«Prävention ist ein Wettbewerbsfaktor»

Beat Matter

Arbeitssicherheit hat in der Schweiz einen Namen: Suva. Sie versichert rund 115’000 Unternehmen, was rund zwei Millionen Einzelpersonen entspricht. CEO Ulrich Fricker über den riesigen Betrieb und dessen grosse Mission. (die baustellen Nr. 02/2012)

«die baustellen» Wie vorsichtig sind Herr und Frau Schweizer?
Ulrich Fricker: Im «normalen» Leben sind die Schweizer vorsichtiger als andere Nationalitäten. Es gibt allerdings Situationen – auf der Autobahn oder etwa auch auf Skipisten – in denen vor allem junge männliche Schweizer den Kick suchen und dabei nicht so vorsichtig sind, wie man sich das wünschen würde. Im Berufsleben sind es häufig ausländische Arbeitnehmende, die stärker gefährdet sind.

Berufstätige in tieferen Lohnklassen sind grösseren Risiken ausgesetzt?
Das Kriterium ist nicht unbedingt die Lohnklasse, sondern vielmehr die Art der Arbeit. Ein Arbeiter auf dem Bau ist durch sein natürliches Arbeitsumfeld viel stärker gefährdet als beispielsweise ein Jurist, der höchstens mal über ein Kabel stolpert, wenn er zur Kaffeemaschine läuft. Die unterschiedlichen Risiken widerspiegeln sich auch in den Prämien für die Berufsunfallversicherung: Die Prämie für den Bauarbeiter ist durchschnittlich 20-mal höher als jene eines Büroangestellten.

Wie hat sich die Disziplin in den vergangenen Jahren verändert, etwa auf dem Bau?
Da hat sich vieles verändert. Natürlich gibt es noch jene Berufsleute, die sich durch Sicherheitsvorschriften oder Empfehlungen eingeschränkt fühlen. Einen schönen Fortschritt konnten wir im Spätherbst 2011 machen, als wir gemeinsam mit verschiedenen Verbänden aus dem Bauumfeld die sogenannte Sicherheits-Charta realisierten. Arbeitnehmer und Arbeitgeber verpflichten sich, gemeinsam für weniger Unfälle zu sorgen. Das ist eine enorme Entwicklung, wenn man bedenkt, wie in der Branche noch vor 20, 30 Jahren gearbeitet wurde.

Was steckt hinter dieser «Sicherheits- Charta»?
Es geht grundsätzlich darum, dem Mitarbeiter vor Ort das Recht zu geben, Stopp zu sagen, wenn er eine Gefahr erkennt. Ist effektiv ein Sicherheitsrisiko vorhanden, wird es beseitigt, bevor weiter gearbeitet wird.

Sie sprechen von moralischer Verpflichtung: Der eigentliche Anreiz ist aber finanzieller Natur: Die Prämienhöhe.
Das ist mit Sicherheit ein starker Anreiz. Gerade im Baugewerbe. Die Betriebe haben gelernt, dass die Versicherungsprämie ein wesentliches Element der Lohnnebenkosten ist. Die «sichersten» Unternehmen bezahlen für die Unfallversicherung rund 3 Prozent der Lohnsumme. Die «unsicherste» bis zu 12 Prozent. Angesichts der enorm tiefen Margen im Baugewerbe wird die Unfallprävention somit zum Wettbewerbsfaktor.

Wie reagiert die Branche, wenn die Suva mit neuen Inputs oder Forderungen auftritt?
Es gibt unterschiedliche Reaktionen. Wichtig ist, dass wir auf Erfahrungen einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Baumeisterverband auf nationaler Ebene, aber auch auf regionaler Ebene zurückgreifen können. Es werden regelmässig Gedanken ausgetauscht, man kennt sich. Und insgesamt entstehen Kampagnen oder Aktionen der Suva nie im luftleeren Raum. Eine Initiative wie die Sicherheits-Charta ist das Produkt eines monatelangen Prozesses, während dessen zahlreiche Gespräche geführt wurden. Nur so kann die allseitige Akzeptanz gewährleistet werden.

