Der Kontaktgenerator

Gian-Marco Castelberg

Heinz Frei ist Anlaufstelle für private Tüftler und ihre Erfindungen. Mit seiner Einmannfirma versucht er, sie an Produzenten zu vermitteln. Mühsam und oft vergeblich. (Die Weltwoche Nr. 30/31/2010)

Jeden Werktag, mindestens von 17 bis 19 Uhr, sitzt Heinz Frei in dem kleinen Häuschen an der Badenerstrasse in Zürich. Überall hängen Zeichnungen und Pläne an den Wänden, die Gestelle und Pulte sind voller Prototypen, die ihm private Tüftler aus der ganzen Schweiz zugeschickt haben. Frei lacht, zündet sich eine Zigarette an und sagt: «Es wäre wieder einmal Zeit, das alles zu sortieren.»

Neu eingetroffen ist eine Apparatur für das Muskel- und Kreislauftraining von bettlägerigen Personen, eine Art Stepper für Liegende. Länger schon steht ein Saugnapf herum, mit dem das Rohr eines Staubsaugers an der Wand befestigt werden kann, so dass beim Bohren keine Staubwolke stört. In einer Ecke steht ein massiver Tisch, der sich mit wenigen Handgriffen zusammenrollen lässt. Und am Boden liegt noch dieser Ball, der nicht ganz rund ist, damit das Spielen nicht langweilig wird.

Jeden zweiten Tag präsentiert jemand dem 66-jährigen Heinz Frei eine solche Erfindung. Seit elf Jahren betreibt er die Ideenbörse GmbH und die Internetseite Idee.ch, auf der er Entwicklungen von Erfindern zum Verkauf anbietet. Frei sieht sich als «Kontaktgenerator», der Erfinder und Produzenten zusammenbringen will. In seiner Kartei stehen schon über 4500 Adressen; 16 000 Besucher zählt monatlich seine Website.

Das fehlende Geld

Doch die Zahlen täuschen darüber hinweg, dass es schwierig ist, einen Abnehmer für die teils nützlichen, meist aber äusserst skurrilen Erfindungen zu finden. Zwar sind in der Schweiz schon bahnbrechende Erfindungen wie der Klett- und der Reissverschluss von privaten Tüftlern erfunden worden. Aber wer will schon Geld in die Markteinführung des Geistesblitzes «5 in 1» investieren: ein Gütterli, das als Spender für Seife, Duschgel, Shampoo, Wasch- und Geschirrspülmittel zugleich dient? Oder in einen Velo-Hundebeiwagen? Oder einen Zeitungsblätterer, der den feuchten Daumen ersetzen soll?

Doch nicht immer sei die umständliche Originalität der Erfindungen schuld am Scheitern. Häufig winde sich auch die Produzentenseite. «Viele haben Mühe, eine Erfindung zu akzeptieren, auf die ihr Unternehmen nicht gekommen ist», sagt Frei. Firmen, die teure Forschungs- und Entwicklungsabteilungen unterhalten, wollten sich nicht von einem «Kellerloch-Genie» zeigen lassen, auf was sie selber nicht gekommen seien.

Um den Kontakt zu den möglichen Produzenten zu vereinfachen, setzt Frei neu auf eine Online-Präsentation, die er «Slogan-Slides» nennt. Es ist eine Art Diashow zum Durch- klicken. Doch jedes neue Slide bedeutet für Frei eine Stunde Arbeit. 230 hat er bisher beisammen. «Es könnten tausend sein», sagt er, doch es fehle die Zeit. Denn Frei übernimmt auch die Vermittlerrolle, wenn sich ein Interessent meldet. Bei bis zu zehn Anfragen pro Tag sei das ein beträchtlicher Aufwand, für den die Produzenten nicht bezahlen wollten und die Erfinder häufig nicht mehr bezahlen könnten.

Frei kennt einige, die sich in den Ruin und ins soziale Erdgeschoss getüftelt haben. Er erzählt vom «Querkopf» Carlo Buzzi, dem «wichtigsten Erfinder Zürichs», der vor zwei Jahren verstarb. Buzzi hatte ein Radiermittel erfunden, das das Grafit der Bleistifte besser aufnimmt als jeder Schulgummi. Oder er entwickelte eine Zahnseide, die durch Ziehen immer dünner wird, so dass man auch die entlegensten Stellen im Mund erreicht. Die meisten von Buzzis Entwicklungen sind jedoch für immer verschollen. Seine Wohnung, bis unter die Decke gefüllt mit Erfindungen, ist nach seinem Tod geräumt worden. Die Ehefrau hatte ihn schon Jahre zuvor verlassen. Heinz Frei ist dagegen ein Glückspilz. «Meine Frau ist mir erhalten geblieben», sagt er und drückt lachend die Zigarette aus.

