«Wir sagen nie, es bestehe keine Gefahr»

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Am ersten Januarwochenende kommt es im Diemtigtal im Berner Oberland zu einem tragischen Lawinenunglück. Sieben Menschen sterben. Unter den Toten ist auch der Rega-Notfallarzt Andreas Ammann. Jakob Rhyner vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos hält die Sicherheitsvorkehrungen bei Rettungen dennoch für hoch. (Migros-Magazin, 11.01.2010, Nr. 02/2010)

Jakob Rhyner, wie gross war die Lawinengefahr im Diemtigtal zum Unglückszeitpunkt?
Mässig. Im regionalen Lawinenbulletin für das Berner Oberland mahnten wir allerdings, dass der Neu- und der sogenannte Triebschnee, also von Wind verblasener Schnee, aus den Tagen vor dem Unglück in allen Gebieten leicht auslösbar seien. Abseits der Pisten war zu jenem Zeitpunkt also Erfahrung in der Beurteilung der Lawinengefahr erforderlich.

Was genau bedeutet «mässig»?
«Mässig» ist die zweitniedrigste der fünf Gefahrenstufen. Sie weist daraufhin, dass die Schneedecke bereits eine grössere Zusatzbelastung erträgt. Spontane, also nicht fremdausgelöste Lawinen sind nicht zu erwarten. Grob kann man sagen, dass ab dieser Stufe Erfahrung im Gelände abseits der Piste notwendig ist. Einzig bei der niedrigsten Gefahrenstufe «gering» ist das Verlassen der Piste für Nichterfahrene zumutbar. Bei geringer Lawinengefahr registrieren wir aber dennoch sechs Prozent aller Lawinentodesfälle. Deshalb sagen wir nie, es bestehe keine Gefahr.

Ihr Institut war bereits in die Aufklärung des Jungfraudramas involviert, bei dem 2007 sechs Soldaten ums Leben kamen. Wurden Sie auch ins Diemtigtal gerufen?
Zwei unserer Experten haben sich am Dienstag nach dem Unglück ein Bild der Schnee- und Lawinensituation im Unfallgebiet gemacht. Wie der weitere Verlauf der Nachbearbeitung aussehen wird, ist derzeit aber noch nicht klar.

Sofort nach einem solchen Ereignis werden Fragen nach Schuld und Fehlern gestellt.
In einem solchen Fall stellen sich viel komplexere Fragen als jene nach Fehlern und Fahrlässigkeit. Etwa die zum Umgang mit Verschüttetensuchgeräten. Oder zur weiteren Optimierung der Sicherheit bei der Rettung.

Es ist das erste Mal überhaupt, dass die Rega bei einem Lawineneinsatz einen Retter verloren hat …
… und banal gesagt, darf man es Rettern auch nicht zumuten, dass sie auf diese Weise ihr Leben verlieren. Den einzigen positiven Aspekt dieser Tragödie sehe ich in der Möglichkeit, neue Erkenntnisse zu gewinnen und das Sicherheitsniveau vielleicht noch ein klein wenig zu erhöhen.

Müsste jemand, der abseits der Pisten fährt, nicht auf Rettung verzichten?
Nein. Wenn jemand in Not ist, muss man versuchen, ihm zu helfen. Man soll Berge und Schnee geniessen dürfen. Und wenn man dies verantwortungsvoll macht, kann das Risiko in einem vertretbaren Rahmen gehalten werden.

Institute wie Ihres sollen die Natur verstehen, kontrollieren und unseren Bedürfnissen anpassen. Können Sie solchen Ansprüchen gerecht werden?
Nein, wir können die Natur nicht bändigen. Zwar haben wir vereinzelt Möglichkeiten einzugreifen, etwa mit Lawinenauslösungen oder -verbauungen. Aber ein Restrisiko bleibt immer. Zudem muss man sich die Frage stellen, welcher Aufwand vernünftig ist.

In den letzten 60 Jahren wurden in der Schweiz gegen zwei Milliarden Franken in Lawinenverbauungen investiert. Ist das ein vernünftiger Aufwand?
Zweifellos. Er macht die heutige Besiedlung und Mobilität in den Alpen erst möglich. Doch mit den Lawinenverbauungen hat man mittlerweile eine Schwelle erreicht – viele kommen an ihre Altersgrenze. Die nächste Milliarde fliesst somit nicht in die Erweiterung der Sicherheitsmassnahmen, sondern in deren Erhalt.

