Wunderbar wandelbar

Beat Matter

Nina Gentina, 31, eidg. Dipl. Malermeisterin, sorgt für den frischen Anstrich von nackten Wänden. Während ihrem Werdegang hat sie ihre berufliche Umgebung schon einige Male neu bemalt. (die baustellen Nr. 09/2009)

Ich hatte genug davon. Nach zwei Jahren Wirtschaftsmittelschule schien es mir einfach nicht mehr der Weg zu sein, der mir entspricht. In der Schule sitzen, nur Kopfarbeit leisten, bewegungslos und am Ende des Tages irgendwie ohne sichtbares Resultat – das war nicht mehr ich. Also brach ich die Schule ab.
Davor hatte ich schon mehrmals als Restaurateurin gejobt. Das gefiel mir und reizte mich. Weil es dafür allerdings keine Lehre gab, überlegte ich mir, mit welchem Beruf ich mir die Grundlage dafür schaffen könnte. Ich begann eine Lehre als Baumalerin. Lustig und unlustig zugleich war der erste Auftrag, an dem ich als Stiftin in meinem Lehrbetrieb in St. Gallen mitarbeiten konnte: Als Maler-Lehrling betrat ich nach den Sommerferien als erstes jene Kantonsschule, in welcher ich vor den Sommerferien noch die Schulbank drückte. Die ehemaligen Mitschülerinnen und -Schüler gaben mir schon das Gefühl, ich hätte meinen guten schulischen Weg gegen einen minder guten Weg eingetauscht. Und obwohl ich überzeugt war von meinem neuen Weg, machte mir das irgendwie recht lange zu schaffen.

Meister und Expertin
Kurz nach Lehrabschluss ging ich für einige Monate nach Florenz, um die italienische Sprache zu lernen. Wieder zurück, konnte ich ein Praktikum im Atelier für Restaurationen und Konservierungen des Schweizer Landesmuseums machen. Weil ich neben der Lehre noch die gestalterische Berufsmatura absolvierte, überkam mich schliesslich doch wieder das Gefühl, diese nutzen und etwas völlig anderes machen zu wollen. Ich studierte ein Jahr Sozialarbeit. Das war aber nichts für mich – es lief zu wenig. Ich kehrte zurück in die Malerei, arbeitete viereinhalb Jahre als Kundenmalerin und entschied schliesslich, die Meisterausbildung zu machen. Das tat ich, bestand die Prüfung und wurde daraufhin prompt angefragt, ob ich nicht Lust hätte, selbst Prüfungen abzunehmen. Ich sagte zu und nehme jetzt theoretische und mündliche Meisterprüfungen ab. Zudem lese und beurteile ich Diplomarbeiten.
Ich leitete im Anschluss die Abteilung für Privatkundschaft in einem renomierten Malerbetrieb in Weinfelden. Dank dessen konnte ich damit beginnen, an der Gewerbeschule in Weinfelden Malerlehrlinge zu unterrichten. Das mache ich einen Tag pro Woche – und vor kurzem ist ein halber Tag wöchentlich in Winterthur dazu gekommen. Den Rest der Woche, vor einem Jahr habe ich diesen Schritt gewagt, arbeite ich als selbstständige Malerin.

Farbwechsel
Der Grundgedanke hinter meiner Selbstständigkeit war es, mich auf die Kundenberatung zu konzentrieren. Es reizte und reizt mich sehr, im Gespräch mit den Kunden zu einer Farbwahl zu gelangen, die diesen Menschen, ihren Stilen, ihren Wünschen und Gefühlen vollkommen entspricht. Dabei geht es meiner Meinung nach überhaupt nicht darum, die eine auserwählte Farbe für die Ewigkeit zu finden. Denn Farbe hat für mich immer auch etwas Situatives an sich, ist von Stimmungen und Lebensabschnitten geprägt. Ich selbst beispielsweise verändere farblich in meiner Wohnung jedes Jahr etwas. Derzeit habe ich im Korridor eine Wand in schniekem Pink. Für eine allgemeine Farbwahl in meinem beruflichen Leben habe ich einige Zeit gebraucht. Ich glaube aber, ich habe sie schliesslich gefunden. Zumindest für den Moment. Wer kann schon wissen, was noch kommt. Was für Farbe gilt, gilt nämlich auch für mich: Sie ist wunderbar wandelbar.

Beat Matter