«Ich will die Chancen packen»

Beat Matter
ernhard Lanzendörfer, CEO und Delegierter des Verwaltungsrates der ZZ Wancor AG (November 2011)

Seine Mission ist so klar wie anspruchsvoll. Bernhard Lanzendörfer, CEO und Delegierter des Verwaltungsrates der ZZ Wancor AG, will die Traditionsmaterialien Backstein und Ziegel in die Zukunft führen. Kein Job zum Zurücklehnen. (die baustellen Nr. 11/11)

«die baustellen»: Die Internet-Recherche zu Ihrer Person im Vorfeld dieses Gespräch fiel ernüchternd aus. Ihr Name taucht selten auf.
Bernhard Lanzendörfer: Das ist erstens relativ und zweitens nicht zwingend schlecht. Ich war lange und an verschiedenen Orten im Ausland tätig. In der Schweizer Baubranche bin ich erst präsent, seit ich die ZZ Wancor leite, also seit rund drei Jahren.

Sie haben im Juli 2008 von Sika als Landeschef von Italien zu ZZ Wancor in die Schweiz gewechselt und sind CEO geworden. Kurz darauf geriet die Weltwirtschaft aus den Fugen. Gab es in diesen gut drei Jahren eine Verschnaufpause?
Was die Wirtschaftslage angeht, so kam der Wechsel sicher zur genau richtigen Zeit. Denn verglichen mit dem Ausland läuft die Schweizer Bauwirtschaft hervorragend. Obwohl die Produkte meines damaligen Arbeitgebers hervorragend im Markt positioniert sind, ist das Wirtschaften in Italien unvergleichlich schwieriger geworden.

Sie konnten sich in der Schweiz also zurücklehnen.
Keineswegs. Denn ich habe mir selbst sehr hohe Ziele gesetzt. Die Ziegelei-Branche tickt eher traditionell und ist in den vergangenen Jahren stark unter Druck gekommen – beispielsweise durch Erdbebennormen. Es hat einige Zeit gedauert, bis die Branche Antworten auf die neuen Herausforderungen liefern konnte. Solche Antworten geben zu können, war und ist das Ziel, das ich mir und der Firma vorgebe. Ich will nicht, dass wir der Moderne hinterher hinken, sondern dass wir die Chancen packen können, die sich uns heute bieten. Eine Vorgabe, die einen nie zurücklehnen lässt.

In der Schweiz, zumal in der Baubrache, war von der weltweiten Krise kaum etwas zu spüren. ZZ Wancor ist ein Tochterunternehmen der internationalen Wienerberger Gruppe. Durch die Schweizer Wirtschaftslage dürfte Ihr Unternehmen in den letzten Jahren zum Kronjuwel der Gruppe geworden sein.
Wir realisieren unter 10 Prozent des Konzernumsatzes. Das heisst: Wir sind eine kleine, aber profitable Einheit. Möglich wird das hauptsächlich durch unsere schlanke, effiziente Organisation. Deshalb würde ich uns aber nicht als Kronjuwel bezeichnen. Als wichtige Einheit aber durchaus. Nicht zuletzt, weil die Innovation bei uns eine grosse Rolle spielt.

Gerade in internationalen Konzernen spricht man von der Schweiz häufig als idealer Testmarkt. Bei Ihnen ist es auch so?
Das trifft bei uns eher auf Prozesse zu, weniger auf Produkte. Wir bewegen uns in einem Geschäft, das noch immer stark durch lokale Gesetze geprägt wird. Die Erbebennormen etwa sind in der Schweiz andere als im restlichen Europa. Das schlägt sich in Produkten nieder, die nicht eins zu eins international auf den Markt gebracht werden können. Hinzu kommt, dass in gewissen Bereichen die Schweizer Baupraxis nicht mit jener in anderen Ländern vergleichbar ist.

Inwiefern?
In der Schweiz realisieren Akkordmaurer beispielsweise eine Verlegeleistung, die im Ausland bei weitem nicht erreicht wird. Wenn wir uns in der Schweiz nun vornehmen, die bereits hohe Verlegeleistung mit einem neuartigen Backstein noch erhöhen zu können, dann sind andere Produkte gefragt, als anderswo. Diesbezüglich sind wir gerade dabei, ein neues Produkt einzuführen. Ich würde es einen Knaller nennen.

