«Denkbar ist alles»

Er bestellt mit seinem Team den «Heimatboden» des Weltkonzerns Holcim. Und das äusserst erfolgreich. Kaspar E. A. Wenger, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Holcim (Schweiz) AG, über Nachhaltigkeit, Krise und China. (die baustellen Nr. 02/11)

«die baustellen»: Holcim ist einer von wenigen Bau-Brands, die weit über die Branche hinaus bekannt sind. Ist das Geschäft unter einem so bekannten Namen ein Selbstläufer?
Kaspar E. A. Wenger: Viele kennen Holcim. Und trotzdem kennen nur die Insider Holcim wirklich. Klar, jeder, der irgendwie mit dem Bau zu tun hat, kennt uns wegen unseren Baustoffen. Holcim ist aber auch als SMI-Titel sehr vielen Anlegern bekannt. Dennoch, es sind nur Fachleute bautechnischer oder finanztechnischer Art, die genau wissen, was hinter dem Brand Holcim steht. Eine Mehrheit kennt uns nicht richtig, leider.

Weshalb sollten mehr Leute die Holcim richtig kennen?
Wir werden vielerorts noch mit den Stichwörtern Kartell und Absprachen in Verbindung gebracht. Seit 1993, seit der Auflösung des Kartells, arbeiten wir kontinuierlich daran, uns von diesem Image zu befreien. Wir wollen zeigen, dass wir ein verantwortungsvolles Unternehmen sind, dass wir marktgerecht auftreten und Lösungen anbieten, die im Markt einen Mehrwert erzeugen. Wann der Imagewandel endgültig gelingen wird, weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass wir bestrebt sind, wirtschaftlich, sozial und ökologisch zu produzieren. Wir wären froh, dieses Engagement würde von mehr Leuten richtig zur Kenntnis genommen.

Die aktuelle Kampagne um den «grünen» Optimo-Zement ist also ein weiterer Schritt, um dieses Engagement sichtbar zu machen?
Die Entwicklung von Optimo ist eine weitere Konsequenz auf einem Weg, den wir bereits in den 70er- und 80er-Jahren eingeschlagen haben. Schon damals machten wir Renaturierungen. Später stellte sich zunehmend die Frage, wie der Beton, im Vergleich mit Stahl, Holz oder Glas, nachhaltiger gemacht werden kann. Verschiedene Wege führen zu diesem Ziel. Unsere Analysen zeigen jedoch klar, dass ein grosser CO2-Anteil im Beton aus dem Zement stammt. Unsere Antwort darauf heisst Optimo. Dieses Produkt ist jedoch nur ein Aspekt innerhalb einer übergeordneten Ausrichtung des gesamten Unternehmens auf mehr Nachhaltigkeit.

Einen entsprechenden Stellenwert werden Forschung und Entwicklung haben.
Die Forschung und Entwicklung, die Sie meinen, resultiert letztlich in innovativen Produkten. Wir verstehen Forschung und Entwicklung aber auch prozessual. Nicht nur die Produktion spielt darin eine Rolle, sondern auch Logistik, Disposition und weitere wichtige Funktionen. Noch sind wir nicht dort, wo wir hin wollen – dies ist unter anderem historisch zu begründen: Früher war eine zentrale Aufgabe, in den Werken möglichst viel Zement bei gleichbleibender Qualität zu produzieren. Ab Mitte der 90er- Jahre verlangte der Markt zunehmend nach differenzierteren Lösungen. Eine neue, innovative Denkhaltung war gefragt. Dass dies nicht von heute auf morgen passieren kann, liegt auf der Hand.

Die Kartellauflösung als Innovationsförderer?
Die Auflösung des Kartells war ein Aspekt, denn der Markt spielt eine entscheidende Rolle, wenn es um Innovation geht. Wir mussten damit beginnen, uns zu differenzieren, uns aktiv im Markt zu bewegen, uns zu fragen, worin unsere Qualitäten liegen und wie wir diese optimal einbringen können. Aber auch der hohe Bildungsstand der Schweizer Fachleute führt zu höheren Ansprüchen der Kunden und Märkte. Um diese befriedigen zu können, ist eine hohe Innovationskompetenz unabdingbar. Und der dritte Aspekt sind unsere eigenen hohen Ansprüche bei der Holcim Schweiz: Wir haben einen gut funktionierenden Markt, hervorragende Werke mit neusten technischen Einrichtungen, mit denen wir in der Lage sind, unsere Innovationskraft stetig zu steigern.