Die Konsensfindung mit den Verbänden ist das eine. Wie allerdings kann erreicht werden, dass die Regeln und Massnahmen auch auf der realen Baustelle beherzigt werden?
Das ist eine Frage der Führung. Wenn das oberste Management oder der Inhaber eines Unternehmens dem Thema grosse Aufmerksamkeit schenkt, merkt man das sofort, wenn man eine Baustelle betritt. Die Erfahrung zeigt übrigens, dass Sicherheit und Qualität eng verknüpft sind. Das gilt auch für die Industrie: Betriebe mit einer ausgeprägten Sicherheitskultur haben tendenziell auch weniger Probleme mit der Qualität ihrer Produkte. So denke ich, kann auch auf dem Bau der eine Aspekt den anderen befruchten. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Investitionen in die Sicherheit als Investition in die langfristige wirtschaftliche Überlebensfähigkeit betrachtet werden.

Wer soll auf einer Baustelle den notwendigen Druck aufsetzen?
Die Aufgabe muss in erster Linie der Polier als Kadermann auf der Baustelle übernehmen. Klar: Die Kaderleute auf dem Bau stehen unter sehr grossem zeitlichen und wirtschaftlichen Druck. Das macht die Sache zusätzlich anspruchsvoll. Eine erfahrene Führungskraft weiss allerdings, dass der Druck nicht kleiner wird, wenn sich zusätzlich noch ein Unfall ereignet.

Sie sprechen die Erfahrung an. Ich stelle es mir jedoch schwierig vor, einen 55-jährigen Arbeiter von neuen Massnahmen zu überzeugen, nachdem er sein Leben lang auf seine Weise gearbeitet hat. Kurz: Ist Arbeitssicherheit nicht auch eine Generationenfrage?
Sehr wahrscheinlich hat der 55-jährige Arbeiter in seiner Karriere schon mehrmals erlebt, welche Auswirkungen Arbeitsunfälle haben können.

Anders gefragt: Bringen heute jüngere Leute einen stärkeren Bezug zum Thema mit?
Wahrscheinlich. Sie werden in der Ausbildung stärker mit dem Thema Arbeitssicherheit konfrontiert, als das früher der Fall war. Andererseits sind junge Leute von ihrer Mentalität her eher bereit, gewisse Risiken einzugehen, die ein älterer Arbeiter nicht mehr eingehen will oder aus körperlichen Gründen nicht mehr eingehen kann. Unsere Erhebungen zeigen übrigens, dass Lehrlinge häufiger verunfallen als erfahrene Berufsleute. Deshalb werden wir noch dieses Jahr ein Programm starten, das auf Lernende fokussiert.

Ausbildung ist das eine. Doch in der Praxis sieht die Welt oft ganz anders aus.
Das kommt auf den Betrieb an. In einem sehr gut geführten Unternehmen ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis weniger gross. Trifft ein Lernender oder ein Lehrabgänger jedoch auf Situationen, die sich angesichts der Vorschriften kaum rechtfertigen lassen, bleiben ihm bloss zweieinhalb Optionen: Nichts sagen. Das Unternehmen verlassen. Oder versuchen, positiv Einfluss zu nehmen. Das wird für eine sehr junge Berufsperson allerdings schwierig sein.

Die Suva hat die «Vision 250 Leben» lanciert. Sie richtet sich an Branchen und Tätigkeiten mit hohem Risiko, wie es etwa auch der Bau ist. Ziel ist es, innerhalb von 10 Jahren 250 Berufsunfälle mit Todesfolge zu verhindern. Ist das Ziel realistisch?
Das Ziel ist sicher hoch gesetzt. Aber man muss daran glauben, etwas positiv verändern zu können. Was die Berufsunfälle angeht, befindet sich die Schweiz im europäischen Vergleich im Mittelfeld. Es gibt Länder, die besser dastehen. Das bedeutet: Mit den richtigen Massnahmen lässt sich unsere Fallzahl weiter senken. Das klappt allerdings nur, wenn alle Beteiligten mithelfen.

Betrachtet man die Unfallstatistik 2011, stellt man fest, dass in den vergangenen fünf Jahren insgesamt laufend mehr neue Fälle registriert wurden. Der Trend kommt Ihrem Ziel in die Quere.
Die Fallzahl für sich alleine ist wenig aussagekräftig, da sie erstens auch Freizeitunfälle einschliesst und da sie im Berufsbereich auch von der Anzahl gesamthaft beschäftigter Personen abhängt. In konjunkturell schwachen Phasen sinkt die Fallzahl eher, in Zeiten mit hoher Beschäftigung steigt sie tendenziell. Die zentrale Grösse ist für uns deshalb das Fallrisiko: Anzahl Fälle pro tausend Vollbeschäftigte. Diese Kennzahl sinkt seit Jahren. Mit Ausnahme des letzten Jahres.