Was ist ein Menschenleben denn wert?
Wir rechnen mit fünf bis zehn Millionen Franken Kosten pro verhindertes Todesopfer. Oder anders gesagt: Eine Lawinenverbauung, die sich oberhalb einer stark befahrenen Stras-se befindet und 20 Millionen Franken kostet, verhindert zwei bis vier tödliche Unglücke. Dieser Betrag ist allerdings nicht als Wert eines Menschen zu verstehen. Ein solches ist wohl unendlich viel mehr wert. Jedoch haben wir nicht unendlich viel Geld. Deshalb muss man sich überlegen, wie mit dem beschränkten Geld ein maximaler Effekt erzielt werden kann.

Im 20. Jahrhundert ist die Temperatur in der Schweiz um 1 bis 1,5 Grad gestiegen. Was heisst das für den Schutz von Menschen und Dörfern?
Im Zuge der Klimaerwärmung gehen wir nicht von grösseren Lawinen aus, die auf neue Gebiete niedergehen, sondern allenfalls von häufigeren Lawinen in bekannten Risikozonen. Ein neuer oder renovierter Lawinendamm muss künftig voraussichtlich nicht nur einer grossen Lawine standhalten, sondern sollte auch bei darauffolgenden Abgängen noch Schutz bieten. Es existiert allerdings noch kein Patentrezept.

In den USA oder in Österreich wird im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung ein rapides Waldsterben beobachtet. Könnte dies bei uns auch passieren und unsere Bannwälder gefährden?
Gemäss unseren Spezialisten sind die Bannwälder in einem guten Zustand. Künftig werden allerdings verstärkte Anstrengungen nötig sein, um eine Biodiversität zu erreichen – das heisst, Bannwälder aus verschiedenen Baumarten entstehen zu lassen. Denn mit einem Bannwald voller Fichten wird es problematisch, sollte es der Fichte zu warm werden.

Wie wichtig sind die Bannwälder überhaupt?
Ungemein wichtig. Ein Bannwald sorgt dafür, dass zahllose kleinere, aber sehr schädliche Lawinen in den unteren Bereichen eines Berges entweder gar nicht anreissen oder aber im Ansatz aufgehalten werden. Entgegen der gängigen Vorstellung ist ein Bannwald jedoch nicht in der Lage, eine grosse Lawine aufzuhalten, die weit über ihm anriss. Im Gegenteil: Häufig müssen wir den Wald sogar durch Verbauungen schützen.

Ihr Institut erhebt seit rund 70 Jahren Wetter-, Schnee- und Lawinendaten. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die klimatische Entwicklung?
Plakativ kann man zwei Erkenntnisse als Tatsachen hinstellen: Die Schneegrenze steigt eindeutig. Sowohl Schneehöhe als auch Anzahl Schneetage sind unterhalb von 1000 Metern gesunken. Oberhalb von 1500 Metern hat es aber in der Schneehöhe keine Veränderungen gegeben. Das heisst, ab dieser Höhe verändert sich für uns vorderhand kaum etwas bezüglich Lawinen – solange es Schnee hat. Denn in dieser Lage wird die Winterdauer eher kürzer. Die letzten beiden Winter haben übrigens diesen durchschnittlichen Aussagen aber völlig widersprochen.

Wird die Kombination aus Schnee und zunehmendem Regen auch zu häufigeren Schlammlawinen und Hochwassern führen?
Die Hochwassergeschichte der Schweiz ist eine seltsame. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es eine Periode mit sehr vielen Hochwassern, dann war bis etwa 1970 Ruhe. Seither haben wir mit Ereignissen wie Gondo im Jahr 2000 oder auch mit den landesweiten Überschwemmungen im 2005 wieder eine Phase, die an jene im 19. Jahrhundert erinnert. Verschiedene Klimaszenarien gehen davon aus, dass es entweder so weitergeht oder sich solche Ereignisse gar noch häufen.

Was bedeuten all die möglichen klimatischen Veränderungen für Ihren Job?
Unsere Lawinenarbeit wird in den nächsten 20 Jahren kaum abnehmen. Doch wir sind davon abgekommen, Schnee bloss als Material für Lawinen zu betrachten. Schnee ist nicht mehr nur bedrohlich, sondern auch eine bedrohte Ressource. Vor rund drei Jahren haben wir zudem begonnen, Regenmengen-Messgeräte an den bestehenden Schneemessstationen anzubringen. Nun liefern unsere Messsysteme auch Daten, die für die Prognostizierung möglicher Sommergefahren wie etwa Hochwasser wichtig sein können.

