Steinmaur—Ivancice retour

Mara Truog

Seine Familie lebt in Tschechien, seine pflegebedürftige Mutter in der Schweiz. Alle paar Wochen nimmt Beat Schellenberg 900 Kilometer unter die Räder. Genügsame Reisende können für ein wenig Benzingeld mitfahren. Ein Reiseunternehmen der besonderen Art. (Migros-Magazin, 19.07.2010, Nr. 29/2010)

Mitten im idyllisch gelegenen Steinmaur ZH sitzt Beat Schellenberg am Bett seiner 77-jährigen Mutter. Er sitzt da, wartet und versucht, nicht an zu Hause zu denken. Einfach nicht an das tschechische Ivancice denken, seinen Wohnort 30 Kilometer ausserhalb von Brno (Brünn). Nicht an seine Frau und seine Tochter. Nicht daran, wie lange es noch dauert, bis er wieder zu ihnen fahren kann.

Der Sekundenzeiger kennt keine Eile, wenn der 42-jährige Schellenberg seine Mutter Tag und Nacht pflegt, den anfallenden Bürokram erledigt und das langsam zerfallende Haus, so gut es geht, in Ordnung hält. Nach drei bis fünf Wochen übernimmt dann Schellenbergs Schwester die Pflege. Er setzt sich wieder ins Auto, fährt in 10 Stunden 900 Kilometer gegen Osten zu seiner Familie. Drei bis fünf Wochen später kehrt er wieder zurück. Seit 14 Jahren geht das so.

Wenn die Musik zu Zwist führt, wird sie abgestellt

Um auf der Fahrt zwischen Steinmaur und Ivancice nicht auch noch alleine zu sein und um ein paar zusätzliche «Chröten» zu verdienen, bietet Schellenberg die freien Plätze in seinem kleinen Auto Mitfahrern an – solchen, die sich nicht zu schade sind, ihr Gepäck mangels Stauraum für einige Stunden auf den Knien zu deponieren. Auf der Internetplattform Mitfahrgelegenheit.ch oder mittels Gratisinseraten, die er in Migros-Filialen aushängt, macht er auf sein Angebot aufmerksam.

Tiere nimmt Schellenberg nicht mit. Im Auto herrscht Rauchverbot. Die Musik wird abgestellt, sobald sie für Uneinigkeit sorgt. «Es sind in der Regel Einzelpersonen, die mitfahren», sagt er. Weniger Frauen als Männer. 20 Franken nimmt er für die Reise nach München. Für 50 geht’s bis nach Wien. Kostenlos gibt es dazu die Geschichte eines Mannes zu hören, der irgendwann einfach etwas anderes wollte.

Schellenberg, ein gelernter Maurer, hatte in den Jahren nach seiner Lehre eine solide Anstellung und Freude an der Arbeit auf dem Bau. Mitte zwanzig reiste er mit Kollegen nach Tschechien. «Es faszinierten mich mehr die Leute als das Land. Unverkrampft, offen», sagt er. Schellenberg lernt seine heutige Frau kennen und lieben. In einer ersten Phase arbeitet er unter der Woche als Maurer in der Schweiz und fährt fürs Wochenende nach Tschechien.

Seine Frau in die Schweiz holen, das wollte er nie. «Niemals würde ich sie aus ihrer Familie herausreissen, bloss um sie in eine Gesellschaft zu verpflanzen, in der Arbeitsleistung und Geld die höchsten Werte sind», begründet er. Das Herz und ein Bein in Tschechien, das andere Bein in der Schweiz, verliert er zunehmend das Verständnis für die arbeitsame, durchregulierte Schweizer Gesellschaft. Als sein Bruder viel zu jung verstirbt, kommt Schellenberg zum Schluss: «So kann es nicht weitergehen!» Ein Leben, das jeden Tag unverhofft ein Ende finden könne, dürfe doch nicht bloss aus Arbeit bestehen, aus Karrieredenken, Geld horten und Steuern zahlen, sagt er. Trotzdem sei es ihm schwergefallen, daraufhin ins Gemeindehaus zu marschieren, «jetzt ist Schluss» zu sagen und sich abzumelden. «Denn so etwas macht man doch nicht», imitiert Schellenberg die öffentliche Meinung.

Die Pässe seiner Fahrgäste checkt der Chauffeur

Seither hat er in der Schweiz weder einen registrierten Wohnsitz noch einen festen Job. Seine Frau arbeitet in Tschechien, Schellenberg nimmt hier wie dort Gelegenheitsjobs an, auch der Verkauf der freien Plätze im Auto wirft etwas Geld ab. «Wir leben in Tschechien ein einfaches Leben. Wir brauchen nicht mehr», sagt Schellenberg.

Dass seine Art zu leben in der Nachbarschaft, aber auch im Kreis der Schweizer Verwandten Kopfschütteln auslöst, ist ihm egal: «Was kümmern mich die Gedanken anderer? Wenn ich höre, ich sei zu faul, um anständig zu arbeiten, sage ich: Ja, das stimmt. Aber wer von denen hat schon eine Ahnung davon, was es bedeutet, drei bis fünf Wochen am Stück seine Mutter zu pflegen? Und ebenso lange von Frau und Kind getrennt zu sein?»

Es sind Geschichten von Freiheitsliebe, vom Gefangensein, von Gesellschaftskritik, auch von einem gewissen Stolz auf das Anderssein, die zu hören bekommt, wer mit Schellenberg fährt – allerdings erst, nachdem er die Pässe seiner Mitreisenden auf ihre Gültigkeit überprüft hat. Weitere Kontrollen der Personen, die er mitführt, oder ihrer Gepäckstücke, kann er nicht durchführen. «Es ist russisches Roulette», sagt der Langstreckenpendler. «Darüber nachzudenken, was alles passieren könnte, bringt aber nichts.» Kassiert wird mittlerweile vor der Abfahrt, denn da habe es schon welche gegeben, die in Wien ausgestiegen sind und einfach Adieu sagten. Ansonsten sei noch nie etwas passiert.

Unterwegs mit Jungen, Trampern, Lebenskünstlern

Die letzte Strecke zwischen Wien und Brno fährt Schellenberg meist wieder allein. Kaum angekommen, schaltet seine Frau die Mitfahrinserate für die Rückreise. «Anders als in der Schweiz findet in Tschechien niemand, ich verlange zu viel für die Fahrt», sagt Schellenberg. «Den Tschechen ist nur wichtig, dass ich ein wenig Tschechisch spreche.»

Ganz anders als in der Schweiz rast der Stundenzeiger während Schellenbergs Aufenthalt in Tschechien. Schon folgt wieder der Abschied – «immer hart» –, und die nächste Pflegeschicht bei der Mutter in der Schweiz naht. Nicht selten gebe es Leute, die den ganzen Weg bis nach Zürich mitführen, sagt Schellenberg: «Leute, die Freunde besuchen wollen, junge Tramper oder Lebenskünstler wie ich». Zehn Stunden dauert die Rückfahrt. Dann ist er wieder bei seiner Mutter.

Beat Matter