Fast permanent begegnen uns Inserate, Plakate oder Spots der Suva. Bisweilen kommt da der Eindruck der Bevormundung auf. Können Sie das verstehen?
Wie unsere Präsenz aufgenommen wird, ist natürlich sehr subjektiv. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir unsere Botschaften in einer Art vermitteln müssen, die die Leute aufmerksam macht und zum Nachdenken anregt. Sicher gibt es Betrachter, die sich über Teile unserer Kampagnen aufregen. Letztlich zeigt aber auch das, dass die Kampagnen wahrgenommen werden. Schlimmer wäre es, wenn wir keine Resonanz erhielten.

Jüngst machte die Suva aktiv auf die Gefahren von Stolper-Unfällen aufmerksam. Wahrscheinlich stolpert jedoch niemand absichtlich. Was nützt da die Aufforderung, bitte nicht zu stolpern?
Stolpern und stürzen ist mit 295’000 Fällen pro Jahr eine der häufigsten Unfallarten. Gestolpert wird überall, sowohl im Berufsleben, als auch im Haushalt und in der Freizeit. Mit unserer Kampagne thematisieren wir also nicht bloss irgendeine Marginalität, sondern einen Aspekt, in welchem wir das Potenzial für Verbesserungen sehen. Entgegen der häufigen Vorstellung sind es nämlich nicht die schwereren Unfälle, welche insgesamt die höchsten Kosten verursachen, sondern die kleineren Vorfälle, die viel häufiger vorkommen; Stolperunfälle verursachen pro Jahr Kosten in Höhe von 950 Millionen Franken.

Nochmals: Niemand stolpert absichtlich. Jeder will es verhindern, weil es schmerzhaft und unter Umständen sehr peinlich ist zu stolpern. Kann man im Falle des Stolperns mit einer Kampagne wirklich positiv Einfluss nehmen?
Die Kampagne soll weniger auf das Verhalten, als vielmehr auf die Verhältnisse einwirken. Am Arbeitsplatz, daheim oder im öffentlichen Raum sollen Umgebungen geschaffen werden, die das Stolpern so weit als möglich ausschliessen.

Die Suva ist nicht gewinnorientiert, gibt den Überschuss weitgehend in Form von tieferen Prämien weiter. Das ist nun bereits zum fünften Mal in Folge geschehen. Welche Faktoren tragen zum Erfolg bei?
In den vergangenen knapp zehn Jahren konnten wir die Anzahl der Rentenfälle und die Kosten jener Rentenfälle massiv – um über 50 Prozent senken. Wir haben, um dies zu erreichen, das System für die Schadensabwicklung auf eine völlig neue Basis gestellt. Weiter kam uns in gewissen Jahren die Konjunktur zugute: Wenn die allgemeine Beschäftigung hoch ist, führt das zu mehr versicherten Personen und somit zu höheren Prämieneinnahmen. Und schliesslich konnten wir in der Vergangenheit auch oft von der erfreulichen Börsenentwicklung profitieren.

Im vergangenen Jahr konnten Sie weniger Überschuss erwirtschaften als in gewissen Jahren davor. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen. Würden bei einem negativen Ergebnis umgehend die Prämien wieder ansteigen?
Nein. Wir haben die guten Jahre auch genutzt, um Reserven zu bilden. Würden wir in Zeiten einer schwachen Konjunktur umgehend die Prämien erhöhen, träfe dies die Unternehmen zu einem Zeitpunkt, zu welchem sie sonst schon genug zu kämpfen haben. Das wollen wir vermeiden. Aufgrund der aufgebauten Prämienreserven könnten wir beispielsweise eine Rezession von ein, zwei Jahren durchlaufen, ohne dass wir die Prämien erhöhen müssten.

Im Zusammenhang mit Versicherungen ist der Missbrauch seit Jahren ein Dauerthema. Wie stark ist die Suva von missbräuchlichen Forderungen betroffen?
Auch wir sind mit dem Thema konfrontiert. Obwohl es im Unfallbereich natürlich schwieriger ist, einen Schaden anzumelden, der nicht existiert. Ein Bein ist gebrochen, oder es ist nicht gebrochen. Das lässt sich gut überprüfen. Probleme hatten wir aber beispielsweise im Bereich Schleudertraumata. Durch eine etwas härtere Gerichtspraxis hat sich das nun gemildert. Hauptsächlich ist es bei uns aber so, dass wir einerseits die Rechnungen, die wir erhalten, kontrollieren. Und andererseits beurteilen müssen, ob Langzeitabsenzen berechtigt sind, ob die entsprechenden Patienten wirklich daheim bleiben oder sich tatsächlich in Pflege befinden. Allein die Überprüfung von Arzt-, Spital- und ähnlichen Rechnungen führt zu jährlichen Einsparungen von etwa 100 Millionen Franken.