Holcim Schweiz ist quasi der Think-Tank von Holcim weltweit?
Das wären wir gerne. Aber dies zu behaupten ist etwas vermessen. Es gibt natürlich weitere innovative Märkte in unserer Gruppe. Etwa Kanada, wo eine analoge Mentalität und Ausrichtung gilt. Aber die Voraussetzungen, um als Schweizer Unternehmen innovativ zu sein und diese Innovationen schliesslich in die Welt hinaus zu tragen, sind sehr gut.

Sie sprachen davon, dass in allen Unternehmensbereichen Veränderungen implementiert wurden und werden. Tätigt man solche Innovationen im Wissen um einen weltweiten Markt oder muss Holcim Schweiz ihre Innovation rein durch den Schweizer Markt rechtfertigen?
Jede Ländergesellschaft hat einen eigenen Innovationszyklus und muss die entsprechenden Mittel beantragen. Dabei steht man natürlich in Konkurrenz mit anderen Projekten, ob im eigenen Land, in der Region oder auf Konzernebene. Entscheidend ist letztlich, welche Innovation das beste Resultat verspricht. Das ist aber nicht immer einfach zu beziffern. In welcher Art der Markt auf unseren Optimo-Zement reagiert, lässt sich erst später aufzeigen.

Steht dem Projekt Optimo-Zement eine Weltkarriere bevor?
Das Projekt ist deshalb interessant, weil es als Innovation die natürliche Komponente gebrannter Schiefer braucht. Weltweit gibt es nur wenige nutzbare Schiefervorkommen. Holcim ist das einzige Unternehmen in Mitteleuropa, das einen Zement auf der Basis von gebranntem Schiefer herstellen kann. Welche «Karriere» Optimo macht, wird sich zeigen. Entscheidend ist, dass man sich von den herkömmlichen OPC- und Portland-Zementen verabschiedet. Wir müssen weiter denken. Auch müssen wir kontinuierlich nach neuen Zusatzstoffen suchen, diese finden und anwenden. Dieser Prozess ist ebenso wichtig wie schwierig – ich bin überzeugt, dass die Erfahrungen, die wir bei der Entwicklung des Optimo- Zements machen durften, von grossem Nutzen für die nachhaltige Ausrichtung des Holcim-Konzerns sind.

Muss man beim Optimo-Zement punkto Einsatzfähigkeit Abstriche machen?
Grundsätzlich nein. Allerdings für die Herstellung von Betonelementen bindet er zu wenig schnell ab, daran arbeiten wir jedoch. Ansonsten ist er ein vollwertiger Ersatz für herkömmliche Produkte.

Und der Preis?
Er ist leicht teurer. Investitionen in die Nachhaltigkeit, in welchem Bereich auch immer, sind kostenintensiv. Die Entwicklung eines solchen Produkts ist teuer. Solche Aufwendungen haben einen Einfluss auf die Preisgestaltung.

Holcim ist wohl Marktführerin, dennoch gibt es Konkurrenz. Arbeiten die Mitbewerber auch in diese Richtung?
Als Marktführer liegt es auf der Hand, dass andere Zementproduzenten genau verfolgen, was wir tun. – Und gegebenenfalls auf den Zug aufspringen. Aber ein Produkt wie Optimo wird nicht von heute auf morgen entwickelt; viele Fragen müssen genau geprüft werden. Das braucht Zeit.

Optimo wurde im Herbst 2010 lanciert. Können Sie schon Auskunft über die Akzeptanz geben? Ist der Kunde bereit, für das Produkt einen höheren Preis zu bezahlen?
Die Akzeptanz jener Kunden, mit denen wir in einer ersten Phase arbeiten, ist generell gut. Natürlich gab und gibt es immer Diskussionen über den Preis, das überrascht nicht. Wir sind jedoch überzeugt, dass jeder, der mit Beton zu tun hat, ein grundsätzliches Interesse an einem ökologischeren Beton haben muss.

Kann man von einer gross angelegten Umerziehungsmassnahme sprechen?
Nicht Umerziehung, Aufklärung. Die Klima- Debatte ist omnipräsent. CO2 ist in aller Munde. Es ist eine reale Entwicklung, der man sich stellen muss. Und weil man nicht erwarten kann, dass eine ganze heterogene Branche gemeinsam in diese Richtung geht, haben wir als Holcim beschlossen, die Diskussion von Seiten der Zement-Industrie zu lancieren.