Worum geht es?
Es handelt sich um ein Mauerwerk, das grundsätzlich traditionell aufgebaut wird. Verwendet werden dafür Backsteine, die etwas grösser sind als üblich und die wir ergonomisch optimiert haben. Diese Backsteine werden geklebt. Das heisst, es wird nicht mehr dickbettgemörtelt, sondern nur noch eine dünne Spezialmörtelschicht aufgetragen. Dazu kommt ein patentiertes Ansetzprofil aus Gummi, das zugleich Schallschutzcharakteristiken aufweist. Diese Gesamtentwicklung wird den Wünschen der Kundschaft mehr als gerecht werden.

Sie sprechen von etwas grösseren Backsteinen. Weshalb fertigt man nicht schon längst beispielsweise doppelt so grosse Backsteine? Die Produktivität wäre auf einen Schlag verdoppelt.
Diese These würde ich nicht wagen. In der Deutschschweiz schwört man auf die kleinen Einhandsteine, mit denen man eine Produktivität erreicht, die im Ausland für grosse Augen sorgt, wenn ich davon erzähle. Die grösse des Backsteins an sich ist entsprechend nicht allein verantwortlich für die Produktivität. Vielmehr ist es eine Frage der Ergonomie. Und da redet auch die Suva ein gewichtiges Wörtchen mit. Der Backstein, von dem ich sprach, ist ein Zweihand-Stein mit einem Gewicht unter15 Kilogramm. Er kann ohne Versetzhilfe versetzt werden, weshalb ich mit der Akzeptanz der Kundschaft rechne.

Vor Jahren wurde bereits über quasi vorgefertigte Backsteinmauern gesprochen. Ist aus dieser Richtung noch etwas zu erwarten?
Im Moment sind die Chancen gering, Man hat in diese Richtung Versuche gemacht. Letztlich ist das Vorhaben aus verschiedenen Gründen gescheitert. Zum Beispiel aufgrund von logistischen Problemen. Und auch aufgrund von mangelnder Akzeptanz der Kundschaft.

Sie wollen mit Ihren Produkten die Produktivität von Maurern erhöhen, sehen aber keine Chance für vorgefertigte Produkte?
Nein. Für mich ist völlig klar, dass wir uns künftig stärker an einem Fertigteil-Konzept orientieren müssen. In Richtung vorfabrizierte Teile, wie es uns beispielsweise der Holzbau sehr gut vormacht. Bis dahin ist es aber noch ein sehr langer Weg.

Wo liegt das Problem?
Die Bauleute zeigen keine allzu grosse Affinität für vorgefertigte Teile. Das wird auch ersichtlich, wenn man die Marktanteile von Betonelementen betrachtet. Als ursprünglicher Maschinenbauer ist für mich eigentlich klar, dass man alle Teile vorproduzieren sollte, bei denen die Möglichkeit dazu besteht. Die Probleme beginnen dort, wo die vorproduzierten Teile eine Grösse und ein Gewicht erreichen, die aus logistischen Gründen kritisch ist. Dennoch bin ich überzeugt: Da gibt es noch Potenzial.

Nach wie vor gibt es in der Schweiz zahlreiche Hersteller von Ziegeln und Backsteinen. Denken Sie, das wird noch lange so bleiben?
Hersteller von Backsteinen gibt es tatsächlich zu viele. Viele Hersteller sind Familienbetriebe. Alle haben sie Überkapazitäten. Ich gehe davon aus, dass es da zu einer Bereinigung kommen wird. Bei den Dachziegeln hat diese Bereinigung bereits stattgefunden. Es gibt noch drei Schweizer Ziegeleien, die Dachziegel produzieren. Zudem ist das Risiko, dass ausländische Unternehmen im grossen Stile in diesen Markt eintreten gering. Die Dachdecker sind sehr loyal, sofern Qualität und Service stimmen.

Bei den Dachziegeln liegen die Probleme anderswo.
Richtig. Es werden nicht mehr so viele Steildächer gebaut. Alles wird flach, sogar die Einfamilienhäuser. Aber vergessen Sie nicht das enorme Sanierungspotenzial.

Vor ein paar Jahren hat uns Bernhard Alpstäg von swisspor gesagt, er rechne damit, dass rund 20 Prozent des Ziegelumsatzes zugunsten von Photovoltaik-Anlagen verloren gehe. Teilen Sie diese Einschätzung?
Die würde ich teilen, ja. Das ist eine Realität, der wir uns stellen müssen. Vor allem, wenn man die jüngsten Entwicklungen in der Energiepolitik betrachtet. Obwohl ich denke, dass wir aufgrund der kostendeckenden Einspeisevergütung nicht derart mit Photovoltaik durchstarten werden, wie man das in Deutschland getan hat. Wir stehen derzeit in der Vorbereitung für ein Photovoltaik-System. Unser Ziel ist es, für Dachdecker, die heute Polybauer heissen und fast ausnahmslos auch Photovoltaik-Systeme anbringen, zu einem «One-Stop-Shop» zu werden. Bereits heute bieten wir viel mehr als nur Dachziegel an – beispielsweise innovative Dämmprodukte wie Vacuspeed mit einem weltweit unschlagbaren Lambdawert.