Im Leitbild der Suva ist unter anderem das Ziel formuliert, die Suva wolle ihre Kernkompetenzen nutzen, um neue Geschäftsfelder aufzubauen. Welche Geschäftsfelder kommen da in Frage?
Wir haben grundsätzlich damit zu kämpfen, dass unser Marktanteil aufgrund der anhaltenden Desindustrialisierung tendenziell abnimmt. Entsprechend müssen wir uns darauf konzentrieren, im Sinne der Solidarität und der notwendigen Finanzkraft den Marktanteil halten zu können. Entsprechend machen wir uns Gedanken darüber, ob wir den Rückgang des Marktanteils durch Nebentätigkeiten kompensieren könnten. Wir fragen uns etwa, ob wir besondere Kompetenzen, über welche wir durch unsere Tätigkeit verfügen, anderen gegen eine Gebühr zur Verfügung stellen könnten.

Kompetenzen welcher Art?
Es ist beispielsweise vorstellbar, dass wir für andere Versicherer oder Krankenkassen die Schadensabwicklung im Bereich der Unfallversicherung übernehmen. Derzeit läuft ein entsprechendes Pilotprojekt mit einer Krankenkasse. Das wäre für uns eine Nebentätigkeit, die sowohl für uns als auch für private Versicherer interessant sein könnte.

Ebenfalls im Leitbild der Suva ist zu lesen: «Wir wollen bezüglich Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz und in der Freizeit vorbildlich sein.» Wie äussert sich das im Alltag?
Für uns ist klar, dass wir intern jenes Verhalten pflegen, welches wir den Unternehmen empfehlen oder es von ihnen verlangen. Intern laufen bei uns deshalb mehrere Programme bezüglich Gesundheitsschutz und Unfallbekämpfung. So unterstützen wir unsere Mitarbeitenden etwa darin, dass sie ihre Skier korrekt einstellen lassen. Oder zahlen einen kleinen Beitrag daran, dass die persönlichen Velos im Frühling korrekt instand gestellt werden. Zudem haben wir auch für uns selbst ein Case Management aufgebaut, mit welchem Mitarbeitende im Fall von schweren Krankheiten oder Unfällen unterstützt werden. Dieses haben wir allerdings bewusst outgesourced, etwa aus Gründen des Datenschutzes.

Das betrifft nun das Unternehmen Suva. Im Leitbild heisst es aber, man wolle die Vorbildfunktion auch in der Freizeit wahrnehmen. Als CEO der Suva müssten sie sich in der Freizeit folglich überaus vorsichtig bewegen.
Ich kann mich ohne Weiteres frei bewegen und treibe etwa genauso Sport, wie das tausende andere machen. Aber natürlich ist es von Vorteil, wenn ich beispielsweise beim Skifahren oder auch beim Reiten einen Helm trage. Weiter versuche ich, die wichtigen Regeln und eine gewisse allgemeine Sicherheitskultur zu berücksichtigen. Das geht übrigens recht schnell in Fleisch und Blut über. Zu erwarten, dass nie ein Unfall passiert, wäre aber auch gegenüber dem CEO der Suva vermessen.

Sagen Sie: Greifen Sie ein, wenn Sie an einer Baustelle vorbeilaufen und beobachten, wie jemand Sicherheitsregeln verletzt?
Ich muss zugeben, dass ich kein ausgeprägtes Auge für solche Sachen habe. Als vor einiger Zeit direkt vor dem Suva-Hauptgebäude gebaut wurde, habe ich jedoch durchaus gesehen, dass nicht alle Arbeiter korrekt ausgerüstet waren.

Und, haben Sie aus dem Fenster gepfiffen?
Nein. Das haben andere schon vor mir bemerkt. Ob ich, wenn ich etwas bemerke, reagieren würde, hängt wahrscheinlich von der Art des Fehlverhaltens ab. Eine Lapalie würde ich nicht verpetzen.

Beat Matter