Fliegende Schwestern

Daniel Winkler

Die Schweizer Frauen-Skisprungelite besteht derzeit aus zwei Springerinnen: Sabrina und Bigna Windmüller. Zwei ungleiche Schwestern aus Sargans auf dem Sprung an die Weltspitze. (Migros-Magazin Nr. 08/2011)

Die besten Skispringerinnen der Welt jagen über die Adlerschanze im deutschen Hinterzarten. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei wäre das Spektakel eigentlich dasselbe, wie bei den Herrenspringen, die jeweils Tausende von Schaulustigen vor Ort und Hunderttausende an den Bildschirmen verfolgen. Die Weiten, welche die Springerinnen erreichen, sind – wegen des längeren Anlaufs – fast mit den Weiten der Herren vergleichbar. Die Leidenschaft ist dieselbe.

Sportlerinnen aus 16 Nationen sind angereist. Sogar eine chinesische Equipe ist am Start. Es ist ein Springen des Continentalcups, der noch höchsten Liga der Damen. In der nächsten Saison wird ein Weltcup-Modus lanciert. Davon verspricht man sich mehr Aufmerksamkeit.

Inmitten dieses überschaubaren Geschehens kämpft die Schweizer Damenelite um jeden Meter. Sie besteht derzeit aus zwei Springerinnen: den Schwestern Sabrina (23) und Bigna (19) Windmüller aus Sargans SG. Immer mit dabei: Pipo Schödler, Trainer des Damenteams, Servicemann, Physiotherapeut, Chauffeur und unter Umständen Tröster in Personalunion. Und der ist nötig, denn es läuft den Schwestern nicht.

Im ersten Wettkampf belegt Sabrina den 19. und Bigna, die amtierende Schweizer Meisterin, den 28. Platz. Im zweiten Wettkampf scheidet Bigna nach dem ersten Sprung aus. Sie, die nominell stärkere der Schwestern, hat bis vor wenigen Tagen in 80 Wettkämpfen immer den Finaldurchgang erreicht. Der zweite Durchgang wird wetterbedingt abgebrochen. Leider nachdem Sabrina bereits einen tollen Sprung hingelegt hat. Es resultieren die Plätze 26 und 34. Die Enttäuschung ist da, wenn auch – ganz professionell – etwas versteckt. «Ich bin froh, einen guten Sprung hingelegt zu haben. Er ist gut fürs Selbstvertrauen», sagt Sabrina. Bigna meint: «So schlecht gehts mir gar nicht.» Zwei Wochen später wird Bigna an den Juniorenweltmeisterschaften in Estland Neunte. Und Sabrina holt sich an der Universiade, den Weltsportspielen für Studierende, in der Türkei, den guten fünften Platz.

Nach einem Schnuppertag vom Skisprungvirus angesteckt

Begonnen haben die Windmüller-Schwestern ihre Skisprungkarriere ebenso gemeinsam, wie sie heute noch gemeinsam von Wettkampf zu Wettkampf tingeln. 2002 hätten sie an einem Schnuppertag teilgenommen und seien sofort vom Virus infiziert worden, sagt Sabrina. Bald be- gannen die Windmüllers, nationale Wettkämpfe zu bestreiten.

Vor dem Fernsehgerät sitzend, sahen die Schwestern später etwas, das ihre Zukunft verändern sollte: den Bericht über ein Damenskispringen. «Bis dahin wussten wir nicht, dass es internationale Wettbewerbe gibt», sagt Bigna. Selbstbewusst riefen sie Gary Furrer an, den damaligen Chef Skisprung, und fragten ihn, ob es möglich sei, an einem solchen Springen teilzunehmen. Es war möglich.

Im Januar 2006 reisten die top motivierten Windmüllers erstmals an ein internationales Springen. Die eine mit einem nicht konformen Anzug, die andere mit zu langen Skiern. Doch in der kleinen Damen-Skisprung-Familie trafen die Schwestern aus Sargans auf Wohlwollen und Kollegialität. «Man lieh sich gegenseitig Material aus, half sich, wo immer man konnte», sagt Sabrina – ein Klima, das beide bis heute schätzen. Doch sie sind nicht sicher, ob es Bestand haben wird. «Mit der Einführung des Weltcups, mit mehr Preisgeld und mehr Aufmerksamkeit, wird es zu Veränderungen kommen», ist Bigna überzeugt.

«Man merkt, dass die beiden Schwestern sind, und dennoch sind sie sehr verschieden», sagt Trainer Schödler über seine Schützlinge. Sabrina sei die Ruhige, Reflektierte. Bigna die Offene, Gewitzte. Seine Einschätzung bestätigt sich: Im Gespräch ist Sabrina für kurze, durchdachte Einschübe zuständig, während Bigna mehr Redezeit für sich verbucht und spricht, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie ist angriffig und kompromisslos. Sabrina ist die Ausgleichende.

Ihre «unabhängigere» Art führt Bigna auf den Besuch des Sportgymnasiums im österreichischen Stams zurück. Fünf Jahre lang hat sie die Schule besucht, im vergangenen Oktober hat sie sie abgeschlossen. «Ich habe in dieser Zeit gelernt, selbständig zu handeln und den Kopf hinzuhalten, wenn etwas nicht klappt.» Sabrina lässt ihre Schwester gewähren, wenn sie sie als die weniger Unabhängige darstellt. Sie kontert nicht damit, dass sie während ihrer Internatszeit zwischen 12 und 16 Jahren oder während des Sportstudiums in Magglingen BE, das sie derzeit besucht, ebenfalls genügend Zeit hatte, selbständig zu werden. Was sich Bigna wortreich attestiert, strahlt Sabrina wortlos aus.

Sabrina fährt nach Oslo an die WM, Bigna muss zu Hause bleiben

Geht es darum, für das Team und den Sport einzustehen, ziehen beide am gleichen Strang. Aber nicht verbissen: «Wir waren immer das Team, das schon im Bus ein Riesenfest hat», sagt Bigna. «Es gibt bei uns kein Gegeneinander. Wann immer uns etwas nicht passt, wird es ausgesprochen», sagt Sabrina.

Wohin ihr Weg führt, lassen die Windmüllers offen. Es zählt nur die nahe Zukunft, diese Saison. Sabrina hat sich dank guter Resultate kurz nach den durchzogenen Hinterzarten-Wettkämpfen für die Weltmeisterschaften in Oslo von Ende Februar qualifiziert. Es wird nach der Universiade ihr zweiter Grosswettkampf. Bigna, die bereits an zahl- reichen Junioren-Weltmeisterschaften und 2009 auch an den ersten Elite-Weltmeisterschaften der Damen teilgenommen hat, verpasste leider die Qualifikation für Oslo. Doch Trainer Schödler ist optimistisch: «Beide haben das Potenzial, in die Top Ten zu springen», sagt er.

Beat Matter