Sie haben den Sanierungsbedarf angesprochen. Wie sehen die Anteile Neubau/Sanierung bei Ihnen aus?
Rund zwei Drittel des Ziegel-Volumens geht in die Sanierung.

Weshalb sollten denn Ihrer Meinung nach auch heute noch Ziegel für Neubauten verwendet werden?
Der Dachziegel hat eine Tradition, die bis zu den Römern zurückreicht.

Das kann nicht Ihr Argument sein.
Nein. Aber die Bewährtheit und die Langlebigkeit, die sich aus dieser langen Tradition ableiten lassen, sind Argumente. Zudem ist der Ziegel ein natürliches, inländisches Produkt, was mit zunehmender ökologischer Sensibilisierung zum zentralen Faktor wird. Der Ziegel ist somit insgesamt positiv behaftet. Von der technischen Seite her scheint mir der Fall ebenso klar: Ein Ziegeldach, das richtig verlegt wurde, wird nie Wasser einlassen. Wogegen im Flachdachbereich zahlreiche Firmen hauptsächlich von der Sanierung ihrer eigenen Arbeiten leben. Kurzum: Ich glaube, der Dachziegel wird seinen Weg auch in Zukunft gehen.

Der Ziegel als traditionell ökologisches Produkt also. Wie sieht es denn ihre Firma mit der Ökologie?
Das ist ein sehr grosses Thema für uns. Seit zwei Jahren produzieren wir einen dicken Nachhaltigkeitsbericht, in welchem wir uns auch Ziele zur Verbesserung vorgeben. Aber klar: Wir verbrauchen in unseren Produktionen Energie. Das wird sich nicht gross ändern. Aber seit Jahren laufen bei uns Prozesse, die zu Optimierungen in ökologischer Hinsicht führen. Vieles haben wir schon erreicht. Wir werden weiter am Ball bleiben.

Inwiefern arbeiten Sie mit Forschungsinstituten zusammen?
Die Zusammenarbeit ist wieder intensiv. Als ich vor drei Jahren in das Unternehmen eintrat, befand sich die Zusammenarbeit in einer Art Winterschlaf. Meine Strategie war und ist klar: Wir müssen mit Forschungsinstituten als Schlüsselstellen eng und intensiv zusammenarbeiten. Ebenso intensiv pflegen wir daneben aber auch den Kontakt zu den Bauleuten und den Architekten.

Es fällt auf, dass in der Schweiz im Vergleich zum Ausland selten Backstein gezeigt wird. Er wird wohl verwendet, dann aber verputzt. Fehlt es an Mut zum sichtbaren Stein?
Wir führen Sichtsteine im Angebot. Es sind bei uns allerdings Nischenprodukte. Ganz anders etwa in Holland. Dort ist der Sichtbackstein omnipräsent. Die rare Präsenz in der Schweiz dürfte hauptsächlich am Preis liegen. Der Sichtstein tritt als Doppelschalenmauerwerk auf, das nebst allen Vorteilen etwas teurer ist. Zudem verfügt die Schweiz nicht über diese ausgeprägte Tradition zum sichtbaren Backstein. Obwohl es natürlich auch hierzulande tolle Objekte dieser Art gibt. Denken Sie bloss an all die wunderbaren Industriekomplexe, deren Steinmauern immer schöner werden, je älter sie sind.

Sie fungieren als Präsident des Vereins Green Building Schweiz, der Investoren und Hauseigentümern Dienstleistungen zur Planung und Realisierung von Ersatzneubauten anbietet. Weshalb dieses Engagement?
Wir haben vor gut zwei Jahren im Konzern nach Wegen gesucht, wie man den Bau grundsätzlich fördern könnte. Im Zuge von Analysen und Workshops sind wir zu einem klaren Fazit gelangt: Man sollte nicht jedes Gebäude sanieren. Bei Gebäuden aus der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit – teilweise in himmeltraurigem und auch bezüglich Ausnützung nicht optimalem Zustand – macht eine Sanierung vielfach keinen Sinn. Dennoch kommt das Thema Ersatzneubau in der allgemeinen Diskussion zu kurz. Zeigen etwa im Raum Zürich die Wohnbaugenossenschaften klar auf, welches Potenzial im Ersatzneubau liegt, ist er gerade bei privaten Hauseigentümern allzu oft überhaupt kein Thema.

