«Papa, chunsch jetzt cho luege?»

Von zu Hause aus zu arbeiten ist kein Schleck. Erst recht nicht, wenn vor der schalldurchlässigen Türe der ganz normale Familienwahnsinn tobt. (wir eltern Nr. 09/2012)

Vor gut drei Jahren kam mein älterer Sohn Janick zur Welt. Seither trennen vier Zentimeter schalldurchlässiges Holz mein Büro vom alltäglichen Familienwahnsinn. Mittlerweile kann Janick die Türklinke betätigen. Um verbotene Zonen in der Wohnung kümmert er sich manchmal ein bisschen, häufiger aber keinen Deut.

Ich feile konzentriert an diesen Zeilen, als – zack – «Papa, muesch emal cho luege …». «Ich arbeite, Janick.» «Muesch emal cho luege!» Mama rennt entnervt herbei und zitiert Janick aus dem Büro und – rumps – ist die Türe wieder zu. Ich ordne meine Gedanken neu und mache mich wieder an den Text. Zack – «muesch halt bschlüsse!» – rumps.

Ich mache das freiwillig, von zu Hause aus arbeiten. Zu Beginn ging es natürlich auch ums Geld. Mit der gesparten Büromiete liessen sich Krankenkassenprämien und anderes bezahlen. Mittlerweile ist unsere finanzielle Situation solider und vor allem berechenbarer geworden. Ein Plätzchen in einem Gemeinschaftsbüro läge drin. Trotzdem arbeite ich weiter in meinem Home Office. Auch wenn seit einem Jahr zusätzlich der kleine Lionel herum surrt.

Wie ich das aushalte, haben mich schon viele gefragt. Meist gefolgt von der Feststellung, sie könnten das nie. Man gewöhnt sich daran, heisst meine Antwort. Doch weshalb ich das tue, frage ich mich je nach Tageslaune selbst. Täglich physisch anwesend, mit dem Kopf allerdings ganz woanders zu sein, ist kein Schleck. Es bedarf einer robusten Disziplin, sich nicht permanent aus dem Büro locken zu lassen, wenn vor der Tür der Bär tanzt. Vor allem dann, wenn Arbeiten zu erledigen sind, die einen nicht vollkommen in ihren Bann ziehen. Aber auch sonst: Der Kopf ist nie komplett woanders. Ich bleibe während der Arbeit Vater. Und Ehemann. Konflikte, die sich mitunter durch die permanente Nähe ergeben, wissen ebenfalls, wie Türklinken funktionieren. Immerhin muss auch die Versöhnung nicht zwangsläufig bis zum Feierabend warten.

Es gibt Phasen, in denen meine Frau Esther wünschte, ich wäre ein, zwei Tage pro Woche ausser Haus. Meist dann, wenn ich kaum externe Termine habe. Ist der Kalender gut gefüllt und das Karma im Lot, überwiegen die Vorteile meiner Heimarbeit jedoch klar: Drei Mal täglich versammelt sich die komplette Familie am Esstisch. Hat Esther einen Termin, muss sie selten Betreuung organisieren. Hat sie einmal dünne Nerven, kann ich einspringen und abends weiterarbeiten.

Macht Lionel seinen ersten Schritt, muss ich mir das nicht am Telefon anhören, sondern kann rüber eilen und ihm dabei zuschauen. Klar, es sind tausend Dinge, die das Potenzial haben, mich von der Arbeit abzulenken. An guten Arbeitstagen gebe ich den Verlockungen kaum nach. An schlechten Tagen – zack – «Papa, chunsch jetzt cho luege?». «Ja, ich chume» sehr oft. Ich bereue es selten.

Beat Matter