«Ich trete mit dem Zweihänder an»

Beat Matter

Er ist das Aushängeschild einer Partei, die wieder einiger, stärker und pointierter auftreten will. Seit April dieses Jahres ist Generalbauunternehmer Philipp Müller FDP-Präsident. Ein Gespräch über die Linken, die Nichtmittleren und den Bau. (die baustellen Nr. 08/2012)

«die baustellen»: Was halten Sie von Ferien?
Philipp Müller: Ich weiss einfach nicht, weshalb ich Ferien machen sollte. Ich arbeite ja gar nicht, sondern mache nur Politik.

Wann nennen Sie eine Tätigkeit Arbeit? Wenn es sich um etwas Unangenehmes handelt. Vor der Sommerferienzeit hat die Nationalratsdebatte über die Verschärfung des Asylgesetzes für Wirbel gesorgt. Von linker Seite wurde scharf auf Sie als treibende Kraft …
… geschossen, stimmt. Ich liebe es, wenn die Linken auf mich schiessen. Wenn SPPräsident Levrat schäumt, ist das die beste Anerkennung, die ich mir vorstellen kann.

Suchen Sie solche Reaktionen?
Nein. Aber wenn die Linken das Gefühl haben, auf den Mann spielen zu müssen, sollen sie das tun. Das ist offenbar der neue Stil der SP. Fraktionschef Tschümperlin meinte beispielsweise während der Asylgesetz- Debatte, man müsse Christoph Blocher den Hals umdrehen. Offensichtlich fehlen da die Argumente.

Über die letzten Jahre wurden politische Debatten laufend harscher. Spielen Sie dieses Spiel einfach mit oder wehren Sie sich gegen diese Entwicklung?
Sie werden von mir keine Äusserung finden, mit der ich auf den Mann spiele.

Sie leben und bewegen sich in diesem Klima. Stört Sie das?
Es ist mir egal. Und nochmals: Wenn es die Linke ist, die auf mich schiesst, freut es mich sogar. Als Parteipräsident ist man gegen alle Schüsse immun, ausser gegen jene aus den eigenen Reihen. Die Schüsse von aussen schärfen nur das Profil. Nehmen Sie Christoph Blocher als Beispiel: Seit Jahrzehnten wird auf ihn eingeprügelt. Er ist immer nur stärker geworden.

Mittlerweile hat man aber das Gefühl…
Moment. Wenn jemand es verpasst, rechtzeitig abzutreten, ist das ein anderes Thema.

Bei der Asyldebatte stellte die SVP 45 Anträge, die FDP einen. Schlagzeilen machte nur dieser eine, der das Nothilfe- Regime betrifft.
Genau da liegt der Hund begraben. Es gibt offenbar Leute, die ein Problem damit haben, dass die FDP zu diesem Thema einen Antrag stellt, der sich, zumindest im Nationalrat, erst noch als mehrheitsfähig erweist. Die FDP hat den Antrag einstimmig angenommen. Wenn die Linke also ernsthaft meint, ich hätte mich ganz nach rechts verabschiedet, dann müsste das für die gesamte FDP gelten.

Dem umstrittenen Nothilfe-Regime zugestimmt haben auch die geschlossene glp sowie die Mehrheit der CVP-Fraktion. Tatsächlich konnte man die Meinung vernehmen, wonach die Parlamentsmehrheit einen Rechtsrutsch vollzogen habe.
Wer es so simpel sieht, muss nochmals über die Bücher.

Weshalb hakt denn die SP so auf der FDP herum?
Die SP-Spitze ärgert es, dass die FDP in den wichtigen Geschäften wieder geschlossen votiert. Sie muss sich damit abfinden, dass in diesen Fragen nicht mehr einzelne FDPler zu finden sind, die nach links ausscheren. Kommt ein weiterer Punkt hinzu: Auf meinen Vorschlag hin widmeten wir die letzte Delegiertenversammlung dem Thema «Vereinbarkeit von Beruf und Familie ». Das hat die Linke vollends irritiert. Und genau das ist die Absicht. Ich will, dass die FDP für ihre Gegner nicht mehr berechenbar ist. Wir erlauben uns deshalb auch Lösungen zu Themen anzubieten, die beispielsweise aus der SP-Küche stammen könnten.

Ihren Ruf als Rechtspolitiker werden Sie trotzdem nicht mehr los.
Gegen diesen Ruf habe ich nichts einzuwenden. Die Auswertung der Parlamentswahlen im letzten Herbst hat ergeben, dass unsere Wählerbasis rechts der Mitte steht. Wir sind keine Mittepartei, sondern zwischen der Mitte und der SVP positioniert.