Mit 58 Jahren hat Heinz Frei seinen Job als Architekt auf dem Zürcher Planungsamt gekündigt. Er verzichtete auf ein sorgenfreies Rentnerdasein, weil er «die politischen Geldverteilungs- und Apparatschikspielchen nicht mehr mittragen konnte». Vier Jahre davor hatte er sein Pensum bereits reduziert. Mit dafür verantwortlich war die Enttäuschung um ein von ihm entwickeltes «Tool zur Visualisierung des Mehrverkehrs durch einen Neubau». Es wurde ignoriert, bis das Amt kurz darauf für teures Geld eine ähnliche Entwicklung von einem externen Unternehmen kaufte. Es war die Erfahrung, die Freis Eindruck einer «kümmerlichen Schweizer Ideenkultur» begründete.

Er suchte sich ein Hobby, mit dem er anderen unterschätzten Erfindern helfen wollte. Frei fand die Firma Ideenbörse und konnte sie für wenig Geld kaufen. Seine Vorgänger hatten auf das grosse Geld gehofft vergeblich. Auch für Frei lohnt sich der Aufwand finanziell «in keinster Weise». Obwohl auch er anfangs noch dachte, dass ihm die Firmen das kleine «Erfinder-Hüsli» bald einrennen würden. Aber auf Reichtum, Ruhm und Ehre wartet Heinz Frei noch immer. Für eine erfolgreiche Vermittlung einer Erfindung an einen Produzenten lässt er sich zehn Prozent Gewinnanteil zusichern. «Beteiligungen an 5000, auch mal 10 000 Franken hat es gegeben. Mehr aber nicht», sagt Frei. Vom unrunden Ball zum Beispiel sind mehrere tausend Stück hergestellt worden. Frei lebt aber weiterhin von einer kleinen Rente und der Pensionskasse, die er sich frühzeitig auszahlen liess. «120 Jahre alt kann ich damit nicht werden», sagt Frei.

Mangelnde Anerkennung

Der Verwalter von Erfindungen motiviert sich an der baren Notwendigkeit seiner Aufgabe. Trotz seines grossen Einsatzes sieht er noch kaum Verbesserungen bei der gesellschaftlichen Anerkennung von Hobbytüftlern. Zur Zeit der Industrialisierung sei noch eine Euphorie da gewesen im Land, die längst verflogen sei. Von diesem Urteil lässt er sich auch durch die vielen Schweizer Nobelpreisträger oder die Patente-pro-Kopf-Statistik nicht abbringen, aus der das Land im internationalen Vergleich regelmässig als Spitzenreiter hervorgeht. «Die Grossunternehmen verhelfen uns zu den Spitzenplätzen, indem sie jede ihrer Entwicklungen durch unzählige Patente schützen lassen. Das sagt aber nichts darüber aus, wie ein Land mit Innovation und vor allem mit innovativen Menschen umgeht», findet Frei.

Wer dem alten Mann mit Nikolausbart in seiner Hütte, vollgestopft mit unzähligen Erfindungen, gegenübersitzt, merkt schnell, wie verantwortlich er sich für «seine» Tüftler fühlt.

Seit sechs Jahren lädt Frei seine Erfinderfreunde jeden Monat zum Treff ins Restaurant «Körnerstube» ein. Er versucht, sie zu motivieren, ihnen die Zweifel zu nehmen, die jeden irgendwann überkommen, wenn er nach Jahren einsamer Tüftelei immer noch auf den grossen Wurf wartet. Frei ist für sie Anlauf- stelle, Manager und Psychologe zugleich. «Künstler haben Galeristen, Schriftsteller haben Verleger, Erfinder haben es schwer», sagt Heinz Frei.

«Keine Idee ist schlecht»

Frei hat so manchen Spruch auf Lager. «Erfindungen werden zuerst belächelt, dann bekämpft, und schliesslich sind sie ganz normal», sagt er in Anlehnung an Schopenhauer. Und auf einem kleinen Zettelchen steht geschrieben: «Keine Idee ist schlecht, nur keine Idee ist schlecht.»

Er erzählt gerne von seinem Hobby und den vielen verschiedenen Erfindungen und Menschen, denen er begegnet. Doch Frei ist auch misstrauisch geworden, weil er viel zu oft schon erlebt habe, wie einer seiner Erfinder belächelt oder über den Tisch gezogen worden sei. Sowieso würden Erfinder immer nur als kauzige, eigenbrötlerische und weltfremde Gesellen angesehen. «Natürlich gibt es überflüssige Erfindungen und kuriose Kerle. Doch wenn man davon ausgeht, dass neunzig Prozent aller Erfindungen unnütz sind, sollte man sich die Mühe machen, die restlichen zehn Prozent zu würdigen», sagt Frei.

Es stimme aber schon, dass die Erfinder manchmal vor sich selber geschützt werden müssten. «Obwohl es ihnen vordergründig um die Innovation geht, sind sie gegen menschliche Schwächen wie Eitelkeit oder Überheblichkeit nicht gefeit», sagt Frei. Dann klingelt sein Telefon, er nimmt ab, lauscht, spricht, legt wieder auf. «Der will meine Firma übernehmen», sagt er und winkt ab. Noch kommt für ihn ein Verkauf nicht in Frage. «Doch was auch immer später aus meiner Vorarbeit entsteht, es wäre schön, wenn das Potenzial der privaten Erfinder gebührend wahrgenommen würde.»

Beat Matter