereignissen wie etwa der Lehman-Pleite kommt, gehe ich davon aus, dass die Schweiz aufgrund ihrer robusten Binnenkonjunktur auch in den nächsten Jahren verhältnismässig gut dastehen wird.

Angesichts der massiven Probleme im Euro-Raum fragt man sich: Was kann die Schweiz überhaupt tun, damit es ihr wirtschaftlich weiterhin gut geht?
Die Schweiz kann sich mittel- und langfristig nicht von der Weltkonjunktur abschotten. Die robuste Schweizer Binnenkonjunktur wirkt vorderhand als Puffer gegen die internationale Lage. Früher oder später wirkt sich das internationale Klima aber trotzdem auf die Schweizer Wirtschaft aus.

Man hat den Eindruck, Völkerberuhigung sei der zentrale Aspekt geworden. Ist wirtschaftliche Stabilität nur das Resultat richtiger psychologischer Taktik?
Das Hauptproblem ist die Unsicherheit. Man fragt sich, wohin die Reise geht. In der Hoffnung, Antworten zu erhalten, hängt man an den Lippen von Notenbankern und Politikern. Es wird zwischen den Zeilen gelesen und spekuliert. Die Verantwortung, die in dieser schwierigen Situation auf den Zentralbankern und Politikern lastet, ist enorm.

Wie ist es für Sie, Politikern dabei zuzuschauen, wie sie ökonomischen Schwachsinn reden und umzusetzen versuchen?
Man merkt, dass nicht alle Politiker im Bereich VWL gleich bewandert sind. Ich glaube, wir Volkswirte haben da noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten.

Welche Rolle spielen die Medien in schwierigen wirtschaftlichen Situationen?
Wir Volkswirte gehen in der Regel davon aus, dass die Medien eine Spiegelfunktion haben. Sie geben wieder, was in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft diskutiert wird.

Aber sie geben nicht immer genau das wieder, was Sie ausdrücken wollten?
Es gibt natürlich verschiedene Player in diesem Spiel. In gewissen Forschungsbereichen werden die Medien stärker als eigenständiger Player betrachtet, der durch das Pushen von Themen die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen kann. Eine spannende Sichtweise.

Aber es entspricht nicht Ihrer Sichtweise?
Wir als Volkswirte, die sich mit der Makro- Perspektive beschäftigen, können das nicht berücksichtigen. Wir klassifizieren das als Rauschen, welches zur sowieso vorhandenen Unsicherheit unserer Prognosen dazugehört.

Schmerzen Fehlprognosen?
Ja. Es tut uns weh, wenn wir merken, dass wir danebenliegen. Und es tut weh, wenn andere feststellen, dass wir danebenliegen. Wir sind Menschen und reagieren auf Misserfolge.

Gibt es unter den prognostizierenden Instituten eine Art Wettkampf?
In gewisser Weise ja. Das ist gesund. Wirklich interessant sind für uns aber hauptsächlich die Prognosen von anderen grossen Institutionen wie dem Bund oder der Nationalbank.

Die Grossbanken sind in diesem Zusammenhang für Sie keine grossen Player?
Für uns nicht unbedingt. In der Schweiz gibt es ungefähr 20 Institute, die Prognosen veröffentlichen. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Prognosen all dieser Institute zu beobachten und zu beurteilen. Wir versuchen, uns selber ein Bild von der Schweizer Wirtschaft zu verschaffen.

Unter den zahlreichen Instituten ist die KOF unter anderem speziell, weil sie als ETH-Institut als quasi-staatliche Stelle wahrgenommen wird, die entsprechend «offizielle» Prognosen veröffentlicht.
Unsere Prognose ist speziell aus historischen Gründen und weil sie detaillierter ist als die anderen. Ob der Begriff «staatlich» gut gewählt ist, möchte ich infrage stellen. Wir sind nicht direkt an ein Ministerium angegliedert und machen nicht die Bundesprognose. Dafür wäre – wenn schon – das Seco zuständig. Wir sind, verglichen mit dem Seco, weiter weg von den Ministerien. Absichtlich, um Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Sie betonen die Unabhängigkeit. Könnten Sie beispielsweise offensiv die SNB-Politik kritisieren?
Ja, das können wir. Wir sind dabei natürlich vorsichtig. Denn das Institut hat kein Interesse daran, Politik zu betreiben. Übrigens wird die KOF nicht ausschliesslich durch öffentliche Gelder finanziert. Sondern auch von der Schweizerischen Gesellschaft für Konjunkturforschung (SGK), in welcher sich rund 300 private und öffentliche Körperschaften versammeln. Dazu kommt die Finanzierung durch Auftragsforschung. So versuchen wir, ein Maximum an Unabhängigkeit zu erreichen.