Wird es also nächstens einen Steinschlag-, Schlammlawinen- und Hochwasserbericht im Sinn des Wetterberichts geben?
Das ist mein Fernziel. Diesen März lancieren wir vorerst ein-mal die sogenannte «Gemeinsa-me Informationsplattform Naturgefahren» (GIN). Diese ist ein Gemeinschaftswerk von uns, dem Bundesamt für Umwelt, MeteoSchweiz und dem Schweizerischen Erdbebendienst.

Im Schnitt sterben pro Jahr 25 Menschen durch Lawinen. Häufig trotz Warnungen. Können Sie nachvollziehen, dass Berggänger diese ignorieren?
Uns betrifft jedes Todesopfer, aber wir können uns nicht jedes Mal einreden, wir würden unseren Job nicht richtig machen. Denn ich meine, den machen wir gut. Es ist uns, zusammen mit immer besseren Rettungsmethoden, immerhin gelungen, die Anzahl Todesfälle in den letzten Jahren konstant zu halten, bei gleichzeitig massiv mehr Berggängern. Aber man kann nicht jeden Menschen vor sich selbst schützen.

Sie sind ein begeisterter Berggänger und Skifahrer. Wie gehen Sie mit dem Risiko um?
Im Zweifelsfall stehe ich auf der defensiven Seite. Sie bleiben auf der Piste? Ich verlasse die Piste ab und zu, suche davor aber nach Argumenten, weshalb ich es doch nicht tun sollte.

Ihre Domäne ist der Weisse Tod, Sie wissen fast alles über das Risiko. Bedeutet für Sie Schnee deshalb primär Gefahr?
Nein, eindeutig Freude. Obwohl ich in Elm aufgewachsen bin, einem Ort, wo es sehr viele und auch sehr grosse Lawinen gibt. Ich habe mehr Angst davor, dass der Schnee durch die Klimaerwärmung verschwindet, als dass es zu viel Schnee geben könnte.

Haben Sie Angst vor Lawinen?
Lawinen sind ein faszinierendes Phänomen. Von einem sicheren Standort aus betrachtet, und wenn man nicht damit rechnen muss, dass jemand in Gefahr schwebt, ist eine Lawine immer etwas Schönes. Je grösser sie ist, desto schöner. Ich sah schon riesige Lawinen – absolut grandios.


 

Tragödie im weissen Paradies
Die Schweiz steht noch immer unter dem Eindruck der tragischen Ereignisse vom Diemtigtal. Am Fuss des Drümännler im Berner Oberland verschüttete eine Lawine zwei Teilnehmer einer achtköpfigen Skitourengruppe aus der Schweiz und Deutschland. Eine weitere Tourengruppe des Skiclubs Rubigen BE mit 28 Mitgliedern sah den Lawinenniedergang am Osthang, ging unverzüglich zur Unfallstelle und alarmierte die Rettungsflugwacht. Sofort rückten die Retter aus, um nach den Verunglückten zu suchen. Dann löste sich am Westhang ein zweites Schneebrett. Es riss zwölf Menschen in die Tiefe. Darunter den erfahrenen Notarzt Andreas Ammann (39). Es ist das erste Mal seit elf Jahren, dass ein Rega-Retter im Einsatz stirbt. Nach der zweiten Lawine suchten in einem Grosseinsatz über 100 Personen nach den Verschütteten. Sie fanden neun Menschen. Einer war bereits tot, drei weitere starben auf dem Weg ins Spital. Am Dienstag dann die traurige Gewissheit: Die drei noch Vermissten waren ebenfalls tot. Die Helfer mussten sie aus einer zwei Meter dicken Schneeschicht graben.


 

Der Lawinenexperte
Jakob Rhyner (51) ist Standortleiter und Leiter der Forschungseinheit Warnung und Prävention des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Der gebürtige Elmer schloss an der ETH Zürich mit einer Dissertation in theoretischer Festkörperphysik ab. Von 1988 bis 2001 arbeitete er für das ABB-Forschungszentrum in Dättwil mit Arbeitseinsätzen in Russland, den USA sowie in Schweden. 2001 kam er als Abteilungs-leiter Lawinenwarnung und Risikomanagement ans SLF. Seit dem 1. Juni 2006 leitet er das Institut. Jakob Rhyner lebt mit Frau und Sohn in Davos.

Beat Matter