Sie teilen gerne aus. Wie viel macht es Ihnen aus, einzustecken?
Niemand steckt gerne ein. Aber ich weiss: Wenn man austeilt, muss man auch einstecken können, ohne mimosenhaft zu reagieren.

Man hat das Gefühl, Sie seien diesbezüglich ein ganz anderer Typ als Ihr Vorgänger Fulvio Pelli.
Pelli hat oft eingesteckt und oft ausgeteilt. Allerdings hat er das mit teils feineren Wörtern gemacht, als ich es tue. Er hat mit dem Florett gefochten, wogegen ich mit dem Zweihänder antrete.

Der Zweihänder ist in der Schweizer Politik fix (aber mit einem falschen Zitat) besetzt durch SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz. Ein Imageproblem?
Der Zweihänder hat den entscheidenden Vorteil gegenüber dem Florett, dass er einen Wirkungswinkel von 360 Grad ermöglicht.

Trotzdem sind Sie weniger als Haudrauf, sondern eher für Ihre detaillierten Dossierkenntnisse bekannt. Wie gehen Sie vor, damit alles in Ihrem Kopf gespeichert ist?
Es ist nicht notwendig, alles im Kopf abzuspeichern. Das Wichtige reicht. Entscheidend ist, effizient zwischen Wichtigem und Beigemüse zu unterscheiden. Letztlich gibt es allerdings nichts anderes, als sich hineinzuknien.

Es gibt mit Sicherheit Parlamentarier, die weniger Wert auf Dossierkenntnisse legen.
Wenn Parlamentarier anderer Parteien schlecht vorbereitet in eine Kommissionssitzung kommen, gefällt mir das. Wer nicht vorbereitet ist, hat nichts Substanzielles zu sagen.

Und wenn Fraktionskollegen schlecht vorbereitet erscheinen?
Als FDP-Leader in der Wirtschaftskommission verteile ich die Themen unter uns vier FDP-Kommissionsmitgliedern. Und ich sage Ihnen: Unvorbereitete FDPler gibt es in meiner Kommission nicht. Klar gibt es thematische Affinitäten. Ich könnte zum Beispiel auch nicht zur Bildungs- oder Gesundheitspolitik in der Arena sprechen.

Wie bereiten Sie sich auf eine Arena vor?
Gar nicht. Wenn Sie sich vor einer Arena vorbereiten müssen, sollten Sie besser nicht hingehen. Dann haben Sie Ihr Dossier nicht im Griff. Sie können nur authentisch auftreten, wenn Sie die Fakten und Meinungen intus haben. Das gelingt nicht, wenn Sie sich vor der Sendung kurz einlesen.

Sind Sie vor einer Arena nervös?
Nein. Eher nervös machte mich beispielsweise die erste Elefantenrunde, in welcher ich zu allen anstehenden Themen sprechen musste. Da musste ich mich vorher updaten.

Elefantenrunden finden nach Wahlen oder zuletzt Abstimmungen statt. Wie gehen Sie mit dem Verlieren um?
Das Verlieren einer Abstimmung ist eigentlich nicht so schlimm. Schlimm ist es, wenn die eigene Partei in einer Frage uneinig ist und dann bei der Abstimmung gegeneinander stimmt. Wenn wir geeint abstimmen und trotzdem verlieren, ist das eine demokratische Tatsache, die es zu akzeptieren gilt.

Sind Sie der richtige Mann, um die FDP einheitlich agieren zu lassen?
Dass die FDP wieder einheitlich agiert, kann ich nicht als meinen Erfolg verbuchen. Da hat Fulvio Pelli enorm viel Vorarbeit geleistet. Als ich im Jahr 2003 nach Bern kam, war die FDP eine heterogene Mannschaft. Pelli und Fraktionschefin Gabi Huber setzten jedoch alles daran, dass wir in wichtigen Fragen wieder geschlossen auftreten. Das kommt uns jetzt zugute.

In den vergangenen Jahren wurde die FDP häufig abgeschrieben. Ist sie nun bereit für neue Höhenflüge?
Als ich mich mit der Frage befasste, ob ich das Parteipräsidium übernehmen möchte, und mich im Zuge dessen intensiver mit der Partei auseinandersetzte, bin ich selbst erschrocken: Die FDP ist ein Riesenapparat. Die Partei ist ganz klar «too big to fail». Stellen Sie sich das Staatswesen Schweiz vor und entfernen Sie auf einen Schlag alle Freisinnigen Regierungs- und Parlamentsmitglieder aus den Gemeinden, den Kantonen und dem Bund. Die Schweiz hätte ein Problem.