Werfen wir einen Blick auf den Bau- und Immobiliensektor. Zunächst einen zurück: Ihre Analyse der letzten paar Jahre?
Seit fast 10 Jahren verzeichnet die Baubranche ein deutliches Wachstum. Die 1990er-Jahre verliefen gegenteilig. Der Bau musste aus einer Blase herausfinden und die Strukturen wieder in den Griff bekommen. Das dauerte eine Weile. Seit einigen Jahren profitiert der Bau nun von der teilweise sehr guten konjunkturellen Lage sowie dem Zustrom von Menschen. Gerade Letzteres führt zu Nachfrage im Wohn- und Infrastrukturbereich.

Was die Bau-Investitionen angeht, haben Sie für 2012 in der Herbstprognose von 1,2% Wachstum im Sommer auf 1% reduziert. Es gibt jetzt also eine Abflachung.
Ja. Aber wir sehen nicht schwarz, im Gegenteil. Wir gehen davon aus, dass im nächsten und übernächsten Jahr wieder eine gewisse Dynamik entstehen könnte. Für 2013 prognostizieren wir 2,4%, für 2014 1,9% Wachstum bei den Bau-Investitionen. Allerdings gehen wir von einer gewissen Verlagerung vom Wohnbereich in den Infrastrukturbereich aus. Das wird für spezialisierte Wohnbau-Unternehmen herausfordernd. Insgesamt muss die Branche jedoch keiner schwierigen Phase entgegenblicken.

Die Produktivität in der Baubranche ist vergleichsweise niedrig. Haben Sie einen Rat? Produktivitätssteigerung ist ein langfristiger Weg, um Wachstum zu realisieren. In den vergangenen Jahren hat die Baubranche ihre Produktivität gesteigert. Das ist im Vergleich zu anderen Branchen schwieriger, das liegt in der Natur der Sache. Trotzdem sehe ich auf dem Bau nicht zuletzt auch technologische Fortschritte, die zu einer höheren Produktivität führen können. Solche Prozesse fördern kann man letztlich nur, indem man dafür sorgt, dass der Markt richtig funktioniert. Es ist Preisdruck notwendig, auch wenn die Unternehmer das nicht gerne hören.

In der Baubranche herrscht zu wenig Preisdruck?
Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Schweizer Baubranche regional und kantonal stärker reguliert und zeigt damit auch stärkere Abschottungstendenzen.

In zahlreichen Gesprächen beklagen sich Bauunternehmer über den enormen Preisdruck.
Für einen Ökonomen ist Preisdruck nichts Schlimmes. Er zeugt von Wettbewerb. Preisdruck sorgt dafür, dass man sich Gedanken darüber machen muss, wie man besser produzieren kann, ohne Qualität einzubüssen.

Wollen wir lieber höhere Produktivität und brauchen dafür weniger Arbeitskräfte?
Als Volkswirt denke ich anders. Ich sehe nicht, dass höhere Produktivität unbedingt zu weniger Arbeitsplätzen führen muss. Im Prinzip könnten dadurch auch mehr Arbeitsplätze geschaffen werden.

In den letzten 20 Jahren wurde die Anzahl Beschäftigter im Bauhauptgewerbe halbiert.
Das zeigt, dass die Produktivität gesteigert wurde. Und das zeigt, dass diese Leute jetzt vielleicht nicht mehr auf dem Bau, aber irgendwo anders in der Wirtschaft beschäftigt sind. Diese Verlagerung ist für die Gesamtwirtschaft positiv. Ich sehe keinen langfristigen Schaden, wenn im Baugewerbe weniger Leute beschäftigt sind, aber dennoch alle nachgefragten Arbeiten erledigt werden können. Dass ein Stellenabbau kurzfristig für einzelne Angestellte zu einem massiven Problem führen kann, sehe ich absolut ein.