Bislang wurde im Spannungsfeld von Beton und Ökologie immer nur von Recycling- Beton gesprochen. Ging es auch darum, einen neuen Aspekt einzubringen?
Die Gesamtökobilanz beim RC-Beton ist im Vergleich zu konventionellem Material nicht wesentlich besser. Aus ökologischer Sicht müssen wir uns jedoch Gedanken machen, wie das RC- und Abbruch-Material intelligent in den Bauprozess integriert werden kann. Eine nennenswerte Reduktion der CO2-Emission in der Betonproduktion erreicht man aber vor allem über den Zement.

Der Entwicklungsprozess für den Optimo- Zement wurde im 2007 gestartet. Also noch vor der grossen Finanz- und Wirtschaftskrise. Hatten Sie Kummer, als diese Krise anrollte?
In der Schweiz hatten wir keinen wirklichen Abschwung und Wirtschaftslage hin oder her, die Umwelt darf deshalb nicht vernachlässigt werden. Unabhängig davon stellt sich in der Krise immer die Frage, ob man an einen Aufschwung glaubt. Wenn man das nicht tut, steht man als Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Bei einer positiven Einstellung und dem Wissen, dass Beton für jede Wirtschaft ein entscheidender Faktor ist, drängen sich solche nachhaltigen Innovationen, wie der Optimo, zwangsläufig auf.

Holcim Schweiz hat von der Krise nichts gemerkt?
Nichts gemerkt wäre übertrieben. Aber dank guter wirtschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen ist es gut gelaufen. Wir haben zudem von diversen Grossprojekten profitiert. Gesamthaft sind wir mit den Jahren 2009 und 2010 sehr zufrieden.

Im Herbst 2008 ging man davon aus, die Krise werde das Baugewerbe voraussichtlich im 2010 spürbar treffen. Jetzt ist aus dem Jahr 2010 vielerorts ein rekordverdächtiges geworden. Krise vertagt?
Der Bereich Infrastrukturprojekte ist stabil. Im Hochbau gibt es aber ein paar Fragezeichen. Ein Beispiel: Um unseren Hauptsitz herum, in Zürich Nord, werden zurzeit viele Büroräumlichkeiten erstellt. Eigentlich eine wunderbare Sache: Werden die Büros mit Personal gefüllt, entsteht neuer Wohnungsbedarf, was den Wohnungsbau weiter ankurbelt. Ob diese Verkettung genau so stattfinden wird, ist jedoch ungewiss. Zusätzlich bereitet der starke Schweizer Franken Sorge. Als relevanter Wirtschaftsfaktor, kann dies die heimische Bautätigkeit durchaus entscheidend beeinflussen. Insgesamt ist die Lage derzeit nicht stabil genug, um behaupten zu können, es ginge die nächsten zwei, drei Jahre im gleichen Tempo weiter wie bis jetzt.

Der Holcim-Konzern bekam die Krise stark zu spüren. Gerade auch Europa war ein Brennpunkt. Weshalb steht die Schweiz massiv besser da als etwa Spanien, England oder Griechenland?
Wir haben in der Schweiz politisch und wirtschaftlich ein System, das nicht zu Überhitzungen neigt. Zusätzlich hat sich die Holcim Schweiz frühzeitig optimiert und die Kapazitäten angepasst. Letztlich ist unser guter Geschäftsgang aber auch das Resultat eines vernünftigen Managements und gut ausgebildeter und motivierter Mitarbeiter.

Wie wichtig ist die Schweizer Unternehmung für den Konzern?
Der Konzern ist in der Schweiz entstanden. Sie ist unser Heimatboden und als solcher traditionell wichtig. Von den Möglichkeiten und den Kompetenzen her haben wir gewisse Vorteile, die uns im Konzern für komplexe Entwicklungen prädestinieren. Gemessen an der wirtschaftlichen Grössenordnung waren wir früher bedeutender als heute. Aber wir sind noch immer bedeutend, vor allem dann, wenn es dem Konzern schlecht geht.