Wie konnte die FDP das Image einer Verliererpartei erhalten?
Die FDP liess es zu, dass ihr das Label der Paradeplatz-gesteuerten, banken- und pharmafinanzierten Partei verpasst wurde. Das ist kein Vorwurf an Volk und Medien, sondern die dringende Gelegenheit für uns, uns selbst zu fragen, wie es soweit kommen konnte. Nun denke ich, ist die FDP frisch motiviert und mit einem neuen Bewusstsein ausgestattet, wer und wie stark wir sind.

In der Biografie auf Ihrer Website ist zu lesen, Sie seien von Beruf Generalbauunternehmer. Sind Sie das wirklich noch?
Die letzte Überbauung mit neun Mehrfamilienhäusern habe ich hier in meiner Wohngemeinde realisiert. Sie wurde im Jahr 2009 fertiggestellt. Seither habe ich keine Neubauten mehr gemacht.

Wie ist Ihr Büro aufgestellt?
Sie stellen sich etwas Falsches vor. Es ist ein Einmann-Betrieb. Ich habe nicht einmal eine Sekretärin. Ich gehe selbst ans Telefon.

Wie muss man sich also die Arbeit Ihres Einmann-Büros vorstellen?
Ich kaufte jeweils das Land und plante – 30 Jahre lang mit demselben Architekten – die entsprechende Überbauung. Schliesslich vergab ich die Arbeiten. Der Architekt übernahm die Bauleitung, ich selbst kontrollierte wöchentlich die Baustelle und kümmerte mich um allfälligen amtlichen Kram. Die Bauten, die wir realisierten, richteten sich immer nach dem Stand der Technik. Ich bin ein Baufreak, bei mir kommt immer das Neuste und Beste zur Anwendung, nicht der Minimalstandard.

Sie sagten, die letzte Überbauung sei 2009 fertiggestellt worden. Haben Sie das Bauen aufgegeben?
Das Neubauen schon. Es mangelt nicht an der Freude, sondern an der Zeit. Aber ich merke, dass Politik im Gegensatz dazu eine abstrakte Sache ist. Ich stehe früh auf, bin den ganzen Tag unterwegs, komme spät nach Hause. Dann bin ich müde und frage mich, was ich den ganzen Tag gemacht habe.

Und die Antwort?
Häufig weiss ich es nicht so genau. Deshalb ist das Bauen so toll. Man erlebt auf einer Baustelle mit, wie etwas Echtes entsteht. Trotzdem habe ich den Neubau aufgegeben. Auch weil ich Angst habe. Wovor? Ich fürchte, es werden zu viele Neubauten erstellt.

Eine Immobilienblase?
An neuralgischen Punkten sind massive Preisübertreibungen zu beobachten. Ich glaube jedoch nicht, dass es dieselbe systemische Blase ist, mit der wir Anfang der 1990er-Jahre konfrontiert waren. Einerseits gehe ich davon aus, dass die Banken seriös finanzieren. Andererseits weiss ich, dass in sehr teuren Gebieten Immobilien häufig von vermögenden Personen mit viel Eigenkapital gekauft werden. Das ist systemisch kein Problem, weil im Falle von sinkenden Immobilienpreisen «nur» Eigenkapital verloren ginge. Für mich als potenzieller Bauherr ist klar: An Brennpunkten und deren Agglomerationen sind die Landpreise enorm hoch. Das Risiko, dort zu investieren, ist mir zu gross.

Sie könnten ausserhalb bauen.
Stimmt. Es gibt nach wie vor Gebiete, in denen man für 130 bis 200 Franken pro Quadratmeter Land kaufen und günstig bauen kann. Aber: Die Objekte sind schlecht verkauf- und vermietbar. Anders gesagt: Wo ich zu vernünftigen, ortsüblichen Preisen bauen kann, herrscht das grösste Leerstandsrisiko.

Haben Sie Ihr Büro auf Eis gelegt?
Nein. Nachdem ich damit fertig war, die Wohnungen meiner letzten Neuüberbauung zu verkaufen, habe ich damit begonnen, ein Portfolio von Mehrfamilienhäusern aufzubauen. Die Häuser, keines älter als 30 Jahre, bringe ich auf Vordermann.

Also sind Sie jetzt Immobilienhändler?
Nein. Die Häuser verkaufe ich nicht mehr. Sie sind meine Altersvorsorge. Ich vermiete.

