Keine Schraube locker

Beat Matter

Vincenzo Cairone, 64, Verkäufer, arbeitet seit 40 Jahren beim Montageprofi Würth. Der gelernte Coiffeur hat auf eigene Faust eine Schraube entwickelt, die mittlerweile ein Verkaufsschlager ist. (die baustellen Nr. 01/2010)

Ich arbeitete als Damencoiffeur in Basel, als eines Tages die Ehefrau des damaligen Geschäftsführers der Würth AG zu mir kam, um sich die Haare färben zu lassen. Sie sagte: «Herr Cairone, wollen sie nicht bei uns arbeiten?» Darauf ich: «Ich habe doch meine Arbeit, aber worum ginge es denn?» Wieder sie: «Schrauben verkaufen ». Ich sagte zu, stellte mich schliesslich bei ihrem Mann vor und wurde angestellt. Das war im September 1969. Ich bin gebürtiger Sizilianer. Mit knapp 18 Jahren kam ich in die Schweiz. Als Kind wollte ich Anwalt werden. Dann plötzlich interessierte mich das Haareschneiden. Und dann plötzlich interessierte mich das Verkaufen von Schrauben. So kann es bei mir gehen. Ich bin ein «Gwunderfitz», kann mich stets für Neues begeistern, ganz egal in welchem Bereich.

Lockenwickler wird Schraubenerfinder
Seltsamerweise trieb es mich, nachdem ich als Schraubenverkäufer angeheuert hatte, nie mehr davon weg. Mein Interesse, ja fast mein Trieb zur Innovation, zeigte sich in einer ganz anderen Weise: Nach 20 Jahren als Verkäufer hatte ich eine Idee für ein neues Produkt. Ich bin als Verkäufer der Division Holz unterwegs, habe also mit Schreinern, Zimmerern oder etwa auch Küchenbauern zu tun. Und die wiederum haben häufig mit Spanplatten zu tun, welche sie stets vorbohren mussten, bevor sie eine Schraube eindrehen konnten. Ich fand, das müsse doch effizienter gehen, fertigte eine Skizze einer selbstbohrenden Spanplattenschraube an und liess ein entsprechendes Muster anfertigen. Mit diesem Muster ging ich dann auf meine Verkaufstour, zeigte es da und dort, wollte wissen, was die Kunden davon hielten. Und prompt rief mich ein Kunde nach einigen Tagen an und fragte, wo man die Schraube bestellen könne. Zu diesem Zeitpunkt existierte die Schraube allerdings erst als Muster. Nachdem noch zwei drei weitere Kunden grosses Interesse an dem Produkt bekundeten, präsentierte ich die Schraube unserem damaligen Verkaufsleiter. Seine erste Reaktion war: Verkauf du lieber die Ware, die bei uns im Lager liegt. Mittlerweile hat sich meine Schraube im ganz grossen Stil etabliert. Sie wird weltweit und millionenfach verkauft. Sie ist die Nummer eins. Und ich habe sie erfunden.

Der Visionär
Nächstes Jahr werde ich 65, wäre eigentlich durch mit meiner Arbeitskarriere – aber es wird nicht so sein. Ich habe den Plausch an meiner Arbeit und an meinen Kunden und möchte beides weiter pflegen. Mein Arbeitgeber und meine Frau sind damit einverstanden. Ich mache noch sechs, sieben Jahre, vielleicht aber auch noch länger. Natürlich könnte ich mir mein Leben auch ohne diese Arbeit vorstellen. Es würde mir garantiert nicht langweilig, weil ich tausend Dinge wüsste, um mich zu beschäftigen. Aber der Job gefällt mir und sogar die Kunden freuen sich, wenn ich vorbeikomme. Häufig sagen sie: «So einen aufgestellten Typ findet man selten.» Das ist ein Teil meiner Vision, die ich verfolge: Ich will immer positiv sein, aufgestellt sein, immer das Beste geben und der Beste sein und natürlich immer gesund bleiben. Für mich ist es eine Tatsache, dass ein Mensch ohne Vision nichts erreichen kann.

Beat Matter