Die Kaltblütigkeit der Volkswirtschaftler.
Das liegt in der Natur der Sache. Wir beschäftigen uns mit dem grossen Bild. Nicht in erster Linie mit den einzelnen Bestandteilen.

In jüngster Vergangenheit hat die Stimmbevölkerung beispielsweise mit der Annahme verschiedener Initiativen der Baubranche gewisse Schranken auferlegt. Für wie relevant halten Sie das?
Ich denke schon, dass diese Art von Restriktion gewisse Auswirkungen haben wird. Auswirkungen wohlgemerkt, die vom Stimmvolk gewollt sind. Natürlich muss man aufpassen, dass man nicht überreguliert. Das würde der Branche schaden.

Konkret: Wie beurteilen Sie die Auswirkungen der Zweitwohnungs-Initiative?
Als die Diskussion über die Initiative begann, waren wir unsicher, welches die Konsequenzen sein könnten. Wir konnten theoretisch nicht abschliessend festmachen, in welche Richtung ein Entscheid wirken würde. Es gab Argumente dafür, dass in bestimmten Bereichen gewisse Bauimpulse ausgelöst werden könnten. Und es gab Argumente dafür, dass dämpfende Faktoren zum Tragen kommen. Nach heutiger Einschätzung scheint es in gewissen Regionen zu leichten Impulsen gekommen zu sein.

Realisieren, solange es noch erlaubt ist?
Es dürfte teilweise dieser Effekt sein, ja.

Ist für Sie als Volkswirt jede Investition grundsätzlich positiv?
Wenn es darum geht, beispielsweise eine BIP-Wachstumsrate zu berechnen, hat Investition definitorisch positive Konsequenzen. Wir wissen natürlich, dass die Wachstums- Messung über das BIP nicht immer das Gelbe vom Ei ist. So ist uns etwa bewusst, dass gewisse Umweltaspekte in der Messgrösse nicht berücksichtig werden. Trotzdem wird letztlich oft nur über die BIP-Wachstumsrate geschrieben.

Nehmen wir Themen wie den Atomausstieg oder allgemein den Umbau zur so genannten «Green Economy»: Vieles geschieht da derzeit aufgrund von politischen Beschlüssen, also per Regulierung des freien Marktes. Haben Sie als Ökonom damit Mühe?
Sie müssen vorsichtig sein, wenn Sie von Eingriffen in den freien Markt sprechen. Gerade im Umweltbereich ist es manchmal anders, als es auf den ersten Blick scheint. Früher hing an einer schädlichen Gaswolke, die man in die Luft ausstiess, kein Preisschild. Solange jedoch Kosten externalisiert werden, kann nicht von einem funktionierenden und freien Markt gesprochen werden. Deshalb ist die heutige Bepreisung von CO2-Ausstoss gerade erst die Kreation eines freien Marktes – und nicht dessen Einschränkung.

Sie haben Ihre Stelle als Leiter der KOF Ende 2005 angetreten. Seither haben Sie bereits einige Jahreszyklen mit einigen Prognosen abgespult. Wird das nie langweilig?
In der jetzigen wirtschaftlichen Situation wird so schnell keine Langeweile aufkommen.

Internationale Wirtschaftskrise ist des Ökonomen Schlaraffenland?
So zynisch das nun klingt: Ja. Die Lage ist für uns hochspannend.

Man stellt sich Ihre Arbeit ungemein theoretisch vor.
In einer Alltags-Definition von «theoretisch» mag das zutreffen. Aus wissenschaftlicher Sicht sind wir quantitativ empirisch orientiert. Wir lassen uns durch Daten leiten. Die KOF ist nicht der Ort, wo neue theoretische Modelle ausgearbeitet werden. Unsere Aufgabe ist es eher, zu überprüfen, ob diese theoretischen Modelle empirisch Sinn machen. Wir testen Theorien. So etwas würde ich nicht als theoretisch umschreiben.

Beat Matter