Während der vergangenen Jahre galt die Baubranche trotz Krise als Wirtschaftsmotor, der unaufhörlich brummte. Das tat er auch wegen der starken Zuwanderung. Was sagen Sie dazu?
Es geht nicht nur um Zuwanderung, sondern insgesamt um Bevölkerungswachstum. In den vergangenen Jahren ist die Bevölkerung jährlich fast um eine Stadt Winterthur gewachsen. Das führt zu einem Unbehagen in der Bevölkerung, welches sich in letzter Zeit an einigen Abstimmungsergebnissen ablesen liess. Und es führt zu einer gewissen Ambivalenz: Wir freuen uns am Wirtschaftswachstum, realisieren allerdings, dass das BIP pro Kopf nicht steigt. Gleichzeitig wird alles immer schneller und enger und dichter. Ich sage Ihnen: Dass man die Menschen durch «verdichtetes Bauen» noch stärker zusammenpferchen will, ist ein schlechtes Rezept. Der Bewohner aus einer oberen Etage wird sich mit einem Bewohner aus der unteren Etage auf der Strasse treffen, wo sie sich gegenseitig auf den Füssen stehen.

Zurück zum Bau.
Die Baubranche war schon immer eine relativ stabile Branche. Wir wissen, dass wir einen massiv überalterten Gebäudepark haben. Wollten wir die Situation stabilisieren, müssten wir die Renovationsquote verdoppeln. Wollten wir die Situation verbessern, müssten wir sie verdreifachen. Wir verfügen in der Schweiz über rund vier Millionen Wohneinheiten. Rund 1,8 Millionen Wohneinheiten sind älter als 20 Jahre. Mit anderen Worten: In energiepolitischen Diskussionen darf nie am Gebäudepark vorbei diskutiert werden. Da liegt enormes Potenzial – auch für die Baubranche. Ich gehe davon aus, dass die Baubranche genug flexibel ist, um sich stärker auf die Renovationen zu fokussieren, sollte das Neubauvolumen irgendwann absacken.

Die Baubranche hat nicht gerade den Ruf, besonders flexibel zu sein.
Das stimmt leider. Wer sich heute ausschliesslich auf Neubauten fixiert, hat wohl Mühe mit Renovationen. Doch der Markt wird dazu zwingen.

Auf dem Bau herrscht Hochkonjunktur. Doch die konkurrierenden Unternehmen zerfleischen sich mit Kampfpreisen.
Mitte der 1970er-Jahre haben wir 14 Franken pro Quadratmeter für Grundputz und Abrieb erhalten. Damals waren 6 bis 7 Franken Stundenlohn üblich. Ein 40 Kilogramm- Sack Grundputz kostete 5 Franken. Heute bezahle ich – wenn ich die Arbeiten vergebe – für Abrieb und Grundputz 19 Franken pro Quadratmeter. 38 Jahre später! Der gleiche Büezer erhält heute zwischen 25 und 30 Franken Stundenlohn. Die Zahlen sprechen für sich. Das Verhältnis stimmt in keiner Weise.

Also muss über die Produktivität verdient werden.
Ich habe die enorme Produktivitätssteigerung selbst erlebt. Heute werden sehr häufig industriell gefertigte Elemente eingesetzt. Insgesamt wird industrieller gearbeitet. Es gibt Equipen, die nur Eisen legen, die nur schalen, die nur mauern. Die Spezialisierung schreitet voran. Das ist gut, solange es kein Dumping gibt. Ich habe ja mein Faxgerät schon lange nicht mehr eingeschaltet …

Weshalb meinen Sie?
Wenn ich es einschalte, ist der Papiervorrat zügig aufgebraucht. Es kommen haufenweise Angebote rein von ausländischen Handwerkern, die für rund 12 Euro pro Stunde arbeiten möchten. Doch es wäre unseriös, auf solche Angebote einzugehen.

Würden Sie im Baugewerbe von einem funktionierenden Markt sprechen?
Ja. Ich habe mich immer gegen staatliche Zuschüsse gewehrt. Auch im Jahr 2009 beim Konjunkturpaket. Ich war dagegen, weil ich davon überzeugt war, dass sich die Baubranche selber wird helfen können. Im grossen Ganzen funktioniert der Markt schon. Dass es in gewissen Bereichen Schwierigkeiten gibt, ist einfach eine Realität.

Kommen wir langsam zum Schluss. Sie geschäften also nach wie vor …
… Nein, das sind Selbstläufer. Mir machen solche Häuser einfach Freude. Aber sie müssen gepflegt sein. Wenn ich bei den Klingeln handgeschriebene Namensschildchen sehe, passt mir das gar nicht.

Das ist doch charmant.
Finde ich überhaupt nicht. Das muss seine Ordnung haben. Es ist doch auch für die Bewohner angenehmer, wenn ihr Haus eine gute Falle macht.

Sind Sie ein Bünzli?
Das kommt auf Ihre Definition von Bünzli an

Beat Matter