Atomreaktor im Keller

Matthias Willi

Die Universität Basel betreibt eine ganz besondere Anlage: Im Keller des physikalischen Instituts steht ein Mini-AKW. Leiter des Projekts ist Bernd Krusche. Trotz eigenem Reaktor ist der Wissenschafter überzeugt, dass die Tage der Atomenergie gezählt sind. (Migros-Magazin Nr. 18/2011)

Das Gebäude hebt sich keineswegs von den anderen Häusern an der Basler Klingelbergstrasse ab. Kein Warnschild, kein Stacheldraht, keine Zugangskontrolle. Die Vögel zwitschern, und auf den Balkonen im Quartier wird Kaffee getrunken. Wer würde in dieser gemütlichen Atmosphäre einen Atomreaktor erwarten? Niemand.

Strom reicht knapp, um den Wasserkocher zu betreiben

Doch im Keller des Physikgebäudes der Universität Basel befindet sich hinter mehrfach elektronisch gesicherten Türen einer von schweizweit drei Forschungsreaktoren. Verglichen mit den Reaktoren, die für die kommerzielle Energieproduktion genutzt werden, ist AGN-211-P ein Zwerg. Gekühlt wird er durch das Wasser, das ihn im Tank umgibt. Denn die produzierte thermische Energie ist klein. «Die maximal zwei Kilowatt Leistung würden nur knapp reichen, um einen Wasserkocher zu betreiben», sagt Kernphysiker Bernd Krusche (55), seit 1999 Professor an der Uni Basel und verantwortlich für den Forschungsreaktor.

Der Reaktor sei rund 500 000 Mal schwächer als jener in Gösgen AG. Dennoch löst er bei lokalen Politikern Fragen aus: Zwei Grossräte der Stadt Basel reichten vor Kurzem Interpellationen ein, weil sie sich um die Sicherheit der Bevölkerung sorgen. Die Anlage sei ungefährlich, versichert Krusche. Drohende Kernschmelze? Unmöglich, dafür reiche die geringe Menge von 2,2 Kilogramm Uran nicht aus. Radioaktive Wolke? Auch unmöglich, weil kein Wasserstoff produziert werde wie in Fukushima. Erdbeben? Flugzeugabsturz? Der Raum sei ein eigener Brandschutzbereich. Bei einer Zerstörung des Gebäudes könnten schlimmstenfalls die Elemente im Reaktorkern verbogen werden. Doch die radioaktiven Stoffe, die dann austräten, lägen unter dem Grenzwert der Strahlenschutzverordnung.

Selbst der unabhängige Experte Christoph Pistner vom Öko-Institut Darmstadt beruhigt: «Sogar bei einer Katastrophe wie einem Erdbeben könnte ein derart leistungsschwacher Reaktor nur geringe Mengen radioaktiver Spaltprodukte freisetzen», sagte Pistner im April gegenüber der «Basler Zeitung».

Der Reaktor wurde 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel als Demonstrationsobjekt präsentiert. Kurz darauf wurde er nach Basel geschafft, wo er seither – nur bei Bedarf – mit den immer gleichen Brennelementen läuft. «Würden wir den Reaktor im gleichen Ausmass verwenden wie jetzt, so könnte er weitere 800 Jahre mit den gleichen Elementen betrieben werden», sagt Krusche.

Der Reaktor dient eigentlich zur Ausbildung von künftigen Nuklearingenieuren und Reaktoroperateuren. Weitaus häufiger wird er aber verwendet, um Lebensmittel wie Gewürze und Tee auf unerwünschte Substanzen zu überprüfen.

Der Mann, der mit zwei Kollegen über den Basler Minireaktor wacht, stammt ursprünglich aus Deutschland. Er habe sich schon früh für Physik interessiert, sagt Bernd Krusche. An der Universität Göttingen studierte er Physik, Mathematik und Pädagogik, bevor er 1985 durch seine Studien zu experimenteller Nuklear-Spektroskopie den Doktortitel erlangte. Ein Jahr später trat er eine Stelle als Postdoktorand im französischen Grenoble an. Unter Verwendung eines grossen Forschungsreaktors führte er dort kernphysikalische Experimente durch.

Zur Kontrolle legte er sich Jahr für Jahr in den «Bleisarg», wie er es nannte. Eine bleierne, sargförmige Messinstallation, in welcher der Körper auf radioaktive Substanzen gescannt wird. «Angezeigt wurden sowohl körpereigene radioaktive Stoffe, als auch Material, das bei den überirdischen Atombombentests in den 60er-Jahren verbreitet wurde. Und im Jahr nach Tschernobyl wurden auch Substanzen des GAUs angezeigt. Allerdings hatten sich diese im Jahr darauf mehrheitlich verflüchtigt», erinnert sich Krusche.

Tschernobyl war wie ein Auto ohne Bremsen

Warum Bernd Krusche Tschernobyl mit einer relativen, wohl dem Fachmann vorbehaltenen Gelassenheit verdauen konnte, liegt in der «Singularität des Vorfalls». Der Reaktor in Tschernobyl sei in einer Weise gebaut worden, wie kein Atomreaktor je hätte gebaut werden dürfen. So verstärkte sich aufgrund des Reaktorkonzepts etwa die Kernreaktion noch zu einem Zeitpunkt, als sie hätte unterbunden werden sollen. Zudem sei der Reaktor im Zuge eines Versuchs auf «völlig unerlaubte Art» betrieben worden. «Im übertragenen Sinne war er ein Auto, dem man die Bremsen demontierte, bevor man auf die Autobahn fuhr. Es musste schlimm enden», resümiert Krusche.

Von ganz anderer Tragweite ist in Krusches Augen der Vorfall in Japan. Im Gegensatz zu Tschernobyl habe man es in Fukushima wohl nicht wider besseren Wissens darauf ankommen lassen. Aber und für Krusche deshalb ultimativ: «Unter Berücksichtigung der geologischen Verhältnisse hätte man dieses Szenario bedenken können, ja bedenken müssen.» Es stelle sich damit die entscheidende Frage, wie gross die Möglichkeit sei, dass auch andernorts realistische Risiken nicht bedacht worden seien. Was die mittelfristige Zukunft der Atomkraft angeht, zumindest in der Schweiz und Deutschland, steht die persönliche Prognose Krusches nach Japan fest: «Das wars!»

Gut möglich also, dass Krusches Minireaktor seine grossen Artgenossen in der Schweiz überdauern wird.

Beat Matter