Noch einmal zurück zum Thema Nachhaltigkeit: Im Firmenportrait ist zu lesen, Holcim senke den CO2-Ausstoss markant. Gilt das allgemein oder nur in Bezug auf den Optimo-Zement?
Das gilt allgemein. Wir setzen dabei auf drei Säulen: Erstens werden über 35 Prozent unserer Primärenergie durch alternative Brennstoffe ersetzt. Zweitens trägt ein nachhaltiges Produktportfolio, durch die Reduktion des Klinkers, stark zur CO2-Reduktion bei. Und drittens setzen wir auf hocheffiziente, moderne Anlagen. Die Holcim Schweiz optimiert dadurch ihre CO2-Bilanz laufend.

Wie nachhaltig kann ein Konzern überhaupt sein, der zu 100 Prozent auf endlichen Rohstoffen aufbaut?
Eine philosophische Frage. Wir wären froh, wenn etwas stärker anerkannt würde, dass unsere Produktion und unsere Aktivitäten einer gesellschaftlichen Nachfrage entsprechen. Man will und braucht unsere Produkte. Beton ist der wichtigste Baustoff weltweit. Die Produktion von Zement und Beton bedingt den Abbau von Rohstoffen. Unser nachhaltiger Beitrag besteht dabei aus mehreren Aspekten: Unsere Abbaustellen nach Gebrauch wieder der Natur zurückgeben. Technologie dahingehend nutzen, dass aus möglichst wenig endlichem Rohmaterial möglichst viel Endmaterial entsteht. Dazu permanent unsere Prozesse optimieren und beharrlich Aufklärungsarbeit leisten.

Ein höherer synthetischer Anteil könnte die Rohstoffproblematik abschwächen. Ist das beim Zement und beim Beton denkbar?
Grundsätzlich ist alles denkbar. Entscheidend ist für uns, dass wir zuvorderst dabei sind bei Entwicklungen, die in Richtung unserer Baustoffe gehen. Dieser Anspruch gilt.

Um bei wegweisenden Entwicklungen den Lead übernehmen zu können, bedarf es eines guten Riechers. Woher beziehen Sie die notwendigen Informationen?
Wir pflegen traditionell eine sehr gute Beziehung zu den Hochschulen, zu den verschiedenen Instituten und Fachzentren. Jeder, der eine innovative Idee hat, die in unseren Tätigkeitsbereich fällt, muss wissen, dass er bei Holcim auf offene Ohren stösst. Dieses Image wollen wir haben.

Sie sind seit 16 Jahren in wechselnden Positionen bei Holcim tätig. Einmal Holcim, immer Holcim?
Die Zementindustrie ist eine sehr spezielle Branche. Wer länger in dieser Industrie tätig ist, bleibt meistens hängen. Dies gilt grundsätzlich auch für Kies und Beton. Auf Managementebene ist die Freiheit etwas grösser. Das Wissen und die Erfahrung können sicher auch in andern Branchen angewendet werden. Aber wenn einem gefällt, was man tut, dann ist man bei Holcim sehr gut aufgehoben.

Eine sehr allgemeine Antwort. Wie lange bleiben Sie noch?
Ich bin sehr gerne bei Holcim. Ich bin jedoch nicht der Typ, der einfach auf seine Pensionierung wartet. Ich will Einfluss nehmen, gestalten, etwas bewegen können. Bis dato kann ich das bei Holcim.

Könnte Sie Holcim wieder nach China locken?
Grundsätzlich immer! China ist ein fantastisches Land. Ein reizvolles Angebot für China würde ich jederzeit prüfen. Ich habe bereits dreieinhalb Jahre für Holcim in China gearbeitet, war dort der erste Holderbank- Mann. Neben dem Aufbau unserer Repräsentanz in Peking und den entsprechenden Beziehungen war ich massgeblich am Joint Venture beteiligt, welches heute unsere Position in China bildet.

Aufgrund Ihres Lebenslaufes hätte ich gedacht, Ihre Weltenbummlerei sei abgeschlossen.
Ich fühle mich den Schweizer Werten und Tugenden verpflichtet. Für mich ist die Schweiz der «Place To Be». Um dies beurteilen und schätzen zu können, muss man allerdings ins Ausland. Deshalb ist für mich klar: Wenn sich eine passende Möglichkeit bietet, hätte ich grundsätzlich kein Problem damit, wieder ins Ausland zu gehen.

Beat Matter

Beat Matter

Ich schreibe. Und ich fotografiere. Beides fliessend. Für Medien, Unternehmen, Stiftungen, Verbände, Vereine und Private.

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