Es geht im Grundsatz darum, das Bauvolumen möglichst hoch zu halten.
Ganz klar. Denn wir wissen, dass wir uns in der Schweiz nicht automatisch und auf alle Zeiten auf dem heutigen, enorm hohen Niveau der Bautätigkeit bewegen werden. Gleichzeitig wissen wir, das bei einem sehr grossen Teil des heute bestehenden Gebäudeparks Handlungsbedarf besteht, nicht zuletzt aus ökologischer, nachhaltiger Hinsicht. Die Idee und das Bestreben, diese Aspekte durch verschiedene Massnahmen stärker in die Diskussion einzubringen, sind auf Anklang gestossen. Der Verein und sein Anliegen werden mittlerweile stark wahrgenommen.

Sie sagen es selbst: Die enorm hohe Bautätigkeit wird nicht automatisch bis in alle Ewigkeit anhalten. Von welchen Szenarien gehen Sie aus?
Vorausgesetzt, die Probleme mit dem Wechselkurs und dem kritischen Zustand der Euro-Zone werden nicht übergross, gehe ich davon aus, dass wir in den nächsten Jahren mit einem Neubauvolumen von weiterhin um die 40‘000 Wohneinheiten rechnen können. Verstärkt durch die Zuwanderung ist der Bedarf an Wohnraum ungebrochen da.

Sie sind beruflich weit in der Welt herum gekommen. Fällt Ihnen in der Schweiz manchmal die Decke auf den Kopf?
Manchmal ein bisschen. Ich habe es immer sehr genossen, beruflich den internationalen Austausch zu pflegen. In meiner heutigen Position richtet sich mein Fokus sehr stark auf die Schweiz. Das kompensiere ich allerdings mit der Pflege meiner zahlreichen Kontakte im Ausland aus früheren Tätigkeiten.

Die Schweiz sonnt sich oft in der Rolle des Sonderfalls. Sie kennen die Schweiz und die Welt. Wie fällt ihr Vergleich der beruflichen Mentalitäten aus?
Tatsächlich merkt man häufig erst, was die Schweiz ausmacht, wenn man für eine gewisse Weile nicht hier lebte und arbeitete. Was die Schweiz gegenüber vielen anderen Ländern auszeichnet, ist mit Sicherheit das duale Bildungssystem und die insgesamt sehr grosse Affinität zur Praxis. Im Ausland sind die Studienabgänger oftmals reine Theoretiker und eignen sich erst nach Abschluss das Praxis-Wissen im Learning-by-Doing-Verfahren an. Daneben sind es die klassischen und vielgenannten Aspekte wie Sorgfalt, Präzision, Effizienz und Zuverlässigkeit, die ich hier überaus schätze. Demgegenüber ist in vielen anderen Ländern die menschliche Ebene viel wichtiger als bei uns. Wir haben in Italien an Sitzungen häufig über Fussball gesprochen, bevor die eigentlichen Traktanden zur Sprache kamen. In Südafrika war Rugby das grosse Thema. Für mich als Schweizer war das sehr gewöhnungsbedürftig.

Wie erlebten Sie die Rückkehr in die Schweizer Arbeitswelt?
Ich habe in den Jahren im Ausland weniger klare Trennung von Geschäftlichem und Menschlichem durchaus zu schätzen gelernt. Es ist doch toll, wenn in einer wichtigen Sitzung auch einmal ein auflockernder Spruch fallen kann. Entsprechend empfand ich die Stimmung in der Schweiz nach meiner Rückkehr als etwas kühl. Am ehesten behagt mir ein Mix der beiden Extreme. Einen solche strebe ich heute auch hier in Sitzungen an.

Kennen Sie den Zustand des Nichtarbeitens?
Es gibt hektische Phasen. Grundsätzlich achte ich aber auf eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Und selbstverständlich kommt die Familie dann an allererster Stelle. Als typischer Städter bewege ich mich oft in meiner Wohnstadt Zürich und besuche häufig kulturelle Veranstaltungen. Ab und an setze ich mich aufs Motorrad, eine alte Laverda. Den Töff habe ich vor rund 25 Jahren selbst aufgebaut. Da hatte ich noch mehr Zeit.

Beat Matter