«Ich wollte ihn überzeugen»

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Sie war dieses Jahr die Beste im jugendlichen Kampf um Argumente: Die siebzehnjährige Bernerin ­Andrea Schlatter ist Schweizer Meisterin im Debattieren. Im Frühling gewann sie den nationalen ­Wettbewerb «Jugend debattiert». (Weltwoche Nr. 52/2011)

Weibliche Teenager gelten als geschwätzig. Bist du das auch?
Je nach Situation sehr. Und sehr gerne. Es kommt vor, dass ich nach einem Abendessen höre, ich hätte einen Monolog geführt.

Im Frühling hast du dich beim Debattierwettbewerb «Jugend debattiert» mit anderen Teenagern gemessen. Weshalb hast du mitgemacht?
Das ergab sich zufällig. Eine Kollegin fragte mich, ob ich mit ihr an der Vorausscheidung teilnehmen würde. Wir machten mit und qualifizierten uns für die nächste Runde. Nach einer weiteren überstandenen Runde dachte ich mir: Wenn der Final schon in meiner Heimatstadt Bern stattfindet, ist es kein Aufwand, hinzugehen.

Wie haben deine Lehrer und Mitschüler auf deinen Sieg reagiert?
Zurückhaltend. Zuerst sagte niemand etwas. Dann fragten einige, wie es gelaufen sei. Als die ersten Presseartikel die Runde machten, gab es viele Rückmeldungen.

Was reizt dich an Debatten?
Die Herausforderung, Menschen zu überzeugen. Dazu kommt mein Interesse an politischen Themen. Weil am Gymnasium auf meiner Schulstufe das Wahlfach Politik noch nicht angeboten wird, habe ich die «Gymarena» mitgegründet. Wir führen politische Gespräche, laden teilweise Gäste ein oder schauen uns beispielsweise die Bundesratswahlen an.

Was hat dein Interesse an Politik geweckt?
Dafür ist mein ehemaliger Lehrer für Geschichte und Staatskunde verantwortlich. Er motivierte uns, auch vermeintlich trockene politische Themen in Diskussionen zu erörtern. In den Debatten war ein guter Kollege fast bei ­jedem Thema völlig anderer Meinung als ich. Das hat mich angestachelt. Ich wollte ihn überzeugen.

Beim Debattierwettbewerb wurde die ­Position, die du zu vertreten hattest, erst eine halbe Stunde vor Beginn aus­gelost. Wie bereitet man sich darauf vor?
Man muss das Thema sowie die Argumente von Befürwortern und Gegnern von A bis Z kennen. Ich fand es interessant, mich nicht nur von einem Standpunkt aus mit Themen auseinanderzusetzen. Je umfassender ich mich mit einer Materie befasste, desto klarer wurde mir: Es gibt auch Meinungen, die ich nicht teile, die man aber durchaus vertreten kann.

Fällt es dir schwer, Standpunkte zu vertreten, die du persönlich nicht teilst?
Erstaunlicherweise nein. Ich habe nämlich festgestellt, dass meine Meinungen häufig auf ­Gefühlen basieren. Diese gefühlten Meinungen lassen sich jedoch nur schwer in stichhaltige Argumente umwandeln. Muss ich dagegen einen Standpunkt vertreten, den ich nicht teile, gehe ich viel sachlicher  an das Thema heran. Diese Aufgabe fällt mir leichter.

Wie gehst du in einer Debatte vor?
Man muss möglichst flexibel bleiben, denn jede Debatte kann ihre eigene Dynamik entwickeln. Im Idealfall erkläre ich zu Beginn meinen Standpunkt und gehe danach mit meinen Argumenten auf Details ein. Wichtig ist es, in der Nervosität nicht zu früh alle Argumente zu verschleudern. Sonst fehlen später die Trümpfe.

Wie verschaffst du dir in einer laufenden Debatte Gehör?
Wenn jemand endlos zu sprechen versucht, unterbreche ich ihn bei einer Atempause. Das gilt zwar als unhöflich, ist jedoch das einzige Rezept. Entstehen in einer Debatte natürliche Pausen, muss man sich einfach als Erste in die Lücke drängen.

Es gibt Politiker, die in Debatten ihren Text runterleiern, ganz egal, was gefragt wurde oder wo die Debatte gerade steht. Wie sollte man darauf reagieren?
Auf keinen Fall sollte man auf solche Ex­kurse inhaltlich kontern, weil man dadurch die Gegenseite als Gesprächsleiter anerkennt. Man kann nur versuchen, die Debatte wieder dorthin zu führen, wo man sie selbst haben will.

Was zeichnet einen guten Debattierer aus?
Die Fähigkeit, vieles gleichzeitig zu tun. ­Zuhören, nachdenken, sprechen, abwägen, die Debatte lenken. Grundlage dafür ist es, das Thema sowie den eigenen Standpunkt genau zu kennen.

Was willst du mit deinem Talent anfangen?
Ich habe noch keine konkreten Pläne. Eine Tätigkeit im politischen Bereich kann ich mir vorstellen. Ich interessiere mich für internationale Beziehungen, für Diplomatie und Mediation. Es würde mich reizen, unterschiedliche Gesprächsparteien zu einem konstruktiven Austausch führen zu können.

Du müsstest deine Meinung zurückhalten Kannst du das?
Ja, wenn ich mir Mühe gebe.

Beat Matter